Pipin-Xerxes Lendon

So nah dran

Es dämmerte, als John mit einer Tasse Kaffee auf seiner Veranda stand. Er hatte sich vor einigen Jahren seinen Kindheitstraum erfüllt. Ein Haus an den Klippen Nordirlands. Er arbeitete, wie auch schon sein Vater und dessen Vater, auf der See. Mit Kuttern, nein, mittlerweile Schiffen, zogen sie Fische in riesigen Mengen aus den tiefen Gewässern des Nordatlantiks. Auch wenn noch so starke Unwetterwarnungen bekannt waren, legten sie dennoch erneut um 3:00 morgens ab. Man verdiente nicht gut, aber es war gute und ehrliche Arbeit, wurde ihm als Kind schon von seinem Großvater gesagt. Umweltschützer sahen das anders und protestierte an den Docks gegen die Überfischung der Meere, die sie angeblich betrieben. „Spinner“ nannte sie sein Vater und John übernahm dieses Denken. Teilweise waren sie mehrere Wochen auf See, ohne auch nur ansatzweise Festland am Horizont zu erblicken. Dies war wahrscheinlich auch der Grund, wieso John nie seine Frau fürs Leben traf. Wie auch? Auf einem Schiff voller Männer eine Sache der Unmöglichkeit. Er brauchte auch keine Frau an seiner Seite. Er kam ganz gut alleine klar und manchmal, wenn er nach Feierabend ein paar Bier getrunken hatte, scherzte er mit sich selbst, dass er ja mit der See verlobt sei. Als er vor vier Jahren in Rente ging, schloss er mit seinem Leben auf der See ab. Ganz konnte er sich jedoch nicht von ihr trennen, denn das Meer nahm einen zu großen Teil in seinem Leben ein. Deshalb war das kleine Haus an der Spitze einer Klippe perfekt gewesen. Jeden Tag wachte er zum Rauschen der Wellen und mit salzigem Geruch in der Nase auf, so wie er es sein Leben lang nicht anders kannte. Bei schlechtem Wetter spritzte das Wasser sogar über die 20 Meter hohen Felswände, wenn wieder eine riesige Welle dagegen gepeitscht wurde. Aber dieser Tag war anders. Die vertrockneten Gräser wehten sanft in der Abendbrise und Möwen nutzten den Auftrieb des Küstenwindes und schienen in der Luft zu! stehen. Solch schönen Spätsommertag gab es hier eigentlich nicht, weshalb John diesen auch in vollen Zügen genießen wollte. Seine Augen waren nicht mehr die besten, aber die Umrisse der englischen Küste würde er sogar noch erkennen, wenn er schon fast erblindet wäre. Nur selten war die Sicht übers Meer so klar. Ein Hauch von Melancholie überkam ihn, als er sich bewusst wurde, dass er endlich angekommen wäre. Angekommen am Ziel seiner Träume. Das Ziel, für welches er sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte. Den Traum, den sich sein Vater nicht erfüllen konnte. Die See nahm ihn ihm mit 14 Jahren. Berufsrisiko nannten es die einen, die anderen bezeichneten es als Tribut an die See, der alle Jahre fällig sei. Manchmal kamen ihm die alten Seebären wie eine Sekte vor, die das Meer als allmächtiges, gottgleiches Wesen betrachteten, das besänftigt werden muss, um als Gegenleistung eine erfolgreichen Fang zu garantieren. Sie aßen keine Mahlzeit ganz auf, denn was übrig blieb war für die See. Als er so darüber nachdachte, lächelte er, nahm einen Schluck vom Kaffee und schüttelte den Kopf. Ja so waren sie. Für einen Moment schien er sein Leben perfekt zu sein. Das musste die reinste Form von Glück sein, die ein Mensch spüren kann, dachte er sich. Als der erste Atompilz über dem englischen Festland in den Himmel empor stieg, spürte er wie der Wind zunehmend stärker wurde. Für einen Moment hatte er die politischen Spannungen zwischen den USA und Großbritannien vergessen. Das vereitelte Attentat auf den amerikanischen Präsidenten, das angeblich vom Premierminister selbst zum Befehl gegeben wurde, als Antwort auf die Torpedierung fünf britischer U-Boote samt Besatzung. All das wurde für diesen kurzen Moment des Friedens aus seinem Gedächtnis gelöscht. Er setzte sich auf die hölzernen Treppen vor seiner Terrasse, stellte die Tasse neben sich ! und vern ahm einen Lichtblitz südlich der ersten Detonation. Die erste Druckwelle schob sich in übernatürlicher Geschwindigkeit über die Wasseroberfläche Richtung Nordirland, während sich der zweite Pilz über London bildete. „Ich war so nah dran“, murmelte John vor sich hin und senkte Kopf, bevor das kleine Häuschen an Spitze einer nordirischen Klippe in abertausende Stücke zerfetzt wurde.

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