Lena Kelm

Zug Moskwa - Berlin

Nun musste ich zum Belorusski (dem Weißrussischen Bahnhof), von dem die Reisen nach dem „goldenen Westen“ gingen. Der lag – Gott sei Dank! – nicht weit vom Intourist-Büro entfernt. Der Zug „Moskwa-Berlin“ stand bereit, ich sah „meinen“ Wagen, Nummer neun, bis zur Abfahrt blieben fünfunddreißig Minuten. Niemand stieg ein, keiner verabschiedete sich wie gewöhnlich kussreich und überschwänglich von zahlreichen Verwandten mit Wodka, kleinen Gläschen, aus der Hosen- oder Handtasche gezaubert, dem obligatorischen „Sakuska-Imbiss“, saure Gurke zum Brot, an dem die Männer nur rochen. Das Ausfallen der Rituale, Fehlen der Passagiere vor der Abfahrt, schien mir verdächtig. Da stimmte etwas nicht. Nichts wünschte ich mir sehnsüchtiger, als meinen Platz im Wagen aufzusuchen, mich endlich hinzusetzen, nein, nach neun Stunden Stehen, mich fallen zu lassen, und zu entspannen.

Vor dem Wagen standen zwei stämmige Schaffner. Ich traute mich nicht heran. Die Lautsprecherstimme verkündete zum zweiten Mal: „Der Zug Moskau-Berlin befindet sich auf Gleis sieben und ist zur Abfahrt in zwanzig Minuten bereit“. Es passte alles: das weiße Schild „Moskwa-Berlin“ am grünen Wagen, die Nummer des Zuges, die Abfahrtzeit. Keiner stieg ein, das war nicht nur nicht komisch, es war gespenstisch. Ich hatte den ganzen langen Tag mit Bauchschmerzen auf das allerletzte Ticket für diesen Zug gewartet und nun, ein paar Minuten vor Abfahrt steigt niemand ein. Der Bahnsteig war seelenleer. Vor der Tür meines Wagens standen die beiden uniformierten Kolosse.

Als die Ansage erklang: „Bis zur Abfahrt des Zuges „Moskau-Berlin“ bleiben zehn Minuten. Die begleitenden Personen haben den Zug zu verlassen, die Reisenden werden gebeten ihre Plätze einzunehmen!“, entschied ich mich. Die Angst, den Zug meines Lebens zu verpassen, setzten meine Beine, die sich wie Watte anfühlten, in Bewegung. Die Schaffner sahen mich misstrauisch an mit dem „Hat-die-sich-verlaufen-Blick“. Sie spornten mich nicht an: „Dawai, dawai, sonst kannst du hierbleiben, wir fahren nun los“, wie es bei verspäteten Passagieren üblich war. Unsicher wie ein Schulmädchen wies ich das Ticket vor, auf dem Zug, Wagen und Uhrzeit angegeben waren. „Stimmt!“, sagte ein respekteinflößender Wachmann. „Es steigt aber keiner ein. Ich habe das allerletzte Ticket vor einer Stunde wie durch ein Wunder erhalten“, erklärte ich verwundert. Der Wagen hätte voll sein müssen. Die Männer schauten sich an und brachen in Gelächter aus. Sie krümmten sich vor Lachen, einer hielt sich den Bauch, der andere schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn und grölte: „Njet, njet“, bis ihm Tränen in die Augen traten. Sie hörten nicht auf. Ich lächelte höflich, hatte keine Ahnung, worum es ging. Ihnen war sofort klar, sie haben ein naives Provinzmädchen vor sich, das den Trick mit dem „letzten“ Ticket nicht verstanden hatte. Man wollte doch nur etwas Geld von ihm, schon hätte es das Ticket gehabt. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich mich lächerlich machte, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Aus dem Lautsprecher klang: „In zwei Minuten fährt vom Gleis sieben der Zug „Moskau-Berlin“ ab, die Türen schließen, Vorsicht auf dem Bahnsteig!“ Der Schaffner sagte mit Tränen in den Augen: „Na, worauf wartest du noch? Schnell rein mit dir, wenn du tatsächlich vorhast, nach Berlin zu kommen!“ Und ob ich das vorhatte! Die Schaffner schlossen die Tür, schon fuhr der Zug.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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