Aylin

Isch wäd beklopp he

Isch wäd beklopp he

 

Ich hatte sieben Kaninchen, zu Hause. Im Haus. Teilweise habe ich gestörte und kranke Tiere vom Tierschutz zur Pflege aufgenommen. Dann hatte ich mich bereits verliebt und behielt sie. Alle waren lieb und wurden stubenrein. Kein einziges hat mich jemals angeknurrt.

Ich hatte sieben Kaninchen und ein Haus. Nun habe ich diese Wohnung. Hab sie mir schön renoviert, aber im Keller steht die Kacke von Jahrhunderten im Gulli. Die Leute, anfangs freundlich, sind angenervt von mir. Sie wollen kein Geld ausgeben und reagieren auf meine Sanierungswünsche grob: Dann hätten Sie die Wohnung eben nicht kaufen sollen. Nein, das konnte ich doch nicht wissen, dass die in einem solchen Gebäude wohnen wollen. Außen schick saniert und im Keller gären die Kanäle. Ich habe in meinem Haus immer alles in Stand gehalten. Eigentum verpflichtet.

Mein Mann hat die Couch zugenagelt, damit das neue, scheue Kaninchen, sich nicht dahinter verkriecht und in die Ecken pinkelt. Ich pflege vorne den Vorgarten. Habe Pflanzen gekauft aus eigener Tasche, ein Mandelbäumchen, eine Magnolie, Blumen. Das Unkraut habe ich um der Dornenhecke weggestochen, Sauarbeit. Sagt eine Nachbarin: Das hat doch der Gärtner gemacht. Ja, dann. Jetzt lass ich es. Und der Gehweg blüht in Grün. Es grünt, es grünt, wenn Spaniens Blüten blühen.

Nach dem Tod meines geliebten Hundes hier habe ich mir dieses Kaninchen gekauft. Ein angeblich verschmustes Tier, das sich bei der Besichtigung auch gleich an mich drückte. Ich war so voller Schmerz, dass mir nicht auffiel, dass das kleine Mädchen es aus Angst tat. Nicht, weil sie verschmust ist. Natürlich halte ich sie im Freilauf. Sie kann sich frei in der Wohnung bewegen. Aber sie sucht sich irgendeine dunkele Ecke, möglichst hinterm Wäscheschrank. Sie läuft stetig vor einem fort. Ich hatte sieben Kaninchen, zweimal Babys, galt zu Hause als „Mutter aller Kaninchen“. Die Menschen kamen mich um Rat zu fragen, wenn sie Probleme mit ihren Kaninchen hatten.

Und meine Nachbarin sagt zu mir: Da müssen Sie auch zwei nehmen!

Die wissen alles hier. Alles.

Da die Wohnung nun klein ist, nur 70 qm, lagere ich das Einstreu im Auto. Machte mich letztens einer an: Sie stehen hier schon 2 Wochen auf dem Parkplatz. Neidisch auf meinen Mercedes, für den ich verdammt lange gespart habe, will er das Ordnungsamt holen. Von der Karre ist sowieso der Lack ab.

Garagengepflegt kamen er und ich hier vor einem Jahr an. Verdreckt und voller Vogelkacke steht er nun da. Mein BM Kennzeichen habe ich behalten. Irgendetwas muss ich behalten!

Und weil es partout nicht schmusen will, beißt mich jetzt auch noch dieses Karnickel.

Zornig überlege ich, sie zu einem Freizeitbauernhof zu bringen, wo sie mit vielen Kaninchen in einem Außengehege laufen kann. Dann denke ich: Sie will frei sein. Nur frei sein. Genau wie ich. Und tu es nicht.

Nun schaue ich wieder nach einem Haus an der Nordsee, wo unsre ganze Familie Platz hat.

Und gehe raus und steche das Unkraut aus.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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