Patrick Rabe

Gnade oder der jesuanische Schuldenschnitt

Gnade oder der jesuanische Schuldenschnitt

 

Dies ist meine kleine Schrift zur Gnade, die viele meiner Leser (vor allem auf facebook und in meiner eigenen Gemeinde) längst als Buch erwarten dürften. Ich hatte äußerste Schwierigkeiten, einen Verlag dafür zu finden. Präferiert wären natürlich die großen christlichen Verlage. Vielleicht hat ja noch jemand eine Idee dazu. Bis ich einen Verlag für sie habe, erlaube ich hiermit das Kopieren, Herunterladen, Abdrucken und Verbreiten dieser Schrift, der ich viele Leser wünsche. Mit der Auflage allerdings, dass nichts an Text und Inhalt verändert werden darf.


 

Kleiner Hinweis noch: An einer Stelle im Text schreibe ich von Vorurteilen gegenüber laut in der U-Bahn redenden Farbigen, und davon, AfD- Wähler in die Gnade mit einzubeziehen. Dies bitte ich nur im Kontext zu lesen und zu verstehen, nämlich den eigenen Projektionen auf die Schliche zu kommen, und sie so zu entkräften. Ich selber bin ein links orientierter Autor und Schriftsteller und distanziere mich ausdrücklich von Fremdenfeindlichkeit und rechtem Gedankengut.

 

 

Hier nun mein Buch:

 

 

Patrick Rabe

 

Gnade oder der jesuanische Schuldenschnitt

 

Essays, Prosa und Gedichte.

 

 

Hab Erbarmen! Niemals sagen "Der ist verloren!" Niemals sagen "So bin ich nicht!" Sei eine Tür, keine Wand. Ein Quell, keine Wüste.

 

(Patrick Rabe)

 

 

 

 

Vorwort

 

Die Gnade ist ein zentraler christlicher Begriff. Nicht zuletzt für die Theologie von Martin Luther war sie entscheidend. Umso erstaunlicher ist es, dass christliche Praxis oft so ungnädig erscheint. Auch mir selber war - obwohl ich schon jahrelang mit diesem Begriff hantierte - die heilende Kraft der Gnade nicht wirklich bewusst. Erst in einer tiefen Krise, nach dem Tod meines Vaters, erkannte ich, dass ich immer noch von einem strafenden Gott ausging, der mich mit Auslöschung bedrohte, wenn ich auch nur einen Millimeter von seinem Plan abwich.

 

Glücklicherweise machte ich in dieser Zeit einige heilsame Erfahrungen und erkannte, dass Gott es gut mit mir meint. Das Moment der Gnade, diese Hilfe, den Fluss des Wassers des Lebens wieder zum Fließen zu bringen und dabei auch zum Quell für andere zu werden, ist mir immens wichtig geworden im Leben.

 

Zudem ist mir auch die politische und finanzielle Dimension von Gnade deutlich geworden, auch diese beleuchtet dieses Buch.

 

Abgerundet wird es durch einige meiner Gedichte und Geschichten.

 

Geschrieben wurde es von einem Menschen, der vielfältige Glaubens-und Religionsformen kennengelernt hat, von der evangelischen Landeskirche seiner Kindheit, über eine anthroposophische Prägung in der Waldorfschule, Begegnungen mit Buddhismus und Esoterik, Mitgliedschaft in einer Pfingstgemeinde und dann einem jahrelangen Ringen mit dem Sinn und Unsinn von evangelikalen Glaubensformen.

 

Was in all dieser Zeit aber zentral blieb, war das Festhalten an Jesus Christus und seiner Botschaft. Er ist es, auf den sich mein Leben ausrichtet. Er ist es, der der Fels bleiben wird, auf dem ich stehe. Er ist es, ohne den ich nicht kann. Ich bin ein schwacher Mensch und Versuchungen ausgesetzt. Ich bin anfällig für das Böse. Im kleinen nachzugeben ist nicht schlimm, das passiert allen. Und doch ist es so wichtig, dass Christus derjenige bleibt, der dieses Leben bestimmt. Die Sünde ist nicht nur unvermeidlich, sie ist auch Unterpfand des Daseins. Das entscheidende ist aber, wen ich zum Herrn meines Lebens mache. Wen Christus einmal gerettet hat und wer ihn in sein Herz gelassen hat, den kann keine Macht der Welt wieder aus seiner Hand reißen.

 

Möge dieses kleine Buch, denen, die es lesen, zum Segen gereichen..

 

 

Patrick Rabe, im Juni 2018.

 

 

 


 


 

Gott


 

Bleibe beim Gott, den du dir erwählt,

er wird dich treulich geleiten,

bleibt bei dem Pilger, wenn er mal gefehlt

und trägt ihn durch alle Gezeiten.

Herr Jesus, spanne dein Zelt über mir,

gib meinem Herzen Vertrauen,

tritt zwischen mich und das hassende Tier,

lasse den Himmel mich schauen.

Dort, ja bei dir, nur bei dir ist mein Platz,

wenn auch die Weltreiche wanken,

festige in mir den bleibenden Schatz,

ich seh dich schon in Gedanken.

 

Patrick Rabe


 


 


 


 

Nietzsche, der "Antichrist" und wie ich zur Gnade fand


 

Ich denke nicht, dass bestimmte Bibeltexte sich mir nun schlussendlich erschlossen haben. Denn den Fehler, das zu denken, hab ich schon zig-mal gemacht, und dann kam immer noch eine neue Lebenserfahrung, und ein neuer Aspekt dieses oder jenes Textes wurde wichtig. Dennoch habe ich jetzt einen Zugang zu manchen Texten, den ich schlicht vorher so nicht hatte. Dass das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist, glaube ich selber nicht. Das meine ich auch mit realer Gnade Christi. Das Erlebnis, dass Gnade nicht nur ein theologischer Begriff ist, sondern eine reale Kraft und dass sie einen entbindet vom ewigen Schuldzuweisen und Sich -selber-Ankreiden, das durfte ich im Sommer 2015 erfahren. Und zwar nicht in einem orgiastischen Pfingstgottesdienst, sondern tief zweifelnd, mit Nietzsches “Antichrist” unterm Arm im Univiertel.


 

Ich war - aus verschiedenen Gründen- nahe daran, Atheist zu werden, und wollte mal sehen, was Nietzsche da so schreibt. Vielem an seiner polemischen Analyse des Christentums konnte ich unter schallendem Gelächter zustimmen, die Leute am Nebentisch guckten schon komisch... Aber immer wieder stolperte ich über Stellen, in denen Nietzsche sich gegen das Schwache wendet, ja, seine Ausmerzung fordert, und anrät, man solle den Schwachen noch zum Untergang verhelfen. Das rührte mich nicht wegen des dritten Reiches unheimlich an, sondern wegen Nietzsches eigenem Schicksal. Wenige Jahre vor seinem Wahnsinn schrieb er: "Wehe, dass ich jemand bin, der leicht zerbricht!" Warum hatte er dann kein Erbarmen mit anderen Schwachen!? Immer wieder bezeichnet er die Christen in "Der Antichrist" als Irrenhäusler. Und wohin verschlug es IHN? Ins Irrenhaus! Da schoss mir der Satz durch den Kopf: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn das selbe Maß, dass ihr an andere anlegt, wird an euch angelegt werden." Und ich erkannte, dass Nietzsche sich sein eigenes Urteil gesprochen hatte. Es ist nicht Gott, der richtet. Es ist nicht Gott, der anklagt. Es ist nicht Gott, der verurteilt. Gott ist die Liebe und die Barmherzigkeit. Im Herzen Gottes gibt es keine Schuld. Es ist der Mensch, der verurteilt und sich mit jedem Urteil sein eigenes Strafmaß zumisst. Weil alles eins ist und Jeder in Jedem wohnt. Und mir fiel es epiphanieartig wie Schuppen von den Augen. Warum nicht aufhören mit dem ständigen Schießen auf sich und andere? Warum nicht vergeben? Warum nicht lieben?


 

Und auf einmal brachen alle Grenzen weg, und ich erkannte, spürte, erlebte, dass Gott Liebe ist, und dass derjenige frei wird, der vergibt. Das ist eine Ebene, auf der alle Fragen aufhören und alle Dogmatik unwichtig wird. Vermutlich könnte ich an der Stelle auch problemlos einem Zen-Buddhisten, einem Sufi oder einem Atheisten in deren mystischen Erleben begegnen. Dass ich dies in christliche Worte fasse, hängt damit zusammen, dass ich christlich geprägt bin. Und die christliche Lehre macht für mich einfach Sinn. Denn trotz dieser Erfahrung bin ich nicht um ein Grad besser oder perfekter geworden. Ich bin manchmal immer noch der pedantische Krittler. Und deswegen: Täglich sein Kreuz auf sich nehmen, sich wieder annähern dieser Liebe, die so viel größer ist, als wir begreifen können, und die Dunkelheiten der Seele einfach weglieben, von der Liebe verwandeln lassen. Denn ich glaube auch, dass in jeder dunklen Seite von uns ein unerlöstes Potenzial schlummert. Wobei wir wieder beim Froschkönig wären. Die Probleme der Welt entstanden durch das Erkennen von Gut und Böse und die damit verbundene Projektion von Schuld. Wenn wir aufhören, zu be-schuldigen, ja, wenn wir sogar ent-schuldigen, dann können wir uns wieder dem Paradies annähern, aus dem wir kommen. (Werden wie die Kinder!) Es scheint mir darum zu gehen, uns alle immer mehr zu ent-schuldigen, bis keine Schuld mehr da ist! Je mehr wir einfach sind, was wir sind, ohne den Fehler bei den anderen, aber auch ohne den Fehler bei uns zu suchen, desto mehr sind wir in der Liebe, in der Freiheit, bei unserem göttlichen Ursprung. Das Geheimnis ist: Da ist kein Fehler! ("Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut." Genesis 1, 31) Der Fehler entsteht, indem wir ihn sehen. Sehen wollen. Und dadurch kam und kommt der Dominoeffekt der Sünde zustande.


 

Mittlerweile ist einiges an Zeit vergangen. Und ich habe erkannt, dass ich immer noch dazu neige, zu beschuldigen. Und es auch immer wieder tue. Manchmal sogar, ohne es zu merken. Und dann wird die Gnade wieder wichtig für mich. Nachsichtig sein können. Mit mir und den anderen. Lieb zu mir selber sein. Lieb zu den anderen sein. Nicht "Finde den Fehler", sondern: "Finde die Liebe!" In der Gnade, die uns zugesprochen ist. Und im gegenseitigen Begnadigen.


 


 


 


 

Schuldig an der Liebe


 

Wenn es in irgendeiner Weise ums "Richtigmachen" ginge, wären die Jünger - und zwar alle - mit Pauken und Trompeten durch den Test gefallen. Daher ist die Passionsgeschichte für mich mittlerweile die zentralste Passage des Neuen Testamentes. Ein Text, der die Ungebundenheit von Gottes Liebe an unsere Perfektion so deutlich macht, wie kein anderer, auch, wenn die ganze Heilige Schrift darauf hinausläuft. Die Botschaft ist: An der Liebe in ihrer reinen Form werden wir alle schuldig, ALLE OHNE AUSNAHME! Wir sind alle der Judas, der mit einem Kuss (Imitation der echten Liebe) die Liebe verrät. Wir sind alle der Petrus, der erst groß rumtönt, er würde Jesus ins Gefängnis und in den Tod folgen und dann in der erstbesten Situation sich vor Zeugen von ihm lossagt, aus Angst um sein nacktes Leben. Das weiß die Liebe. Damit rechnet sie. Und sie trägt und liebt uns trotzdem...gerade deswegen (?)... Das ist ihr Geheimnis. In dem Moment, in dem Petrus hinausläuft und bitterlich weint, ist er schon wieder in der Gnade . Und er wird nicht, wie irrtümlich einige meinen, später als Märtyrer hingerichtet, die gerne haben wollen, dass die eigene Ansage dazu, was man für Jesus tun wolle, dann doch noch wahr wird, wenn man "reif" dafür sei. Nur, wer sich seiner eigenen Schwächen bewusst ist, wird nicht mehr über andere sich erheben wollen. Nur wer weiß, dass durch uns alle Brüche gehen, kann zu einer Haltung der Liebe, des Mitgefühls, der Gnade und der Barmherzigkeit finden. Leonard Cohen singt: "Schlag die Glocke, die noch klingt, vergiss dein großes Heiligsein. Da geht ein Riss, ein Riss durch jedes Ding. So kommt das Licht herein."


 


 

Gnade, ein Gedanke, der die Welt verändern kann
 


 

Heute las ich in einer Sonderausgabe des Rolling Stone zum Thema U2. Ich habe diese Band immer gemocht und seit den mittleren 90ern ihren Werdegang verfolgt. In diesem Sonderband fanden sich Interviews und Reportagen über U2 von ihren Anfangstagen bis heute. Sehr auffällig schien mir die Wandlung von den christlich engagierten, den Kommerz verweigernden, "normalen" jungen Männern über eine Phase, in der man noch halb selbstironisch mit Ruhm und Macht jonglierte (Achtung Baby) bis hin zur Pop Mart Tour, in der sie die Megalomanie nicht mehr nur vorführen wollten, sondern selber ein Teil davon geworden waren (O-Ton Bono damals: "Ich bin Gott!")


 

Eine Songzeile auf dem 2000 erschienenen, wieder bescheidener wirkenden Album "All that you can't leave behind" lautet: "Alles, was du verspottest/verachtest, wird dich mit Sicherheit überwinden, und wenn du ein Monster geworden bist, lass nicht zu, dass das Monster dich zerbricht." Sicher, U2 waren in ihren jungen Jahren eine aufrechte Band, die es ehrlich meinte und integer bleiben wollte. Ihre Bandgeschichte hat aber gezeigt, dass sie gefallen sind, sich selber untreu wurden. Ich kreide ihnen das jedoch nicht an, denn sie stehen damit nicht allein. Ja, je mehr ich menschliche Biographien - inclusive meine eigene - studiere, desto mehr stelle ich fest, dass der Fall geradezu vorprogrammiert ist, gerade dann, wenn man in der Jugend den Mund besonders voll nimmt mit Aussagen wie: "Das würde ich ja niemals tun! So werde ich niemals sein!" Oft wird man - passend zur weiter oben zitierten U2-Zeile - genau zu dem, was man vorher abgelehnt und verurteilt hat. In der Bibel ging es Petrus ähnlich. "Ich würde dir ins Gefängnis folgen, ja sogar bis in den Tod!", sagt er zu Jesus. Dieser antwortet ihm nüchtern: "Heute Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen." Als genau das eintritt, läuft Petrus hinaus und weint bitterlich.


 

Der Mensch stolpert meistens gerade über seine Ideale, gerade über das vermeintlich "Gute". Denn um dieses hochhalten zu können, muss er sich von Dingen abgrenzen, die er nicht sein will, vom vermeintlich "Bösen". Er bezieht Stellung und grenzt alles aus, was nicht zu dieser Stellung passt. Das ist eine sehr jugendliche Position und entspricht, ins theologische transponiert, ein wenig dem manchmal sehr gnadenlosen, mit Regelwerken und Richtig-Falsch-Gegensätzen aufwartenden Alten Testament. Aber die Erfahrung lehrt viele Menschen im Laufe ihres Lebens, dass sie diese Positionierung nicht aufrecht erhalten können, es sei denn, zum Preis der inneren Erstarrung. Oftmals wird gerade der erbittertste Atheist gläubig, der puritanischste Sexfeind zum Bordellbesucher, der radikalste Linke zum radikalsten Rechten (Siehe Horst Mahler!). Aber auch jenseits dieser Extreme wird man immer wieder merken, dass man jenen "Das würde ICH nie machen"-Maximen nicht treu bleiben kann.


