Jonas Trey

Der Lauf des Lebens

Ich rannte. Das Geräusch meiner dicken Schuhsohlen auf dem festen Asphalt hallte über die leere Straße vor mir. Meine Kleidung triefte vom schweren Regen und immer als ich in eine der vielen Pfützen trat spürte ich jedes Mal aufs Neue wie meine Socken überspült wurden.

Ich wusste nicht, ob die Tropfen auf meinem Gesicht Tränen oder Wasser waren. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem, jedoch war dies nicht von Belang. Alles was zählte, waren meine mühseligen, immer verzweifelter werdenden Schritte. Obwohl ich spürte, wie erschöpft mein Körper mit jeder Sekunde wurde, verringerte ich nicht meine Geschwindigkeit, obwohl die Blase, welche sich langsam auf meinem Zeh bildete und meine wunden Beine das Gegenteil verlangten, doch das Adrenalin hatte das letzte Wort und befahl mir weiterzulaufen.

Ich wagte es, einen flüchtigen Blick über meine Schulter zu werfen, nur um zu sehen, wie mehrere Streifenwagen um die Kurve rutschten, während sie vergebens versuchten Halt auf dem nassen Untergrund zu finden. Doch der Zustand der Fahrbahn machte nichts aus, sie kamen mit jedem meiner Schritte, mit jedem Augenblick, näher und näher. Trotz des quälenden Schmerzes in meinem linken Knie, zwang ich mich dazu, schneller zu werden.

Jedoch war dies nicht das erste Mal, dass ich mich in einer solchen Lage wiederfand: Vor ein paar Jahren, als ich noch zur Schule ging, war ich der schnellste Läufer des Leichtathletik-Teams. Es fand fast jedes Wochenende ein Wettkampf statt, und obwohl das Training extrem schmerzhaft und kräftezehrend war und meinen Körper mehr als nur einmal als keuchendes Wrack zurückließ, half es mir, einen starken und entschlossenen Geist aufzubauen, welcher mich ebenfalls in meinem Leben außerhalb des Sportes begleiten sollte. Wörter wie “aufgeben” oder “Faulheit” waren kein Teil meines Wortschatzes mehr und ich wusste, dass nach jedem noch so starken Sturm ein Regenbogen darauf wartete, auf dich herabzulächeln und dein Leben zu bereichern. Ich wurde immer besser, und bald waren die meisten meiner Gegner keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr. Doch ich bekam nicht genug und trainierte noch härter als je zuvor. Das Gefühl, die Ziellinie zu übertreten während das Publikum meinen Namen schrie, machte all den Schweiß und die Tränen während des Trainings wieder wett.

Erst im letzten Monat vor meinem Schulabschluss verletzte ich meinen Knöchel in einem Autounfall. Die Verletzung war so schwer, dass ich Probleme hatte, überhaupt zu gehen. Doch da ich einen letzten wichtigen Wettkampf vor mir hatte, ignorierte ich die Warnungen meines Trainers und des Arztes. Als ich auf der Startlinie stand und in die Augen meiner Konkurrenz starrte, wusste ich bereits, dass dies das härteste Rennen meines Lebens sein werden würde. Schon auf halber Strecke fiel ich so weit zurück, dass mir Aufgeben als einzig sinnvolle Entscheidung erschien. Doch mein Kampfgeist fing an mich anzuschreien und erinnerte mich daran, dass ich es nicht soweit gebracht hatte, um hier aufzugeben. Und so beendete ich nicht nur das Rennen, sondern gewann es auch. Das Vollbringen dieses scheinbar unmöglichen Aktes zeigte mir, wie viel mehr ich erreichen konnte, wenn ich nur an mich selbst glaubte, weshalb ich mich fest dazu entschloss, alles zu tun, um an den baldigen Olympischen Spielen teilzunehmen.

Doch dies war nie der Fall. Nicht etwa, weil ich nicht schnell genug war oder im Schatten der anderen Läufer stand, sondern, weil ich nie wieder einen Fuß in die Nähe einer Rennstrecke gesetzt habe. Irgendwo auf dem Weg habe ich wohl meinen Willen und Erfolgshunger verloren. Ich redete mir ein, dass die Teilnahme an den Olympischen Spielen ein zu hohes Risiko beinhaltete und entschied mich dazu, eine Stelle in der lokalen Bank anzunehmen, welche ich jedoch nach kurzer Zeit wieder verlor, da mein Arbeitgeber meinte, ich hätte zu wenig Ehrgeiz, um für seine Firma zu arbeiten.

So fand ich mich fünf Jahre später als einen Versager wieder, der sich fragte, wie er sich von einem Spitzensportler mit Bestnoten und einer liebe- und hingebungsvollen Freundin an seiner Seite zu einem alleinerziehenden Vater verwandelt hat, dem es nicht gelang, seine Frau daran zu hindern, ihn zu verlassen und der Probleme damit hatte, die Miete und genügend Essen für seine zwei hungernden Kinder zu bezahlen, weshalb er sich gezwungen sah, sich mit dem Drogenhandel finanziell zu retten. Nur ein einzelner gescheiterter Deal führte dazu, dass ich mich vom halben Polizeirevier verfolgt diese einsame Straße entlangsprinten sah.

Ein lauter Knall riss mich aus meinen Gedanken. Ich fiel zu Boden, bevor ich überhaupt realisierte, dass die Kugel meine Schulter penetrierte. Mein Gesicht war gegen den nassen und schmutzigen Asphalt gepresst. Während die Sirenen immer lauter wurden, fingen meine Ohren an zu klingeln und mein gesamtes Gesicht fühlte sich taub an. Durch die Angst einer Gefängnisstrafe nahm ich ein letztes Mal all meine Kräfte zusammen und versuchte mich vom Boden aufzustemmen, doch der Schmerz, welche die Kugel in meiner Schulter mit jeder Bewegung auslöste, machte dies unmöglich. Einer der Polizisten zog mich auf brutalste Weise auf meine Füße, legte mir Handschellen an und schleifte mich zu einem der Wagen, wo er mich auf die Rückbank zwang. Während ich langsam das Bewusstsein verlor, war das einzige, woran ich denken konnte, meine glorreichen Tage als Läufer.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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