Lena Kelm

Was der Bauer nicht kennt

 

Dieses Sprichwort hat mich in meiner Kindheit geprägt wie viele andere, z.B. „Nach getaner Arbeit ist gut ruhen“, „Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert“, „Morgenstund’ hat Gold im Mund“, „Der Klügere gibt nach.“ Meine persönliche Erfahrung ähnlich dem Bauern, der nicht isst, was er nicht kennt, machte ich im Sommer 1976, bei meinem ersten Besuch in der DDR, bei dem ich meine zahlreichen Verwandten kennenlernten.

Die mecklenburgische Küche unterschied sich kaum von meiner elterlichen. Das erklärt sich einfach: sie kochten wie ihre Vorfahren, die aus Ostpreußen und Schlesien stammten. Mein Vater legte keinen Wert auf russische Küche, obwohl er in Russland geboren worden war. Er lebte in einer deutschen Kolonie, hier kochte man wie die Vorfahren hundert Jahre zuvor. So gab es bei uns zu Hause Bouletten mit Sauce und Kartoffeln, Suppen mit selbstgemachten Nudeln, Bauernfrühstück, Gulasch, Braten, geschmortes Fleisch. Zum Nachmittagstee wurden selbstgebackene Hefeteigblechkuchen, Schweinsohren, Zimtgebäck gereicht.

Meine mecklenburgischen Verwandten variierten Fleisch und Gemüse mehr als meine Eltern. Es gab zu jedem Gericht – Hackbraten, falschen Hasen, Rouladen, Hähnchen oder Kaninchen – die passende Sauce. Geflügel und Fisch bereitete auch meine Mutter mit weißer Sauce zu. Salzkartoffel und Püree kannte ich auch. Dafür waren mir Pommes Frites, Pizza, pizzaähnlich belegtes Weißbrot absolut neu. Diese Speisen übernahm ich nach dem DDR- Besuch sofort in meine Küche.

Besonders beeindruckte mich Gemüse als Beilage. Das kannte ich nicht. Grüne Bohnen, Rotkohl, Blattsalat hatte ich bis dahin nie zu Gesicht bekommen, weil es das in Kasachstan nicht gab. Auch keine frischen Tomaten, Gurken und Möhren, sie wuchsen in einigen Gärten in den späten 90ern, erst im August, nicht im Juni. Die meisten Menschen besaßen keinen Garten, der Boden war steinig und trocken, also kam das spärliche Gemüse für kurze Zeit aus dem Supermarkt.

Das Maß meiner Bewunderung für Desserts kann ich kaum in Worte fassen, ich kannte keinen Nachtisch zu den Mahlzeiten. In der Kantine oder Mensa gab es höchstens ein Glas Kompott aus Trockenfrüchten. Die Kaffeezeit um fünfzehn Uhr – diverse Kuchen und Torten, eine ästhetisch gedeckte Tafel mit weißer Tischdecke, passendem Porzellangedeck, Kuchengabeln, Kerzen, Blumensträußchen – bleibt in meinen Augen der absolute Favorit unter den Mahlzeiten. Die deutsche Kaffee-Kultur wurde für mich zum Kaffeeunser.

Erst der Besuch bei meiner Tante Lotte in Berlin-Köpenick im Juni 1976 bescherte mir die einschneidende Erfahrung des Bauern, der nicht isst, was er nicht kennt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Tante Lotte tischte mir das Beste vom Besten auf. Der Samstagmorgen begann mit einer Mettschrippe auf einer Platte, die mir die Tante stolz reichte. Es gelang mir nicht meinen Schreck und Ekel zu verbergen. Tante Lotte fragte erstaunt: „Möchtest du es nicht? Ich habe extra vom besten Fleischer frisches Mett geholt. Die Schrippen sind auch die besten.“ Die Worte erreichten mich nicht, ich sah vor mir das rohe Fleisch und hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass sich mir der Magen umdrehte. Ich stammelte verschämt: „Tut mir so leid, ich habe nie rohes Fleisch gegessen.“ – „Aber das ist gesund, gut gewürzt, mit Salz, Pfeffer und Zwiebeln, sehr lecker!“, versuchte die Tante mir die Schrippe – meine erste Berliner Schrippe – schmackhaft zu machen. „Es ist sozusagen eine Delikatesse zum Frühstück. Koste doch wenigstens!“ Aus Respekt vor so viel Mühe war ich bereit, einen Happen zu nehmen. Beinahe streckte ich die Hand nach der halben Schrippe aus. Die Stimme der Vernunft stoppte mich. Die sagte mir, einen Happen mit Würgen zu nehmen, den Rest liegen zu lassen, wäre auch nicht die feine Art. Die unberührte Schrippe könnte sie noch essen. Tante Lotte war die Enttäuschung deutlich vom Gesicht abzulesen. Ich entschuldigte mich ohne Ende. Dabei fiel mir der Spruch meiner Mama ein. Ich sagte ihr, dass ich nun die Erfahrung des Bauern machte. Tante Lotte lächelte, sie war beindruckt, dass ich, aus der Sowjetunion kommend, dieses alte deutsche Sprichwort kenne. Ich war entschuldigt, und bekam keine kostbare Mettschrippe mehr angeboten.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Lena Kelm).
Der Beitrag wurde von Lena Kelm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gott gibt keine Zeichen ... oder? von Wolfgang Luttermann



Eine gesellschaftskritische Betrachtung über Terror und Menschen.
Die tragischen Ereignisse vom 11. September 2001 in New York und Washington haben Wolfgang Luttermanns Leben komplett umgekrempelt. Die menschenverachtenden Taten der Terroristen und die drastische Gegenmaßnahme der US-Regierung störten sein inneres Gleichgewicht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Lena Kelm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Gefühlswalzer von Lena Kelm (Autobiografisches)
Furunkel von Marina Juric (Autobiografisches)
Tod eines Lehrers von Rainer Tiemann (Schule)