Helga Asmuß

Die Bahnfahrt

Die Bahnfahrt

(August 2015)

 

 

Ziemlich schrecklich war sie – ich meine die Rückfahrt – und ach, so heiß!

Berlin im Sommer 2015. Die Enkelkinder waren bei Oma und Opa und hatten eine echt gute Zeit. Aber die Kleinen wohnen ja leider nicht in unserer Stadt, die müssen zurück zu ihrer Mama. Und das ist weit, weit im Süden, fast im letzten Zipfel von Deutschland. Gute 800 Kilometer von hier. Das Nest, in dem sie zu Hause sind, heißt Immendingen. Was, ihr kennt

Immendingen nicht? Das liegt etwa sechs Kilometer entfernt von Donaueschingen. Auch unbekannt? Also gut, Donaueschingen liegt im schönen Schwarzwald, gute 30 Kilometer von Villingen-Schwenningen entfernt. Wem das jetzt nicht reicht, dem nenne ich Stuttgart. Aber von der Hauptstadt Baden-Württembergs nach Immendingen sind es dann noch einmal gute zwei Stunden Fahrt, im Auto, im Bus oder eben mit der Bahn – gehupft wie gesprungen.

 

Tja, wenn der Opa sie im Auto zurückbrächte, das wäre fein! Tut er aber nicht. Denn das Auto ist ein VW-Campingbus, der bietet nur vier Sitzplätze. Und die drei Kinderchen sind nun nicht mehr ganz so klein wie früher. Die brauchen Platz. Zusammen mit Oma und Opa wären wir also fünf. Geht nicht. Kommt dazu, daß die Kutsche steinalt ist, 23 Jahre hat unser „Trolly“ auf dem Buckel und so richtig kann man ihm nicht mehr trauen. Kurz und gut, Opa fährt die Kinder nicht zurück. Wir nehmen die Bahn. Oma macht das schon. Mit dem Wochenendticket spart man zudem gut Geld, und wer hier murrt, der möge laufen…

 

Die Fahrt quer durch Deutschland mit Regionalzügen dauert mindestens 14 Stunden und für sechsmaliges Umsteigen mit Gepäck braucht man mehr als eine Tüte Humor. Der Gedanke an so eine lange Fahrt liegt Kindern schwer im Magen. Aber dies ist der Preis für die schöne Zeit bei Oma und Opa, ihr Lieben! Das Lied kennt ihr doch schon. Ihr fahrt doch nicht das erste Mal im Zug! Schultert jetzt die Rucksäcke, vergeßt die großen Trinkflaschen nicht, werft noch einen letzten Blick unter das Bett und dann geht’s los. Oma schleppt nebst Zahnbürste und Nachthemd für die eine Nacht am Zielort den Tagesbedarf an Essen für vier hungrige Mäuler – reichlich schwer! Morgen wird sie mit dem Bus zurück nach Berlin fahren.

 

Der Opa bringt die Truppe noch im Auto bis nach Wannsee, wo der Zug vom Berliner Hauptbahnhof aus seinen ersten Stopp hat. Das ist günstiger für uns und gibt noch ein halbes Stündchen Zeit für ein gemütliches Frühstück. Wobei „gemütlich“ relativ ist, denn die Kinder sind schon ganz zappelig wegen der Vorfreude auf die Mama.

 

Der Zug hat in Wannsee knapp zwei Minuten Aufenthalt, aber weil er (noch) ganz pünktlich einrollt, klappt das Einsteigen ohne nennenswerte Probleme. Sind ja alte Hasen, was das Zugfahren anbelangt, und selbst Selina mit ihren knapp sieben Jahren ist kräftig, flink und aufgeräumt. Da kommt schon eher die alte Oma nicht so schnell hinterher und manches Mal ist sie auf eine helfende Hand der Kinder angewiesen. – so ändern sich die Zeiten!

