Anneliese Leding

Schickeria

Schickeria

Ich war fünfzehn, als meine Mutter starb. Meine drei Brüder waren älter. Max stand mitten im Abitur. Georg befand sich im dritten Lehrjahr in einer Schreinerei. Toni arbeitete als Geselle in der Auto-Werkstatt unseres Vaters.

Paps, der lange Zeit nicht über den zu frühen Tod seiner Frau hinwegkam, stürzte sich noch mehr in die Arbeit. Er baute die Werkstatt zu einer der größten in München aus. Paps verwöhnte mich mit teuren Geschenken und schönen Kleidern. Für ihn war ich die kleine „Prinzessin“. Nur Zeit, die hatte er nicht für mich. Kam ich mit einem Problem zu ihm, lautete die Antwort: „Später, Prinzesschen später.“ Dabei blieb es. Mit Ach und Krach schaffte ich das Abitur.

Auf dem Land hielt mich schon lange nichts mehr. Ich wollte hinaus in die weite Welt. Berlin wurde meine Anlaufstelle. Dort absolvierte ich einen Model-Lehrgang.

Erfolgreich schloss ich die Ausbildung ab. Vor Angeboten aus dem In- und Ausland konnte ich mich kaum retten. Zu Anfang nahm ich alles an. In nur kurzer Zeit füllte sich mein Bankkonto.

Schon in der Schulzeit wurde ich wegen meiner tizianroten Haare und meiner Größe gehänselt. Rote Bohnenstange war noch die harmloseste Bemerkung. Heute lacht keiner mehr über mich. Neidisch schaut man zu mir hoch. Ich aber wollte noch mehr. Der Höhenrausch hatte mich gepackt. Ich wollte berühmt werden. Dafür setzte ich meine ganze Kraft ein. Oft ging es über meine Kräfte. Dann half ich mit Tabletten nach.

Nach Hause fuhr ich nur noch selten. Dahin zog mich schon lange nichts mehr. Meine Welt war die der Reichen und der Schönen.

Ich lernte Peter, einen jungen Theaterschauspieler kennen. Dieser machte mich mit dem Theater vertraut. Die Ruhmsucht hatte mich gepackt. Ich nahm Schauspielunterricht. Ich träumte von der großen Film-Karriere. Man bot mir kleine Rollen an. Unverblümt wurde mir erklärt, dass mein Talent für eine Film-Karriere nicht ausreicht. Enttäuscht ging ich auf den Laufsteg zurück.

Auf einem Event lernte Hauke Herzog, einen bekannten Filmstar, kennen. Hals über Kopf verliebte ich mich in ihn. Wir heirateten, und ich zog in die Villa meines Mannes, die außerhalb von Berlin in einem Nobelviertel lag. Es war seine dritte Ehe. Schon nach kurzer Zeit entpuppte sich die große Liebe als Lüge. Ich war das schöne Aushängeschild meines Mannes. Er sah nicht den Menschen in mir, sondern nur die attraktive Frau. Von Treue hielt er auch nichts. Zum ersten Mal wurde mir klar, in was für einer Scheinwelt ich lebte. Nach nur vier Monaten Ehe zog ich aus. Ein Jahr später wurden wir geschieden.

Nach langer Zeit fuhr ich mal wieder nach Hause. Ich freute mich darauf. Dort hatte ich Zeit und Muße, über mein Leben nachzudenken. In der Werkstatt meines Vaters sah ich Stefan Huber wieder. Mir gegenüber war er sehr distanziert und beachtete mich kaum. Ich mochte seine ruhige Art. Bei den Mädels im Ort, war er sehr beliebt.

Inzwischen war es zur Gewohnheit geworden, dass ich nach Hause fuhr. Ich hatte mich in Stefan Huber verliebt. Immer wenn ich ihn sah, bekam ich Schmetterlinge im Bauch. Leider sprach er nur das Nötigste mit mir. Er hielt mich wohl für arrogant. Das änderte sich erst, als mein Paps krank wurde. Wir waren alle sehr besorgt um ihn.

Ich nahm mir eine Auszeit von Berlin. Zwei Monate blieb ich zuhause und kümmerte mich um meinen Vater. Es blieb nicht aus, dass mir Stefan über den Weg lief.

Wir kamen immer mehr ins Gespräch. Er war ein guter Zuhörer und seine freundliche direkte Art, nicht gerade schmeichelhaft für mich, gefiel mir. Langsam kamen wir uns näher.

Dann aber lud er mich zu einer Bergwanderung ein. Erfreut sagte ich zu. Schon am Wochenende packten wir unseren Rucksack und machten uns auf den Weg. Ich erzählte ihm von dem aufregenden Leben in Berlin. Dabei machte er mir klar, dass er nie in so einer Scheinwelt leben möchte. Seine offene und ehrliche Art gefiel mir. Er war so ganz anders, als die Männer, die ich bisher kannte. Es wurde mir immer mehr klar, dass die High-Society nicht mehr meine Welt war.

Schritt für Schritt löste ich mich von Berlin und den angeblichen Freunden. In der Branche ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt. Der Profit steht an erster Stelle. Ich habe noch rechtzeitig die Kurve gekriegt.

Fuhr ich jetzt nach Hause, freute ich mich auf Stefan. Nach einer langen Irrfahrt hat mein Leben endlich einen Sinn bekommen.
 

© Anneliese Leding

 

 

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