Brigitte Waldner

Erinnerungen an einen Lehrer


Ich erinnere mich noch gerne an ihn.
Er konnte gut mit Kindern umgehen,
vermutlich war er schon 40 plus,
das richtige Alter für Mädchen ab 12.

Physik und Chemie machte er interessant;
er war wie ein Vater zu den Mädchen.
In guter Erinnerung blieben seine Prüfungen,
die Noten vergab er gerecht und besser,

als manche Schülerin sie verdient hätte.
Wir freuten uns auf jede Unterrichtsstunde,
er war ein Lehrer, bei dem man sich sicher fühlte.
Heute hat es mich an ihn erinnert.

Ich fand im Internet einen Todesfall,
der möglicherweise sein Verwandter war.
Er wäre jetzt 97 und könnte noch leben,
wenn er nicht schon längst im Himmel ist.

Ich googelte seinen Namen und fand
die Schule, wo er im Schuljahr 1945/46
als Lehramtskandidat seinen ersten Unterricht
an einer dritten Volksschulklasse auf dem Land antrat.

Zwei Jahre später ging er auf eigenen Wunsch
an die Hauptschule in unserer Stadt,
die in zwei Klassenzügen geführt wurde,
erst hießen sie A-Zug und B-Zug, dann 1. und 2. Klassenzug.

In den A-Zug und 1. Klassenzug kamen nur Schüler und Schülerinnen
mit überdurchschnittlich guten Noten in Mathe, Deutsch und Englisch.
Man gaukelte uns vor, es ist das Gymnasium der Arbeiterkinder,
das war es aber nicht, da unser Lehrpersonal

noch keine Universitätsabschlüsse hatte.
Ein guter Lehrer braucht eine Herzensbildung,
als Schülerin merkte man sofort, welche Lehrkraft was taugte,
an die klammerte man sich so lange die Schule dauerte,

man hangelte sich von Stunde zu Stunde,
von Jahr zu Jahr, bis man endlich durch war.
Die Lehrer mit der Herzensbildung waren es,
auf die man sich täglich freute, von denen man

so viel Energie holte, dass man durchhielt und
von denen man die Motivation bekam, zu lernen.
Der Physiklehrer war einer von dieser edlen Sorte.
Es rührt mich zu Tränen, denke ich an ihn.

Obwohl ich ihn seit rund fünfzig Jahren
nie mehr wieder zufällig wo gesehen hatte
und kein Foto von ihm habe, glaube ich,
ihn in seinem verstorbenen Verwandten zu erkennen.

Als ich seinerzeit sagte, ich will aufs Gymnasium,
steckten sie mich in die Hauptschule, in den 1. Klassenzug,
da Arbeiterkinder am Gymnasium unerwünscht waren.
Wenn ich an diesen Lehrer denke, hat es sich gelohnt.

Ich war eine seiner Lieblingsschülerinnen,
da ich gerne an physikalischen Versuchen teilnahm
und da meine Mutter in der chemisch-pharmazeutischen Fabrik
arbeitete und ich chemische Ausdrücke kannte.

© Brigitte Waldner

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