Christa Astl

Frühstücksgedanken eines Ehemannes

 

 

 

Er sitzt am Frühstückstisch, wartet auf den Kaffee. Die Zeitung liegt noch geschlossen neben ihm, erst braucht er einen kräftigen Schluck zum Wachwerden.

Er schaut ihr zu, wie sie in der Küche hantiert.

„… Alt ist sie geworden. Schlurft in ihren abgetretenen Pantoffeln übern Boden, als ob sie achtzig wäre, dabei wird sie erst siebzig. Wenn sie sich selber sehen könnte? Dann würde sie sich auch nicht mehr mögen – aber ich muss mir das jeden Tag anschauen.

Diese grauen strubbligen Haare, die noch keinen Kamm gesehen haben, fettig sind sie auch schon wieder. – Wann geht die Frau eigentlich duschen? Sicher nicht wie ich jeden Samstag. Da nützt ihr ein Deo auch nichts mehr. – Einen Friseur bräuchte sie auch wieder einmal. Aber Dauerwellen sind einfach zu teuer. Was wäre, wenn sie sich die Haare färben ließe?  

Das Gesicht ist aufgedunsen, die ganze Figur läuft aus der Form, isst sie denn dauernd, wenn ich nicht da bin? Bei den Mahlzeiten nippt sie ja nur, nimmt sich nur eine Miniportion auf den Teller, alles andere schiebt sie mir zu. Kein Wunder, wenn mir der Bauch wächst, und dann meint sie, der kommt vom Biertrinken? Ich kann ja nicht Wasser saufen! Soll sie doch ihren Fettbauch mal selber ansehen! Den versteckt sie unterm Nachthemd, oder tagsüber unter weiten Blusen, dass man meinen könnte, sie wäre schwanger…

Ihre Augen sind ganz klein, kein Wunder, dass sie zu wenig sieht. Sie bringt sie ja vor lauter Fett kaum mehr auf! Wenn ich zurück denke, grad diese Augen… wie hätte ich mich darin versenken können, so groß, so dunkelblau waren sie, und jetzt?

Rundum lauter Falten und Fältchen, Krähenfüße nennt sie sie. Und die Falten um den Mund? Sind das etwa Lachfalten? Sie lacht ja nicht mehr. Sorgenfalten, was hat die wohl für Sorgen, bekommt ja alles, was sie will. Rund um den Mund hat sie auch eine Menge Falten, besonders wenn sie den Mund so zusammen zieht wie jetzt, wo sie sich auf was konzentriert. Und das Doppelkinn schlabbert dabei. Und einen Bart hat sie bekommen, sollte sich auch rasieren, nicht nur ihre teuren Cremes verwenden, die eh nichts nützen.

Alt ist sie ganz einfach! Könnte aber auch was tun dagegen. Im Fernsehen wird so viel gezeigt, aber das schaut sie ja nicht an. Werbung interessiert mich nicht, sagt sie immer, ich kann mir doch nicht alles kaufen, was die mir einreden. Stimmt auch wieder, vielleicht hat sie doch Recht, da wären wir bald in den roten Zahlen, bei der wenigen Rente, die ich jetzt bekomme. Sollte ich ihr zum Geburtstag einen Kuraufenthalt schenken? Mit Massagen, Gymnastik, allem Drum und Dran? Ach was, ich geb es wo anders aus. Was ich bisher schon erspart habe, weiß sie ja gottlob nicht!

Irgendwann leiste ich mir was, ein Vergnügen, mit einer jungen, hübschen Frau, oder gar mit zwei?! Werde sie nach allen Regeln der Kunst verführen, ich bin doch noch nicht alt! Nur drei Jahre älter als sie, aber was macht das schon bei einem Mann?

So, jetzt wackelt sie endlich daher mit dem Kaffee und dem großen, wieder übervollen Frühstückstablett. Hoffentlich ist der Kaffee nicht inzwischen kalt geworden, als sie Brot, Butter, Käse, Wurst, Aufstriche usw. hergerichtet hat. Langsam geht das alles!  .

„Was soll denn das, ich habe noch kein Messer!“ Wo hat sie denn wieder ihre Gedanken? Vielleicht gar bei einem Anderen? Sie wird sich doch nicht noch verliebt haben? Ist sie deshalb manchmal so abwesend? Aber nein, wer soll so eine schon anschauen? …

Der erste Schluck ist getrunken, ein Brot hat sie mir auch gestrichen, jetzt schlage ich die Zeitung auf, da gibt es Schöneres zu sehen…

 

 

ChA 27.10.17

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