Angela Pokolm

Das Lied der Lerche

Am Rand des Feldes befanden sich dichte Hecken und Sträucher, die vielen Tieren Schutz und Lebensraum gaben.

In einer der Hecken lebte ein Braunellen-Männchen.

Eines Morgens hörte er den herrlichen jubelnden Gesang einer Lerche. Dieses Lied rührte das Herz des Braunellen-Männchens an und ein feines Sehnen nach dem Gesang und seiner Urheberin erfüllte seine Seele, das mit jedem Morgen stärker wurde.

 

Da hielt es das Braunellen–Männchen nicht mehr aus, es verließ seine vertraute Hecke, flog auf das Feld hinaus und erhob seine Stimme, um durch sein Lied die Sängerin zu sich zu rufen.
Seine Töne schwangen sich hoch in den Himmel hinauf und öffneten das Herz der kleinen Lerche, verschmolzen mit ihrem Gesang zu einer wunderbaren Melodie voll Harmonie und Schönheit. Die Seelen der beiden Geschöpfe wurden getragen von einer leuchtenden Glückseligkeit.

 

Und das Braunellen-Männchen führte seine Gefährtin in das Gestrüpp der Hecke, in seine Welt. Die kleine Lerche kam wie ein fremdartig, ja beinahe exotisch anmutendes Wesen in sein Leben, ihre Gegenwart schenkte ihm einen nie gekannten Zauber und Reichtum.


Doch dann geschah etwas Seltsames: Die Lieder, welche doch so sehr das Herz des Braunellen-Männchens erfreut und berührt hatten, klangen ihm immer weniger verständlich. Ja, die Töne begannen ihm sogar unangenehm zu werden, ihn abzustoßen.
Und jedes Lied, jede Melodie, jeder Ton, die auf Missverständnis oder Ablehnung trafen, ließen die Hecke ein wenig dichter wachsen.

 

Das Braunellen–Männchen zog sich tiefer und tiefer in die Dunkelheit des Geästes zurück, ließ seine Gefährtin mehr und mehr allein.

Die kleine Lerche fürchtete sich täglich immer mehr vor der zunehmenden Dunkelheit und vor den Dornenzweigen, die ihre Bewegungsfreiheit weiter und weiter einengten.

Und sie fürchtete sich schließlich sogar vor ihrem eigenen Gesang, der das Heckenwachstum noch verstärkte.
Wie sehnte sie sich nach dem weiten Feld, nach dem Wind und der freundlichen Helle der Sonne! Und so rückte sie jeden Tag ein bisschen näher an den Heckenausgang.

 

Und eines Morgens, als sie die Sonne aufgehen sah, schwang sie sich leicht wie ein Hauch in die Luft. Sie begrüßte den neuen Tag, den Wind, die Sonne und das weite Feld, ja überhaupt das ganze Leben, mit ihrem jubelnden Gesang! Traurig blickte ihr das Braunellen- Männchen nach.

 

Aber nun ereignete sich etwas Merkwürdiges: Er konnte sich wieder am Lied der kleinen Lerche erfreuen!

 

Und so kam sie jeden Morgen zu der Hecke, in der er lebte und sang nur für ihn ein Lied.

 

Angela Pokolm

Manchmal muss das Herz seinen eigenen Weg finden … Angela Pokolm, Anmerkung zur Geschichte

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