 

Fast leer alle Wagen, die königsblauen Sitze strahlen im Licht der Sonne so einladend, daß man dieser freundlichen Geste eiligst nachkommt und völlig ungeniert gleich 8 Plätze in Anspruch nimmt, dieselben flugs zum Bett umfunktioniert und noch eine Mütze voll Schlaf nachholt. Aber lange halten sie es nicht in der Waagerechten aus, sind doch zu aufgeregt! Besonders die Kleine ist ein ausgemachter Unruhegeist, bedient sich pausenlos an der großen Trinkflasche, probiert locker alle Sitzplätze aus und muß spätestens alle zehn Minuten zur Toilette, weil das viele Wasser ja auch wieder raus muß.. Bei der Häufigkeit ihrer Toilettenbesuche bin ich die Begleitung bald leid und laß sie allein gehen. Sie macht das schon. Und dann kann sie wieder nachfüllen….

 

„Oma, sind wir bald da?“ Das ist d i e Frage aller kleinen Reisekinder, und die stellt natürlich Selina. Was soll ich da sagen? Die Großen grinsen. Die kennen meine Antwort schon lange. „Das darfst du mich fragen, wenn es dunkel geworden ist, mein Schätzchen!“ Da fährt der Zug just in einen Tunnel, einen langen Tunnel, und das Kindchen frohlockt: „Jetzt ist es dunkel, jetzt sind wir gleich da!“ „O, nein, Selina, Tunnel zählt nicht!“ Hat sie gewußt, das erkennt man unschwer an ihrem Grinsen.

 

Bis Magdeburg ist es noch eine Stunde, bis Donaueschingen werden es 14 sein, wenn alles gut geht. Ja, wenn…

 

Warum sollte es denn nicht gut gehen? Sind schon oft gefahren ohne beklagenswerte Ereignisse. Die Kinder sind geübt und auch recht gut im Nehmen. Hitze, Langeweile, überfüllte Züge – haben wir alles schon gehabt. Wir haben Eßbares in allen Variationen, zwei Riesenpullen mit Wasser, das jetzt schon warm wird, zwei Smartphones sorgen lückenlos für Unterhaltung und in ihren giftgrünen Trainingsjacken kann man die Kinder selbst im dichten Gedränge problemlos orten. Was soll da schief gehen? Und doch. An jedem Umsteigebahnhof geht der Streß los. Die Kleinste immer fest an der Hand, bahnen die Großen der alten Oma den Weg durch die eilende Menge, die sich durch die stinkenden Bahnhofsgänge wälzt. „Lauft nicht so schnell, ich komme ja kaum hinterher!“ Welches Gleis brauchen wir? Meine Güte, wie kann man so eine Wichtigkeit derartig schnell vergessen! Muß am Alter liegen. Jonas kennt die Nummer immer. „Bist meine große Stütze, lieber Sohn!“ „Enkelsohn“, verbessert er mich.

 

Bei den rasant steigenden Außentemperaturen sind die leckeren Trinkpäckchen als erstes verschwunden. Nun bleiben nur noch die großen Wasserpullen. Hauptsache trinken, findet Selina und schenkt sich pausenlos nach – nicht ohne Folgen. Daß Zugtoiletten nicht immer vom Feinsten sind, bekümmert sie dabei wenig. Weil sie zu ihrem großen Bedauern noch kein eigenes Smartphone besitzt, müssen wir notgedrungen auf traditionelles Unterhaltungsprogramm zurückgreifen. Das bedeutet für mich, daß ich ihr jetzt verraten muß, was in dieser Umgebung zum Beispiel rot ist und ich trotz großer Anstrengung nicht sehen kann. Wenn ich es nicht augenblicklich richtig benenne , triumphiert sie überschwänglich und startet sogleich die nächste Aufgabe: „Ich sehe was, was du nicht siehst….“ Trotz Brille bekomme ich bei ihr eher selten die Chance, meinerseits so eine knifflige Aufgabe zu stellen – peinlich! Irgendwann geht mir bei diesem Ungleichgewicht die Ratelust verloren und ich biete ihr frohlockend die neuen Filzstifte an. Den Trick hat sie nicht gemerkt – Ratespiel erfolgreich beendet! Stifte sind immer die große Hilfe für Omas, zumindest bis zu dem Moment, da das Kindchen Lust auf Geschichte bekommt…Zum Glück hatte ich wohlweislich die alten Pixibücher meiner eigenen Kinder eingesteckt. Die tun unverdrossen beste Dienste, auch wenn einige vom vielen Lesen deutlich gezeichnet sind. Von den beiden großen Enkelkindern kann ich derweil nichts berichten. Mit gesenkten Köpfen sind sie abgetaucht in ihre digitale Welt, zu der ich eh keinen Zugang habe. Des sind sie zufrieden und bis auf gelegentliche Nahrungsaufnahme nehmen sie von ihrer Umwelt keine Notiz. Und lautlos gleitet die Wirklichkeit am Zugfenster vorbei…

