Lena Kelm

Der Gefühlswalzer

Mein Blick fällt auf die Uhr, es ist zehn. Schön, Zeit, das Radio einzuschalten. Sonnabends um diese Zeit sendet Deutschlandfunk „Klassik-Pop et cetera.“ Bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Maler moderieren die Sendung, stellen dem Hörer ihre Lieblingsmusikstücke vor. Ich mache dabei erstaunliche Entdeckungen.

Der Moderator sagt eben einen Walzer von Schostakowitsch an. Bei den ersten Klängen bekomme ich einen Kloß im Hals. Vor meinem geistigen Auge ziehen im Walzertempo Bilder vorbei: Ich sitze am Klavier. Meine Musiklehrerin zählt: „Eins, zwei, drei. Lena! Andante, Legato, noch mehr Forte! So ist es gut.“ Ich genieße die Töne, die meine schnellen Finger hervorbringen. Meine Eltern applaudieren, sie sind stolz auf meine Fingerfertigkeit und begeistert vom Walzer, den ich morgen in der Prüfung zu spielen habe. Ich merke zuerst gar nicht, wie mir Tränen über das Gesicht laufen. Mit jedem Ton, mit steigendem Tempo werden es mehr. Sie fließen, ich kann sie nicht aufhalten wie die nächsten Bilder, die dieser herrliche Walzer aus meiner Kindheit und Jugend hervorruft. In den Armen eines jungen Mannes, sicher und wohlfühlend, schwebe ich federleicht über die Saaldielen im hinreißenden Rhythmus des Schostakowitsch Walzers. Wären nicht die Arme des jungen Mannes, würde ich abheben, mir ist etwas schwindlig. Ein unbeschreibliches Gefühl. Um uns lachende Gesichter, meine Freunde. Wir kollidieren mit einem Paar. Wir lachen, das Paar auch. Es macht uns nichts aus. Wir bewegen uns weiter im Walzerkarussell, im Bann der Musik. Die Musik wir langsamer. Atempause. Ich heule hemmungslos, salzige, bittere Tränen. Wie ein verletztes Kind schluchze ich. Ein Kind, das getröstet werden möchte. Ich muss mich selbst trösten. Die Erinnerungen sind schön, die Musik ist schön, wieso freue ich mich nicht? Anstatt meine Seele zu streicheln wie einst, geht jeder Ton nicht nur unter die Haut, er schneidet ins Fleisch, es tut so weh. Manchen Schmerz heilt die Zeit leider nicht. Ich war schon immer sehr empfänglich für Musik, bin mit ihr großgeworden. Es überrascht mich, dass sie in mir längst begraben geglaubte Gefühle auslöst. Also schlummern Nostalgie, Illusionen, die Trauer über den Verlust der Freunde doch noch in den Tiefen meiner Seele. Ich war mir sicher, diese an dem Tag abgelegt zu haben, als meine Kollegin und spätere gute Freundin auf meinen Verlustschmerz mit dem Rat reagierte: „Lena, du musst dich verändern. Du musst dich anpassen, nicht die Menschen hier, denn du bist hergekommen. Oder du fährst zurück, wenn du so sehr deine Freunde vermisst.“ Erst fühlte ich mich gekränkt, aber ich begriff auch, dass sie recht hatte. Dabei vermisse ich wirklich nur die Freunde. Es geht mir beim Walzer nicht um das schmerzfreie Bewegen, um die verblichene Jugend. Um die natürlich auch. Ich kann es nicht leugnen. Es ist wohl von allem etwas. Meine bittersten Tränen gelten aber der Tatsache, dass ich meine beste Freundin aus der Zeit des Schostakowitsch Walzers nicht einfach anrufen kann und sagen: „Weißt du noch, wie es war? Komm doch auf einen Tee vorbei, einfach so, ohne Termin.“

Der Gefühlswalzer ist zu Ende. Ich wische über mein tränenüberströmtes Gesicht, schließe die Pforte der Vergangenheit und ermahne mich: „Du heulst, als ob dein früheres Leben ein Ball gewesen wäre.“ Im heutigen Leben bewege ich mich eigentlich auch im Rhythmus eines Gefühlswalzers: eins zwei, drei, mal Andante, mal Allegro. Der Schostakowitsch Walzer offenbarte mir heute, mein ganzes Gefühlsleben bewege ich mich im Walzertempo, mal beflügelt auf Wolke sieben schwebend, bereit abzuheben, mal wie ein Hamster im Rad, dann wieder besinnlicher, bewegt von Trauer, Schmerz und stiller Freude. Nun ist es ein ganz vorsichtiger Tanz, körperlich wie gefühlsmäßig, eher ein langsamer Tango. Ein Solo-Tanz, ohne einen starken stützenden Partner. Kehre zur Realität zurück, sage ich mir.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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