Manfred Bieschke-Behm

Der Mann Mit dem Regenschirm

Der Mann mit dem Regenschirm - Eine unwahrscheinliche Geschichte

Die Sonne schien, alles war gut. Die paar Wolken am Himmel hielten Carl P. nicht davon ab, seinen täglichen Spaziergang zu machen. Vorsichtshalber nahm er den Regenschirm mit. ‚Wer weiß’, dachte er. ‚Man kann nie wissen’. Er war eine halbe Stunde spazieren gegangen, als es vom Himmel nur so schüttete. Carl P. war froh, nicht ohne Schirm das Haus verlassen zu haben.

So schnell der Regen kam, hatte er sich verabschiedet.

Jetzt stand er an der Bordsteinkante. Er schaute nach oben und anschließend nach unten. Dort erblickte in einem vorbeifließenden Rinnsal sein eigenes Spiegelbild. Seinen Regenschirm, den er aufgespannt und verkehrt herum neben sich abgestellt hatte, entdeckte er nicht. ‚Wie geht das denn?’, überlegte er. ‚Ich bin zu sehen aber nicht der Schirm?’ Während er über dieses Phänomen nachdachte, näherte sich ihm ein pudelnasser schwarzer Kater. Er erschrak, als sich das Tier an seinem linken Hosenbein schubberte. ‚Ob er gekrault werden will?’, überlegt Carl P und beugt sich mit aller Vorsicht zu ihr hinunter. Er will das Tier nicht erschrecken auch nicht von ihr gebissen werden. Argwöhnisch streckt er seine Hand aus und berührte zaghaft seinen Kopf. Die Berührung schien der Katze zu gefallen. Sie schnurrte, machte einen langen Hals, streckte das kleine Köpfen nach oben und sah ihn mit ihren Knopfaugen fast flehentlich an. Während beide ihr Zusammensein genossen, schwamm eine stattliche bunte Feder an ihnen vorbei. Kater und Carl P. verfolgten das Federschiff mit großer Aufmerksamkeit. Während er überlegte, wer der Besitzer der Feder sein könnte, dachte die Katze darüber nach, sie sich zu schnappen oder es sein zu lassen.

Das der schwarze Kater ein besonderes Verhältnis zu der Schmuckfeder hatte, erfuhr Carl P. nie. Euch aber erzähle ich die Geschichte:

Bevor der Himmel alles an Regen herunterfallen lies, was verfügbar war, stromerte der Kater wie so häufig durch Straßenschluchten. Er war wieder einmal auf Abenteuer aus. Bei seiner Tour entdeckte er in einem Wohnhaus in der ersten Etage ein weit geöffnetes Fenster. Dieser Umstand an sich wäre für den Kater uninteressant gewesen. Im Sommer sind viele Fenster geöffnet damit Wärme und Sonne Einzug halten kann. Im vorliegenden Fall war die Sachlage eine andere. Auf dem Fensterbrett zwischen zwei mit reichlich ausgestatteten Blüten versehende Geranienpflanzen, stand ein großer weißer Käfig. Darin saß ein bunter Vogel, der in die Sonne blinzelte. ‚Wie an den Papagei rankommen’, überlegte der Kater.

Ein LKW mit offener Ladefläche fuhr rasant um die Ecke. Genau unterhalb des geöffneten Fensters kam das Auto zu stehen. Zunächst ärgerte sich die Katze darüber. Sie fühlte sich in ihrer freien Sicht beeinträchtigt.

Der Fahrer, ein bulliger mit Latzhose bekleideter Endfünfziger stellte den Motor ab. Er zog den Zündschlüssel und verließ behäbig das Auto. Obwohl der Kater den Vogel nicht aus dem Auge verlor beobachtet er, was der LKW-Fahrer tat. Der ging geradewegs in das Blumengeschäft, das sich unterhalb des geöffneten Fensters befand. ‚Die Gelegenheit sollte ich nutzen’, überlegte der Kater, der plötzlich fand, dass der LKW genau an der richtigen Stelle stand. Mit nur wenig Aufwand sprang er auf die Ladefläche. Pech war, das er zwischen den Speichen eines verrosteten Fahrrades landete. Wie es sich für einen richtigen Kater gehört war der Schreck schnell beigelegt. Das Ziel, sich den Papagei zu holen, ließ alles andere unwichtig erscheinen. Er schüttelt sich und entdeckte hinter dem Führerhaus ein aufrecht stehendes zusammengezurrtes Nadelgehölz. ‚Sieht aus wie ein in die Monate gekommener Weihnachtsbaum, ’, meinte der Kater. Er fragt sich, wo der Ende August herkommt. Zeit, sich lange mit dieser Frage zu beschäftigen, nahm sich die Katze nicht. Sie benutzte den Baum wie eine Leiter und gelang so schnell an das offene Fenster. Oben angekommen, gab es kein Halten mehr. Mit einer Pfote versuchte er, nach dem Vogel zu greifen. Mit den Restlichen war bemüht seine Balance zu halten. Von außen betrachtet war das Ganze eine wacklige Angelegenheit. Egal. Angst hatte keinen Platz. Immer wieder angelte der Kater nach dem bunten Vogel. Der, völlig aus dem Häuschen flatterte ganz aufgeregt hin und her. Ständig versuchte er, der Katzenpfote auszuweichen. In seiner Not gab der Papagei herzzerreißende Töne von sich. Letztendlich gelang es, nicht des Katers Beutetier zu werden. Nicht ganz, muss man ehrlicherweise sagen. Eine lange bunte Schmuckfeder hatte er verloren. Vielleicht hätte der hemmungslose Kater ihm noch eine zweite, oder eine dritte Feder ausgerissen wäre nicht die Frau des Hauses ins Zimmer getreten. Die tobte sofort los, als sie ihren in not geratenen Vogel und den schwarzen Kater sah. „Du blödes Katzenvieh“, schrie sie und eilte mit erhobenen Händen dem Bauer entgegen. Beherzt griff sie sich den Käfig und schloss schäumend vor Wut das Fenster. Von ihr unbemerkt fiel einer der Blumentöpfe hinunter auf den Gehweg. Der Tontopf war nicht zu retten. Er zerplatze in hundert Teile. Nun war es die Katze, die sich erschrak. Ihr drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Sie rutsche ab und blieb irgendwo und irgendwie im Tannenbaume hängen. Zeit, sich zu regenerieren, hatte sie nicht. Die Katze sah, dass der LKW-Fahrer mit einem Geranientopf im Arm den Laden verlassen hatte. Bevor er in sein Auto stieg, stolperte er fast über die vor ihm liegende etwas demoliert aussehende Geranie, an der ein paar Tonscherben klebten. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, dass es auch Geranie für umsonst gibt, wäre ich nicht in den Blumenladen gegangen“, beklagte er und schaute vorsichtig nach oben.