 

Ich glaube, dass Gott, was immer man unter ihm verstehen mag (ich verstehe ihn als die Liebe), uns zeigen möchte, dass unser Sein alles umfasst, nicht nur den kleinen Ausschnitt, den wir uns als "gut" erkoren haben. Die Liebe umfasst alles, und jeder Mensch ist dem Wesen nach alles, nicht nur das beschränkte Bisschen, was er für sein Ich hält. Und gerade das, was er von sich abgegrenzt hat, um "gut" sein zu können, muss er kennenlernen, um "ganz" und damit "heil" zu werden. Somit scheint der "Fall" aus der heilen Paradieseswelt, wo noch alles schön geordnet war, und die Trennlinie zwischen Richtig und Falsch ganz gerade verlief, notwendig zu sein, um überhaupt zur Liebe zu finden. Damit man zum Beispiel nicht mehr Bordellbesucher brüsk aburteilt, muss man vielleicht selber einer werden, damit man am eigenen Leib versteht (und annehmen lernt, ja, "lieben"!!!!), was man vorher noch verachtet hat. Die Message des Lebens dahinter ist: Alles ist Liebe und alles ist letztendlich verstehbar. Nur, wer nicht mehr richtet, wer erkennt, dass der Keim jeder vermeintlichen "Sünde" auch in ihm steckt, kann zu einer Haltung finden, die ich mit dem Neuen Testament "Gnade" nennen möchte.


 

Gnade ist eine revolutionäre Sache. Und zwar genau deshalb, weil die Welt diesem Prinzip scheinbar total zuwider läuft. Schon in der Schule lernen wir, Dinge und Situationen zu bewerten, sie einzukategorisieren. Vergeltung und Rache sind an der Tagesordnung, im alltäglichen Rahmen wie in der Weltpolitik. Das weltweite Wirtschaftsgleichgewicht baut darauf auf, dass alle Länder beieinander fantastillionäre Schulden haben. Die Welt funktioniert nach dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn", die Buddhisten nennen es Karma. Genau dies meint die Bibel glaube ich, mit dem Wort, dass die Welt in der Hand des Teufels sei. Sie meint nicht einen unterirdisch wohnenden, hämisch lachenden Heini mit 'ner Mistgabel, sondern sie meint dieses Prinzip, das alle Menschen immer wechselseitig über ihre eigenen Ansprüche stolpern lässt.


 

Und nun kommt der Mann aus Nazareth und sagt uns: "Ja, so funktioniert die Welt. Der Himmel, das Reich Gottes, ist anders. Da herrscht die Gnade. Und was noch viel besser ist: Der Himmel ist nicht irgendwo über der Milchstraße, der Himmel ist auf Erden. Ihr könnt ihn euch abholen, wenn ihr wollt. Gewährt Gnade, und euch wird Gnade zuteil!"


 

Das ist "Wow!", wenn man es einmal verstanden hat. Und gleichzeitig das Revolutionärste, was je ein Mensch gelehrt hat. (Man vergleiche es z.B. mit Marx, der ja letztendlich auch nur eine "Wir gegen die"-Ideologie entwickelt und dabei die Arbeiter gut, die Kapitalisten böse stempelt.) Jeder, der schon einmal einem anderen verziehen hat, weiß, dass das in erster Linie ihn selber befreit. Gnade gewähren heißt, die anderen so sein lassen, wie sie sind, im Wissen darum, dass der Keim dessen, was ich am anderen kritisiere, auch in mir steckt (Splitter/Balken im Auge). Gnade heißt, den anderen nicht mehr einzuschubladieren. Gnade heißt, loszulassen und damit zum Da-Sein zu finden. Wer Gnade gewährt, erfährt auch fundamental, dass er selber begnadigt wird, dass die Ketten des Karmas zerbrechen, dass für ihn jetzt das Gesetz des Himmels gilt. Und dieses Gesetz ist die Liebe.


 

Die wirkliche Liebe geht mit Freundlichkeit, Milde und Toleranz einher und hat nichts zu tun mit dem verkrampften "Nicht-mehr-richten-dürfen-und-lieben-müssen", das manche evangelikale Kirchen praktizieren. Wer wirklich liebt, "will" auch lieben, wer wirklich aus der Gnade lebt, "will" auch begnadigen. Zwang gibt es da nicht.


 

Im Zuge der Gnadentheologie des Neuen Testamentes ist auch immer wieder vom Erlassen der Schuld(en) die Rede. Ich denke, das darf man ruhig auch auf Geld beziehen. Auch hier zeigt sich, dass Gnade ein revolutionäres Konzept ist. Jeder weiß, dass die Schulden, die die einzelnen Länder beieinander haben, niemals zurückgezahlt werden können. Wenn daher einigen Ländern Sparmaßnahmen aufgenötigt werden, dann ist das Augenwischerei, Knechtung, und ein total faules Kasperletheater. Es glaubt doch niemand ernsthaft, Griechenland könne auch nur einen Bruchteil seiner Schulden begleichen, indem das Land am Gesundheits- und Sozialsystem spart! Da ist Onkel Luzifer wieder unterwegs, meinetwegen auch mit Mistgabel! Die ganze Sache dient nur dazu, dass Europa die Muskeln spielen lässt und einem kleineren Land zeigt, dass es in der schwächeren Position ist und zu spuren hat. Jesus würde wohl zu einem Schuldenschnitt raten. Und wieviel besser würde es Afrika plötzlich gehen, wenn der Westen diesem Kontinent seine Schulden erlassen würde!


 

Das Konzept der Gnade kann meiner Meinung nach auf alle menschlichen Bereiche angewendet werden, und würde in allen Bereichen Gutes, Er-lösendes bewirken. Es wirkt auf seelisch-spiritueller Ebene genau so durchschlagend wie auf politisch-gesellschaftlicher oder zwischenmenschlicher Ebene. Das Konzept der Gnade ist auf jeden Fall immer "Wow!" (also staunenswert) und immer die bessere Alternative zu Zwist und Streit.


 

Der "Fall" ist es, der gnädig machen kann, dann nämlich, wenn man erkennt, dass niemand perfekt ist, alle der Gnade bedürfen und alle der Liebe wert und damit liebenswert sind. Einen Menschen ohne Macken könnte man sicher schwerlich lieben. Und Jesus übertrug ausgerechnet Petrus, seinem mackenhaftesten, charakterschwächsten Jünger, die Gründung der Gemeinde. Warum wohl?


 

Die Erfahrung von Gnade lässt keinen Menschen unverändert. Man wird...ein Liebender. Man muss übrigens auch nicht ein im metaphysischen Sinne religiöser Mensch sein, um das Prinzip der Gnade zum Einsatz bringen zu können. Man muss dafür nicht glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes war. Man muss strenggenommen noch nicht einmal an Gott glauben. Alles, was man tun muss, ist...begnadigen. Das, was man dann allerdings an seelischer Qualitätssteigerung erfährt, macht es unwahrscheinlich, weiterhin Gottes Existenz abzuleugnen. Gott ist "der Seeinde", was immer das heißen mag. Unsere Bilder von ihm können nur unvollkommen sein. Weder Menschen, die ihn sich als Person vorstellen, noch solche, die da einfach an eine allumfassende Energie denken, treffen den Punkt. Wenn der Begriff "Gott" euch das Verstehen meiner Thesen erschwert, dann sagt doch einfach "Liebe" oder "Da-sein". Gnade ist das, was alles verändert, verändern könnte. Und dafür muss man nur die Blickrichtung ändern.


 

U2 jedenfalls beschließen das Album "All that you can't leave behind" mit dem Song "Grace" ("Gnade"), in dem es heißt: "Gnade bewegt sich außerhalb des Karmas!" und "Gnade ist ein Gedanke, der die Welt verändern kann!" Auch Bono wird das in seinem Leben erfahren haben.


 


 


 

 

Gnade und Schuldenerlass


 

Immer wieder finde ich es frappant, dass bei dieser Menge an Geldgleichnissen nicht öfter im Predigtdienst der meisten Kirchen über Schulden aus biblischem Verständnis gesprochen wird. Jesus rät dazu, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist. Das heißt, wir dürfen gerne mit Geld bezahlen, aber wir dürfen es nicht zum Gott machen. Die Ehre, und der Vorrang unser Leben zu bestimmen, hat allein Gott.

 

Ja, Schuld wird thematisiert. Manchmal. Aber auch nicht mehr gerne. Aber SchulDEN? Und um welche Schulden geht es? Wie sollen wir mit Schulden umgehen? Ausgleich (Biblisch: Gerechtigkeit) oder Erlass (Biblisch: Gnade). Wo liegt da der genaue Unterschied? Was macht es mit Menschen, in einer Philosophie des Ausgleichen-Müssens zu leben? (Die meisten Menschen leben in einer solchen Denke.) Krieg ich was, muss ich was dafür zurückgeben. Gerade auch spirituelle Menschen anderer Religionsformen oder Esoteriker denken und handeln oft so. Ist auch verständlich. Es basiert auf einem spirituellen Weltgesetz. Das Gesetz lautet: Wenn du etwas bekommst, musst du dafür etwas zurückgeben, damit der Ausgleich der Kräfte nicht durcheinander kommt. Wenn du nicht freiwillig eine Gegengabe gibst, wird dir irgendwann gewaltsam (vom Schicksal) etwas genommen. Das Prinzip des Universums besagt: Wer nimmt, muss auch was zurückgeben. Aber, wer einzahlt, wird auch was rausbekommen. Viele, die dieses Gesetz kennen, machen absichtlich Menschen "Geschenke", weil sie wissen, dass das Universum den Menschen zur Gegengabe zwingen wird. Das ist eine Möglichkeit, sein Karma aufzubessern.

 

Aber was macht eine solche Haltung mit Menschen? Es macht sie berechnend. Alles wird ein Deal. Es wird nicht mehr geschenkt aus Liebe, sondern aus Kosten-Nutzen-Denken. Dahinter steckt der Gedanke der Hölle, wo auch immer wir sie verorten (Diesseits oder Jenseits). Der Gedanke, nur aus dem Höllensystem rauszukommen, wenn man endlich alles abbezahlt hat. Dass dieser Gedanke uns so tief in der Genetik sitzt, liegt daran, dass er seit Jahrtausenden in unzähligen Kulturen und Religionen geglaubt und praktiziert worden ist. Die weitaus meisten Menschen leben nach dieser Philosophie, egal, ob sie sie spirituell-religiös begründen, oder nicht.

 

Ich denke, diese Philosophie des Einzahlens und Rauskriegens ist es, was die Bibel mit dem Geist dieser Welt bzw. dem Geist des Teufels, meint. Denn wer wirklich sauber über diese Sache reflektiert und sie in die Tiefe denkt, müsste sich eingestehen, dass die Lebensschulden JEDES Menschen so immens hoch sind (zumal, wenn man von mehreren Leben oder Inkarnationen ausgeht, was ich auch als Christ nicht gänzlich ausschließen möchte!), dass niemand jemals seine ganzen Schulden wird zurückzahlen können. Niemand. Das heißt: Diese ganzen berechnenden Energietransfers zwischen Menschen sind völlig für die Katz und kratzen nicht mal an der Oberfläche des Problems.

 

Man muss es deutlich aussprechen oder am besten an jede Häuserwand schreiben: Mit dieser Methode wird niemals jemand aus der Hölle rauskommen. Wissend darum, dass unsere Umwelt uns immer unsere innere Situation spiegelt, müssen wir eigentlich nur auf das komplexe Schuldengeflecht zwischen den einzelnen Staaten schauen, dann könnten wir Bescheid wissen.

 

Jesus hat ein neues Gesetz versucht zu etablieren. Den Schuldenerlass. Die Gnade. Die Liebe. Den reichhaltig schenkenden Gott. Leider wird dieses schenkende Prinzip immer noch, selbst nach 2000 Jahren, von nur wenigen angenommen. But, fellows, it works! Vergib, und dir wird vergeben. Erlass Schulden, und sie werden dir erlassen. Erlass allen alles. Und du bist raus aus der Hölle. Raus aus den Fesseln des Karmas. Forever and ever and ever. Ja, Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Nur ganz anders, als ich früher dachte.

Daher nun drei kurze Texte aus der jüngeren Zeit dazu.

 

 

Penunzen

Kurze Einführung:

Geld ist die Wurzel allen Übels. Auch die spirituellen Penunzen, das Beieinander-Schulden-Machen, das Das-Karma-Aufwerten-Wollen! Weil uns das von der Liebe wegführt und zu (be-)rechnenden Menschen macht. Der Gedanke, aus eigener Kraft einen "Schuldenausgleich" herbeiführen zu können, ist absurd. Wir müssten dann ja jeden Atemzug Luft, jeden Bissen Essen, jeden umgeknickten Grashalm zurückzahlen. Nein! Wir haben hier alles zur freien Verfügung! Gott macht 'nen Schuldenschnitt. Er macht das, und er wünscht sich, dass wir auch mit unseren Mitmenschen so umgehen, finanziell und spirituell. So wird der Schuldenerlass, der Freispruch von oben nach unten durchgereicht. Gott möchte, dass wir Liebende werden. Und Liebe schöpft aus dem Vollen! Und nun der Aphorismus:

Die Hölle ist der Ort, wo wir der Illusion aufsitzen, unsere Schulden zurückzahlen zu müssen.

Der Himmel ist der Ort, wo wir erkennen, dass wir das nicht müssen.

Vergleiche auch das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht, Matthäus 18, Vers 21 - 35.


 

Daraufhin schrieb mir ein Bekannter:

 

Lieber Patrick,

und wer entscheidet nun, was Schuld ist oder nicht? Der Teufel? Ein Gott? Nein - auch das "erledigt" die Liebe - sie IST das Göttliche und das teuflisch gut! :-)

Liebe Grüße

XX

 

Anmerkung von Patrick Rabe:


 

Lieber XX, ich gebe dir recht. In der kirchlichen Lesart wird aus den zu vergebenden Schulden meistens moralische Schuld gemacht. Ich komme aber, auch nach der Lektüre der nicht in die Bibel aufgenommenen Ur-Evangelien, immer mehr zu der Überzeugung, dass es sich hier um die Lebensschulden handelt, das, was ein Hindu oder Buddhist "Karma" nennen würde. Denken wir dieses Konzept zuende, müssen wir zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es keinen Ausweg aus der Karmafalle geben kann, weil es schlechterdings unmöglich ist, kein neues Karma anzusammeln (mein Beispiel mit den umgeknickten Grashalmen). Also dürfte noch niemand jemals "Nirwana" erreicht haben. Die Juden hatten in ihrer Religion ein ähnliches Problem. Das Gesetz. Jesus in den Antithesen und auch Paulus im Römerbrief streichen heraus, dass es unmöglich ist, das Gesetz aus eigener Kraft zu erfüllen. Das Einzige, was das Joch des "Karma"-und "Gesetzes"-Wahns durchbrechen kann, ist die Gnade. Diese ist das fundamental Neue am Christentum. Nicht mehr aus eigener Anstrengung kann ich Erlösung oder höhere Ebenen erreichen, sondern durch die Gnade der Liebe, die mir kostenlos zuteil wird. Dass in vielen Kirchen doch wieder so ein Leistungs-und Perfektseinsolle-Ding daraus geworden ist, ist schade und gewiss nicht im Sinne des Erfinders. Christus wollte die Gottesbeziehung der Menschen entängstigen. Oft geschieht genau das Gegenteil. Aber was auch immer die Kirchen sagen mögen: Für mich sind Gnade und Liebe zu eminent wichtigen Bestandteilen meiner Lebensphilosophie geworden und ich persönlich habe auch kein Problem damit, dies mit Gott und Jesus in Verbindung zu bringen. Gott ist nicht die Kirche, Jesus ist nicht der Papst. Amen und alles Gute von Patrick (25.02.2016)

 

Ein kleines Beispiel noch zum Schluss. Als ich dieses Jahr um Weihnachten herum im Krankenhaus war, saß ich einmal dort im Cafe. Ich hatte mir zwei Stücke Stollen, einen Cafe und eine Flasche Mezzomix gekauft und futterte. Bald kam eine Frau herein, die ich schon ganz lange kenne und setzte sich mir gegenüber. Sie hat chronisch wenig Geld, hatte aber eine halbausgetrunkene Cola dabei. Als sie da so saß, sah ich, dass sie immer sehnsüchtig auf meinen Stollen guckte. Ich fragte: "Willst du das eine Stück haben?" "Nein, nein..." sagte sie schüchtern. Nach drei Minuten fasste sie sich ein Herz und sagte: "Eigentlich doch!" Da gab ich ihr den einen Stollen. Glücklich mampfte sie ihn und ich kriegte ein kleines schlechtes Gewissen, denn ich sah, wie hungrig sie offenbar gewesen war. Danach lief das alte, stets nie ganz offen und ehrlich gespielte "Wir sehen uns in der Hölle-Spiel" ab. Sie wollte mir eine Gegengabe geben. Und zwar das einzige, was sie hatte: Die halb ausgetrunkene Colaflasche. Folks. Was soll jemand, der dick Stollen, einen Cafe und eine Mezzomix vor sich stehen hat, noch mit einer halbausgetrunkenen Cola!? Sollte er sie annehmen, damit die Dame nicht so tief in der Hölle landet? Ja, aber dann hat er sie doch auf der Nase. Und zusätzlich noch eine Gegengabe, die er gar nicht gebrauchen kann. Fakt ist. Ich hätte die Cola gar nicht getrunken, sondern weggeschmissen. Und das Ergebnis wäre gewesen, das ich mir unnötigen Ballast aufgeladen hätte, und die arme Frau, die eh schon so wenig hatte, nix mehr zu trinken gehabt hätte. Fazit: Verlierer auf beiden Seiten. Leute, so geht's doch nicht wirklich!

