Lena Kelm

Was macht man damit?

Mitte der 90er Jahre studierte ich an der TU Berlin einige Semester Erziehungswissenschaft, und lernte eine andere Art des Studiums kennen als in der Sowjetunion. Über die Struktur des Lernens las ich viel und verglich sie mit meinen Erfahrungen. Ein Autor behauptete, in der sowjetischen Schule würden Kenntnisse wie Steine aufeinandergelegt, strukturiert nach Plan, ohne Abweichungen, aber mangelhaft. Ein praktisches Beispiel:

Ein Grundschullehrer in Deutschland zeigt Schülern einen Esslöffel und fragt: „Kennt ihr den Gegenstand?“ – „Ja.“ – „Was macht man damit?“ – „Man isst flüssige Speisen.“ – „Woraus ist er hergestellt?“ – „Aus Metall.“ „Was meint ihr, wieso?“ – „Weil er stabil sein soll.“ – „Wieso hat er einen langen Stiel?“ – „Damit man einen besseren Griff hat, ihn besser halten kann.“ – „Und warum hat er eine Wölbung?“ – „Damit man die Flüssigkeit, z.B. Suppe zum Mund führen kann.“ – „Könnte man mit einem Löffel andere Tätigkeiten ausführen?“ – „Ja, z.B. ihn als Schlaginstrument benutzen.“ – „Gibt es Löffel aus anderen Stoffen?“ – „Ja, aus Holz, Plastik.“ Fragen regen die Phantasie an. In der nächsten Unterrichtsstunde schreiben die Kinder eine kurze Geschichte zum Thema. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

In der sowjetischen Grundschule zeigt der Lehrer einen Esslöffel z.B. anhand eines Bildes, er fragt, ob der Gegenstand bekannt ist und aus welchem Material er besteht. Der Lehrer schreibt den Begriff an die Tafel, alle sprechen das Wort im Chor deutlich aus und schreiben es auf. Das war‘ s. Es wurde nicht diskutiert, als Lehrer musste man möglichst viele Grundsteine legen.

Heute noch bewundere ich Kollegen und Freunde, die stundenlang über eine Sache diskutieren, die man in der Sowjetunion in zwei Sätzen abgehakt hätte. Ich staune, welche tiefgründigen Fragen während der Diskussionen entstehen, die mir nie eingefallen wären. Ich habe das in meiner guten Schule nicht gelernt, leider auch nicht gelehrt. Jetzt vergleiche ich, ziehe Schlussfolgerungen, um daraus zu lernen. Es ist nie zu spät.

In Deutschland wird viel Wert auf die Psychologie der Persönlichkeit gelegt, Gründe von Taten werden hinterfragt, man führt sie auf die Genetik und Einflüsse von Umständen zurück. In der Sowjetunion war der Mensch an seiner Misere, seinen Handlungen, selbst schuld. Er wurde ja von der Gesellschaft zum Guten erzogen: im Kindergarten, in der Schule. Zeigte ein Schüler Auffälligkeiten im Benehmen, wurde die Familie zur Rechenschaft gezogen, letztendlich die Polizei eingeschaltet, die mit der Schule eng zusammenarbeitete. Ende der 60er Jahre richtete die Polizei in den Kietzen Kinderstuben ein. Dort arbeiteten Pädagogen mit schwierigen Schülern in enger Zusammenarbeit mit den Familien, Schulen und der Öffentlichkeit, z.B. Patenbetrieben.

In einer solchen Kinderstube im Bezirk Neftjanniki, in Omsk, absolvierten meine Freundin und ich unser pädagogisches Praktikum. Ich mochte diese Tätigkeit, ebenso die Leiterin, Kira Glebowna, sie unterstützte uns mit Ratschlägen beim Umgang mit schwererziehbaren Jugendlichen. Wir trafen uns einmal in der Woche, ihre Tür stand immer offen. Mindestens zweimal wöchentlich betreuten wir Schülern bei Hausaufgaben und unternahmen etwas gemeinsam, z.B. Tennisspielen oder Angeln. Die schwierigste Aufgabe war, Vertrauen aufzubauen. Anfangs misstrauten uns jungen Studenten die Eltern, mit der Zeit jedoch gewannen wir ihr Vertrauen, ihre Anerkennung und Dankbarkeit. Was aus meinem „Patenkind“ Pawel aus der sechsten Klasse geworden ist, den ich zwei Jahre betreute, weiß ich nicht. Damals schien es ein Erfolg zu sein: Pawel blieb nicht sitzen, lief auch nicht mehr von zu Hause weg und hing nicht mit der Clique herum.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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