 

In Magdeburg ist es knapp vor zehn. Schon wird die Hitze lästig, und es fallen die Hüllen. Der Opa ruft an. Hat doch was Gutes, so ein Smartphone! Trotzdem frage ich mich betreten, wie wir seinerzeit ohne Telefon im Zug überleben konnten….Lisa und Jonas jedenfalls sind voll beschäftigt, tauschen sich gelegentlich gackernd aus, wenn ihr Teil etwas bietet, was der andere zufällig nicht auf seinem „Schirm“ hat, andere kleine Reisekinder quengeln lautstark, ein Kommen und Gehen in dem schmalen Gang, wichtige Lautsprecherdurchsagen, die man dummerweise nicht versteht bei der erheblichen Phonzahl der Fahrgeräusche – nein, das alles tangiert sie nicht wirklich. Sie sind rundum zufrieden. Selina indes findet Malen schon wieder langweilig und schaufelt pausenlos Eßbares in wirrem Durcheinander in ihre unergründliche Futterluke. Wenn das mal gut geht! Damit es besser rutsche, kippt sie Wasser drauf. Wenn sie alles intus hat, steht der Weg zum Klo an. So haben wir alle unsere Beschäftigung auf dieser beschaulichen Reise quer durch unsere schöne Heimat. Tauchen gelegentlich in meinem Kopf Erinnerungen an die pädagogischen Pflichten einer Oma auf, dann reicht ein kurzer Blick auf meine, der Wirklichkeit weit entrückten Enkelkinder: „Störet unsere Kreise nicht!“, signalisieren die Großen, „der Zug fährt auch ohne unser Dazutun!“

 

In Sangerhausen kommt’s dicke. Das ist das übliche Gedränge hier. Kennen wir schon. Aber wir sind schnell. Die quietschgrünen Jacken sind in der Masse Mensch gut zu erkennen, weil grüne Kleidung trotz all der diesbezüglichen Modebemühungen ausgesprochen selten ist. Die Großen voraus, die Oma so rasch sie kann hinterher, die Kleinste mit dem dicken rosa Rucksack tapfer im Schlepptau. Das paßt schon. Im nächsten Zug dann erkämpfen die Großen souverän einen Viererplatz, schmeißen mit Schwung die Rucksäcke drauf, damit ihnen keiner die Plätze streitig mache, und bald ist die kleine Familie wohlbehalten vereint – the show goes on…

 

Im Gang stapeln sich indes die sperrigen Gepäckstücke der Zugestiegenen und ich frage mich betreten, ob die vielleicht gerade umziehen mit ihren Schrankkoffern, Plastiktüten, Pappkisten und voluminösen Daunenjacken, die man bei diesen Temperaturen eigentlich nicht braucht. Jonas gibt sich mitunter Mühe, unsere Rucksäcke im Gepäckfach unterzubringen. Er ist durchaus stark und wuchtet die Dinger hoch, doch in den meisten Zügen scheinen diese Ablagen bevorzugt für Hüte und Zeitschriften konzipiert zu sein – Rucksäcke passen da leider selten hinein. Selina muß bei ihrem Toilettengang über haufenweise Gepäckstücke turnen, und ich bin immer tief dankbar, wenn das Kind unbeschadet zurückkommt.

 

Es ist brütend heiß geworden, die Sonne knallt gnadenlos durch die Fenster, und die zarten Jalousien können ihrem Zweck als Sonnenschutz kaum noch gerecht werden. Immer öfter kommt die klagende Frage „Sind wir nicht bald da?“, nun auch schon von Lisa. Ein Tischchen zum Malen und Spielen wär’s, aber solcherart Luxus bieten lange nicht alle Wagen, und die wenigen sind besetzt, ehe wir eine Chance haben. Dumm gelaufen. Und Lisa hätte zur Abwechslung so gern „Schiffe versenkt“ mit der Oma. Sie ist nämlich um gut ein Jahr jünger als der Bruder und erinnert sich noch gern an vergangene Zugfahrten.