 

Meine Bekannte jedenfalls war völlig baff. "Du musst mir nichts geben."sagte ich. "Der Stollen war ein Geschenk, du liebe." Und weil ich wusste, dass sie verstehen würde, was ich meine, setzte ich noch hinzu: "Deine Schulden sind dir erlassen." Die Frau bekam Tränchen und schwebte raus wie ein Engel.

Love wins. Love conquers all. All you need is love.

 

 


 

Christentum und die indischen Religionen, wo ist da der entscheidende Unterschied?


Ich will Reinkarnation nicht völlig ausschließen. Wenn es sie nicht gibt, was macht man dann mit dem Johanneskapitel, wo Jesus einen BlindGEBORENEN heilt, und die Jünger ihn fragen: "Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?" Bitte wann soll dann diese Sünde stattgefunden haben? Im Mutterleib? Oder die Passagen in denen es heißt, die Leute hielten Jesus für den wiedergekehrten Elia? Ich setze hinter all das ein Fragezeichen. Für mich ist in der Abgrenzung zu den indischen Religionen auch nicht am Wichtigsten, ob man an Reinkarnation glaubt, sondern die Tatsache, dass Buddhisten und Hindus lehren, man könne durch Ansammlung von gutem Karma und Meditation aus der spirituellen "Schuldenfalle" rauskommen. Was in Etwa der Idee der Gesetzlichkeit entspricht. Meine Erfahrung eines mittlerweile zur Hälfte gelebten Lebens ist aber, dass es zwar möglich ist, Gutes zu tun, aber unmöglich, kein neues Karma anzusammeln. Das heißt, man kann so viel Gutes tun, wie man will, es wird nie reichen. Deswegen soll man natürlich trotzdem Gutes tun. Man muss nur erkennen, dass man die guten Taten nicht als Werkzeug benutzen kann, um in den Himmel oder ins Nirwana zu kommen. Niemand kann so viel Gutes tun, dass dadurch sein Schuldschein gelöscht wird. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Christentum und, soweit ich es überblicken kann, allen anderen religiösen Konzepten, ist der fundamentale Schuldenschnitt, der es uns ermöglicht, unsere guten Taten von dem Zweck loszubinden, damit unser Heil erkaufen zu wollen. Jesus will uns zeigen, dass Liebe kein Zweck ist und keinen Zweck erfüllt. Liebe ist der Grund, hat aber keinen Grund. Jesus und dann Paulus zerbrechen die Idee, dass die Gottes-und Menschenbeziehung ein Deal ist, der zu irgend Etwas gut ist. Jesus lehrt, dass wir den "Deal" und das berechnende Denken ad acta legen sollen, um zum freien Schenken aus reiner Freude zu finden.


 


 

 

 

 

 

 

Schuld(en), Gnade und "Weltgeist" - Die Osterbotschaft des Beschenkens

 

 

"Die ganze Welt liegt in den Händen dessen, der böse ist." (1. Johannesbrief, 5,19)

 

Was bedeutet das eigentlich? Bedeutet das, dass der Teufel über die Welt herrscht? Dass Gott die Kontrolle über seine Schöpfung entglitten ist? Dass wir uns als Christen tunlichst von allem, was uns umgibt, fernhalten sollten? Zumal dann, wenn wir das oben erwähnte Zitat ganz zitieren: "Ihr wisst, dass wir aus Gott sind, aber die ganze Welt liegt in Händen dessen..." Ist Gott demnach nicht mehr in der Welt? Erde schon aufgegeben? Einzige Chance ein Upload ins nächsthöhere Level?

 

Ich weiß, dass viele Evangelikale - und auch andere Christen- so denken. Und auch ihre ganze Lebenspraxis geht in diese Richtung. Man darf keine Rockmusik, keinen Jazz und keinen Beethoven hören, man darf keine Medikamente nehmen, man darf nicht rauchen, man darf mit Unglaübigen nicht verkehren...alles nicht von Gott. Solchen Leuten möchte ich zurufen: "Ihr denkt verquer. In eurer Lieblingsbibelstelle steht: "Die GANZE Welt liegt in Händen dessen!" Also bitte: schnell aufhören zu essen, zu trinken und zu atmen. Alles nicht von Gott, Leute!"

 

Das Problem an der der klassisch evangelikalen Deutung ist, dass man glaubt, die Bibel sei quasi als inspiriertes Komplettpaket vom Himmel gefallen. Dem ist nicht so. Die Bibel hat sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt und zum ursprünglich jüdischen Denken und Glauben, welches wir in der Thora vorfinden, kamen immer wieder neue Einflüsse und Erweiterungen hinzu.

 

Dem urjüdischen Denken ist jeder Gott-Welt, jeder Licht-Finsternis-Dualismus fremd. Das jüdische Denken ist allumfassend, der jüdische Gott ist nicht die eine Hälfte einer Polarität. Man schaue beispielsweise in die Schöpfungsgeschichte. Gott ist nicht das Licht und grenzt sich von der (bösen) Finsternis ab, sondern er ERSCHAFFT Licht UND Finsternis und UMFASST sie beide, segnet sie auch beide (Am siebten Tag ist ALLES GUT).

Das dualistische Denken, welches das Neue Testament durchzieht und bestimmt, (am Stärksten im Johannesevangelium und einigen Briefen) stammt aus dem Hellenismus, also aus dem Griechentum, das durch die Römer nach Israel getragen wurde (bzw. erste dualistische Modelle finden sich auch schon im AT, durch babylonischen Einfluss). Deswegen ist das dualistische Denken aber weder falsch noch verunreinigt jüdisch oder eine Irrlehre, es ist einfach nur die Erweiterung des jüdischen Denkens durch Aspekte, die nicht aus dem Judentum stammen.

 

Um diesen Gott-Welt-Dualismus aber korrekt verstehen zu können, müssen wir seine Quellen kennen. Mit naivem Evangelikalen-Bibelverständnis kommen nur Schräglagen heraus. Ich kann aber aus Platzgründen hier nicht die gesamte hellenistische Philosophie erläutern. Deswegen destilliere ich jetzt ein Bisschen.

 

Wichtig ist zu wissen, dass mit WELT nicht SCHÖPFUNG oder ERDE gemeint ist!!!! Was ist das denn auch für eine abnorme Vorstellung! Gott soll seine schöne Schöpfung an den Teufel verloren haben!? Ja, und wann denn bitte? Beim Sündenfall etwa? Nein! Noch in den Psalmen wird Gottes Wirken in seiner Schöpfung gepriesen! Wenn im Neuen Testament von "Welt" oder "Weltzeit" gesprochen wird, dann ist damit ein bestimmter, die Menschenwelt "regierender" "Geist" gemeint. Dieser hier gemeinte Geist ist die Philosophie des Gebens und Nehmens, des Reinsteckens und Rauskriegens, des Säens und Erntens, des Hastewas Bistewas, des Karmas, der Schuld, des Rechnens und Be-Rechnens, der (ausgleichenden) Gerechtigkeit, des Gerichtes Gottes über die Menschen und des Gerichts des Menschen über den Mitmenschen. Man muss sehr differenziert an die Sache herangehen. Denn wenn wir jetzt sagen, diese Gesetze stammten vom Teufel, kürzen wir gedanklich brutal ab. Das Gesetz des Karmas ist göttlich und ist das der Welt (hier auch Schöpfung!) zugrundeliegende Prinzip. (Die alttestamentarischen Gebote stammen ja auch von Gott und nicht vom Teufel!) Deswegen finden wir diesen Gedanken auch in ausnahmelos ALLEN Religionen. Ich bekomme raus, was ich reingebe. Immer. Solange das Gesetz der Welt (für mich) gilt. Das Problem ist nur, dass wenn wir in diesem Wirkungsprinzip leben (Vergeltungsprinzip), sind wir spätestens dann richtig angearscht, wenn wir groben Mist bauen, und er auf uns zurückfällt. Je höher unsere Lebensschuld, desto Aua. (Und damit sind nicht nur moralische Schulden gemeint). Dazu kommt, was Jesus uns ja sehr schön immer wieder aufzeigt, unsere Eigenblindheit. (Splitter/Balken). Das heißt: Wir merken es noch nicht einmal, wenn wir Schulden machen!!! Das Prinzip dieser Welt ist tatsächlich nur für den von Vorteil, der auf der Haben-Seite steht. Im Hinduismus und Buddhismus finden wir das sehr diffizil dargestellt. Die Bibel zeigt uns nun: Ende der Illusion! Hier steht niemand mehr auf der Haben-Seite! Ihr seid alle schon tief in den roten Zahlen! Ihr könnt alle nur noch aufrecht gehen, weil ihr alle beieinander verschuldet seid!!!!! (Wir finden das mittlerweile bis hinein in wirtschaftspolitische Weltzusammenhänge!!!! Schaut hin, deutet die Zeichen richtig und erbleicht!!!!!) ES GIBT KEINE PROFITEURE MEHR!!!! NUR NOCH SCHEIN-PROFITEURE!!!!!!!

 

Und nun tritt ein fundamental neues Wirkungsprinzip auf den Plan. Das Prinzip der GNADE. Nur, wenn das Karma-Prinzip ausgehebelt wird, ist der Menschheit noch zu helfen. Das hat bitteschön NICHTS mit dem unsäglichen "Der Mensch ist schlecht und muss sich schämen-Quatsch" der Kirchen zu tun! Ich hoffe, das konnte ich schlüssig darstellen! Es geht hier lediglich um Lebensschulden. Aber was heißt "lediglich". Das Problem ist massiv.

Gott "installiert" die Gnade in Jesus Christus, um uns wieder zu Gewinnern des Lebens zu machen. Er macht einen radikalen Schuldenschnitt. Alle Schuld(en) vergeben! Für immer. Konto wieder gedeckt! Mit Gottes Liebe! Aber dieser Schuldenschnitt kann nur greifen, wenn der Mensch ihn auch er-greift. Das heißt, dieses neue Prinzip kann nur wirksam werden, indem der Mensch selber Schulden erlässt. Wer das nicht tut, dem geht es wie dem ungerechten Knecht, dem sein Herr die Schulden erlässt, der aber dann seinen Schuldiger zum Zurückzahlen zwingen will. Dieser ungerechte Knecht muss dann eben auch ins Gefängnis und jeden Heller zurückzahlen. Nochmals. Das hat nichts mit Moral zu tun. Nichts mit verquasten Schuldgefühlen. Nichts mit Himmel und Hölle. Nichts mit dem Jenseits. Das passiert hier und jetzt. Das Einzige, worum es hier geht, ist Ursache und Wirkung. Die Gnade ist quasi ein cleverer Trick, um aus der Schuldenfalle rauszukommen. Denn das Karma-Prinzip bleibt ja aktiv. Säen und ernten, reinstecken und rauskriegen gilt weiter und wird immer gelten. Ich schmiere halt nur dieses Gesetz an, indem ich es zur Wirkung bringe. Ich schlage den "Feind" mit seinen eigenen Waffen. Denn, völlig logisch: Wenn ICH allen Menschen ihre Schulden erlasse, werden auch mir meine Schulden nachgelassen. Denn was ich reingebe, kommt zurück. Ich hebele somit das Karmagesetz aus, indem ich es anwende. Genau das meint Jesus, wenn er sagt: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Solange Himmel und Erde bestehen, wird nicht ein Strichlein vom Gesetz weggenommen." Dieser Satz ist esoterisch (Oh nein, das böse Wort!!!!). Fasst man ihn "exoterisch" auf, muss man zu dem Schluss kommen, Jesus meine die Verhaltenscodizi aus der Thora. Die SIND auch gemeint. Aber nicht zuförderst. Denn all diese "Gebote" sind ja nur Ausdifferenzierungen des "Gesetzes". Und das ist das Gesetz des Säens und Erntens. "Exoterische" Christen hat dieser Satz schon wahnsinnig gemacht. Weil er scheinbar der Theologie der Gnade widerspricht. Tut er aber gar nicht. Er zeigt nur, dass wir das Wirkungsprinzip der Vergeltung nur aushebeln können, indem wir es anwenden (und innerhalb dieser Gesetzmäßigkeit die Schulden vergeben). Das heißt "Nicht auflösen, sondern erfüllen"!!!

 

Zurückkommend zur Ausgangsfrage: Gott möchte, dass wir uns aus dem be-rechnenden Weltgeist lösen und alle in seiner vollkommenen Fülle leben, in der alles allen gehört. Er möchte, dass wir uns zu einem Geist der Liebe uns des Schenkens hinwenden. "Gebt, und es wird euch gegeben werden: ein gutes, gedrücktes und gerütteltes und überlaufendes Maß wird man in euren Schoß geben, denn mit demselben Maß, mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden!" Amen, so ist es und so wird es sein in Ewigkeit. Einen frohen Ostermontag!

 

 

Metanoia! Back to Paradise!


 

Als Adam und Eva sich zu schämen begannen, machten sie sich Lendenschurze. Vorher waren sie nackt und schämten sich nicht. Ich denke, mit dieser Nacktheit ist die Nacktheit vor Gott und voreinander gemeint. Sie konnten nichts verbergen, und sie hatten auch nichts zu verbergen. Das macht das (innere) Paradies aus. Dann nimmt man auch Schönes und Schweres gleichsam als Geschenk aus Gottes Hand. Als nun der Zweifel an der Güte Gottes - in Form der Schlange- im Menschen Einzug hält, greift er nach der Frucht der Erkenntnis, und beginnt selber, in Gut und Böse einzuteilen, was zuvor Gott vorbehalten war. Nun hat er etwas zu verbergen.


 

Doch nur, wer vor sich selber und den Mitmenschen ehrlich ist, lebt in einem entspannten Modus (Paradies). Nichts verbraucht mehr Energie, als sich zu verstellen (innere Verkrampfung, Aufwand, die Fassade aufrecht zu erhalten).


 

Ein Grund, sich zu verstellen, kann sein, sich vor Verletzungen schützen zu wollen, denn die Erfahrung des Verletztwerdens tragen wir alle mit uns. Wer sein wahres Ich aber verbirgt, "schützt" sich damit auch vor ehrlicher Begegnung und schönen Erfahrungen.


 

Ein anderer Grund, sich zu verstellen, kann sein, einen anderen übervorteilen zu wollen. Dahinter steckt die Scheinerkenntnis, dass das Gute immer mein eigener persönlicher Vorteil ist. Aber ein Vorteil, der jemand anderem zum Nachteil wird, ist eine traurige Angelegenheit. Viel schöner und befriedigender für beide (Glückshormone!) ist die Herstellung einer Win-Win-Situation. Aus einer solchen Begegnung gehen beide Parteien reich hervor (Energieaufladung bei beiden Parteien). Bei einer Win-Lose-Situation wird einer von beiden übervorteilt und um seine Energie gebracht. Das ist für beide Parteien schlecht. Für den Verlierer, weil er "ausgesaugt" wurde, für den Gewinner, weil er sich schuldig gemacht hat. Das einseitige Suchen des eigenen Vorteils unter Einkalkulierung der Schädigung des Nächsten ist die Sünde. (Teufel = Win-Lose! Oder Lose-Lose, bei Licht betrachtet! Gott = Win-Win!)


 

Im apokryphen Thomasevangelium gibt es eine schöne Stelle, die den Bogen schlägt von der Paradiesgeschichte hin zu einem Ausblick in eine bessere Zukunft.


