Jürgen Malodisdach

Hein

 

Hein, nicht groß, nicht klein, aber Hein

 

Ein Bekannter erzählte mir diese kleine Geschichte , die ich erst jetzt hier , nachdem er schon ein Jahr nicht mehr lebt, nieder geschrieben habe. So hatte ich es versprochen.

Sein Rufname und auch Spitzname, von guten Bekannten so gebraucht, war Hein. Keine Abkürzung eines Vor-oder Nachnamens sondern, so erklärte er mir mal die Herkunft, einfach Hein. Alle seine Vorfahren, also Vater, Großvater usw. hießen Hein. Ob sie wirklich so hießen ist nicht ganz klar. In grauer Vorzeit soll es mal einen Hein gegeben haben, der Seemann war.

Hein, einfach Hein. Nicht groß, nicht klein. Einfach Hein. Er war nicht groß und auch nicht klein, nicht dick und auch nicht dünn.

Hatte wenig Haare als er ganz klein war, Dann bekam er mehr davon, an vielen Körperstellen. Zuletzt waren die alle wieder weg und sein Körper sah aus wie bei seiner Geburt. Nur bedeutend größer.

Das ist sehr lange her. Trotzdem hat es sich überliefert, daß alle männlichen Nachkommen eben Hein gerufen wurden. Egal ob sie nun als Paul, Franz, Karl, August, Bruno, Max oder Helmut oder sonst wie lt. in der Geburtsurkunde eingetragen waren.

Also Hein. Sein Leben, zumindest das eines Erwachsenen, also das nach Abschluß seiner Kindheit und der Jugendsünden, begann als Lehrling im Baugewerbe. Dazu gehörten sowohl Ausbildungen im Metall,-Holz,-und auch anderer Materialien.

Er hat Vieles gelernt, hat gut gearbeitet. Konnte eine Menge schaffen in guter Qualität. Deshalb holte man ihn auch als guten Mann auf ein Schiff. Und dann ab auf das große Meer.

Dort lernte er Sie kennen. Denn, auf jedem Schiff, das dampft oder segelt, ist einer der die Waschfrau vög.........

Er tat es mit ihr und zog später in eine gemeinsame Wohnung. Ohne Hochzeit, denn sie wollten Beide noch keine feste Bindung. Aber natürlich möglichst oft viel Spaß und Zufriedenheit.

Die Jahre gingen dahin, die Anzahl der zum Haushalt gehörenden Kinder stieg auf drei. Die waren aber nicht von Hein, sondern Ergebnisse vom oftmaligen auswärtigen und spontanen Liebesleben seiner Partnerin und deren Folgen. Die Kinder wurden naturgemäß immer größer. Lebten alle gemeinsam in der so genannten Familie.

Aber nur einer blieb im Haus. Einer starb frühzeitig nach einem Unfall. Eine wanderte aus. War hübsch genug für einen reichen Ausländer und ließ deshalb alle anderen Familienmitglieder einfach sitzen. Wie das Leben eben manchmal so spielt. Und was macht nun Hein ? Er wurde auch nicht jünger , eben immer älter.

Auch einsamer, denn seine nicht angetraute Waschfrau wußte nichts von sich und der Welt .

Ohne erlernten Beruf und ohne Hang zu besonderen Tätigkeiten wußte sie nichts Vernünftiges mit sich anzufangen, als Flaschen zu öffnen und die Inhalte in sich zu gießen . Und das ganz schön deftig. Bis zum Black out.

Arbeiten war auch nicht ihre große Welt. Wenn schon Arbeit, dann im Bett oder auf der Wiese oder sonst wo. Hauptsache sie bekam recht viele bunte Scheine für die Sexspiele. Die brauchte sie ja auch für sich.

Einmal und noch einmal , viele Krankenhäuser kannten sie . Hein arbeitete unaufhörlich. Er wollte ihr helfen.

Kaufte ein kleines Häuschen mit ein paar Beeten und etwas Wiese drumherum. Für sie und ihre plötzliche Lust an der Bodenbearbeitung. Das ging eine Weile gut. Aber wie gesagt, eine Weile.