 

Kassel-Wilhelmshöhe. 36 Minuten Umsteigezeit reichen zum Kauf eines Getränkes, entscheidet Jonas, der notgedrungen aus seiner digitalen Welt aufgetaucht ist, und den Getränkeautomaten mit seinen letzten Münzen füttert. Ist doch ein Lichtblick, immerhin. Wenn sie nölen, hebt die Oma warnend den Finger: „Keine Chance! Euretwegen geht die Sonne auch nicht schneller unter, und erst wenn die verschwunden ist, dürft ihr mich fragen!“ Doch die Laune der Kinder wandert zunehmend gen Keller, ihre Ausdauer ist auf eine harte Probe gestellt. Wenn die kleine Schwester rappelt, werden Lisas Kommentare zunehmend unwirsch. Sie, die Große, sonst so mütterlich, fühlt sich genervt, und selbst das Smartphone kann seinen „pädagogischen Aufgaben“ bei ihr nicht mehr nachkommen.

 

In Frankfurt tobt der Bär. Der Bahnsteig ist schwarz von Menschen. Das Wochenendticket wird zumeist von Familien mit Kindern genutzt. Die empfinden so eine Drängelei als Abenteuer und die gute Laune ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Bei uns ist das anders. Unsere Kinder sind schon seit vielen Stunden unterwegs und haben schon längst genug von dem „Abenteuer“. Sie befinden finden sich quasi in Endzeitstimmung. Lange haben sie geduldig gewartet, viel zu lange, finden sie. Und allmählich geraten sie in Sorge. Wann werden wir ankommen? Und kommen wir überhaupt irgendwann an? In die allgemeine Maulerei mischt sich nun auch Jonas ein. Sie wollen endlich zu Mama. Das kann man nicht überhören. Jonas checkt den Fahrplan. Aber an dem gibt’s nichts zu rütteln. „Geduld, Geduld, Kinder. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Hat alles geklappt. Seid doch froh! Bald seid ihr zu Hause!“

Aber man soll den Tag eben nicht vor dem Abend loben!

 

Der Zug nach Mannheim fährt schon mit Verspätung ab. Zwanzig Minuten. Gar nicht nett! Jonas ahnt Schlimmes. Er hat den Fahrplan im Kopf und kennt die Umsteigezeit. „Den nächsten Zug kriegen wir bestimmt nicht!“, mosert er lautstark. „Mal den Teufel nicht an die Wand, Junge, so ein Zug kann durchaus einen Zahn zulegen und die Verspätung aufholen!“

Aber Jonas knatscht weiter. „Das schafft er doch nicht! Das weiß ich. So ein Mist! Und was macht Mama? Die geht nach Hause. Dann sitzen wir in Donaueschingen und müssen am Ende nach Hause laufen!“ Er vermag sich bestens hineinzusteigern in seine Wut. „Aber Jonas! Eure Mama wartet bestimmt! Sie kann euch doch auch anrufen! Opa ruft dauernd an. Im Notfall wird er ihr die Information weitergeben!“ Zu dumm, daß die Kinder nicht selber anrufen können. Sie dürfen das nicht. Hat Mama verboten. Sie wird schon einen Grund haben, aber im Moment erschwert es unsere Lage. Man müsste an ein Telefon kommen… Doch für technische Fragen bin ich nicht zuständig. In dieser Weise kann ich jetzt nicht helfen. Nun ist eben mein pädagogisches Geschick gefragt. Ich muß die Kinder irgendwie bei Laune halten.

Das Smartphone möge doch bitte seinen Teil dazutun! Und der Zug einen Zahn zulegen!

 

Doch der Zug rollt nicht schneller. Im Gegenteil. Die Verspätung baut sich aus und in Mannheim ist der Anschlußzug tatsächlich weg! Es ist kurz nach 18 Uhr. Was nun? Unvorstellbares Geschrei! Sie können es nicht fassen.