 

"Jesu Jünger fragten: "Wann wirst du uns erscheinen, wann werden wir dich sehen?" Jesus sagte: "Wenn ihr, ohne euch zu schämen, eure Kleider auszieht, diese Kleider unter eure Füße legt und wie kleine Kinder darauf herumtrampelt, dann werdet ihr den Sohn des lebendigen Gottes sehen, und ihr werdet euch nicht fürchten!"


 


 

An einer anderen Stelle in den synoptischen Evangelien heißt es


 

"Werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Reich Gottes!"


 

Kinder verbergen nichts, Kinder sind offen. Bis sie um das Gesetz des eigenen Vorteils wissen. Das "Wieder-Ausziehen" der Kleider, das Abnehmen unserer Masken würde uns in einen Zustand der Freiheit, der Geborgenheit und des Glücks versetzen, einen Zustand der Übereinstimmung von Außen und Innen. Das ist meiner Ansicht nach mit "Reich Gottes" gemeint.


 

Dazu bedarf es zunächst einer Erkenntnis: Alles ist durchdrungen vom Allgeist (Gott), ja wir selber sind auch der Allgeist, deswegen ist es realiter unmöglich, irgend Etwas zu verbergen. Das heißt: Wir können vielleicht unsere Mitmenschen täuschen, aber nie Gott. Die nächste Erkenntnis wäre, dass wir das auch gar nicht müssen, weil Gott es gut mit uns meint!


 

Paradies wäre: Ein Leben in Offenheit ohne Strategie. Dann geht's einem selber gut und den anderen auch, weil sie einem vertrauen können. Das mangelnde Vertrauen ineinander, die Angst voreinander, ist die große Krankheit. Dahinter steckt auch immer die Erfahrung des Mangels (an Energie) bzw. die Überzeugung, im Mangel zu leben und damit das Empfinden des Mangels. Das Neue Testament hat einen Namen für die Möglichkeit, die Blickrichtung zu ändern: Metanoia. Luther übersetzte es mit "Buße". Damit trifft er aber den Kern der Sache nicht. Korrekter müsste man Metanoia mit "Umkehr" übersetzen, oder noch genauer mit "Umdenken" oder "Die Gesinnung ändern". Jesus sagt: "Metanoia! Denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!" Das Reich Gottes ist meiner Ansicht nach nicht ein Zustand, der irgendwann einmal quasi gewaltsam eingeführt wird, sondern ein Zustand, der immer potenziell vorhanden war und ist. D.h.: Das Paradies war nie weg! Der Mensch ist aus dem Paradies gefallen, weil sein Bewusstsein sich änderte, vom Vertrauen in den Plan Gottes hin zum Misstrauen. Das Misstrauen sagt, es sei nicht genügend Energie vorhanden, und man müsse um Energie schachern und kämpfen. Die Wahrheit ist: Es ist genügend Energie vorhanden. Mehr als genug! Wir müssen nur das falsche (Ego-) Bewusstsein beiseitelegen und uns in Gottes Wirklichkeit (Überfluss an Energie) fallen lassen. Das ist der Zustand des wiederhergestellten Vertrauens. Das biblische Wort "Glauben" heißt nicht, wie millitante Atheisten gerne im Munde führen, "Für wahr halten" oder "Übernehmen von Dogmen", sondern "Vertrauen". Der eigene (Ego-) Tod beinhaltet eine Wiedergeburt in eine Welt der unbegrenzten Fülle und ein Ende des Mangels. Das ist das Paradies und das Neue Jerusalem.


 


 

(gewidmet Siegfried Zimmer, dessen Vortrag "Die Sache mit der Schlange" mich zu diesem Text inspirierte.)


 

Fass mich an die Füße! Ein wenig beachteter christlicher Praxisaspekt

 

Die Fußwaschung, die Christus an seinen Jüngern vollzieht, finde ich ein interessantes Symbol. Obwohl sie nur im Johannesevangelium vorkommt, beleuchtet sie in ihrer Bildlichkeit ein ebenso wichtiges Element der christlichen Praxis wie das Abendmahl. Da wird nämlich das, auf dem wir fußen, worauf wir stehen, was uns durchs Leben trägt (also quasi das Selbstverständnis) gereinigt. Und indem wir es Christus gleichtun, vollziehen wir dies aneinander. Das ist für mich der Doppelaspekt der christlichen Botschaft. Wir lassen den Sohn uns waschen, waschen aber auch einander.

 

Wie kann das in der Praxis aussehen? Nun, ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein unschätzbarer Aspekt des christlichen Weges ist, voreinander die Sünden zu bekennen. Also, ehrlich zu sagen, was man wirklich denkt, wo man wirklich steht und welcher Schweinehund einen noch reitet. Diese Empfehlung aus den Episteln ist keine Nebensache. Und sie dient auch nicht nur der Erleichterung und der Seelsorge! Wir haben es hier vielmehr mit einer spirituellen Handlungsanweisung zu tun.

 

Ein wesentliches Merkmal der Sünde ist die Scham (siehe Sündenfallsgeschichte). Das Evangelium ist ein Versuch, uns wieder wie die Kinder zu machen, nämlich natürlich und schamlos. Dafür muss alles, was in uns verschämt in der Ecke steht, ins Licht gestellt werden. Was uns oft daran hindert, ist unsere Angst vor den anderen. "Was könnte der und der denken, wenn ich da und dazu stehe und es offen bekenne..." Dahinter steht die Überzeugung, die anderen seien ganz anders als man selber. Und natürlich viel, viel besser, reiner, frommer, jesusmäßiger etcpp. In typischen evangelikalen Gemeinden wird ja auch gerne mal dieser Eindruck erweckt. Einer ist frommer als der andere, jeder präsentiert sein Sonntagsgesicht, und wehe, bei irgendeinem zeigt sich ein dunkler Fleck! Dann wird er "in Liebe ermahnt", was nicht selten in der Praxis eine totale Abkanzelung, Rüge und Beschämung darstellt. Mit dieser "Ermahnung" grenzt sich der Ermahner von dem Sünderlein ab und erweckt in ihm den Eindruck, es hier mit einem "besseren Christen" zu tun zu haben. Dieser leider typische evangelikale Weg ist das Gegenteil einer gesunden christlich-spirituellen Praxis und führt zu Doppelmoral, innerer und äußerer Spaltung und einer massiven Manifestation von schlechten Energien. Er führt in die Illusion, alle seien superheilig, nur man selber nicht. Da das aber allen Beteiligten so geht, entfernen sich die Gemeindeglieder immer weiter voneinander, anstatt sich anzunähern, oder gar eins zu werden, wie es dem Ideal entspräche.

Im apokryphen zweiten Klemensbrief ist angedeutet, wie man sich dieses "Bekennen" vorzustellen hat, und wozu es nütze ist. "Denn unser Herr hat selbst geoffenbart, wann das Reich Gottes kommen wird. Wenn zwei ein Einziges sind, wenn außen dasselbe ist wie innen, wenn es bei der Begegnung von Männern und Frauen nicht mehr männlich und weiblich gibt. Zwei sind ein einziges, wenn wir einander die Wahrheit sagen, und wenn in zwei Körpern ohne Verstellung derselbe Geist herrscht. " (2. Klemensbrief in der Übersetzung von Klaus Berger).

 

Mit einem Freund mache ich zurzeit gute Erfahrungen auf dem hier angedeuteten Weg. Wir sind schonungslos ehrlich zueinander, und das witzige ist: Immer wenn wir einen "Schweinehund" auf den Tisch packen, stellen wir fest, dass der andere ihn auch hat. Und, Freunde, ich kann euch garantieren, wenn ihr das mal ausprobieren würdet, würde es mit JEDEM Menschen klappen, egal ob Christ, Atheist oder Sunkist. Der Effekt davon ist, dass man plötzlich erkennt, nicht alleine mit seinem inneren Eber zu sein. Und das allertollste: Die beiden aufgedeckten inneren Eber neutralisieren sich gegenseitig. Alle sind alles. Alle haben alles. Gott ist eins. Und alles. Niemand kann sich von irgendetwas abgrenzen! Auch nicht von Hitler, Stalin, Mohammed oder der AfD. Wer MEINT, irgendetwas, das ihm begegnet, sei er nicht, hat es totsicher mit einer Abspaltung zu tun! Wir sehen die Welt immer durch einen Spiegel, wie Paulus im ersten Korintherbrief schreibt. Der Spiegel zeigt uns UNSER Problem vergrößert und wie eine Karikatur. Das heißt, man sollte eher, ehe man gegen die AfD polemisiert, die AfD in sich aufspüren und gucken, wann und wo man selber intolerant und vielleicht auch fremdenfeindlich ist. (Ich habe auch schon gegen die AfD polemisiert. Und das soll auch keine Wahlempfehlung sein. Aber man kriegt das Spiegelbild nicht weg, indem man draufhaut.) Ich habe an mir selber feststellen müssen, dass mich fremdländisches, lautes Gesabbel in der U-Bahn manchmal stört, und das ist noch das harmloseste Ressentiment, das ich an mir entdeckt habe... Dafür schäme ich mich und ich habe es Gott hingelegt. Nur die Liebe kann heilen. Nur im Licht verschwinden die Dämonen. Nur Ehrlichkeit entlastet. Nur, indem wir bekennen, überwinden wir die Trennungen, die unser Alter Adam gezogen hat. Das Kreuz besiegt nur, wer es auf sich nimmt.

 

Das sich von Gott waschen lassen, ist der erste Schritt. Sich in Liebe einander zuzuwenden und sich gegenseitig den Widerhaken der Sünde aus dem Fleisch ziehen, ist der zweite Schritt. Der christliche Weg ist nie ein Solo-Erlösungsweg. Er ist auf Begegnung und gegenseitige Fürsorge angelegt. Gott begegnet uns nicht getrennt von Menschen in irgend einer höheren Sphäre (was nicht heißen soll, dass es die nicht gibt!). Er begegnet uns im Mitmenschen. Und nur, wenn wir nicht verurteilend aufeinander draufhauen, sondern uns gegenseitig mit dem Balsam der Liebe und der Empathie versorgen, können unsere Wunden heilen, und der "böse Geist" fährt aus. Kein noch so "sündiges", schädliches Verhalten kommt aus dem Nichts. Erst, wenn wir versuchen, den Menschen hinter diesem Verhalten zu verstehen, anerkennen, dass er aus einer inneren Not heraus so handelt und ihm die Liebe und Annahme zukommen lassen, die ihm an diesem Punkt fehlen, kann die dahinterliegende Wunde heilen und das Symptom des "sündigen Verhaltens" kann verschwinden.

Die Füße garantieren unseren Stand in der Welt und sind gleichzeitig total sensible, zarte Körperteile. Beim Sex die Füße einzubeziehen, zeigt ganz viel Nähe, Geborgenheit und Vertrauen. Und die Fußreflexzonenmassage hat herausgefunden, dass im Fuß der gesamte Körper mit allen Organen abgebildet ist, und man organische Leiden lindern und heilen kann, indem man die entsprechenden Stellen an den Füßen massiert. Es ist die Zuwendung, die Liebe, die heilt. Jedes Organ, das wertgeschätzt wird, jubelt und freut sich und wird gesund. Desgleichen jeder Mensch. Machen wir es doch wie Jesus und waschen uns zärtlich und liebevoll gegenseitig die Füße.


 

Das Kreuz - entscheidend für das Heil?

 

Joseph Ratzinger schreibt in seinem ersten Jesus-Buch, alle Gleichnisse Christi verwiesen auf das Kreuz, durch alle davon würde das Kreuz hindurchschimmern. Ich sage nun: Nein, das tut es nicht! Dass uns das so vorkommt, hat nur damit zu tun, dass wir aufgrund unserer Prägung den Bindestrich zwischen Gleichnissen und Kreuz ziehen. In den Gleichnissen Christi geht es DE FACTO um das Reich Gottes, um den Weg der Liebe, um die gute Saat, um Barmherzigkeit, um den Verzicht auf Gerichtsbarkeit, um den Erlass von Schulden und vieles, vieles mehr. Nirgends geht es jedoch um Selbstaufopferung, Tod eines "Alten Adam", Transfiguration oder ähnliches. Das ist Fakt. Das letztgenannte in die Gleichnisse hineinlesen zu wollen, erfordert schon ein gewisses Maß an Brachialgewalt. Und der Satz "Verleugnet euch selber und nehmt euer Kreuz auf euch" ? Der gehörte nicht zu den Quellenlogien, und ist überdies falsch übersetzt. Die aramäischen Quellentexte offenbaren, dass es heißen muss "ERKENNT euch selber"!


 

Ich gelangte schon in meinen mittleren Zwanzigerjahren beim Lesen der Logienquelle und des Thomasevangeliums zu der erstaunten Erkenntnis, dass in beiden Texten die Passionsgeschichte fehlt (wie übrigens in vielen apokryphen Evangelien). Im Mittelpunkt, neben der Versuchungsgeschichte und den Heilungs-und Zeichentaten Christi stehen hier die Gleichnisse vom Reich Gottes. Im Thomasevangelium fehlen auch die Heilungs-und Zeichentaten. Diese Erkenntnis nahm ich hin, bewegte sie aber nicht groß in mir. In den folgenden Jahren jedoch, in denen ich den "christlichen" Weg beschritt, fragte ich mich immer wieder leise: "Ist es wirklich das Kreuz, an dem das Heil hängt? Bin ich nicht schon ein schlimmer Antichrist, wenn ich das negiere? Das Kreuz ist doch das Zentrum! Aber ist es das WIRKLICH?" So gingen die Gedanken hin und her. Und irgendwann wurde es mir zur Gewissheit: nein, das Kreuz ist nicht das Zentrum. Vielleicht ist es sogar irrelevant für das Heil. Ich konnte diese Gewissheit weder begründen noch beweisen, aber ich spürte: Es ist wahr.


 

Beim Lesen des Neuen Testamentes wird klar: Es ist Paulus, der die Kreuzestheologie entwickelt und ausformuliert, in den Evangelien klingt sie allenfalls an. Natürlich sind die Paulusbriefe älter als die Evangelien, jedoch nicht älter als die Quellen der Evangelien! Ich sage hier deutlich: Trotz meines intensiven Studiums von historisch-kritischer Sekundärliteratur bin ich kein Theologe. Ich folge in erster Linie meiner Logik, meinem Sprachempfinden und dem, was sich aus den biblischen Texten (und den Apokryphen) von selbst ergibt. Wenn jemand hier meine Vermutungen auf sichere theologische Füße stellen oder schlüssig widerlegen kann, bin ich dankbar.


 

Wir sehen uns mit der Tatsache konfrontiert, dass die Passionsgeschichte, die in der Logienquelle fehlt, sowohl in den synoptischen Evangelien, als auch bei Johannes auftaucht. Und noch eines ist hochinteressant: Die Passions-und Kreuzigungsgeschichte ist es, in der es zwischen den drei Synoptikern insgesamt die wenigsten Abweichungen gibt, alle anderen Erzählungen differieren mal mehr, mal weniger stark. Aber jetzt kommt der Oberhammer. Sogar bei Johannes, dessen Evangelium ansonsten formal und inhaltlich KOMPLETT von den Synoptikern abweicht, ist die Passions-und Ostergeschichte nahezu identisch, teilweise bis in den Wortlaut hinein! Wen das nicht in Erstaunen versetzt...also, ich weiß nicht!


 

Mich bringt dies zu folgender Vermutung: Es ist naheliegend, dass Johannes und den Synoptikern, was das Leben und Wirken Christi angeht, jeweils unterschiedliche Quellen vorlagen, den Synoptikern untereinander ähnliche, Johannes eine komplett andere (wir dürfen auch gerne annehmen, dass das Johannesevangelium eine freie, vorbildlose religiöse Dichtung ist, was keinesfalls als Abwertung gemeint ist!). Jedoch bei der Kreuzigungs-und Ostergeschichte hatten beide offenbar die gleichen Quellentexte vorliegen. Zwar weicht Johannes auch hier sprachlich oft ab und reichert die Geschichte mit gewissen Eigenheiten an, aber in Form, Inhalt und Abfolge ist der Text identisch, was sonst bei Johannes nirgends der Fall ist (Ausnahme ist noch die Brotvermehrung!). Wir kommen also zwingend zu der Schlussfolgerung, dass es zwei Quellenblöcke geben dürfte. Der eine Quellenblock umfasst das Leben und Wirken Christi, der andere Quellenblock erzählt die Passionsgeschichte. Vielleicht ist die Passionsgeschichte sogar ein eigenes Werk mit eigener Symbolik, die man inhaltlich und von der Herkunft her von den anderen Geschichten getrennt denken muss. Auch hier ist es lediglich wieder die Theologie des Paulus und seiner Schüler, die beide Hälften amalgiert und durch (fragwürdige) rote Linien und Schlussfolgerungen zu einem Ganzen macht. Paulus verändert eines gravierend: Er nimmt das Reich Gottes aus dem Zentrum des Evangeliums und stellt das Kreuz dorthin.


