Heinz-Walter Hoetter

Opas Raumschiff in der Garage

 

 

Die Eltern von Leon waren diesmal allein und ohne ihn in den Urlaub geflogen. So kam es, dass er bei seinen Großeltern einen Teil der Sommerferien verbringen musste.

 

Für Leon war das überhaupt kein Problem gewesen, denn er fühlte sich vor allen Dingen bei seinen Großeltern mehr als nur gut aufgehoben, weil besonders sein Opa mit ihm viel mehr unternahm als seine Eltern, die beide voll berufstätig waren. Nur selten nahmen sie sich Zeit für ihn. Außerdem hatte Opa immer ganz verrückte Ideen, die den Jungen oft in Erstaunen versetzte. Aber genau deswegen liebte er seinen Großvater.

 

Letztes Jahr beispielsweise war Leon seinem Opa beim Entrümpeln der großen Garage behilflich gewesen, um für etwas ganz Neues Platz zu machen, wie sich der rüstige Herr mit einem Schmunzeln im Gesicht so geheimnisvoll ausdrückte.

 

„Ich werde mir hier eine große Werkstatt einrichten. Ich baue etwas, was dich sicherlich richtig überraschen wird, wenn du das nächste Jahr in den Sommerferien wieder zu uns kommst.“

 

Mehr verriet ihm sein Opa nicht und behielt den Rest für sich, obwohl Leon immer wieder versuchte, hinter das Geheimnis seines Großvaters zu kommen, der aber stumm wie ein Fisch blieb.

 

Die Zeit verging.

 

Auf den Sommer folgte der Herbst, auf den Herbst der Winter. Weihnachten und Silvester gingen vorbei und das neue Jahr zog an Leon viel zu langsam vorbei.

 

Doch dann war es endlich so weit.

 

Schon bald stand er wieder vor seinen Großeltern, die ihn freudig begrüßten und mit dem Auto vom Bahnhof abholten. Dann fuhren sie zusammen an den weit abgelegenen Stadtrand, wo beide ein schönes Haus mit einem großen Garten besaßen. Hier konnte sich Leon von den Strapazen der Schule mal so richtig ausruhen, was er auch tat.

 

 

 

Am nächsten Tag nahm ihn sein Großvater an die Hand und ging mit ihm zusammen hinüber zur Garage, die sie letztes Jahr beide so fleißig entrümpelt hatten.

 

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich eine große Überraschung für dich vorbereiten werde. Letzte Woche bin ich endlich mit meinem Projekt fertig geworden. Wir beide werden noch heute Abend eine weite Reise antreten“, sagte sein Opa verschwörerisch und tat dabei sehr geheimnisvoll.

 

„Eine weite Reise?“, fragte Leon voller Neugier und hielt es kaum noch aus, was sein Opa damit wohl meinte.

 

Dann traten beide in die Garage, wo zur großen Überraschung von Leon ein selbst gebautes Raumschiff stand.

 

„Mann oh Mann, ein richtiges Raumschiff, Opa! Du bist einfach der Größte. Wie hast du das bloß hin gekriegt? Kann man damit auch richtig fliegen? Ich meine hoch hinaus in den Weltraum, bis zu den Sternen da oben?“

 

„Und ob, Leon. Wir beiden werden jetzt da rein steigen und starten. Weißt du, ich habe schon als kleiner Junge davon geträumt, mit einem Raumschiff zu fremden Planeten und weit entfernten Sternen zu fliegen, die es da in den Weiten der Unendlichkeit gibt. Ich wollte immer die Schwerelosigkeit spüren und die Einsamkeit dort oben erleben. Nun ist es endlich soweit. Und das Schöne dabei ist, dass du dabei sein wirst, Leon. Lass und beide losfliegen! Jetzt gleich!“

 

Leon und sein Opa stiegen in das Raumschiff, das für zwei Personen genug Platz bot, um es sich bequem darin zu machen. Nachdem sich das Garagendach automatisch geöffnet hatte, drückte der alte Mann einen roten Knopf. Kurz darauf setzte eine Startsequenz ein und unter lautem Dröhnen und einem tiefen Brummen hob die Rakete langsam vom Boden ab. Schon bald wurde sie schneller und schneller und raste schließlich dem dunklen Abendhimmel entgegen, wo unendlich viele Sterne funkelten.