 

Doch es trifft ja nicht nur uns. Wie tröstlich! Ich selber habe mich mit der Tatsache rasch abgefunden und bin am Überlegen. Aber Jonas ist echt untröstlich. Er hadert mit dem Schicksal, vergießt gar Tränen. Flucht nach Knabenart:“ Wir kommen nie nach Haus!“, brüllt er. Richtig wütend ist er. Jetzt schimpft Lisa auf den Bruder: „Was brüllst du so rum?“ Sie kriegen sich in die Haare. Treten sich mit Füßen, schimpfen wild aufeinander ein. Die Kleine schaut entsetzt zu. So kennt sie ihre Geschwister gar nicht. Sie weint lauthals. Meine Güte, was für ein Drama! Ich drücke Selina an mich und versuche zu schlichten. Pädagogik in Not! Was würde meine Freundin jetzt wohl tun, die mit der großen Erfahrung in Sachen Kindererziehung? Soll ich schimpfen? Nein, das will ich nicht. Ich bin nicht die Mutter. Ich werde sie lieber einbeziehen in meine Verantwortung. Dann fühlen sie sich wichtig und haben eine Beschäftigung. Das wird sie ablenken.

 

„Geht doch mal nach vorn, Kinder und versucht, einen Bahnbeamten zu finden. Den haltet fest und sagt ihm, die Oma kommt gleich. Wir brauchen Hilfe!“ Eilfertig rennen sie los und ich hetze hinterher, so flott wie es das Alter eben zulässt, das kleine Kind fest an der schwitzigen Hand.

 

Da reißt sich Selina los und rennt den Geschwistern hinterher. Mein Gott, das geht doch nicht! „Selina, komm sofort zurück!“ Ist doch meine Verantwortung, schießt es mir durch den Kopf. Was mache ich denn jetzt? Muß sie einholen! Ich haste noch schneller. Aber da sichte ich gottlob die segensreichen grünen Jacken, alle drei zusammen! Und ein Stein fällt vom Herzen. Doch einen Bahnbeamten haben sie nicht gefunden und die Verzweiflung der Kinder ist perfekt. Das beobachtet eine junge Frau und die spricht uns an. „Da kommt kein Zug mehr. Wir haben den Plan genau studiert. Sie müssen sich eine neue Verbindung besorgen!“ O, wie wenig tröstlich, diese Auskunft! Woher bekomme ich denn so eine neue Verbindung? Muß ich nachdenken, ganz schnell….

Reichlich ratlos stehen wir im Gewühl. „Bleibt um Gottes Willen beisammen! Sonst gibt’s noch ein Unglück. Wir schaffen das schon! Versprochen! Wird nur etwas länger dauern!“

 

Und der da oben hat wirklich ein Einsehen. Er „beschert“ uns einen netten Bahnbeamten, der sich die Zeit nimmt, einen neuen Plan auszudrucken. Danke, kann ich da nur sagen, und es soll sogar gleich weitergehen, von einem anderen Gleis. Haben echt Mühe, den Zug auf Bahnsteig 16 zu erreichen, der uns nach Heidelberg bringen wird. Ist ein kleiner Umweg, aber von dort gehe es nahtlos weiter, verspricht der gute Mann. Insgesamt dauere es nur zwei Stunden länger, fügt er seelenruhig hinzu. Und wir rennen…

 

Holterdipolter hinein in den Zug. Wir finden sogar noch einen Viererplatz und schon geht die Fahrt ab. „Na, Jonas, hat doch prima geklappt, nicht wahr? Kopf hoch!“ Doch der Streß läßt erst wirklich nach, als Opas Anruf kommt und der verspricht, die Mama zu benachrichtigen. Die Wogen glätten sich und man kann wieder zur Tagesordnung übergehen, sprich, das Smartphone aktivieren dank der Steckdose, die neuerdings zur Ausrüstung aller Züge gehört. Was für eine Chance!

 

