Lena Kelm

Die Gedanken sind frei

 

Im Laufe des Tages steigen verdrängte Gedanken hoch an meine ungeliebte Arbeit, ein Telefonjob bei einem Institut für Umfragen. Mir wird schlecht. Mein Körper widersetzt sich. Viel lieber würde ich mich nach dem Mittagessen mit einem Buch nach draußen setzen, an meiner Lebensgeschichte schreiben oder einfach spazieren gehen, doch ich muss zur Arbeit. Ich muss! Ich muss Geld verdienen, um nicht in Altersarmut zu versinken. Ich hasse das Müssen! Ich verabscheue das stupide Telefonieren mit schrecklich einfältigen Menschen, die Fäkalsprache sprechen. Viereinhalb Stunden lang, eine Ewigkeit unter Kopfhörern. Viele Gesprächspartner sind primitiv, beschimpfen mich, andere arrogant oder sie wissen nichts zu sagen außer: interessiert mich nicht! Mich würgt es. Lieber sind mir gleichgültige Leute.

Um diese unangenehmen Gedanken zu verdrängen, gehe ich an diesem schönen Herbsttag vor der Arbeit spazieren. Es ist schön am Alexanderplatz. Alle Sprachen der Welt und junge Leute, shoppend oder an unzähligen kleinen Boutiquen vorbeiflanierend, auf Bänken, Stühlen der Multi-Kulti-Cafés und Restaurants, Indisch, Thai, Spanisch, Italienisch, sogar russischen Borschtsch entdecke ich auf einer Tafel unter türkischen Spezialitäten.

Am Haus Nummer fünf bleibe ich stehen und lege eine Gedenkminute für meine Tante Lenchen Schwitzky ein, die bis 1975 hier wohnte. 1944 wurde sie aus der deutschen Kolonie der Ukraine nach Berlin deportiert. Sie lernte einen Berliner kennen, heiratete und wurde eingebürgert. Sie lud mich ein, doch ihr Wunsch, mich kennenzulernen ging nicht mehr in Erfüllung. 1975 wurde mir die Einreise in die DDR verweigert. 1976 stand ich an dieser Stelle, vor der immer noch leeren Wohnung und gedachte meiner Tante, deren Besuch mir vor ihrem Tod nicht vergönnt gewesen war. Sie starb an Brustkrebs. Auch meines Onkels David gedenke ich, auf dessen Einladung ich 1976 und noch weitere drei Male in die DDR reiste. Heute ist sein Geburtstag. Im April 1989 starb er.

In dieser besinnlichen Stimmung betrete ich das Gebäude des Umfrage-Instituts. Steige die Treppen in die erste Etage hoch und befinde mich in einer tristen hässlichen Halle: graue Stühle, dunkelgrauer Teppich, kahle Wände, weder ein Bild noch eine Blume, Metallstreben an der Decke, zwei Wasserautomaten in den Ecken, im Winter ist das Wasser eiskalt, im Sommer lauwarm. Für das Sprechvieh, wie einer unserer Interviewer treffend bemerkte, das die unfreundlichen Supervisors in uns sehen. Die Interviewer rennen zu den Plätzen. Trotz Verbot gibt es Stammplätze. Manche stehen schon eine Stunde vor Einlass vor der Tür. Wenn sie könnten, würden sie in der Nacht davor Handtücher auf den Stühlen ausbreiten wie am Urlaubsstrand. Einige kommen gekleidet wie fürs Theater, Perlen am Hals, farbenfrohe Kleidung und Lackschuhe, andere lässig, dunkel wie ihre Stimmung. Überwiegend sehe ich alte schrullige Gesichter, selten junge Studenten, kaum ein Lächeln. Auch mir ist nicht danach. Ich sehe mich schon im Altersheim, auf das ich langsam hinsteuere. Mein Geist sträubt sich, daran auch nur zu denken. Ich bin deprimiert und besser wird mir durch die folgenden Interviews auch nicht.

Es ist wie immer. Ich werde beschimpft. Ein älterer Mann schreit wütend, ich soll nicht quatschen, sondern ihm und seiner Frau eine höhere Rente berechnen und nicht den Beamten alles in den Allerwertesten stecken. In diese Halle müsste einmal unsere Kanzlerin kommen. Endlich ist ein interessierter Mann am Telefon. Er nennt drei aktuelle Probleme in Deutschlandaus seiner Sicht: Bildungssystem, Schere zwischen Arm und Reich, Unfähigkeit der Politik, seit Jahren, etwas daran zu ändern. Am Ende des Interviews sagt er: „Sie können immer anrufen.“

Ein Lichtblick! 

Ein vierzehnjähriger Junge beendet das Gespräch mit: „Das war okay, Sie waren nett, die anderen sind nicht so.“

Noch ein Lichtblick. 

Der Tag endet doch noch schön.

 

(Auszug - MONOLOG. Keine Zeit.)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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