Glaubte der Fahrer, es würden weitere Blumentöpfe vom Himmel fallen? Oder weshalb hatte er nach oben gesehen?

Plötzlich passierte es. Tatsächlich fiel ein zweiter Geranientopf direkt vor seine Füße. Durch das heftige Zuschlagen des Fensters hatte auch der zweite Blumentopf seine Standfestigkeit verloren. Mit etwas Verzögerung war er dem ersten Topf gefolgt. Der LKW-Fahrer hob beide Pflanzen auf. Das beide Tontöpfe zerbrochenen waren, ärgerte ihn. Nun ja, nie ist alles Gute beisammen“, tröstete er sich. Die gekaufte und die gefundenen Geranien legte er auf die Ladefläche. Die Katze im Baum entdeckte er nicht. Nach nochmaligem Blick in Richtung Himmel – man kann nicht wissen – stieg er endlich in sein Auto.

Beim Versuch, eine große Kreuzung zu queren, musste er stark bremsen. Die Katze plumpste aus dem Tannenbaum. Sie landete wieder zwischen den Fahrradspeichen und letztendlich durch einen eleganten Sprung auf dem Bürgersteig. Die bunte Feder folgte ihr.

Und dann kam er, der Regen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Kater und Feder pitschenass waren. Sofort hatte sich am Bordstein entlang ein breiter Rinnsal gebildet. Die Schmuckfeder ließ sich, ohne aktiv werden zu müssen, munter vorwärtstreiben. Der Kater hingegen bedauerte für einen Moment, nicht selbst eine Feder zu sein. Wäre dem so, wäre er ihr gefolgt. Und wer weiß, was aus der gemeinsamen Flussfahrt geworden wäre. Vielleicht hätten sie Freundschaft geschlossen.

Der enttäusche Kater trabte mit triefendem Fell immer am Rinnstein entlang. Das ging solange gut, bis er auf Carl P. stieß, der ein weitertraben verhinderte. Das sich links von dem Mann ein verkehrt herum aufgespannter Schirm befand, war ohne Bedeutung für ihn. Geduldig ließ er sich mit der rechten Hand trockenkraulen. Irgendwann hatte der Kater, genug Streicheleinheiten. Er verspürte Lust auf neue Abenteuern. Mit erhobenem Haupt stolzierte er in die Richtung, aus der er gekommen war. In seinem Kopf hatte sich festgesetzt, zurück zum Haus mit dem Papagei zu laufen. ‚Vielleicht ergibt sich eine zweite Möglichkeit’, überlegte er und war voller Zuversicht.

Obwohl der Kater längst über alle Berge war, machte Carl P. mit seiner rechten Hand weiterhin kraulende Handbewegungen, Dabei beobachtete er erneut sein Spiegelbild und fragte sich, warum er nur sich sah und nicht seinen Regenschirm. Solange er auch darüber nachdachte, er fand keine Erklärung dafür. Schließlich ging er ohne Schirm seines Weges.

SCHLUSSBEMERKUNG: Es gibt Erzählungen, denen fehlt nachvollziehbare Logik. Diese Geschichte ist der Beweis dafür.
 

ENTSTEHUNGSGESCHICHTE: In meiner Schreibgruppe malte jedes Mitglied einen Gegenstand auf einen gemeinsamen Bogen Papier:

Ein Mann mit Regenschirm der sich in einer Pfütze spiegelt – eine Feder – ein Nadelbaum – eine Blume – die Sonne – eine Katze – ein Vogel – ein Fahrrad – ein LKW 

Die Aufgabe bestand darin, alle Gegenstände in eine Geschichte zu verarbeiten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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