Doch das dicke Ende folgt sogleich. In Heidelberg. Kaum daß wir den nächsten Zug ergattert haben und erleichtert in die Sitze fallen, läuft am Gleis gegenüber ein Zug ein, dem eine grölende Menge von Jugendlichen entsteigt. Wahre Menschenmassen verteilen sich, in unvorstellbarer Lautstärke johlend und wild gestikulierend, auf dem ganzen Bahnsteig. Es werden immer mehr, dazwischen die Polizei mit Hunden, die krampfhaft versucht, die Masse in Schach zuhalten. Grölende Parolen erfüllen dröhnend die himmelhohe Bahnhofshalle und meine Kinder reißen erschrocken Mund und Augen auf. Wie eine homogene Masse schiebt sich die Menge Mensch jetzt auf unseren Bahnsteig zu, in Fußballtrikots von Hoffenheim, die Arme in die Höhe reißend und mit sufftriefenden Stimmen Sieg oder Niederlage kommentierend – so richtig kann ich das nicht heraushören. Echt beängstigend, diese Situation! Als die Horde jetzt gar zu uns ins Abteil drängt, ergreift uns Panik. Mit nacktem Oberkörper, schweißgebadet, manche korpulente Dame tätowiert und mit wirrer Haarpracht, im leichten Fähnchen, aus dem die dralle Pracht ungeniert und ungebremst hervorquillt, so quetschen sie sich in den schmalen Gang, die Bierflasche in der einen Hand und in der anderen der Wodka. Sie brüllen sich gegenseitig an, lachen lauthals und bespritzen sich übermütig mit Bier! Das stinkt zum Himmel und weil der Gang jetzt komplett blockiert ist, setzt sich so eine dralle Person im Unterhemd auf meine Lehne und hängt mit ihren Backen auf meinem Bauch, während der Zug mit seiner entfesselten Fracht langsam aus dem Bahnhof rollt.

 

Den Kindern verschlägt es buchstäblich die Luft zum Atmen und vor Entsetzen können sie nicht mal mehr jammern. Arme Kinder! Der Alkoholgestank in Verbindung mit sonstigen Ausdünstungen der zumeist überproportionierten Fußballfans, ihre derben Sprüche, das wiehernde Gelächter über ihre dreckigen Witze schockieren die zarten Seelen der Kinder, die mit aufgerissenen Augen sprachlos diesem wüsten Treiben zusehen.

 

Aber in Karlsruhe leert sich der Zug, die Menge verläuft sich rasch und nun kehrt endlich Ruhe ein. Es dämmert schon sichtbar und zum Trost muntere ich meine Kinder auf: „Jetzt dürft ihr mich fragen, wann wir ankommen. Seht mal, die Sonne hat sich abgemeldet für heute! Noch einmal umsteigen in Tübingen, dann noch einmal in Villingen-Schwenningen und schon sind wir da!“ Aber mein Trost ist ihnen kein Trost mehr. Sie jammern nach der Mama. Selina wird immer hektischer und turnt über die Sitze. Jetzt hat sie wieder Platz und ist pausenlos am Rappeln. Rauf und runter, Schuhe an, Schuhe aus, sie gibt keine Ruh. Das nervt die Großen ungemein, aber schließlich erwachen in Lisa doch wieder ihre mütterlichen Gefühle und sie baut der kleinen Schwester ein Nest aus den Jacken, damit sich das Kindchen ein wenig ausruhen möge. Vielleicht schläft es ja ein. Es ist doch schon zehn Uhr. „Zu dieser Zeit müßte sie längst im Bett sein, nicht wahr, Oma?“ „Prima machst du das, Lisa, bist mir eine große Hilfe! Leg dich doch auch dazu, dann vergeht die Zeit schneller!“

 

Nur Jonas hält noch tapfer die Stellung. Er hat zum zweiten Mal eine Steckdose gefunden und das Computerteil arbeitet unermüdlich für ihn. Endlich hat er sich beruhigt, sind doch Tübingen und Villingen-Schwenningen ein Begriff für ihn und er kann die restliche Reisezeit selbständig einschätzen. Doch der Durst ist schlimm. Selina hatte die beiden Flaschen geschafft, aber da sie nun schläft, kann man sie nicht belangen. Wenigstens fallen somit auch keine weiteren Toilettengänge mehr an. Und in Villingen-Schwenningen weiß Jonas, wo der Getränkeautomat zu finden ist. Hier geht er nämlich zur Schule. Die sechs Minuten Umsteigezeit werden reichen, um zwei Flaschen Limo aus dem Apparat zu ziehen. Damit ist der Durst gestillt, die Vorfreude erwacht und die schlimme Fahrt schon fast vergessen.

 

Es geht knapp auf Mitternacht zu, als jetzt unser Zug in Donaueschingen einfährt. Nach 16 Stunden Fahrt schließt die Mama die müden Kinder glücklich in die Arme. Und noch eine ist glücklich: Die Oma! Ende gut, alles gut. Eine halbe Nacht noch und morgen früh geht’s für sie per Bus zurück nach Berlin. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

 

 

 

 

 

Helga Asmuß

Im Herbst 2015

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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