 

Torsten Hebel brachte mich darauf, dass Jesus ja bereits, als er seine 12 Jünger losschickt, ihnen aufträgt: "Predigt das Evangelium!". Torsten warf ein, dass dann aber das Evangelium nicht darin bestehen könne, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist und unsere Sünden getragen hat! Denn das war ja noch Zukunftsmusik! Wenn dies aber nicht Inhalt des Evangeliums ist, welches die Jünger predigen sollten...was war es dann!? Dass Jesus für uns sterben WIRD? Nada. Der Inhalt des Evangeliums, sowohl in den Predigten Jesu, als auch der Jünger war: "Kehret um (zur Liebe), denn das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen." Ist mit dem Reich Gottes der Gerichtstag gemeint? Man kann es so interpretieren. Dieser ist bis heute nicht gekommen. Was heißt dann aber "nahe", und wieso ruft Jesus es seinen Zeitgenossen zu?


 

Das Reich Gottes, wie es in den Gleichnissen dargestellt wird (und ich nehme hier die Apokryphen hinzu), ist ein Zustand, der sich einstellt, wenn man den Gegensatz zwischen Innen und Außen aufhebt, d.h., wenn meine innere Wahrheit oder Selbstwahrnehmung mit dem übereinstimmt, wie Gott mich sieht und wollte, d.h.: Wie ich WIRKLICH bin. Selbst noch in den bereits stark modifizierten biblischen Evangelien schimmert durch, dass das Reich Gottes nicht etwas Kommendes ist, sondern etwas in der Potenz bereits Vorhandenes. (Das Reich Gottes ist bereits über die Erde ausgebreitet, schon unter euch, etc.). Ich denke, es ist ein Zustand, meinetwegen in der Ideenwelt, der bereits da ist und immer da war (Das Paradies war nie wirklich weg!). Es ist lediglich am Menschen, diesen Zustand aus der Potenz in die Verwirklichung zu holen. Und das geht, indem ich mich ihm öffne. Indem ich vom Richtgeist zur Barmherzigkeit und von der Gleichgültigkeit zur Liebe finde. Genau dies und nichts anderes ist die frohe Botschaft des Evangeliums! Nämlich: Ihr könnt jetzt schon, und jederzeit im Reich Gottes leben, WENN IHR NUR WOLLT! (In Jens Böttchers schönem Stammcafelied heißt es: "Die Lösung ist greifbar, wenn ihr anfangt zu lieben!"). Es geht um ein diesseitiges Reich Gottes! Um ein liebevolles, heilsames Umgehen miteinander! Nicht darum, dass ich irgendwelche "Schuld" an irgendeinem "Kreuz" ablade und mich danach weiter verhalte wie die Axt im Wald!!!!!


 

Dies ist Inhalt der Evangelien. Der Inhalt der Kreuzigungsgeschichte ist ein anderer, nicht minder Wertvoller. Und natürlich haben Beide in einem größeren Rahmen miteinander zu tun!!! Und dennoch ist es falsch und prinzipiell sogar unredlich, diese beiden offenbar getrennt voneinander entstandenen Geschichten in den Zusammenhang einer logischen Folge oder fortlaufenden Erzählung zu bringen und daraus eine kohärente Theologie zu basteln! Die sich im Praxistest der christlichen Jahrhunderte als überhaupt nicht segensreich herausgestellt hat!!!


 

Fazit: Das Kreuz, wie es in der konsequent materialistischen Auslegung der Kirche verstanden wird (d.h.: irgendwann mal ist irgendeiner an unserer statt gekreuzigt worden und daher haben wir jetzt einen schönen Freibrief, wenn wir immer wieder beichten "Katholische Variante"...daher wird uns nun Gottes Gnade zuteil "Evangelische Variante"... daher müssen wir selber immer erneut ans Kreuz, um uns zu heiligen "evangelikale Variante"), ist NICHT Inhalt und Zentrum des Evangeliums. Warum es das aber DOCH ist, und wie ICH die Kreuzigungsgeschichte mittlerweile verstehe, das erfahrt ihr in der nächsten Folge. Bleibt am Ball. Nicht am Kreuz.


 


 


 


 

Das Kreuz und die Überwindung der Trennungen


 

Naaa? Schon gespannt?


 

Die Passions-und Kreuzigungsgeschichte ist, ebenso wie die Gleichnisse Christi, offenbar ein Wegweiser zum Reich Gottes. Nur wird hier von einem anderen Standpunkt aus draufgeschaut. Es wird hier gezeigt, was notwendig ist, um in den Zustand des Reiches Gottes eintreten zu können. Nochmals: Das Reich Gottes ist für mich weder ein kommender, noch ein jenseitiger, sondern ein potenziell bereits vorhandener, diesseitiger Zustand. Die Fülle dieses Zustandes können wir erleben, wenn wir den Gegensatz zwischen Innen und Außen aufheben, wie es im Thomasevangelium heißt. Dafür muss der Alte Adam sterben, damit Platz in uns wird für unser göttliches Sein, für die Art, wie Gott uns sieht, dafür, wer wir in Gott sind.


 

Was ist nun der Alte Adam? Adam war im Alten Testament der exemplarische Mensch ("Adam" bedeutet "Mensch"), der im Laufe der Erzählung durch einen Erkenntnisakt ein polares Bewusstsein entwickelt. Er trennt nun zwischen Ich und Du, zwischen Gut und Böse. Ich glaube nicht, dass dies "real" stattgefunden hat, mit einer sprechenden Schlange und einem Biss in eine Feige (Obwohl das Bild genial ist im Deutschen. Denn dieser Biss machte den Menschen verschämt und "feige"!) Ich glaube, dass Adam wirklich ein exemplarischer Mythos ist, der stellvertretend für die ganze Menschheit steht. Was wirklich zur Ausbildung eines polaren Bewusstseins geführt hat, ein Trauma, das Ausdifferenzieren des Gehirns oder whatever - klar ist, dass der Mensch mit diesem Bewusstsein aus dem Zustand der Einheit und damit des Paradieses fällt. Er wird mit diesem trennenden Bewusstsein fähig, in bestimmter Weise zu agieren, als Individuum, er wird ein "Ich bin", wie Gott. Aber dieses trennende Bewusstsein zieht auch alle Schwierigkeiten mit sich, die das irdische Dasein bietet: Konkurrenzkampf, Feindbildung, Parteiung und Projektion (Die Bösen sind immer die anderen). Alleine das Wieder-Eintreten in den göttlichen Zustand kann helfen, diese Probleme zu lösen. Witzig: Man wird Mensch (Geschöpf), wenn man so sein will wie Gott. Man wird (eins mit) Gott, wenn man anerkennt, dass man (nur) ein Mensch (Geschöpf) ist. Ratet mal, welcher Satz Jesu mir dazu einfällt...


 

Der Alte Adam ist also das trennende Bewusstsein, welches uns von unserem göttlichen Sein scheidet. In den Predigtreden Jesu weist dieser den Weg der Überwindung dessen darin auf, dass wir nicht mehr richten (urteilen) sollen. Denn wir sind in Wirklichkeit immer alles. Damit ist alles, worin wir andere anklagen, auch eine Anklage gegen uns selber. Und jedes Urteil, das wir über andere fällen, trifft uns selber. Wenn wir nun weder richten, noch fluchen, sondern annehmen (lieben) und segnen, nähern wir uns dem eigenen Heilwerden an und gelangen immer mehr ins Reich Gottes.


 

In der Passionsgeschichte wird Jesus, der zweite exemplarische Mensch, verhöhnt, gegeißelt und verurteilt. Die Menschen erkennen nicht, dass er das wahre Ich, das wahre Selbst repräsentiert, das noch so ist, wie sie alle sein müssten, nämlich in Einheit mit Gott ("Ich und der Vater sind eins"). Obwohl dies wahrscheinlich eine historische Komponente hat, begreife ich auch dieses Geschehen mittlerweise als Mythos. Die Verhöhnung und Geißelung des wahren Selbst findet im Menschen - in mir - statt. Ein vergleichbarer Mythos ist das Märchen vom Aschenputtel. Die bösen Stiefschwestern der Bibel sind der Jesus Barabbas, der an Christi Stelle freigelassen wird und weiter frei schalten und walten darf. "Jesus bar Abbas" heißt "Jesus, Sohn des Vaters". Damit ist Barabbas eigentlich eine Verhohnepiepelung Christi, ein Anti-Jesus, ein Bild für das niedere Selbst, das als Zelot noch gewalttätig gegen die "Feinde im Land" vorgehen will. Die breite Masse wählt ihn und gibt das wahre Selbst der Kreuzigung preis. Das wahre Selbst ist aber die Liebe, das einzige, das uns retten kann. Pilatus weist das Volk ein letztes Mal darauf hin, indem er ausruft: "Ecce Homo, Siehe:der Mensch!" und sie fragt: "Soll ich wirklich euren König kreuzigen lassen!?" Die Menschen aber wollen das wahre Selbst nicht und fordern die Hinrichtung.


 

In der Kreuzigungsszene vergibt das wahre Selbst, dass es hier geschlachtet wird. Dass die Menschen allem folgen, aber nicht der Liebe. Allem, aber nicht dem, was sie wirklich sind. Es kommt eine Finsternis über das Land von der 6. bis zur 9. Stunde. In dieser Periode vollzieht sich die Wandlung, ja quasi Umkehrung der 6 zur 9 (In der Zahlenmystik steht die 6 für Sünde und Unvollkommenheit, die 9 für höchste Vollkommenheit.) Jesus erlebt den "toten Punkt", die größte Gottesferne, und ruft: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Was wieder ein Psalmenzitat ist, und ein Symbol dafür, dass Jesus immer "Zeichen und Fleisch" zugleich ist. Hier wird auch die Einheit des Vaters mit dem Sohn in Frage gestellt.) Das ist der Moment, in dem der alte Adam stirbt, das weltliche, fleischliche Ego, das trennende Bewusstsein, und in Folge dessen zerreißt der Vorhang vor dem Tempelallerheiligsten von oben nach unten. Womit Gott nun offenbart ist und es keine Trennungsgrenze mehr gibt.


 

Die Auferstehung Christi in einem verherrlichten Leib zeigt uns, dass wir ihm nachfolgen können in seinen Tod und mit ihm auferstehen können. Dann regiert wieder das wahre Selbst in uns, die Liebe, die Einheit, die Versöhnung der Gegensätze.


 

Somit ist DOCH das Kreuz das Zentrum des christlichen Glaubens. Oder vielleicht sollte man sagen: Die Überwindung des Kreuzes.


 

Die Frau am Brunnen

 

Schon lange trage ich mich damit, die Geschichte von Jesus und der Sameritanerin am Jakobsbrunnen einmal in einer mir sehr einleuchtenden Auslegung zu posten. Nun fühle ich, dass der Zeitpunkt da ist. Diese Auslegung ist nicht meine, sondern ich verdanke sie meinem Freund Michael Kuschnefsky. Ich finde sie indes so genial und zutreffend, dass ich sie hier gerne stellvertretend für ihn in Worte fassen möchte. Danke, lieber Michi, dass du mir dies erlaubt hast. Denn die Auslegung ist einfach zu gut, um sie zu verbuddeln.

Hier die Geschichte in der Lutherübersetzung (die sich nach reiflicher Prüfung wieder mal als die Beste erwiesen hat...):

 

"Da kam er (Jesus) in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.

Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen.

Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.

Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh.

 

Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Spricht er zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast richtig gesagt: »Ich habe keinen Mann.« Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

 

Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.

Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir aber wissen, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

 

Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."

 

In dieser Erzählung scheint es Michi und mir um die Quelle zu gehen, aus der ein Mensch schöpfen muss, um frei von (irdischen) Abhängigkeiten zu werden, in die Lage zu kommen, dass der Durst seiner Seele gestillt wird, und er zum Leben findet.

Es ist interessant, dass sich diese Begegnung in der Stadt Sychar abspielt. Erstens, weil dies nach jüdischem Verständnis Diaspora ist, also ein Ort, der jenseits des natürlichen Heilsbereich Jahwes liegt, zweitens, weil der Name "Sychar" im Deutschen "Rauschtrank" bedeutet, also ein Getränk, das einen zwar high macht und die Sorgen vergessen lässt, das aber den Durst nicht stillt.

 

Außerdem fällt auf, dass sich die Sache zur 6. Stunde abspielt. 6. Stunde heißt Mittagszeit, Sonne auf dem höchsten Stand und brüllende Hitze. Und in der Zahlenmystik steht die 6 für den denkbar unerlöstesten Zustand. Darin kann man wieder eine der wunderbaren, biblischen Paradoxien erkennen. Die Sonne, der Sohn, das Licht, die Erkenntnis ist auf dem Zenit...und der Mensch ist tief in der Grütze. Beides bedingt einander. Beides muss sich jetzt und hier begegnen.

 

Der Mensch, der hier auf Jesus trifft, ist eine Frau, steht also symbolisch für das empfangende/empfängliche Prinzip, gleichwie auch für das gebärende Prinzip, also für das, was das Empfangene umwandeln kann in eine neue Schöpfung (wie auch die Jungfrau Maria und die Frauen am Ostergrab).

 

Es ist Jesus, der hier den ersten Schritt macht. (Wie es halt in der Regel so Gottes Art ist ;) ) Und er stellt sich höchst cleverer Weise auch nicht als der Gebende vor, sondern als der Bittende. ER ist es, der die FRAU um etwas zu trinken bittet. By the way. Obwohl ich mal so gar nichts von strategischer Kommunikation halte, ist dies ein guter Weg, um Herzen zu öffnen. Sich klein zeigen und selber bitten, statt sich als den Gebenden zu präsentieren.

Bereits an dieser Stelle zeigt sich, dass genügend irdische Modi gegen diese Begegnung sprechen. Erstens: Er ist ein Mann, sie eine Frau. Zweitens: Sie gehören unterschiedlichen Volksgruppen an, die eigentlich nicht miteinander verkehren dürfen. Drittens: Es schickt sich nicht, dass eine Frau für einen Mann Wasser schöpft, und Jesus hat keine Schöpfkelle. Also könnte man nun nach rein irdischen Maßstäben und Gepflogenheiten bereits hier einen Punkt setzen und durstig wieder auseinander gehen. (Wichtig scheint mir auch zu sein, dass die Frau die Tiefe des Brunnens betont ( Es scheint um die Unauslotbarkeit der menschlichen Seele zu gehen).

Aber nun geht Jesus zum Angebot über. Er erzählt der Frau, dass er ein Wasser für sie hätte (wenn sie erkennen würde, wer er wirklich ist!!!) , das ihren Durst für immer stillen könne und sie zudem selber zu einer Quelle machen würde. Natürlich wird die Frau da hellhörig. Denn Durst ist ihr Thema. Durst nach Leben. Und was macht Jesus? Wie üblich ziemlich komische Ansagen. Er bittet sie, ihren Mann zu holen. Dann kommt ziemlich schnell heraus, dass die gute Dame bereits 5 Männer verschlissen hat, und wer sich mit dem damaligen Scheidungsrecht auskennt, dem ist auch klar, dass die Dame ihre Jungs unter die Erde gebracht hat, wie auch immer wir uns das denken müssen. Und nun scheint sie gar einen Freund zu haben, mit dem sie ÜBERHAUPT NICHT verheiratet ist.

 

Ab diesem Punkt der Geschichte erkennt die Frau Jesus als Prophet Gottes und ab diesem Moment verändert sich die Gesprächsebene zwischen den beiden. Nämlich, sie transponiert sich auf eine spirituelle Ebene, die die Unterhaltung von Jesu Seite aus die ganze Zeit hatte. Die Frau hatte aber bis jetzt die Unterhaltung auf einer rein materiellen, irdischen Ebene verstanden, also, als ginge es um ein buchstäbliches Bitten um Wasser aus dem Jakobsbrunnen. Nun ist ihr die Blindenbinde um die Augen gelöst, sie erkennt, dass der, den sie vor sich hat, ein Botschafter Gottes ist, und kann ab jetzt das Gespräch auf derselben Ebene fortsetzen, auf der Jesus es führt.