 

„Sieh mal die Erde unter uns, Leon!“ rief sein Opa aufgeregt. „Wir sind ganz allein im Weltraum. Hier oben kann man seinen Gedanken freien Lauf lassen ohne von anderen Menschen gestört zu werden. Wir sollten das beide einfach genießen, solange wir hier oben sind.“

 

Leon und sein Opa flogen bald am Mond vorbei und nahmen schließlich Kurs auf die mit Sternen übersäte Unendlichkeit des Alls vor ihnen.

 

Plötzlich ertönte das Heulen einer lauten Sirene.

 

„Was war denn das?“ fragte Leon ungläubig.

 

„Ich werden mal das Funkgerät einschalten“, antwortete sein Opa und hörte sogleich eine verärgerte Stimme aus dem Lautsprecher.

 

„Was ist das denn für eine Schrottkiste? Das soll ein Raumschiff sein? Wer hat euch eigentlich erlaubt, hier oben einfach so herum zu fliegen ohne Erlaubnis? Verschwindet sofort aus der Flugbahn, bevor ihr noch gerammt werdet. Außerdem haltet ihr den ganzen Verkehr auf. Haut bloß ab, aber ein bisschen schnell!“

 

Als Leon und sein Opa aus dem dem wuchtigen Seitenfenster schauten, wurden sie bereits von anderen Raumschiffen überholt, die an ihnen vorbei sausten. Bald wurden es immer mehr.

 

Der alte Mann seufzte: „Das ist ja schlimmer, als auf der Autobahn, die an meinem Haus vorbei führt. Da rast nämlich auch ein Auto nach dem anderen vorbei. So etwas habe ich hier oben allerdings nicht erwartet.“

 

Er drehte sich zu seinem Enkel um.

 

„Ich denke mal, wir fliegen lieber wieder nach Hause, Leon. Hier oben ist mir einfach zu viel Verkehr. Alles voller Raumschiffe. Da ist es auf meiner Terrasse wirklich schöner und ruhiger. Wenn wir wieder unten auf der Erde sind, lassen wir uns von der Oma einen warmen Kakao machen und essen ein Stück Kuchen dazu. Was meinst du, mein Junge?“

 

Leon nickte nur mit dem Kopf. Auch er hätte nie gedacht, dass hier oben im Weltall so viele Raumschiffe aller Art herum fliegen würden.

 

Kurz danach steuerte sein Opa wieder die Garage an. Über eine Fernsteuerung öffnete er das Garagendach und landete die Rakete sanft auf dem Boden. Dann verließen beide das Raumschiff und gingen hinüber zur Großmutter, die schon auf der Terrasse auf sie wartete.

 

***

 

„Hallo mein Junge! Aufwachen! Die Oma hat uns einen warmen Kakao mit Kuchen gebracht. Steh auf und komm rüber an den Tisch! Nun mach' schon!“

 

Leon rieb sich verwundert die verschlafenen Augen. Er lag in einem bequemen Liegestuhl auf der sonnigen Terrasse seines Opas und war wohl wegen der langen Anfahrt zu seinen Großeltern einfach eingeschlafen. Schließlich rappelte er sich auf, reckte seine Glieder und suchte sich einen Stuhl aus, wo er Platz nehmen konnte.

 

Als er am Tisch bei seinen Großeltern saß, fiel ihm plötzlich der Traum wieder ein. Er dachte darüber nach, ob er seinem Opa davon erzählen sollte, wie er mit ihm zusammen in einem selbstgebauten Raumschiff hinaus in den Weltraum geflogen war, wo es allerdings nur so von anderen Raumschiffen gewimmelt hat.

 

Vielleicht später, dachte sich Leon, aß erst mal von dem schmackhaften Kuchen seiner Oma und nahm einen kräftigen Schluck Kakao dazu.

 

Ganz nebenbei schaute er dabei rüber zu der Stelle, wo sich die Garage befand und wunderte sich über etwas, das aussah wie die Spitze einer Rakete, die hoch aus dem geöffneten Garagendach in einen blauen Himmel ragte.

 

Oder war es nur das Ende einer wuchtigen Fahnenstange, die im Garten von Opas Nachbarn stand und nur so aussah wie eine Raketenspitze?

 

Leon musste wieder an seinen Traum denken und dass Träume nicht real sein können, was ja auch zu schöne wäre, wie er sinnierte. Dann griff er sich wieder ein Stück Kuchen vom Tablett und nahm aus der Tasse mit dem Kakao einen kräftigen Schluck.

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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