Christa Astl

„Essen ist fertig!“ Gedanken einer frustrierten Ehefrau

 

 

 

„Adi, Essen ist fertig!“ – Wo steckt er denn schon wieder? Keine Antwort! Hört er mich wieder nicht? Aber das will er ja nicht glauben. Ich sag ja immer: Adi, du brauchst ein Hörgerät, aber er, stur wie er ist, hört ja alles! – Nur mich nicht. Oft kann ich reden, erzählen, ich kriege keine Antwort. Schlimm ist das, glaubt es mir. Den ganzen Tag bin ich zu Hause, und hab keinen Menschen zum Reden! Seit er in Rente ist, hockt er nur noch vorm Computer und spielt. Wenn er wenigstens was Gescheites täte, aber nein, ein paar primitive Spielchen, und das stundenlang! Aufstehen grad mal zum Essen oder zwischendurch, um ein Bier zu holen. Er hat zwar gemeint, ich kann es bringen, aber so weit geht das dann doch nicht! So mache ich mich nicht zum Trottel. Der Mensch wird ohnehin immer fetter, wie der einen Bauch angesetzt hat in letzter Zeit!! Als ich gesagt hab, das kommt vom dauernden Sitzen, schreit er mich an, ich soll doch auf meine Figur achtgeben, ich sei nicht mehr zum Anschauen. – Das tat weh. Kann ich dafür, dass ich älter werde? Müde und ausgelaugt fühle ich mich oft, und für wen oder was soll ich mich denn herrichten, sogar auf jung machen? Er schaut mich nicht an, beim Frühstück dreht er sich auf die andere Seite, wo er die Zeitung ausgebreitet hat. Hauptsache, ich schenke ihm Kaffee ein und streiche sein Brot, richte frische Wäsche, wenn er einmal wegfährt, … zu Hause zieht er eh nur seinen alten, ausgeweiteten Jogger an. Die Ärmel am Ellbogen glänzen, der Gummizug am Bund locker, sodass die Hose grad noch unterm Bauch hängt. Und früher – eine sportliche Figur, voller Kraft und Energie der ganze Mann, unternehmungslustig, sportlich. Jedes Wochenende wollte er weg und war enttäuscht, weil ich mit den Kindern nicht mitkonnte. Habe ich ihn zu viel allein gelassen? Hat er sich in der Zeit eine Freundin gesucht? Bemerkt hätte ich nichts – oder schaut er mich deshalb nicht mehr an? Ob ich mal in seinen Mails nachschauen sollte? Ach was, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Jedenfalls ist er da. –

Aber wo bleibt er nur? – „Adi, essen!!“ –

Ich hab ihn doch vorhin in den Garten geschickt, das Gemüsebeet zu jäten. Jetzt sind Salat und Kraut ja groß genug, dass er sie vom Unkraut unterscheidet. Das Blumenbeet muss ich ohnehin selber machen, dafür hat er kein Gespür. Was man nicht essen kann, gilt für ihn nicht. Hab auch noch nie Blumen von ihm geschenkt bekommen. Es tut richtig weh, wenn andere erzählen, wie der Mann sie bei bestimmten Anlässen mit Blumen geradezu überhäuft. Mit dem Schenken hat er’s überhaupt nicht, sogar Weihnachten würde ich unter dem leeren Baum stehen, wenn ich nicht selber alles besorge – er allerdings möchte schon was auspacken!

Ach, immer wieder kommen die Gedanken. Wenn ich alles vorher gewusst hätte, nie hätte ich ihn geheiratet. Ob es mit einem anderen aber besser geworden wäre? Wer weiß es?

Nun habe ich ihn,-  wenn er sich nur ein bisschen um mich bemühen würde! Ein bisschen freundlicher, höflicher, achtsamer sein würde! Aber anschaffen, alles nehmen, an sich reißen, beim Essen schon angefangen. Nie hab ich ein Lob gehört, wenn ich stundenlang am Herd gestanden bin. Alles ist für ihn selbstverständlich. – Nur kritisieren, meckern, wenn etwas nicht perfekt ist.

Jetzt muss ich doch einmal nachsehen, wo er denn bleibt, im Gemüsegarten ist er nicht mehr. Na, vielleicht kommt er doch, wollte nur was fertig machen? Ich schau mal.

„Adi, wo bist du denn, das Essen wird kalt!!“ – Ums ganze Haus muss ich rennen, wo mir die Füße ohnehin schon weh tun. Ich sollte mal wieder zur Fußpflegerin, aber dafür reut ihn ja das Geld, den Geizkragen. Für wen spart er denn noch, mitnehmen kann er es doch nicht. Kaum dass ich mir mal neue Schuhe leisten darf, soll ich denn barfuß laufen oder wie er in Schlapfen, wo hinten und vorn die Fransen davon hängen – er läuft ja nicht so viel, schleicht aber herum und ich erschrecke, wenn er plötzlich hinter mir steht.

Nirgends ist er zu finden – komisch. Ach – in seiner Büroecke im Wohnzimmer sitzt er – am Computer – und schläft – vor dem Bildschirm. Ob er wem geschrieben hat? Ich schleich mal näher ran. Nein, nur ein halb gelöstes Sudoku, und das hat ihn so ermüdet, den Armen, – oder ist er bereits vor Hunger so schwach? Was soll’s, vielleicht ist er ausgeschlafen und besserer Laune? Ich werde ihm schnell sein Bierchen vom Keller holen…

Vor der Tür rufe ich noch einmal: „Adi, komm zum Essen bitte!“ Er hört es und brummt irgendwas. Gleich wird es kommen…..

 

 

ChA 09.07.19

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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