Angela Pokolm

Hüttenzauber

Am Rande des Dorfes, dort wo die letzten Häuser sich in Wiesen, Feldern und schließlich Wald verlieren, stand eine alte Hütte. Der Besitzer, ein armer Bauer, lebte schon lange nicht mehr, und da sich niemand um das einfache Häuschen kümmerte, zog nach und nach die Natur ein. Wind und Regen sangen durch ihre Ritzen, und Gras und andere fleißige Pflanzen wucherten um ihre Tür, die nur noch schief in ihren Angeln schwang. Ab und zu verirrte sich ein Vogelpaar zum Nisten in das Hüttchen oder ein vorbeistreifender Fuchs oder Marder fand hier einen halbwegs trockenen Unterschlupf.

Menschen allerdings kamen nie in die Nähe der alten Hütte. Schon zu Lebzeiten des armen Bauern mieden die Dörfler nach Möglichkeit diesen Ort und seinen wunderlichen Bewohner, der immer von Tieren umgeben war – sei es eine Krähe, ein oder zwei Wildschweine, ein Reh und sogar Fuchs und Dachs waren schon bei ihm gesehen worden, um nur einige zu nennen.

Man stelle sich das vor: Tiere aus dem Wald, die man sonst jagte und vertrieb, gelegentlich auch aß, gingen bei diesem Fretter, der selber nichts zu beißen und zu brechen hatte, ein und aus!

Und so kam es, dass der arme Bauer, der niemandem etwas zuleide tat, mehr und mehr aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt wurde, sein stilles Leben auch (fast) unbemerkt beendete und sein kleines Häuschen der Natur überlassen blieb und schließlich verfiel. Bis – ja, bis etwas ganz Außergewöhnliches geschah.

 

Eines Tages beobachtete ein Bauer, dessen Feld zumindest in Sichtweite der alten Hütte lag, merkwürdige Dinge. Er hatte sich verspätet - die Schleier der Dämmerung durchwoben schon das Land – und wollte sich eben auf den Heimweg machen, als ihm huschende Schatten und immer wieder aufflackernde glühende Punkte auf und um die schiefe Kate herum auffielen. Eine Gänsehaut nach der anderen lief dem Bauern über den Rücken, der wie gebannt auf das Schauspiel starrte. Mit aller Kraft riss er sich von dem unheimlichen Geschehen los, das mit wachsender Dunkelheit immer gruseliger wurde, sprang auf seinen Wagen und hetzte sein armes Pferd fluchend und schwitzend bis mitten auf den Marktplatz des Dorfes.

Dort trat just in dem Moment der Pfarrer aus seinem Haus, um sich zu seinem abendlichen Umtrunk am Stammtisch zu begeben. Vom Wagen zu springen, sich dem geistlichen Herrn in den Weg zu stellen und, von Stottern und tief Luftholen unterbrochen, seine schaurige Neuigkeit hervorzusprudeln, war für den aufgeregten Bauern eins. Es brauchte nicht lange, bis der Pfarrer, dem die alte Hütte und ihr „gottloser“ Bewohner, der in seinen letzten Lebensjahren nie mehr in der Kirche gesehen worden war, schon immer ein Dorn im Auge gewesen war, aus dem aufgelösten Dorfbewohner genau die Geschichte herausbekam, die er hören wollte: Ein Ungeheuer, ja der Leibhaftige höchstpersönlich, hätte sich in der verrufenen Hütte eingenistet und mache sich nun bereit, das ganze Dorf und seine Bewohner zu vernichten!

In kürzester Zeit waren alle wichtigen Leute im Wirtshaus versammelt, solche, die im Dorf etwas zu sagen hatten und noch einige dazu, die immer mehr wurden, wie das bei solchen Ereignissen zu sein pflegt. Man saß oder stand vor seinem Bier und redete und diskutierte und studierte und gruselte sich, und der Wirt machte das Geschäft seines Lebens.