 

Traditionelle kirchliche Ausleger glauben, dass der Punkt, den diese Geschichte machen will, der ist, dass Jesus die Sameritanerin eines sündigen Lebensstils überführt, von dem er auf natürliche Weise gar nichts wissen kann, und dass sie von dieser Gedankenleserei derartig beeindruckt ist, dass sie zu dem Schluss kommt, der Mann vor ihr könne nur ein Prophet sein.

Diese Deutung haut, wie die meisten kirchlichen Deutungen, haarscharf, aber dafür äußerst saftig und folgenschwer am Ziel vorbei. Mit der traditionellen Deutung wird GERADE die KERNAUSSAGE der Geschichte NICHT erfasst und man bleibt auf einer rein phänomenologischen Ebene. Das ist viel schlimmer und folgenschwerer, als es zunächst scheint. Denn hier geht es um mehr, als um theologische Haarspaltereien. Hier geht es darum, ob ich über diese Erzählung den Entry in Gottes Reich schaffe, oder nicht. Und das ist kein Pillepalle. Wenn wir bei der traditionell fundamentalistischen Lesart bleiben, scheint es so zu sein, dass da jemand etwas konnte, was andere nicht können, und alleine dieses Vorführen von supercoolen Fähigkeiten hätte die Frau derartig geplättet, dass sie zum Glauben gekommen sei. Das heißt: Laut fundamentalistischer Lesart wird die Frau durch einen äußeren "Beweis", durch eine Art "Vollmachtsdemonstration" "bekehrt".

 

Tja, wenn ich in eine Show von David Copperfield oder Hans Klok gehe, bin ich auch völlig geplättet von dem, was die alles "können". Und es sieht auch absolut echt aus. Trotzdem ist alles, was ich da sehe, reiner Taschenspielertrick. Wenn ich mich einfach auf meine Augen verlassen würde, könnte ich ja auch nach einer solchen Show vor David Copperfield niederknien und ihn anbeten. Denn rein phänomenologisch habe ich in diesen anderthalb Stunden genug Beweise seiner überirdischen Power gesehen.

 

Das aber, was zwischen Jesus und der Frau am Brunnen passiert, ist etwas völlig anderes. Sie wird nicht durch eine äußere Beweislage "überzeugt", sie wird durch die Berührung mit dem Göttlichen gewandelt.

 

Das heißt: Die merkwürdigen Ansagen von Jesus über die 5 Männer dieser Frau sind keine Sündenüberführung, sondern mit diesen Ansagen setzt Jesus sein Ansinnen fort, dieser Frau lebendiges Wasser auszuschenken.

 

Das tut er, indem er ihr ihre Wurzelproblematik, ihr falsches, neurotisches Muster aufzeigt, welches sie bisher daran gehindert hat, den Weg zur wahren Quelle zu finden. Neurotische Muster haben alle Menschen. Sie sind Überlebensstrategien. Die weitaus meisten Kinder in der westlichen Zivilisation erleben in ihrer Kindheit Traumata. Man steht dem Verständnis dieser Sachlage im Wege, wenn man sich unter einem Trauma immer gleich etwas so Fürchterliches wie Kriegserfahrungen oder einen sexuellen Missbrauch vorstellt. Das ist nicht der Fall. Ein Trauma ist alles, was uns von unserer natürlichen Lebenskraft wegbringt, von unserem Quell, von unserem eigentlichen Ich. Das können Schläge sein, ein Griff auf die heiße Herdplatte, vielleicht nur unbewusst weitergegebene Demütigungen, die der "Täter" nicht einmal selber bemerkt haben muss, oder das, was man früher "Hänseln" nannte, und was heute auch unter Kindern zurecht den Namen "Mobbing" trägt. Zu meiner Schulzeit wurde dies von den Pädagogen noch mit dem Spruch "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!" abgetan.

 

Wenn der natürliche Weg zur ureigenen Energieversorgung abgeschnitten ist, muss das traumatisierte Kind auf andere Quellen zurückgreifen. Diese finden sich notgedrungen in der Außenwelt. Man stellt sehr bald fest, dass in Apfelsinen, Bäumen und Spaghetti Bolognese zwar 'ne Menge Energie drin ist, aber es reicht nicht aus, um die Tanks zu füllen. Nein: Die weitaus beste und reichhaltigste Energiequelle sind andere Menschen. Und alle neurotischen Strategien, wie vielfältig und variantenreich sie auch sein mögen, dienen nur einem Ziel: Den Mitmenschen als Energiequelle anzuzapfen. Not macht erfinderisch. Und noch klarer ist: Tod macht NOCH erfinderischer. Somit könnte man eigentlich die menschliche Grunderkrankung mit dem Begriff "Vampirismus" charakterisieren. Ob dagegen allerdings Holzpflöcke, geweihte Pistolenkugeln und Knoblauch helfen, wage ich zu bezweifeln.

 

Das Einzige, was wirklich langfristig und tiefgreifend aus dieser Not herausführt, ist die Rückbindung (Re-Ligio) an die Urquelle. Die Urquelle ist Christus. Aber solange man dies nur phänomenologisch, und nicht mystisch begreift und erfährt, ist man noch nicht an der Quelle, sondern lediglich bei einem Bild von der Quelle. Und das Bild kann so schön sein, wie es will. Es allein hat keine Kraft. Das Bild kann mich zur Quelle führen. Aber es IST nicht die Quelle. Und das eben meint die Bibel, wenn sie sagt: "Ihr sollt euch kein Bild machen und keine leblosen Götzen anbeten." Das Entscheidende ist daher, dass der lebendige Jesus in der Seele lebt und aufersteht.

 

Das neurotische Muster der sameritanischen Frau liegt ziemlich klar auf der Hand. Sie bezog ihre Lebensenergie bislang aus ihren Männern. Und immer, wenn ein Mann leergelutscht war und sich die Radieschen von unten ansah, nahm sie sich den Nächsten. Die Frau bemerkte nicht, dass ihre Strategie nicht wirklich zielführend war, aber das haben neurotische Muster so an sich. Solange sie halbwegs funktionieren, merkt man weder, dass die angezapfte Quelle immer wieder tot geht, noch, dass man sich permanent im Kreis dreht.

 

Die Frau befindet sich aber in "ihrer" 6. Stunde. Das heißt, sowohl am Zenit der Erkenntnis, als auch am Nadir ihrer Not. Und das ist der Moment, in der ihr Jesus begegnet. Er begegnet ihr an DEM materiellen Ort, der mit ihrer Not zu tun hat, nämlich an einem Brunnen. Und in der Kombination "Begegnung mit der personifizierten Gottheit an einem Symbol für meinen Knackpunkt" wird die Drehung von der 6 zur 9 ermöglicht. Vom Zustand der tiefsten Unvollkommenheit hin zum Zustand der höchsten Vollkommenheit und Fülle. Vom Mangel zum Reichtum. Vom Soll zum Haben. Vom Minus zum Plus.

 

Jesus ist der verkörperte Jahwe. Das verkörperte "Ich bin, der ich bin". Nämlich sowohl das eigentliche Ich (die Psychologie nennt es "Selbst" in Abgrenzung von "Ego"), als auch das höhere Bewusstsein, und die Art, WIE ICH WIRKLICH BIN, jenseits aller Masken, Verkleidungen und neurotischen Muster. Wenn man eins wird mit diesem Sohn Gottes und damit auch mit seinem Vater, ist man sowohl wieder ganz eins mit sich selber (Sohn), als auch ganz eins mit allem (Vater). Dies ist das Geheimnis. Und trotzdem bleibt man Mensch und fehlbar. Man wird "able" durch die Gnade Gottes, aber man wird nicht "ein Gott".

Die Frau aus Samarien ist ihrem Retter begegnet. . Und auch der Mitgekreuzigte, der Jesus um Vergebung bat, und viele andere mehr. Ihnen ist Jesus, der Gesalbte Gottes begegnet, hat ihnen die Augen geöffnet und ihnen ein neues Herz geschenkt. Ein Herz der Liebe und Barmherzigkeit. Ein Herz, das mit dem Nächsten mitfühlt. Weder der Sauerteig der Pharisäer (das unlebendige Wissen), noch der Sauerteig des Herodes (die Macht) machen satt. Sondern nur Jesu Brot des Lebens. Aber davon reichen schon ein paar Krümel. Nichts materielles kann unseren Hunger und Durst stillen. Nur die tiefe Herzensliebe, die Gott im Stande ist, uns zu geben, weil er unseren Tod auf Golgatha erlitten hat.


 


 

Das Männliche und Weibliche in den neutestamentarischen Apokryphen

 

In den apokryphen Evangelien finden wir viele Stellen, in denen steht, dass zur Wiederherstellung des göttlichen Zustandes das Männliche und das Weibliche sich (wieder) vereinigen müssen. Auf der Ebene der Sexualität können wir das alle gut nachvollziehen, denke ich. Der Orgasmus führt in einen Zustand von Erlöstheit, Liebe und Geborgenheit (Gott ist Liebe) und, wenn es so läuft, wie "Gott" es sich gedacht hat, ist Sex sogar ein schöpferischer Akt. Es entsteht ein Neues durch die Vereinigung von Mann und Weib. Das Problem in unserer (gefallenen) Konzeption ist, dass mit dem Neuen dann nicht das Reich Gottes vollendet ist, sondern das Spiel der Dualität aufs Neue beginnt.... Die Schöpfung des Menschen nach dem Bilde Gottes (als männlich und weiblich, so die korrekte Übersetzung aus dem hebräischen!) ist ein tiefes Geheimnis. Sowohl erschafft Gott den Menschen als Mann und Frau, die sich gegenüberstehen, als auch jeden einzelnen Menschen als Wesen mit männlichen und weiblichen Anteilen. In der Schöpfung sind Männlich und Weiblich voneinander getrennt ,um sich zu erkennen (deutlichst in der Doppeldeutigkeit dieses Wortes gemeint!!! In der Bibel heißt "einander erkennen" miteinander schlafen. Ich meine hier aber auch die andere, uns Heutigen geläufigere Form von "Erkennen") Um etwas erkennen zu können, muss ich ihm gegenüberstehen (Subjekt/Objekt). Wenn ich es aber WIRKLICH erkenne, in seiner Ganzheit, also ihm in LIEBE (!!!) GERECHT (!!!) werde, ist es mit der Distanz vorbei und ich vereinige mich mit dem Erkannten, weil ich es jetzt liebe. Denn alles, was man wirklich aus SICH HERAUS versteht, muss man zwangsläufig lieben. (Das "Aus sich heraus" ist der Blick Gottes) Gott ist nichts menschliches fremd. Denn ER hat es ja geschaffen. Und mehr noch: ER IST DAS GESCHAFFENE! Es ist uns Menschen aufgegeben, unsere Fremdheit, die wir voreinander empfinden, aufzugeben. Jeder Mensch ist ein Puzzleteil, das in meinem Lebenspuzzle noch fehlt. Wenn wir uns gegenseitig erkennen, und dann lieben, puzzelt jeder sein Lebenspuzzle zuende und damit puzzelt sich das große Puzzle des Universums. Es geht darum, seine männlichen und weiblichen Anteile miteinander zu versöhnen. Ver SÖHN en!!! Darum geht es in jedem Individuum. Darum geht es auf der Erde. Darum geht es in der Menschheitsgeschichte. Darum geht es überhaupt. Im Kleinen, wie im Großen. Im Molekül und in der Milchstraße. Bis das Bild nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis wieder so aussieht, wie das Jin-und Jang-Symbol.

 

Thomasevangelium, Logion 22:

 

"Jesus sah kleine (Kinder) ,die gestillt wurden. Er sprach zu seinen Jüngern: „Diese Kleinen, die gestillt werden, gleichen denen, die in

das Königreich eingehen.“ Sie sprachen zu ihm: „Werden wir denn

als Kleine in das Königreich eingehen?“ Jesus sprach zu ihnen: „Wenn ihr die zwei zu einem macht und wenn ihr das Innere wie

das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere, und zwar damit ihr das Männliche und das Weibliche zu

einem einzigen macht, auf daß das

Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich sein wird ,wenn ihr Augen macht anstelle eines Auges und eine Hand anstelle einer Hand und einen Fuß anstelle eines Fußes, eine Gestalt anstelle einer Gestalt, dann werdet ihr eingehen in das Königreich."

 

(Alle Texte dieses Buches "Gnade oder der jesuanische Schuldenschnitt" wurden von Patrick Rabe verfasst. Damit ist der theologische Abschnitt zu Ende. Nun folgt der zweite, literarische  Teil.)


 


 

Gedichte und Geschichten

von Patrick Rabe


 

Mohnblume


 

Ich ging meinen Weg, mich führte mein Stern,

du standest am Rand, ich hatte dich gern.

Du blühtest so rot, der Wind ging so warm,

ich hielt dich für Stunden in meinem Arm.


 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.


 

Ich ließ dich zurück, ich lief in mein Leben,

ich bat dich, mir mein Lebewohl zu vergeben.

Ich folgte dem Stern und ich fand manches Gold,

vergaß auf dem Weg meine Mohnblume hold.


 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.


 

Doch dann kam die Nacht und mein Glück floh dahin,

verloren die Straße, zerbrochen der Sinn.

Ich folgte dem Pfad, doch es schien mir kein Stern,

ich spürte den Tod und den Teufel mich zerr'n.


 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.


 

Da standest du dann ganz plötzlich vor mir,

Glück meiner Jugend, am Wegesrand hier.

Da wusste ich, du bist es, die mir so fehlt,

und ich hab der Blume mich wieder vermählt.


 

Mohnblumenkind, blüh tief in mir,

sei mir mein Feuer, eh ich erfrier.

Wir kaufen ein Haus, eh die Kälte uns frisst,

wo du dann mein Schatz, meine Kornblume bist.


 

Mohnblume stand einst am Wegesrand,

sie war mein Glück, eh ich reiste durchs Land,

sie kehrte wieder, als ich fast abgebrannt,

sie ist die Liebe, die im Leben ich fand.

 

Patrick Rabe


 


 


 


 

Leben 2018


 

Und deine Haare rochen gut nach Abenteuer,

und in der Küche gab's Orangensaft im Glas.

Und deine Mutter lernte spanisch und gab deinem Vater Feuer,

während ich in deinem Duft die Zeit vergaß.


 

Und ich glaube, damals wählte ich ganz klar die Spur des Lebens,

oder wählte jenes Leben etwa mich?

Jenes Leben des Sich-scheu-die-Hände-gebens

und sich küssens, eh die Lust darauf entwich?


 

Keine Schlange störte damals unser selbstgewähltes Eden,

doch das Leben kam dazwischen wasserkalt,

und das Dehnen unsres Weltraums trifft am Ende wirklich jeden,

und ein Universum schafft sich, wenn es knallt.


 

Und nun habe ich heut Nacht ja doch schon wieder wachgelegen

in Erwartung auf den heil'gen Musenkuss.

Für zwei Stunden war er dann zwar auch in meinem Reich zugegen,

aber sagte, dass er weiterziehen muss.


 

Und da folgte ich den Glocken einer Kirche und den Schellen

an 'nem großen, bunten Hippietambourin,

hörte hinter mir zum Abschied noch die Kettenhunde bellen,

fröhlich werd ich meine Straße heimwärts zieh'n.


 

Und Zuhause ist der Duft von deinen Abenteuerhaaren,

und die Küche mit Orangensaft im Glas.

Ach, wie weit, mein Schatz, muss man doch diese Welt umfahren,

bis man wiederfindet, was man einst vergaß.

 

Patrick Rabe


 


 

 

Leichen in Bitterfeld


 

Es gibt den Konsens der Dummen und den Kampf der Kulturen,

es gibt traurige Hühner und auch glückliche Huren,

es gibt goldene, silberne, bronzene Kälber,

die tanzen im Stechschritt stets nur um sich selber,

es gibt Mose und seine geheiligten Tafeln,

und solche, die über Gebote viel schwafeln,

es gibt Sex für viel Bares, doch keine Liebe für Geld,

und es gibt Leichen im Wald hinter Bitterfeld.


