Ingrid Bezold

Das Wochenende vor der Scheidung.

Freitag

Es ist spät geworden. Kopfsteinpflaster sind ermüdend; besonders mit diesen blöden Absätzen, die immer wieder darin stecken bleiben. Sie ist hungrig und sehnt sich danach, endlich die Schuhe auszuziehen.
Im Briefkasten liegt ein Buch, eingebunden in Zeitungspapier. Ohne Adresse, ohne Absender.

Sie zieht den Mantel aus und die Schuhe. Ihre Füße sind geschwollen und schwer. Gleich wird sie ein heißes Bad nehmen. 
Sie packt die neu gekauften Teile aus. Die Bluse war eigentlich viel zu teuer, ist aber wunderschön. Montag wird sie geschieden und da möchte sie selbstbewußt auftreten. Sie will IHN nicht glauben lassen, es ginge ihr schlecht. Außerdem soll er nochmal sehen, was er verloren hat. Stark will sie wirken. Zwei Tage kann sie ja noch üben.
Gerne hätte sie den schicken Hosenanzug noch mitgenommen, aber das läßt ihr Budget nicht zu. Nicht mehr.
Romy hat schon zweimal auf den Anrufbeantworter gesprochen. Nach dem Essen oder nach der Tagesschau wird sie zurückrufen.
Wer hat ihr denn ein Buch geschenkt. Einfach so. Ohne Anlass. 
Nach dem wohltuenden Bad zieht sie den Frotteemantel an, kämmt die nassen Haare und nimmt den heißen Tee mit ans Telefon. Ach ja, das Buch.
Erstaunt über die Verpackung wickelt sie es aus und lässt es entsetzt fallen.
" Die Nacht vor der Scheidung " von Sandor Marai. Sie liest die Abhandlung: ,Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute Nacht meine Frau getötet habe. Und ich bin gekommen, weil ich Dir alles erzählen will.´ Mit dieser verzweifelten Eröffnung beginnt das nächtliche Gespräch zwischen Richter Kömüves und seinem spätem Gast (dem befreundeten Mandanten).

Und das am Wochenende vor der Scheidung. Wer, zum Teufel kommt denn auf so etwas? Ihr Noch - Ehemann? Will er sie ängstigen oder verunsichern? Er hat sich so verändert während der Trennung, dass sie sich wundern muss, diesen Mann mal geliebt zu haben. Aber nein, das traut sie ihm doch nicht zu. So grausam ist er nicht. Aber wer sonst hätte Interesse daran, so etwas zu tun?
Zitternd nimmt sie den Hörer und ruft ihre Freundin an. Auch die ist entsetzt. Beide versuchen, eine Erklärung zu finden - ohne Erfolg.
Um sich abzulenken, zappt sie sich durch die TV - Programme. Krimis fast überall. Bei 3 nach 9 entwickelt sich eine lockereUnterhaltung mit interessanten Gästen. Irgendwann schläft sie ein.

Samstag

Nach einer unruhigen Nacht zieht sie ihre Jeans und Sneakers an und holt frische Brötchen für das Frühstück. Immer, wenn sie gestresst ist, wird sie hungrig. Dabei wollte sie eigentlich bis Montag noch mindestens 1 kg. loswerden.

Zuhause angekommen, holt sie die Zeitung aus dem Briefkasten. Ihre Nachbarin, eine alte Dame steht vor dem Haus und schüttelt verwundert den Kopf.
" Guten Morgen, Frau Bergmann, kann ich Ihnen helfen?"
"Ich verstehe das nicht. Meine Freundin Lena behauptet, sie hätte mir ein Buch in den Briefkasten geworfen, aber da war nichts. Ich bin doch nicht dement."
"Handelt es sich dabei um "Die Nacht vor der Scheidung"?
"Woher wissen Sie das? Ja!"
"Na, Frau Bergmann, dann kommen Sie mal mit zu mir. Das Buch hatte nämlich ich im Briefkasten. Dazu kann ich Ihnen gleich ´ne verrückte Geschichte erzählen".
Die beiden Frauen frühstücken zusammen und amüsieren sich köstlich über dieses makabre Ereignis. Sektfröhlich gehen sie auseinander und lassen das Wochenende auf sich zukommen.

Montag

Heute ist die Verhandlung. Bis jetzt leben noch alle Beteiligten......

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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