Marlene Remen

DAS HAUS AM MEER V

"Jorge, sagte Maitre Girault, Madame de Richard fühlt ihr Ende
kommen und möchte alles geregelt wissen, in ihrem Sinne.
Nie hat sie mit Ihnen über ihr Leben und ihre Familie gesprochen
und mich gebeten, Ihnen das mitzuteilen. Gehen wir nach draussen
und setzen uns auf die Bank, es wird ein Weilchen dauern, die Tür
zur Gruft kann zum Lüften aufbleiben."

Nach einer kleinen Weile des Schweigens begann Maitre Girault :
"Die Familie von Madame de Richard lebt schon seit sehr langer Zeit
in diesem Haus, es sind doch nun schon alle vor ihr gegangen und
Madame ist das letzte Familienmitglied. Vor mehr als fünfzig Jahren
hat sie ihren Mann geheiratet, er fuhr als Kapitän zu See und war sehr oft
für lange Zeit fort von hier. Im vierten Jahr ihrer Ehe hat sie ein kleines
Mädchen geboren, ein wunderschönes kleines lebhaftes Kind, welches am
liebsten den ganzen Tag am Meeresstrand gespielt hat.  Ihr Mann hat dieses
Kind niemals gesehen, bei seiner Geburt war er auf See und ist nicht zurückgekommen."

Maitre Girault machte eine kleine Pause, es fiel ihm sichtlich schwer, das Geschehene
weiter zu berichten.  "An einem etwas stürmischen Tag war die Kleine mit Madame
am Strand , vielleicht war sie ein wenig eingenickt auf ihrem Liegestuhl, Niemand weiß es.
Das Kind war verschwunden und alles Suchen war vergebens, erst nach drei Wochen
wurde ihr Leichnam von einem Spaziergänger am Strand einer kleinen Insel gefunden.
Madame hat sich nie wieder von diesen furchtbaren Ereignissen erholt und seither ein
völlig zurückgezogenes Leben geführt."

Nun verstand Jorge auch die sehnsüchtigen Blicke und ihre Tränen, wenn er sie an den
Stand begleitet hatte und auch ihm standen die Tränen in den Augen, so sehr bewegte
ihn Madams Schicksal. Maitre Girault trug ihm auf, die Gruft zu lüften und zu reinigen,
auch die Grube für ihre Bestattung auszuheben, alles Andere würde er, Maitre Girault,
veranlassen, wenn der Tag gekommen war.




 

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