Claudia Savelsberg

Die "Goldene Hochzeit"

Die „Goldene Hochzeit“

 

Marianne lag im Schatten eines Baumes in ihrem Liegestuhl. Jetzt könnte sie sich ein Glas Sekt gönnen. Das hatte sie nach dem ganzen Trubel der letzten Wochen wirklich verdient. Morgen feierten sie und ihr Mann Dieter die „Goldene Hochzeit.“ Die letzten Wochen waren ausgefüllt mit den Vorbereitungen zu diesem Fest. Marianne mochte keine großen Feste, schon gar keine Familienfeiern, aber die Verwandtschaft erwartete zu diesem Anlaß natürlich eine größere Festivität. Also sollte die „Goldene Hochzeit“ in der „Jägerstube“ gefeiert werden, einem Restaurant mit gutbürgerlicher Küche, wo nachmittags auch eine Kaffeetafel auf die Gäste wartete. Alle Verwandten wurden schriftlich eingeladen, auch diejenigen, auf deren Anwesenheit man lieber verzichtet hätte. Aber gerade diese sagten sofort zu und drückten ihre Begeisterung darüber aus, dass man an sie gedacht hatte.

Marianne nippte an ihrem Sekt. Morgen wäre dann der große Tag, an dem die Verwandten sie gnadenlos überfallen würden. Sie nippte nochmals an ihrem Sekt. Sie sah das Szenario der Feier schon deutlich vor ihrem inneren Auge. Ihre Schwägerin Else würde natürlich kommen, zusammen mit ihrem Mann Bruno und der Tochter Brigitte. Bruno würde sich nach dem Essen sofort den ersten Cognac bestellen, natürlich eine teure Marke mit fünf Sternen. Auf den ersten Cognac würde dann unverzüglich der zweite folgen, vermutlich hatte der gute Bruno ein Alkoholproblem. Nach dem dritten Cognac würde er die Gesellschaft ungefragt und laut mit Anekdoten aus seinem Leben als Kommunalpolitiker unterhalten. Seine Frau Else, die gerne den gesamten Inhalt ihrer Schmuckschatulle zur Schau stellte, würde ihn unterwürfig und voller Stolz anlächeln. Die Tochter Brigitte würde wieder in Begleitung ihrer Ehefrau erscheinen. Die beiden hatten ihre Ehe tatsächlich offiziell eintragen lassen und wollten jetzt sogar ein Kind adoptieren. Marianne nahm noch einen Schluck Sekt. Unmögliche Verhältnisse! Wie sollte sich ein Kind normal entwickeln mit zwei Müttern, aber ohne Vater?

Auch Mariannes jüngere Schwester Waltraud würde kommen. Die 64jährige kleidete sich extrem jugendlich und legte sehr viel Wert auf ihre äußere Erscheinung. Seit ihrer Scheidung vor fünf Jahren lebte sie mit einem zwanzig Jahre jüngeren Türken zusammen. Der war Moslem und aß kein Schweinefleisch, zum Glück wurde in der „Jägerstube“ auch Rind serviert. Das gab wenigstens keine Probleme. Es war schon peinlich genug, dass Waltraud auch in der Öffentlichkeit ungeniert mit ihrem Türken schäkerte. Und das in ihrem Alter! Einfach unmöglich! Marianne nippte wieder an ihrem Sekt.

Mariannes Tochter Sophie würde natürlich auch zur Feier kommen. Sie hatte keine Kinder, weil sie nie Kinder gewollt hatte. Dabei ist es doch der sehnlichste Wunsch jeder Frau, einem Kind das Leben zu schenken. Aber vielleicht war es auch besser, dass Sophie, die einen schwierigen Charakter hatte, ihre Gene nicht vererbt hatte. Ihr Mann Christian, von dem man nicht genau wusste, womit er sein Geld verdiente, büßte zur Zeit eine Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung ab. Unmögliche Verhältnisse! Marianne hatte ihren Schwiegersohn von Anfang an nicht leiden können.