Der eine Sohn konnte viele gute Sachen machen. Hatte etliches gelernt und begriff die praktischen Handgriffe schnell. War immer auf Arbeitssuche. Bekam immer nur Gelegenheitsjobs. Hatte deshalb nie Geld. Er war aber ein pfiffiges Kerlchen, der bald begriff, wie man durchs Leben wandern kann ohne feste Anstellung.

Er hatte eine freundliche Art zu anderen Menschen. War deshalb vielerorts gern gesehen, immer freundlich und hatte immer die neueste Technik der Kommunikationsmittel in der Tasche.

Wer in seine kleine Wohnung kam, war erstaunt über die Einrichtung. Alles hochmodern und nicht gerade billig in Sonderangeboten zu bekommen. Woher denn sonst ? Keine Ahnung.

Nur mit der Ordnung hatte er Probleme. Was er heute suchte, fand er vielleicht Übermorgen. Und heute fand er das gestern Gesuchte.

Die Frauen flogen auf ihn. Er wechselte öfter schöne weibliche Körper. Ohne zu heiraten oder andere Verpflichtungen einzugehen. Nur eben den Umgang mit Geld beherrschte er nicht. Hatte er mal etwas wurde es ganz schnell wieder ausgegeben. Das Finanzamt war immer mal wieder bei ihm zu Gast.

Deshalb nahm er auch das Konto seiner Mutter, also der Waschfrau, unter seine Kontrolle. Nutzte es wie er wollte und brachte sie natürlich dadurch oft in große Schwierigkeiten. Da wurden Gelder von ihm abgehoben und sie mußte die hohen Bankzinsen begleichen. Dadurch wurden natürlich die monatlichen Einkünfte um Vieles geschmälert. Ein irrer Kreislauf.

Das Chaos nahm seinen Lauf. Der Gesundheitszustand seiner Mutter wurde auch immer schlechter. Sein auf Freundlichkeit abgestimmter Lebenswandel ging auch bergab. Das alles trotz großer Autos und schöner Frauen, vielleicht auch gerade deshalb.

Hein seinerseits versuchte zu retten , was möglich war. Er tat wirklich alles erdenklich Notwendige. Das war seiner Waschfrau und dem klammen Sohn oft zu wenig. Mit etlichen Tricks versuchten sie auch Heins Konto unter ihre Kontrolle zu bringen.

Mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln ,auch banktechnischer Arten, bis zum Eingriff auf Heins Computer. Er war nun aber gar nicht dumm. Sicherte sich klug gegen fremde Übergriffe ab. Diese sogenannte Familie , besser gesagt Wohngemeinschaft, war mehr als kaputt.

Hein faßte den Entschluß zur Trennung und suchte sich eine eigene Wohnung. Er konnte dieses nervenaufreibende Leben nicht mehr mitmachen. Alle seine gut gemeinten Hilfsleistungen brachten nichts .

Da besann sich die Frau in einer nüchternen Stunde und wollte Hein plötzlich heiraten. Jetzt , in diesen Zuständen. Das war natürlich die Idee vom Sohn. Denn was er seiner Mutter sagte, war wie eine Offenbarung. Oder ein Gesetz. Sie machte sowieso alles, was der Sohn sagte. Wenn er sagte, im Himmel ist Jahrmarkt, dann wollte sie los gehen und Eintrittskarten besorgen. Was heißt, sie war ihm regelrecht hörig weil ihr Kopf leider nicht von bester Güte, ja nicht einmal Durchschnitt beim Denken war.

Hein hatte dazu eine andere Meinung und sagte ganz klar , Nein. Na nun war etwas los. Alle Bekannten und sonstigen Familienangehörigen der Frau, also Schwestern, Brüder , sogar x—beliebiger Bekannter, belagerter den kleinen Hein und wollten ihn dazu bewegen, Ja zu sagen. Er blieb aber bei seinem Entschluß.

