Helga Sievert

Der Nagel

Dritter Anlauf für Anne rechtzeitig vor 19.00 Uhr zuhause zu sein um einen Nagel in die Wand zu schlagen. Jedes Mal war sie ein paar Minuten zu spät gekommen. Dann darf man in diesem Haus keinen Nagel mehr einschlagen, sonst gibt’s Ärger! Aber heute geht’s noch. 18.56 Uhr, vier Minuten bleiben. Das dürfte noch passen. Schnell holt sie den Hammer aus der Schublade. Der Nagel liegt schon griffbereit und an der Wand ist schon ein kleiner Punkt aufgemalt, an den der Nagel hin soll. Das hat sie wohlweislich schon einige Tage vorher gemacht, sonst hätte es heute wieder nicht gepasst mit der Zeit. Die auf der Arbeit denken schon, dass sie spinnt, weil sie schon seit Tagen eine Stunde früher aus dem Büro verschwunden ist. Alles wegen diesem vermaledeiten Nagel und der Nachbarin, die es sich zum Hobby gemacht hat über die anderen Nachbarn zu schimpfen und sie beim Vermieter anzuschwärzen. Sie setzt den Nagel an und mit einigen - etwas zarteren Schlägen - fixiert sie ihn erst einmal. Ihr Blick schweift gehetzt zur Wanduhr. Punkt 19 Uhr. Ach was, ein letzter Schlag, dann ist der Nagel drin. Das müsste doch noch passen.

Zwei Stockwerke unter ihr:

Käthe sitzt gemütlich auf ihrem Sofa. Vor sich auf dem Couchtisch ihr geliebtes 200 Teile Puzzle. Im Fernsehen läuft eine tragische Komödie im Vorprogramm. Die Tasse Tee ist auf einem Untersetzer etwas abseits neben der Fernbedienung und der Fernsehzeitschrift platziert. Daneben ein Tellerchen mit Keksen, als geliebten Proviant beim Puzzeln. Die Brille auf der Nase, alles schön griffbereit, nun kann der Abend beginnen. Ihr Blick fällt auf den schönen Schauspieler im Fernsehen und gerade als sie sich in ihre Fantasien über diesen schönen Mann fallen lassen will, vermeint sie ein Geräusch zu hören. Sie erstarrt.

Das ist doch ein Klopfen? Nein, kann nicht sein. Doch, da wieder. Sie stellt den Fernseher auf stumm. Tatsächlich, da schlägt jemand einen Nagel in die Wand. Unerhört! Um diese Zeit! Es ist doch schon nach 19 Uhr, oder? Ein Blick auf die Armbanduhr bringt nichts, sie hat die Fernbrille auf. Schnell suchen, jede Minute zählt. Sie nimmt die Brille ab und fährt hektisch mit der rechten Hand über den Tisch. Der Nagel ist derweil eingeschlagen und das Klopfen verstummt. Wo ist sie denn nur wieder? Immer ist diese Brille weg. Sie tastet mit beiden Händen eher wischend über den Couchtisch. Haarscharf am Tee vorbei. Nein, die liegt hinten auf der Ablage. Entschlossen steht Käthe auf, dreht sich eilig um und peng, fegt sie mit dem Hintern die Teetasse um. Der Tee ergießt sich über ihr schwieriges 200 Teile Puzzle, an dem sie schon 3 Wochen gesessen hatte, macht vor der Fernbedienung nicht Halt und pladdert dann über die Fernsehzeitung, platscht im Vorüberrauschen noch eine große Welle über das Kekstellerchen um dann im guten Teppich zu versickern.

Käthe ist eine tausendstel Sekunde sprachlos, läuft dann rot an und meckert lauthals los. Das gibt’s doch gar nicht! Na, die können was erleben, hier so einen Krach zu machen. Nach sieben Uhr, NACH SIEBEN! Da bin ich aber morgen beim Vermieter! Die können was erleben!

Käthe schaut heute nicht mehr auf die Uhr

Morgens Punkt 8. Käthe und Minna treffen sich zum morgendlichen Füllen und Verbreiten der Morgenpost vor dem Hauseingang. Minna, immer ein bisschen schläfrig, aber latent pfiffig. Käthe, klein, rundlich, tonangebend, schaut grimmig-empört drein. Ein Nagel wurde gestern nach 19.00 Uhr eingeschlagen, bellt sie. Stell dir vor, ein Naaagel, nach sieben! Das gehört doch verboten! Na, das kann doch nur wieder da oben – und sie sticht den Zeigefinger in die Höhe, zum 3. Stock – gewesen sein. Die nehmen ja heutzutage überhaupt – ÜBER HAUPT – keine Rücksicht mehr! Beschweren müsste man sich, ja, beschweeeeren. Aber Minna, weißt du, ich bin es leid immer beim Vermieter anzurufen. Ne, da erntest du nur Undank. Da ist keiner, der hinterher mal zu dir sagt, das hast du gut gemacht. Ne, keiner. Im Gegenteil, die gucken dich noch nicht mal richtig an, aber kein Wort, kein Wort von Dank. Trotzdem, früher hätte das keiner gemacht, die kannten eben noch so etwas wie Rücksicht auf die Nachbarn nehmen!

Käthe wird von jetzt an ihren Fernseher immer etwas leiser stellen, damit sie rechtzeitig mitbekommt, ob und wann da jemand einen Nagel in die Wand schlägt

©Helga Sievert-Rathjens

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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