Ihr Sohn Jens, der vierhundert Kilometer entfernt wohnte, käme mit seiner Familie auch. Sie hatten sich lange nicht gesehen. Jens war ein erfolgreicher Anwalt mit eigener Kanzlei. Seine Frau Melanie war Präsidentin eines Golf-Clubs und organisierte Benefiz-Veranstaltungen, deren Erlös sozialen Zwecken zugute kam. Die Tochter Annamarie studierte Jura, weil sie die Kanzlei ihres Vaters übernehmen wollte. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Das waren geordnete Verhaeltnisse!

Marianne nahm noch einen Schluck Sekt. Mit Sicherheit würde der Bürgermeister zur Kaffeetafel erscheinen, bewaffnet mit einem großen Blumenstrauss und dem „Ehrenteller“ der Gemeinde, den er zu solchen Anlässen zu überreichen pflegte. Ein scheußliches Ding, das am nächsten Tag sofort im Keller landen würde. Und dann käme auch noch der Pfarrer, den ihr Mann Dieter persönlich eingeladen hatte. Natürlich würde er salbungsvoll über Ehe, Verbundenheit, Treue und Liebe reden.

Liebe? Was war nach fünfzig Jahren davon geblieben? Marianne nippte an ihrem Sekt. Sie hatte Dieter bei einer Familiefeier kennen gelernt und sich in ihn verliebt. Damals war sie 21 Jahre, Dieter war 25 Jahre. Als sie ungewollt schwanger wurde, heirateten sie. Dieter war ein fürsorglicher Vater und ein guter Ehemann, sein Gehalt als Finanzbeamter sicherte ihnen einen soliden Lebensstandard. Als er eine größere Summe Geld erbte, baute er ein Haus für seine Familie. Damit war sein Lebenstraum erfüllt: „Einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen, ein Haus bauen.“ Dieter war ein netter solider Mensch, und sie führten ein zufriedenes Leben.

Nach seiner Pensionierung wurde Dieter Mitglied im örtlichen „Kaninchenzüchter-Verein“, und widmete sich diesem Hobby mit Akribie. Wenn einer seiner Rammler bei einer Leistungsschau einen Pokal gewann, freute er sich wie ein Kind. Den Tieren widmete er fast mehr Aufmerksamkeit als ihr, dachte Marianne. Manchmal war sie froh, dass er mit seiner Zucht eine sinnvolle Beschäftigung hatte, dann konnte sie sich ihren Hobbies widmen und musste ihn nicht den ganzen Tag bedienen. Dieter erwartete, dass sein Mittagessen Punkt 12 Uhr auf den Tisch kam, um 16 Uhr gab es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, um 18 Uhr das Abendessen. Dann sa߀ er vor dem Fernseher und trank sein Bier. Er war träge geworden und ziemlich in die Breite gegangen, hielt sich aber mit seinen 75 Jahren immer noch für attraktiv und schaute gerne jungen Frauen nach. Manchmal bezeichnete er Marianne als „alte Schachtel“. Es sollte witzig klingen, kam bei ihr aber nicht so an. Bisweilen zwickte er sie in den Hintern: „Alles nicht mehr so straff wie früher, mein Mädchen. Aber du bist für mich immer noch das beste Pferd im Stall.“ So war Dieter eben, daran hatte sie sich den den letzen 50 Jahren gewöhnt. War es immer noch Liebe? Marianne wusste es nicht. Sie hatten sich aneinander gewöhnt, konnten sich aufeinander verlassen. Sie waren ein eingespieltes Team, die täglichen Rituale gaben Sicherheit, gerade in ihrem Alter. Eine Art von Liebe war bestimmt auch noch dabei.

Marianne trank noch einen Schluck Sekt. Morgen würden sie die Goldene Hochzeit feiern, dann wäre erst mal Schluß mit großen Familienfesten. Marianne rechnete schnell nach. In zehn Jahren würden sie die „Diamantene Hochzeit“ feiern können. Natürlich wieder mit einer großen Festivität. Wieder in den „Jägerstuben“, wieder mit der Verwandtschaft. Marianne grinste. Dann wäre sie eine noch ältere „alte Schachtel“, aber für ihren Dieter immer noch „das beste Pferd im Stall“. Es musste wohl doch Liebe sein.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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