So kam es endlich zu dem unrühmlichen Schluß der Trennung.

Hein konnte es absolut nicht ertragen, wenn eine Frau ihn nur heiraten wollte, um an sein Konto zu kommen. Das da aber auch nur kleine Beträge drauf waren, wußten die Beiden ja nicht. Es hätte für ihn aber große Probleme geben können, wenn jemand da drin rum fummeln würde. Und für anderer Leute Schulden wollte Hein nicht gerade stehen. Dafür war er eine zu ehrliche Haut.

Als Hein wieder einmal kurz vor seiner Rentneranerkennung stand und einer Arbeit nachging, die Frau allein zu Hause mit vielen mutmachenden Getränken und auch Medikamenten saß, kam der Gevatter Hein mit seiner Sense und mähte sie weg.

Es war ja niemand da, der ihr helfen konnte.

Die Beerdigung war verhältnismäßig groß. Alle Verwandten und Familienangehörigen legten ihre Spenden zusammen und garantierten die Begleichung der finanziellen Kosten der Bestattung. Auch Hein gab einen großen Anteil seines kleinen Vermögens dazu.

Es gab eine Menge Blumen und Kränze für das Grab. Und natürlich viele böse Blicke und Bemerkungen an Hein.

Der zog sich in seine kleine Wohnung zurück. War dann Rentner und viel allein. Wurde älter und auch kranker. Es war aber niemand da, der sich ein bißchen um ihn kümmern kam. Nur ein kleiner Kreis Bekannter aus der Skatrunde und der Computerkumpels waren manchmal bei ihm. Alles viel zu selten und auch viel zu wenig. So gingen auch die letzten zwei Jahre seines Lebens vorbei. Manchmal war ich bei ihm. Dann ging er mit mir zu einem Baum an einer Wiese und zeigte mir , wo er seine letzte Ruhe finden möchte. Er wußte, daß es bald soweit sein würde.

Der Sohn konnte sich auch nicht um ihn kümmern. Er hatte sich in vielerlei Hinsicht verkalkuliert, worauf der Staat die Fürsorge für ihn übernahm und ihn für ein paar Jahre in eine gesicherte Verwahrung nahm. Die hübsche Tochter kümmerte sich schon gar nicht aus dem Ausland um Hein. Er war ja nicht einmal ihr Vater.

Am Ende seines Lebens stellte Hein in seiner Rückschau fest, daß er trotz immer vernünftigen Lebenswandels, der Einhaltung aller von der Gesellschaft vorgegebenen Vorschriften und Anregungen, immer gearbeitet hat, aber niemals das große Geld besaß, es zu Nichts gebracht hatte. Er war nicht direkt traurig oder deprimiert, nur enttäuscht von sich. Dabei wollte er doch nur, was auch er bereit war zu geben, nämlich Vertrautheit und Liebe in einer Gemeinschaft, in einer Familie wie er meinte, in seiner Familie.

Die Besuche des Baumes am Rande der Wiese nahmen zu. Er markierte die Stelle. War nicht einmal betrübt bei diesen Besuchen. Eher beruhigt, daß er dann niemanden mehr zur Last fallen würde. Die Welt kümmert sich dann sowieso nie mehr um ihn.

Als es dann eines Tages soweit war, hatte er keine Angst oder Sorge oder Gewissensbisse um seine Vergangenheit. Ließ alles mit sich geschehen und ging einfach. Der Staat machte dann ein paar Streichungen in seinen Computern und sonstigen Akteien. Jetzt brauchte er auch wieder eine Rente weniger zu überweisen.

Es kamen vier Personen zu seinem letzten Auftritt, drei Männer seiner Skatrunde und eine Frau vom Beerdigungsinstitut. Das Loch war nur zwei Spaten tief und reichte für den kleinen Behälter mit Heins Überresten vollkommen aus. Obendrauf kam noch ein frisches Rasenstück und ein paar Blumen. Es werden bestimmt die Letzten sein, die hier hingelegt wurden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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