 

Es gibt ganze Familien mit den Genen von Kelly,

und Gene trinkt die Grace aus Patricias Belly,

es gibt Züge, die langsam fahr'n, drin sitzt Bob Dylan,

er bricht mit 'ner Predigt Hugh Hefner den Willen,

es gibt Playboys und Playgirls und wenig zu essen,

es gibt Tote in Ghana, von Reinhard Bonnke vergessen,

es gibt Nietzsche, der Gott übermenschlich zerquält,

und es gibt Leichen auf 'nem Sportplatz in Bitterfeld.


 

Es gibt Facebook und Flashmobs, die funkeln wie Blitze,

es gibt Frauen mit leuchtend vergoldeter Ritze,

manche Männer schau'n weg, andere schauen gern zu,

das Ergebnis wird sichtbar gemacht dank Me Too.

Es gibt heulende Hunde und grinsende Katzen,

sie regnen vom Himmel wie fallende Spatzen,

es gibt Fakenews und den, der die Wahrheit erzählt,

und es gibt Leichen im Aldi von Bitterfeld.


 

Es gibt Tode und Teufel und Kürbisgespenster,

die klopfen an Halloween gerne ans Fenster,

es gibt Buddha und Ludda und die Reformation,

es gibt Gott und Allah, mit und ohne den Sohn,

es gibt Kenner des Weines und Kenner des Wassers,

es gibt Liebe, geküsst auf den Mund eines Hassers,

es gibt einen, der wandelt das Bitt're in Süße,

und die Leichen fall'n auferweckt vor seine Füße.

 

Patrick Rabe


 


 


 

 

 

Salbe


 

Ihr habt mir meinen Gott geklaut,

ihr nahmt mir meinen Halt,

ihr habt an meinem Ich gesaugt,

ihr machtet mich fast kalt.


 

Ihr tobtet an der Himmelstür,

ihr wolltet in die Mitt'

des Allerheiligsten von mir,

ihr saht nicht, wie ich litt.


 

Ich hing am Kreuz von eurem Zorn

ward Speise euren Brands,

doch Liebe singt das Lied von vorn,

trotz euren Unverstands.


 

Und pflügtet ihr die Erde mir

und trankt auch meinen Wein,

so werd ich doch kein Rachetier,

kein Dieb und Joker sein.


 

Ich hebe aus den Wassern mich,

erstanden aus der Qual,

und werd ein Phönix sicherlich,

gesalbt auch dieses Mal.

 

Patrick Rabe
 


 

 

 

Alte Sonne


 

Streichel mich, alte Sonne,

willst du nicht meine Freundin sein?

Ein Tag beginnt, ein andrer geht

in deinem milden Schein.


 

Im Herbst liegt Kraft, mein Mädchen,

in deinem Blut fließt rotes Gold,

das schenktest du dem Christuskind,

da lächelte es hold.


 

Die Nacht deckt alle Lande,

die Kerze schenkt uns tröstlich Licht,

wenn du erscheinst, dann neiget sich

die Welt deinem Gesicht.


 

Ich seh dich als den Wanderer,

nicht als den alten, toten Mann,

der noch am Kreuz hängt und kein Wunder

an uns mehr vollbringen kann.


 

Im bunten Blätterweben,

da spielt ein glücklich liebend' Kind,

das trägt kein Weh, kein Herzeleid,

das ist, wie frohe Kinder sind.


 

Willst du nicht meine Freundin sein?

Wir heiraten noch heut, mein Schatz!

Trag einen Brautkranz nur für mich,

bei mir, da ist dein Platz!


 

Streichel mich, alte Sonne!

Willst du nicht meine Liebste sein?

Die Nacht vergeht, der Tag beginnt,

in deinem milden Schein.

 

Patrick Rabe


 

 

 

 

 

Er liebt mich!


 

Ich schmeiß die Ketten weg, er liebt mich

mit großer Zärtlichkeit.

Er hebt mich aus dem Dreck, er liebt mich,

bin ich auch nie bereit,

und könnte der Zerknirschung

noch frönen mancher Stund...

froh ist sein Tischgedeck, er liebt mich

und macht mein Herz gesund!

 

Patrick Rabe


 


 


 


 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Tag der Hoffnung


 

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an,

die Nacht, wo man nicht schlafen kann

und bange Kerzen still entzündet,

endgültig nun ihr Ende findet.


 

Das Schiff zerborsten auf der See,

die Mannschaft klammert sich im Weh

an Rettungsboote und auch Planken,

gesteuert ward das Schiff von Kranken.


 

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an,

wo keine Seele schweigen kann,

man hört sie wieder Psalmen singen,

hört kyrie eleison klingen.


 

Die Horrorclowns im Herrscherthron

sich gegenseitig Krieg androhn.

Das Ego bellt mit Teufelsfratze,

und ein Toupet verbirgt die Glatze.


 

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an,

für jede Frau, für jeden Mann.

Am Ölbaum wächst ein zartes Reis,

zum Trost und zu des Schöpfers Preis.


 

Kommt, lasst die Schatten uns verscheuchen

habt acht auf hoffnungsvolle Zeichen.

Gib, dass die Liebe wir erwählen,

zur Rettung unsrer wunden Seelen.


 

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an,

der in der tiefen Nacht begann.

Die Sonne klärt das Firmament,

sie führt zusammen, was getrennt.


 

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an,

vergesst nicht, was die Liebe kann!

So klammert euch an ihr Erbarmen,

harrt aus bei ihrem Glanz, dem warmen.


 

Es kommt ein Engel in die Not,

vertreibt Dämonen, Angst und Tod.

Aufs Neue fängt das Leben an:

Jetzt bricht der Tag der Hoffnung an!


 

"Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,

so würde ich heute mein Apfelbäumchen pflanzen!"

(Martin Luther)

 

Patrick Rabe


 

 

Wie der Wind


 

Wir sind wie der Wind,

wir sind wie der Wind,

wir sind wie der Tau,

wenn der Morgen neu beginnt,

wir sind Sonnenlicht,

des jungen Tages Kind.

Wir sind wie der Wind,

wir sind wie der Wind.


 

Wir sind wie das Blut,

wir sind wie das Blut,

das an Händen klebt,

wir sind das höchste Gut,

wir geben allen Leben,

entfachen wilde Glut,

wir sind wie das Blut,

wir sind wie das Blut.


 

Wir sind wie das Brot,

wir sind wie das Brot,

der Weizen wächst zum Licht,

das Samenkorn ist tot.

Wir ernähren euch,

wir lindern Hungersnot.

Wir sind wie das Brot,

wir sind wie das Brot.


 

Wir sind wie der Dorn,

wir sind wie der Dorn,

wir sind Zaungäste der Party,

wir sind nie ganz vorn.

Und unser Lachen fühlt ihr

so wie Jehovas Zorn.

Wir sind wie der Dorn,

wir sind wie der Dorn.


 

Wir sind Tramps und Freaks,

wir sind Tramps und Freaks,

wir singen Songs am Straßenrand,

sind Zuschauer des Kriegs.

Wir sind Galgenvögel,

der Kranz des letzten Siegs.

Wir sind Tramps und Freaks,

wir sind Tramps und Freaks.


 

Wir sind uns bekannt,

wir sind uns bekannt,

auch wenn wir uns niemals jemals

beim Namen ha'm genannt.

Wir gingen durch das Feuer,

es hat uns nicht verbrannt.

Wir sind uns bekannt,

wir sind uns bekannt.


 

Wir sind jedermann,

wir sind jedermann.

Wir fallen so wie alle,

jedoch, wir fliegen dann.

Wir sind Substanz des Teufels,

doch nicht in seinem Bann.

Wir sind jedermann,

wir sind jedermann.


 

für C.S.T.

 

Patrick Rabe


 


 


 

Bruderkuss


 

Willst du mein Bruder sein, dann achte des Grabens nicht, der zwischen uns liegt, sondern schau auf die Brücke, die unsere Herzen verbinden möchte. Wenn du sie sehen kannst, begreifst du auch, dass der Graben ein Trugbild ist und wir schon längst so nah voreinander stehen, dass es zum Bruderkuss reicht.

 

Patrick Rabe
 


 

 

Begegnungen im Frieden

 

Manchmal lasse ich das Grau der steinernen Stadt hinter mir und gehe ins Grüne. Beobachte den Zug der Vögel, schaue treibenden Wolkenstreifen nach, rieche das duftende Gras, lausche dem Zirpen der Grillen, spüre den warmen Wind und die schenkende Sinnlichkeit der Natur. Und dann lege ich mich zwischen die Bäume und atme Vertrauen.

Ich bin dann froh, nicht unter Menschen zu sein. Nicht unter Wesen, die etwas von einem wollen. Die Dinge in einem sehen, die gar nicht da sind. Die einem Vorwürfe machen und vieles nachtragen, aber sich weigern, etwas mitzutragen. In deren verdickter, bennender Energie man sich verfangen kann, in deren Belangen und unstillbarem Hunger man untergehen kann und von ihnen vergessen wird, sobald man verschlungen worden ist.

Doch nicht alle Menschen sind so. Manch einer ist auch wie so ein schöner, grüner Baum. Friedlich, kraftspendend, erdend. Es ist schön, mit solchen Menschen zu tun zu haben. Wenn wir Bäume füreinander sind, können unser aller Blätter frei und froh im Winde wehen, weil unsere Wurzeln sicher in die Erde gegraben sind.

Geborgenheit in sich selbst, Geborgenheit im Anderen, das ist die Voraussetzung für Leben, Liebe und Wachstum. Und die Verletzung kann abfließen, von liebender Hand aus den Hinterzimmern der Seele gesaugt, wie ein umsichtiger Arzt die giftige Wunde von einem in den Fuß getretenen Splitter aussaugt.

Kein Mensch kann dies aus eigener Kraft für einen anderen leisten. Er würde irgendwann an den Dämonen seiner Mitmenschen ersticken. Es braucht eine dritte Kraft. Etwas zwischen dir und mir, das uns beide aushält, uns beide erträgt, uns von einem jenseitgen Punkt her, der doch zugleich diesseitiger nicht sein könnte, öffnet für eine Begegnung, in der Freiheit von unseren Gebundenheiten, in der Freiheit von unseren Waffen. Das ist Liebe.

 

Patrick Rabe

 

 

 

 

 

Das Märchen von Pappiong und Dragonfly


 

Es war einmal ein Land, das nannte man das Land der Schmetterdinge. Es war bevölkert von wunderschönen, buntgeflügelten Wesen, die sehr friedfertig und freundlich miteinander umgingen. Regiert wurde das Land von dem guten König Flying Fish.


 

In einem entlegenen Winkel des Landes, in einer kleinen Hütte, lebte ein Mann namens Pappiong. Er war einst ein Diener am Hof von King Flying Fish gewesen, war aber wegen eines Vergehens in Ungnade gefallen. Seine schönen Schmetterdingsflügel waren in graue Pappe verwandelt worden. Er hatte eine Aufgabe erhalten. Wenn er die gelöst hätte, dürfe er zurück an den Hof kommen, hatte ihm King Flying Fish versprochen. Pappiong war zum Dichter gemacht worden. Sein ganzes Leben drehte sich um Pappe und Papier. Seine Aufgabe bestand darin, das WORT zu finden, das eine Wort, auf dem alles aufbaute. Er schreib nun schon seit Jahren Gedichte, Geschichten und Betrachtungen, er rang um die Vokabeln, aber das eine WORT wollte und wollte er nicht finden.


 

Ein befreundeter Bote vom Hofe besuchte ihn jeden Mond, sein Name war Farbian. Farbian war Pappiongs einziger Freund und Vertrauter. Eines Tages kam Farbian angeflogen und berichtete von Gerüchten im Land. Immer mehr Schmetterdinge bekamen in der Nacht Träume von einem wundersamen Land der Mutigen und der Freien, in das man angeblich fliegen konnte, wenn man "entzündet" sei; so hieß dieses geheimnisvolle Wort, erzählte Farbian dem Pappiong. Auf dem Weg zur "Entzündung" würden die Schmetterdinge von überirdischen Wesen die tollsten Fähigkeiten beigebracht bekommen. Und, so erzählte Farbian, bei einigen hätte "es" schon begonnen.


 

Pappiong merkte interessiert auf. Vielleicht war dies der Weg hin zu dem "WORT", das er suchte? Aber, so stellte er traurig fest, er hatte solche Träume nie. Das musste damit zusammenhängen, dass er ein Verbannter war. Vielleicht würden bald alle Schmetterdinge "entzündet" sein, und nur er würde zurückbleiben und nicht mitfliegen können ins Land der Mutigen und der Freien... Pappiong wurde ganz traurig. Er legte sich abends hin und weinte sich in den Schlaf. Da hatte auch er einen Traum. Er träumte von einem riesigen, unheimlichen, feuerspeienden Drachen, der an einem schwarzen Himmel flog. Pappiong wachte wie gerädert auf. Alle Schmetterdinge träumten von der Entzündung und vom Land der Mutigen und der Freien, und er träumte von bösen Drachen. Ach, er war ein Verworfener mit grauen Pappflügeln, weiter nichts! Trotzig aber suchte er weiter nach dem WORT. Vielleicht gelang es ihm ja doch, die Gnade von Flying Fish zu erringen.


 

Zum nächsten Mond kehrte Farbian wieder. Er berichtete Pappiong, dass immer mehr Schmetterdinge die strahlenden Träume hätten und von den höheren Wesen Anleitung zum Erreichen der Entzündung erhielten. Viele hätten schon erstaunliche, neue Fähigkeiten. Aber es gäbe auch trauriges zu vermelden. King Flying Fish sei schwer erkrankt und sieche dahin. Immer mehr von den Regierungsgeschäften müsse er an Untergebene delegieren. Aber es gäbe auch Hoffnung. Ein junger, aufstrebender Höfling mit besonders bunten Flügeln hätte sich schon mehrmals als Heiler hervorgetan. Er sei ein besonders Begünstigter der höheren Wesen und der Entzündung schon sehr nahe. Sein Name war Dragonfly. Man hatte ihn zum höchsten Berater des Königs ernannt und alle Hoffnung auf Heilung des Regenten in seine Hände gelegt.


 

Als Farbian ging, wurde Pappiong wieder ganz traurig. Sein geliebter King Flying Fish war so krank, und er konnte nichts tun. Denn trotz seines Vergehens von damals liebte er Flying Fish doch heiß und innig. Aber es gab ja einen guten, würdigen Mann an seiner Seite, der ihm helfen konnte. Angeblich mit besonders bunten Flügeln. Traurig betrachtete Pappiong seine grauen Pappschwingen. In der Nacht hatte er wieder einen Traum. Er träumte, der unheimliche Drache verfinsterte den Himmel und flöge über das Land der Schmetterdinge. Dort steckte er alle Wiesen und Wälder in Brand. Schauernd erwachte Pappiong und schrieb weiter seine Gedichte, Geschichten und Betrachtungen, rang und rang um das WORT.


 

Als Farbian einen Mond später wiederkehrte, gab es traurige Nachrichten. King Flying Fish sei verstorben. Er hatte eine Krankheit gehabt, die selbst Dragonfly nicht heilen konnte. Sie hieß das schwarze Fieber. Dragonfly hatte von den höheren Wesen die Warnung erhalten, dass das schwarze Fieber alle bedrohe, die nicht zur Entzündung fänden und dass es nur noch eine kurze Frist sei, bis die Mächte des schwarzen Fiebers das ganze Land der Schmetterdinge zerstören würden. Alle, die nicht die Fähigkeiten gelernt hätten, um ins Land der Mutigen und der Freien zu fliegen, würden vernichtet werden. Da hatte das Volk Dragonfly zum Propheten und neuen König ausgerufen. "Dann gibt es also Hoffnung?" fragte Pappiong. "Ja", sagte Farbian. Aber bald nach seiner Ernennung hätte King Dragonfly bekannt gegeben, dass es im Land der Mutigen und der Freien eng sei und dort nicht genügend Platz für alle sei. Nur die, die ganz nah an seiner Seite blieben und von ihm lernten, würden es schaffen. "Dann halte dich an ihn, Farbian!", sagte Pappiong, "Ich werde wohl dem schwarzen Fieber zum Opfer fallen, denn ich träume immer nur von einem bösen Drachen!" "Du bist trotzdem mein bester Freund!", sagte Farbian, "Ich wünschte, du wärest kein Verbannter und könntest teilhaben an all dieser Herrlichkeit. Ich werde immer an dich denken, selbst, wenn du es nicht schaffen solltest." Pappiong drückte Farbians Hand ganz fest, und begann, bitterlich zu weinen. Die Freunde verabschiedeten sich.


