Lena Kelm

Spaziergang durch Nord-Neukölln

Alles ist gut, rede ich mir gut zu, du bewegst dich an der frischen Luft, es ist wichtig für deine Gesundheit. Achte nicht auf den Lärm, heute ist es ruhiger als sonst. Die Sonne scheint, die Menschen strahlen, wenn du es auch nicht merkst. Schon bereue ich den Spaziergang durch die überfüllten Straßen. Es ist wie immer: Rasende Autofahrer, farbenblinde Passanten, die rot von grün nicht unterscheiden können. Ich werde geschubst, mit leeren Blicken angesehen, wenn überhaupt. Die Blicke sind auf I-Phons gerichtet. Mutig überquere ich die Karl-Marx-Straße ohne überfahren zu werden, egal, ob vom Auto, Fahrrad oder Kinderwagen, die auf dem Gehweg meistens im Doppelpack fahren, die verstöpselten Mütter reden nicht mit den Kindern, sondern untereinander oder sprechen in ihre I-Phons.

Der ehemalige Platz der Partner-Stadt Hof, seit kurzem neugestaltet, trägt nun den Namen Alfred Scholz. Der Mann hätte einen schöneren Platz, eine gebührende Anerkennung verdient. Graue Metallplatten eingelassen in graues Kopfsteinpflaster sieht niemand an. Darauf die Informationen über die Herkunft der Steine, aus Italien und der Türkei. I-Phon-Menschen interessieren sich nicht dafür, sie müssten sich bücken oder unter die Füße schauen. Am Ende des kahlen Platzes ragt wie ein pestbrauner Appendix eine Container-Baracke, die Rix-Box. Nie hätte ich hier eine Imbiss-Bude vermutet, eher eine öffentliche Toilette. Eine Satire auf schönes Design? Ein paar breite Bänke ohne Lehnen zum Verweilen gibt es noch. Ach ja, aus der quadratischen Mitte einer Bank ragt zaghaft ein Bäumchen, die beiden anderen sehen genauso dürftig aus. Eher sprießen hier irgendwann Sonnenblumen oder Bananen aus den verstreuten Schalen. Eine Bananenschale thront auf der Bank, kann sein, dass sie es durch die Banksprossen schafft.

Am anderen Ende des Platzes steht seit mehr als einem Jahrzehnt das denkmalgeschützte Postgebäude leer. Das Wunder der Architektur rettet nicht das Aussehen des Platzes. Es ist zum Verfall verdammt. Gegenüber Cafés, Snack und Back, Back-Factory, Back-Story und wie sie alle heißen, einfallsreicher das „Kaffee-Klatsch“ oder „Nix verstehen“ am Moritzplatz.

Beinahe hätte ich die mit Kippen übersäten Gehwege vergessen. Die Wege vollgestellt, kaum passierbar wegen der Ständer mit Leggings, Schals, Kisten voll Schlappen, Socken – alles für drei oder fünf Euro. Als Mensch muss man sich regelrecht durchboxen. Man achtet nicht so genau auf die schmuddeligen Schaufenster und bröckelnden Fassaden. In den Türeingängen rauchen gelangweilt Verkäufer und werfen ihre Kippen den Passanten unter die Füße, wie praktisch, ohne Aschenbecher. Das ist die Karl-Marx-Straße. Nur die Obsthändler müssen schreien: „Lecker, lecker, aber wie!“ Ich habe vor, eine halbe Wassermelone zu kaufen. Als ich aber den Lappen sehe, an dem der Verkäufer sein Säbelmesser abwischt, vergeht mir der Appetit, mir wird übel. Wieso geht man in Nord-Neukölln mit sich so respektlos um? Wie die Verkäufer, so die Kunden. Mit ein paar Kleinigkeiten kehre ich nach Hause zurück. Unterwegs fällt mir eine Fabel ein. Die Tiere versuchten die Plätze zu tauschen, um die Kakophonie zu vermeiden. Es klappte nicht, sie waren keine Musikanten. Allein vom Plätze tauschen, von da nach hier, erreicht ihr nie die angestrebte Harmonie.

Mir ist durchaus bewusst, ich meckere zu viel. Hätte ich bloß vor zwanzig Jahren die schöne Karl-Marx-Straße nicht kennengelernt, bräuchte ich das jetzt nicht. Wieso muss man sich stets mit schönen Erinnerungen zufriedengeben? Andererseits liebe ich meine Straße, meinen Kiez. Es ist mit der Karl-Marx-Straße und mir wie mit der Liebe zu einem Kind: Man liebt es, meckert aber trotzdem, mal auch zu Unrecht und bereut oft, dass es so schnell groß und selbständig geworden ist.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

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