Noch ehe es von der Kirchturmuhr Mitternacht schlug, war der Schlachtplan ausgeknobelt. Gleich in aller Frühe, – hell musste es schon sein, denn im Dunkeln traute sich keiner dem Gottseibeiuns gegenüber zu treten, nicht einmal der Herr Pfarrer, – wolle man sich geschlossen auf den Weg zu der alten Hütte machen und die verrufene Existenz verjagen. Es wäre doch gelacht, ob nicht ehrliche und fromme Christenmenschen, die jeden Sonntag brav in die Kirche gingen, in Begleitung ihres Hochwürden Herrn Pfarrer, es selbst mit dem Teufel persönlich aufnehmen und ihn ein für alle mal von ihrem anständigen Dorfgrund vertreiben könnten!

 

Doch es sollte alles ganz anders kommen.

In der Bierseligkeit und in geselliger Runde wächst so mancher Mut ins Unermessliche und mancher sonst eher schüchterne Tatendrang zeigt sich als geradezu heldenhafte Kühnheit.

So kam es, dass sich ein eher spärliches Häuflein bleicher und von Bierdunst und zu kurzer Nachtruhe gezeichneter Gesichter zum festgesetzten Zeitpunkt versammelte. Angeführt vom Pfarrer, der die Monstranz vor sich hertrug und zwei mutigen Ministranten mit Weihrauchfass und Weihwasserkessel, machten sich die Dörfler auf den Weg zur alten Hütte, unaufhörlich Pater noster und Ave Maria betend und bewaffnet mit allem, was Haus und Hof hergaben, von der Mistgabel bis zum Dreschflegel. Einer hatte sogar eine alte Flinte dabei, an die er – man weiß ja nie – ein Blatt aus der Familienbibel gebunden hatte.

Auch wenn der Pfarrer immer lauter betete und einer der Ministranten sogar ein Wandlungsglöckchen läutete, wurden die Schritte der Dörfler immer zögernder, ihre Pater noster und Ave Maria immer leiser. Ja mancher hatte auf einmal einen Stein im Schuh oder etwas anderes, das ihn aufhielt, je mehr sich die streitbare Gruppe der „Teufelshütte“ näherte.

Als der Pfarrer vielleicht noch 100 Schritte von der alten Kate entfernt war, blieb er erstmal stehen – und mit ihm die ganze Dörflertruppe – und schaute auf das windschiefe Hüttchen, das nun, im Licht der Morgensonne gebadet, wie von einer feinen Aureole umgeben vor ihnen lag. Eine seltsam friedvolle, fast schon feierliche Stimmung durchwob die noch etwas kühle Morgenluft und erfasste auch die Gemeinschaft der noch verbliebenen kämpferischen „Teufelsaustreiber“.

 

In dem Moment wurde die schiefe Tür der alten Hütte aufgestoßen - und ein kleines Mädchen trat heraus in den Sonnenschein. Im Arm hielt sie liebevoll umfangen eine junge Katze. Es war Marie, die 5jährige Tochter des Bäckers, die, das Frühaufstehen gewohnt, gerne auch zu „Unzeiten“ in Feld und Wiese umherstreifte, Tiere über alles liebte und durch ihr sonniges Wesen oft die Herzen der eher kantigen Dörfler mit Freude und Licht erfüllte.

Als Marie ihren Vater, den Bäckermeister, in der Gruppe stehen sah, lief sie freudestrahlend auf ihn zu: „Papa, Papa, ich hab eine Katze gefunden! Sie hat auch Kinder, Junge! Schau mal!“
Der Vater beugte sich zu seinem Töchterchen herunter, hob die Kleine samt dem Katzenkind hoch und drückte beide an sein Herz. Ganz verstohlen zwinkerte der Bäcker mit den Augen, vielleicht eine Träne – ob aus Verlegenheit oder Scham oder vielleicht doch aus Freude über den wunderschönen Spätsommermorgen, ist nicht bekannt.

Angela Pokolm
2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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