 

In der Nacht hatte Pappiong einen Traum. Er sah den bösen Drachen über das Land der Schmetterdinge fliegen und alles verbrennen. Dann landete der Drache vor den Schmetterdingen und sagte grinsend: "Ich bringe euch die Entzündung, Freunde!" Der Drache öffnete sein riesiges Maul und spie einen Schwall Feuer aus, sodass sich allen Schmetterdingen ihre Flügel entzündeten und sie jämmerlich verbrannten. Dann entfaltete der Drache SEINE Flügel. Es waren wunderschöne, ganz besonders bunte Schmetterdingsschwingen. Erschreckt erwachte Pappiong. Sollte dies ein Wahrtraum gewesen sein? War etwa King Dragonfly der böse Drache? War die "Entzündung" vielleicht gar nichts Gutes, sondern der Tod?


 

Nach einem Mond kehrte Farbian nicht wieder. Da wusste Pappiong, dass es ernst stand. Und er beschloss, seine Versuche, das WORT zu finden, aufzugeben und ins Land aufzubrechen, um die Schmetterdinge zu warnen. Er packte den nötigsten Proviant in einen Rucksack, verschloss seine kleine Hütte und machte sich auf den Weg.


 

Bald, nachdem er seinen Wald verlassen hatte, traf er die ersten Schmetterdinge. Sie machten alle ganz absonderliche Flugübungen, die sie von den höheren Wesen gelernt hatten. Pappiong fragte sie, ob sie neues vom Hofe wüssten. Ja, sagten sie. Ein berittener Bote namens Farbian habe zur Revolution gegen King Dragonfly aufgerufen und die Lüge verbreitet, er sei ein böser Drache und die Entzündung sei etwas Schlechtes. Zum Glück hätte er niemanden hinter sich gebracht. King Dragonfly in seiner Güte habe Gnade walten lassen und ihn lediglich in den Kerker geworfen. Pappiong wandte ein: "Aber wenn Farbian nun recht hätte? Ihr glaubt alle, Profiteure der Entzündung zu sein. aber wenn nun niemand profitiert und alle nur verbrennen? Was, wenn es kein schwarzes Fieber und auch kein Land der Mutigen und der Freien gibt?" Da wurden die anderen Schmetterdinge böse. "Pack dich, du bist doch ein Verbannter! Hau schnell ab, sonst ergeht es dir schlimmer als Farbian!"


 

Pappiong reiste immer weiter ins Land und musste erkennen, dass es sinnlos war, die Schmetterdinge zu warnen. Alle glaubten an King Dragonfly und die Entzündung. Was sollte Pappiong tun? Er war jetzt schon ganz nah am Schloss. Da keimte in ihm ein verzweifelter Entschluss auf. Der Weg zurück zu seiner Hütte war weit, und er wusste jetzt, dass alles verloren war und sowieso alle sterben würden. Er wollte es kurz machen. Er wollte wie ein Kamikazeschmetterding ins Schloss laufen, "Revolution!" schreien und sich töten lassen. Dann wäre es vorbei und er würde sich zumindest den allgemeinen Untergang ersparen.


 

Pappiong hatte das Wäldchen erreicht, welches das Schloss umgab. Er war müde, matt und traurig. Was für ein sinnloses Irrsal war doch sein Leben gewesen! Nichts war ihm je gelungen! Einmal wollte er noch rasten, ehe er in den Tod rannte. Er legte sich an einer Eiche hin und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


 

Nach Stunden unendlicher Dunkelheit erwachte Pappiong, weil jemand seinen Fuß anstupste. Er schlug die Augen auf und erblickte über sich ein wunderschönes Schmetterdingsmädchen. Es hatte ganz gütige, klare Augen. Da war es Pappiong, als taue das Eis um seine Seele. Hoffnung und Leben durchströmten ihn. "Wie heißt denn du?", fragte er. "Ich bin Schönflügel. Und du bist Pappiong, nicht? Wir warten schon sehnlichst auf dich!" "Woher weißt du, wer ich bin, und was heißt "WIR"?" Schönflügel lächelte. "Wir sind eine Gruppe von Schmetterdingen, die Farbian Glauben geschenkt haben. Wir haben alle die überirdischen Übungen aufgegeben und warten auf den Retter." "Den Retter?", fragte Pappiong. "Ja", erklärte Schönflügel, "Farbian hat gesagt, dass er kommen werde. Sein Name sei Pappiong. Und das bist du!" "Ich? Aber ich bin doch nur ein Verbannter!" Schönflügel schaute ernst. "Du bist der einzige, der uns helfen kann, King Dragonfly zu stürzen, ehe es zu spät ist." Ratlos sah Pappiong Schönflügel an. Andächtig bewunderte er ihre schöne Gestalt und ihre bunten Flügel. Was ihn aber am tiefsten berührte, waren ihre gütigen, klaren Augen. Er spürte ein inniges Gefühl in sich, das irgendwo zwischen Traurigkeit, überschäumender Freude und tiefster Zuneigung tanzte. Er hatte sich in Schönflügel...verliebt. Und wie von selber stammelten seine Lippen: "LIEBE ist das WORT!" Da brachen die Fesseln von seiner Seele, und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. er hatte das WORT gefunden. Oder hatte es ihn gefunden? Er zitterte vor Glück, rappelte sich auf und umarmte Schönflügel. "Ich liebe dich!", flüsterte er ihr ins Ohr. "Ich weiß.", antwortete sie mit einem schelmischen Lächeln. "Und jetzt auf! Stürmen wir das Schloss!"


 

Pappiong gab Schönflügel einen Kuss und machte sich auf den Weg. Er verließ das Wäldchen und gelangte auf die Ebene vor dem Schloss. Viele Schmetterdinge strömten hinein. Pappiong war dankbar. So konnte er sich leicht unter die Menge mischen und hineingelangen. Langsam floss der Strom der Schmetterdinge in das Schloss und Pappiong darunter. Sie ergossen sich durch die Gänge und erfüllten bald den ganzen Thronsaal. Dort auf dem Thron saß King Dragonfly, ein bezaubernder Schmetterding mit glänzenden Flügeln. Jetzt erhob er sich und richtete das Wort an die Schmetterdinge im Saal: "Liebe Untertanen! Heute ist ein großer Tag. Die Entzündung steht kurz bevor, und dann werdet ihr alle ins Land der Mutigen und der Freien fliegen. Denn ihr, ihr seid die Auserwählten!" Die Menge klatschte und jubelte. "Nun, da ihr alle beinahe entzündet seid, seid ihr es wert, mich in meiner wahren Gestalt zu sehen!" King Dragonfly warf seine Flügel hinter sich, und aus der Schmetterdingsgestalt schälte sich ein großer, grüner Drache. Die Menge erschrak. "Und jetzt kommt der große Moment.", rief Dragonfly mit dröhnender Stimme, "Ihr werdet alle entzündet!" "Halt, Dragonfly!", rief eine mutige Stimme aus der Menge. Dragonfly zwinkerte ungläubig mit seinen kleinen Drachenäuglein. "Wer wagt es, mir ein HALT zu geben?" "Ich bin es. Der Verbannte Pappiong!" Die Menge teilte sich und Pappiong bahnte sich einen Weg zum Thron, bis er direkt vor King Dragonfly stand. "Was wagt ein pappflügeliger Verbannter die große Stunde der Schmetterdinge zu stören!?", donnerte Dragonfly. "Das ist nicht die große Stunde der Schmetterdinge." , sagte Pappiong ruhig. "Du bist keiner von uns. Du bist ein Mimikriwesen. und du willst nur eines. uns alle vernichten!" Dragonfly lachte schallend: "Abgesehen davon, dass das eine Lüge ist, wie würdest du mich aufhalten wollen?" "Nun.", entgegnete Pappiong, "Ich würde versuchen, herauszufinden, warum du uns vernichten willst. Und ich glaube, ich weiß es." "Ach ja?" rollte Dragonfly gefährlich leise. "Ja", sagte Pappiong, "Weil du das WORT nicht kennenlernen durftest." "Was ist das WORT?", bellte Dragonfly, und aus seinen Nüstern züngelten kleine Flämmchen. Pappiong holte tief Luft. Dann sagte er: "LIEBE ist das WORT!"


 

"Neeeeiiiiin!" ,gurgelte Dragonfly und wurde entzündet. Hellauf brannte das Drachenwesen und zerfiel zu Asche. Fast unbemerkt löste sich aus dem zurückbleibenden Häuflein eine kleine Mimikrifliege, summte auf Pappiong zu und setzte sich auf seine Hand. "Danke, Pappiong", summte sie mit einem winzigen Stimmchen. "Wer bist denn du?" fragte Pappiong erstaunt. "Ich heiße Föhnix!", piepste die kleine Fliege. "Ich bin die wirkliche Gestalt von Dragonfly. Ich war immer eifersüchtig auf euch, weil ihr schöne Schmetterdinge seid und ich nur eine kleine, unscheinbare Mimikrifliege. Aber jetzt weiß ich, dass ihr mich doch so liebt, wie ich wirklich bin!" Zärtlich lehnte sich Föhnix an Pappiong. Dieser lächelte: "Ja, ich liebe dich, Föhnix. Willkommen in der Wirklichkeit!"


 

Im Saal war ein Tumult ausgebrochen. Alle Schmetterdinge liefen chaotisch durcheinander. "Folg mir!", flüsterte Föhnix Pappiong ins Ohr. Die Fliege schwirrte voran und geleitete Pappiong durch das Tohuwabohu ein Stockwerk tiefer, in die Kerkerregion. Und wie jubelte Pappiong, als er dort nicht nur den treuen Farbian wiederfand, sondern auch... den völlig abgemagerten King Flying Fish. "Er ist nicht gestorben!", wisperte Föhnix, "Ich hatte ihn nur weggesperrt." Demütig trat Pappiong auf Flying Fish zu. Er neigte sein Haupt und fragte: "Geliebter King Flying Fish, erinnerst du dich noch an mich? ich habe einmal gegen dich gefehlt." Auf Flying Fish's Gesicht breitete sich ein freudiges Lächeln aus. "Ja", sagte er, "Du bist mein Diener Pappiong. Und ich glaube, du hast die Aufgabe, die ich dir gegeben habe, erfüllt, oder? Du weißt jetzt das WORT?" "Ja", antwortete Pappiong und ging in die Knie. "Das WORT heißt LIEBE!" Zitternd streckte er Flying Fish seine Hand entgegen. Der König ergriff sie. Da geschah es, dass Flying Fish sein Siechtum verlor und wieder zu Kräften erwuchs. Und Pappiongs Flügel verwandelten sich von Pappe in leuchtende Schmetterdingsschwingen. "Danke, mein Retter.", sagte King Flying Fish milde. "Und jetzt folge dem WORT. Ich werde derweilen die Regierungsgeschäfte wieder aufnehmen."


 

Da flogen Pappiong, der treue Farbian und der kleine Föhnix in das Wäldchen, wo Schönflügel und die anderen schon auf sie warteten. Pappiong umarmte Schönflügel und gab ihr einen Hochzeitskuss. Und dann erkannten sie ganz ohne Entzündung, dass es das Land der Mutigen und der Freien doch gab. Es war das Land der Schmetterdinge, in dem sie die ganze Zeit gelebt hatten. Und das auch Platz und Liebe hatte für Fremdlinge wie Mimikrifliegen. Und alle lebten glücklich und zufrieden und mutig und frei.


 

Ende gut, alles gut.

 

 

Patrick Rabe

 

 


 


 

O Bethlehem, du kleine Stadt


 

O Bethlehem, du kleine Stadt,

wie liegst du still zur Nacht,

wirst in dem traumlos-tiefen Schlaf

von Sternenglanz bewacht.

Doch in den Straßen scheint

ein Licht aus Gottes Welt...

und was du fürchtest, was du hoffst,

das wird heut Nacht erzählt.


 

Maria hat geboren

den Heiland aller Welt.

Es schläft das Land, doch Engelhand

wirkt Lieb' am Himmelszelt.

O Morgenstern, verkünde:

der Retter ward gebor'n!

Und Frieden wird auf Erden sein,

zu Gnad' wird Gottes Zorn!


 

Wie still, wie still, wie unbemerkt

beschenkt uns Gott mit Segen!

Pflanzt in die Herzen Himmelslicht,

geht mit auf unsren Wegen.

Die Welt hört ihn nicht kommen,

die arm und sündig ist,

doch wo die Seel' ihn sanft empfängt,

da wohnt der liebe Christ.


 

O heil'ges Kind von Bethlehem,

komm auch zu uns, grad heut!

lass, was verlor'n sei neu gebor'n

zu Gottes Ehr' und Freud'!

Die Engelsschar verkündet

die Botschaft froh und hell...

O komm zu uns, du, unser Herr

und Freund Emmanuel!


 


Übersetzt nach dem alten Christmas Carol "Oh, little Town of Bethlehem" von

Patrick Rabe, © 2017, Hamburg.

 

 


 

Man-Fish


 

Er ist das Sakrament des Lebens,

und er kommt in die Niedrigkeit,

er sagt uns: "Es ist nichts vergebens",

ist unser Licht in der Dunkelheit.


 

Er macht den Körper der Nacht lebendig,

führt ihn zu neuer Herrlichkeit,

bringt ihn zum Tagesanbruch inwendig,

lässt ihn ein Kind sein, wenn sanft es schneit.


 

Oh, ich geh durch die Straßen,

und um mich rum tobt ein wildes Spiel,

aber mir ist zum Spaßen,

ich frag mich: "Fühl ich wirklich, was ich fühl?"


 

Ich sah den Geist des Königs,

nur Spinner sagen, dass er lebt,

folgte ihm auf der Spur des Phönix,

dorthin, wo Graceland sich schön erhebt.


 

Und die Sicherheit sah ihn nicht kommen,

hat ihn zumindest nicht gleich erkannt,

hielt ihn immer noch für den Gärtner,

als er geradewegs vor ihr stand.


 

Und er sagte zu ihr: "Maria!

Was suchst du mich hier in meinem Grab?

Nimm dir den Schlüssel zu MEINEM Garten,

den ich in Händen der Gnade hab!"


 

Oh, ich geh durch den Morgen,

und es schenkt sich das Sakrament,

teilt die Schleier der Sorgen,

dank dem, der mich beim Namen kennt.


 

Patrick Rabe (In Anlehnung an den Song "Walking in Memphis" von Marc Cohn)


 


 

Der Bund


 

Es weist der holde Friedensfinger

hin über Wüste und Gestein,

"Du suchtest mich von Herzen, Ringer.

Du lebst in mir und ich bin dein!

Und Israel erfüllt mein Atem

am Sabbat mit bekränztem Haupt.

Dem Volk, dem treu um mich gescharten,

geb ich den Segen, weil es glaubt.

Und Wanderer, du in den Klüften,

steig nur herauf zum Sonnenschein,

lass locken dich von Blumendüften,

betritt den Garten, komm herein!

Den Schmerz, den Kummer und die Tränen

beruhige ich mit Liebeskraft,

du solltest mich nicht zornig wähnen,

ich bin es, der den Frieden schafft.

Mein Atem stillt den Sturm, und ruhen

kann Kinderherz in Mutters Arm,

an Vaters Hand, in kleinen Schuhen

die Welt erkunden, sicher, warm!

Ich sehe deinen Schmerz, mein Kleiner,

du warst von Menschen oft enttäuscht,

und dennoch führt ein Ruf, ein feiner,

dich hin zu mir, der nach dir heischt.

Das Brot der Liebe sei dir Nahrung,

der Wein der Gnade sei dir Trank,

erfahre Stärkung und Bewahrung,

und stimme ein in Lob und Dank!


 


 


 

Patrick Rabe



© by Patrick Rabe, 2018


 

copyright by Patrick Rabe, 2018. Mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Autors, dies herunterladen und für den Eigengebrauch ausdrucken zu dürfen! Gottes Segen an alle!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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