Helga Sievert

Himmel aus Seide (2) Wiese

Wiese bis zum Horizont

Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr wohnte ich an diesem Bahndamm. Obwohl ich wegzog, blieb die Liebe zu dem Rotdorn, dem Goldregen und überhaupt zur Natur. Noch heute freue ich mich jedes Jahr auf die Zeit, wenn meine beiden Lieblingsbäume endlich wieder blühen.

Als ich nach dreißig Jahren an diesen Ort zurückkehrte, konnte ich es nicht erwarten und ging in die Straße, um mir noch einmal die Pflanzen meiner Kindheit anzusehen. Mich erwartete eine herbe Enttäuschung. Keine einzige Rose hatte überlebt. Der schmale Streifen vor dem Zaun war sauber aufgeräumt, kein Busch, kein Weißdorn oder Flieder waren zu sehen, nur einige weit auseinander stehende Bäume standen dort. Auch der Goldregen hatte nicht überlebt, ebenso wenig wie der Rotdorn. Hier parkten nur noch die Autos der Anwohner.

Enttäuscht ging ich um den riesigen Wohnblock und plötzlich stand ich wieder vor Kuddels Hauseingang. Ein Gefühl von Unwohlsein und leiser Wehmut beschlich mich. Ich dachte, dass ich gerne etwas Unvermeidliches rückgängig machen wollte, aber natürlich geht so etwas nicht.

Gegenüber war ein kleiner Spielplatz, dort setzte ich mich auf eine Bank und forschte dem Gefühl nach. Und plötzlich wurde mir ganz weich ums Herz und am liebsten hätte ich geweint, tatsächlich wurden meine Augen nass und ich ließ es zu, dass ich nun doch lange und intensiv über ihn und mich nachdachte. Doch davon werde ich später berichten.

An dieser Stelle war früher Wiese bis zum Horizont. Der Beifuß, von uns Kindern „Trümmerblumen“ genannt, ging mir bis zum Scheitel, die Kletten, schwankend hoch über mir im Wind, lauerten darauf, dass ich näher kam. Vor den Früchten der Kletten musste ich mich in acht nehmen, denn wenn ich ihnen zu nahe kam, sprangen sie – zack und zwick – in meine langen Zöpfe und es gab lautes Schmerzgeschrei, wenn meine Mutter versuchte, sie wieder herauszupulen. So musste sie sie dann mit einer Schere wieder herausschneiden - und das ergab Schläge und Püffe und wiederum lautes Wehgeschrei beiderseits. Also versuchte ich ihnen auszuweichen.

Um mich herum sah ich undurchdringliches Gestrüpp. Doch da, links von mir, öffnete sich ein schmaler Trampelpfad. Er führte mich auf ein Stück Kleewiese. Von allen Seiten hörte ich das fröhliche Summen der Bienen und Hummeln, die sich an dem Nektar der Blüten zu verschlucken schienen.

Vorsichtig, um keine Hummel zu zerdrücken, setzte ich mich ins Gras und beobachtete die Heuschrecken - versuchte sie zu fangen, doch sie waren schneller als ich, hüpften in lustigem Bogen kreuz und quer durch die Luft, wenn ich versuchte, sie zu erhaschen, setzten sich unweit auf einen Grashalm und ließen ihr „ätsch-ätsch-ätsch“ erklingen. Ich ärgerte mich über ihren Spott und versuchte es wieder und wieder, mit dem gleichen Erfolg.

Bei den Blüten der Disteln hielten sich immer die Schmetterlinge auf. Ich liebte sie, stand ganz still und hoffte, dass sich einmal einer in mein Haar setzen würde. Doch niemals kam mir einer nahe. So begann ich Blumen zu pflücken, um sie anzulocken. Weißbraunen Klee, blauen Ehrenpreis, gelbe Reseden, Schöllkraut und Hahnenfuß. Jetzt fehlten noch rote Blumen. Ich streifte durch die Wiese.

Den zerbombten Bunker umkurvte ich dabei weiträumig. Hier waren nur massenhaft Brennnesseln und es stank ein wenig nach fauligem Wasser. Dahinter verlief die Lienhardstraße. Sie zweigte gegenüber von Kuddel und Tante Hinschs Haus von der Hellbrookstraße ab und lief mitten durch die Wiese, teilte sie sozusagen in zwei Hälften und endete dann am Rübenkamp.

An der Lienhardstraße stand kein Haus, kein Baum, kein Garnichts. Nur der Bunker lag ein paar Schritte neben ihr zertrümmert in der Wiese. Die Straße selbst glich eher einer - wenn auch sehr kleinen - Hügellandschaft. Tiefe Löcher mitten im Teer, die nach dem Regen bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren und viele große und kleine Pfützen bildeten. In jede musste ich reinpatschen und meine Mutter damit zur Weißglut bringen.

Doch jetzt waren hier keine Pfützen und ich eilte auf die andere Seite, um nach roten Blumen zu suchen. Endlich fand ich eine Lichtnelke, aber so richtig rot war die nicht, es musste eine rotere her. Ab ging es durch die hohen Gräser. Da, ganz versteckt leuchtete es rot auf, ein Mohnblümchen blühte stillvergnügt vor sich hin. Ich pflückte es und setzte mich selig ins weiche Gras.

Ganz ruhig war es hier, kein Geräusch, nur das der Grashüpfer, Bienen und der dicken Hummeln. Ein Käfer krabbelte ungeschickt über die kurzen Grashalme, dann verschwand er im Bodengewusel. Ich blickte nach oben und blinzelte in die von der Sonne beschienenen zarten Rispen der Gräser. Ein leichter Wind bewegte die Halme und wie ein Schleier bewegten sich die hauchfeinen Härchen und leuchteten golden im Licht. Wie die Haare der Prinzessin vom Froschkönig dachte ich und schlief auch schon ein.

Kinderstimmen weckten mich. Verschlafen wunderte ich mich, dass ich mein Kissen nicht finden konnte, dann merkte ich, wo ich war und blickte suchend nach den Kindern. Sie saßen unweit von mir in einer Kleewiese und flochten sich Ketten und Armbänder aus den Blüten.

Eines der größeren Mädchen zeigte mir geduldig, wie das ging, und ich flocht meine erste Krone fürs Haar. Nun würden doch noch alle erkennen, dass ich in Wirklichkeit eine richtige Prinzessin war, freute ich mich, und machte mich mit Eifer daran, ein Armband zu flechten. Meine ungeschickten Finger schafften es auch bald und ich war glücklich, als die Kinder mein Werk bewunderten.

Nun wollte ich schnell zu Tante Hinsch und Kuddel laufen. Sie waren unsere ehemaligen Nachbarn und für mich mehr wie Vater und Mutter. Vielleicht war Kuddel schon von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich wollte Tante Hinsch die Blumen schenken und Kuddel könnte mir eine Geschichte erzählen, Eigentlich hieß er ja Rudolf, aber Peter, mein Bruder, und ich hatten ihn Kuddel getauft, weil dieses Wort ein Ausdruck aus dem Hamburger Hafen für Kumpel und Freund ist. Da er mein und Peters bester Freund war, hatte er den Namen von uns bekommen.

Er war der beste Geschichtenerzähler auf der Welt. Ich durfte auf seinem Schoß sitzen und er erzählte mir die dollsten Sachen. Am liebsten hörte ich die Geschichte vom kleinen Kohn, der in der winzigen Plastikhülle des Rollobandes wohnte, genau dort, wo man ziehen musste um das Rollo runter- oder raufzuziehen. Er fasste dann die kleine Hülse an und fragte mich: „Hast du schon den kleinen Kohn gesehen?" „Nein,“ sagte ich und schaute neugierig zu, wie er die Hülse etwas nach oben bog um selbst hineinschauen zu können. „Ach, da ist er ja, der kleine Kohn. Hallo Ko-hon, hast du heute eine Geschichte für uns?“ Der kleine Kohn antwortete mit ganz leiser, piepsiger Stimme, doch leider in einer nur für Kuddel bekannten Geheimsprache. Kuddel sagte dann aha, soso, hm, hm und dann übersetzte er mir die Geschichte vom kleinen Kohn. Leider habe ich ihn nie selbst gesehen, denn immer wenn ich in die Hülse hineinschaute, war er gerade nicht da. Ich rief hinein, aber nie bekam ich eine Antwort.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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