Helga Sievert

Himmel aus Seide (3) Kuddel

Kuddel

Kuddel brachte mir alles bei, was ich im Leben so brauchen konnte. Er zeigte mir, wie ich meine Schuhbänder zu Schleifen binden konnte, wie ich es anstellen musste, um mit Messer und Gabel „feine Dame“ zu spielen, wie ich richtig schwimmende Holzschiffe aus einem kleinen Holzklotz rausschnitzen, Briketts stapeln, Nägel im Dunkeln vom Fußboden mit einem Magnet aufsammeln konnte. Auch wie man fegt, ohne dass es staubt, und er brachte mir das Tanzen bei.

Da ich noch zu klein war, um mit ihm richtig zu tanzen, stellte ich mich auf seine großen Füße, hielt mich an seinen Händen fest und schon ging es los. Er fing an ein Lied zu singen: „Schingschang schingschang bumfidelitzki, jangkangki, schingschang schingschang bumfidelitzki, jangkangki katawau, katawauwauwauwau, tulimaris jangkangki, jangkangki, tulimaris jangkangki katawauuuuu,“ und tanzte mit mir so lange durch die Küche, bis mir schwindelig wurde und Tante Hinsch mit uns schimpfte, weil sie nun kochen musste und Kuddel endlich auf Tour gehen sollte, bis sie mit dem Essen fertig wäre. Also packte Kuddel seine Werkzeugtasche und seinen Zampel, der wie ein kleinerer Seesack aussieht und in dem Arbeitskleidung und Werkzeug verstaut werden - und wir gingen beide auf Tour.

Mit Kuddel auf Tour gehen war toll. Er war nämlich Hausmeister in unserem Block, ging jeden Tag in die Häuser von der Hellbrookstraße, dem Fritz-Neubers-Weg und dem Hardorffsweg, und ich durfte mit, denn ich war sein Stift, ein anderes Wort für Lehrling. Diese Aufgabe nahm ich sehr ernst. Zu Weihnachten hatte ich mir auch einen Zampel gewünscht und tatsächlich hatte ich auch einen bekommen in schönem Blau. Zuerst war ich enttäuscht über die Farbe, denn Kuddels Zampel war grau und im Stoff auch derber, aber Kuddel überzeugte mich davon, dass Mädchen einen blauen mit weicherem Stoff haben mussten. Also gingen wir täglich, jeder mit dem Zampel auf dem Rücken, auf Tour. Zuerst ging es zu Frau Gallasch. Bei dem Namen lief mir regelmäßig das Wasser im Munde zusammen, weil ich sie in Gedanken natürlich Gulasch nannte. Dort war ein Wasserrohr kaputt. Ich reichte Kuddel die Wasserpumpenzange, die Schraubenzieher und das für mich wertvolle Hanf. Ständig versuchte ich davon zu stibitzen, weil ich zu gerne blonde Haare gehabt hätte, aber Kuddel passte auf wie ein Schießhund.

Nachdem wir das Wasserrohr repariert hatten, gingen wir in den Fritz-Neubers-Weg zu Albers. Dort hatte der freche Sohn Alfred mal wieder eine Fensterscheibe eingeschlagen. Vorsichtig entfernte Kuddel die Glassplitter aus dem Fensterrahmen. Dann kam meine Arbeit. Ich durfte den alten, harten Kitt entfernen, so dass Kuddel die neue Scheibe einsetzen konnte. Dann durfte ich die kleinen Stifte, die als Stütze der Scheibe dienten, mit einem ganz dünnen Hammer einklopfen und auch noch den neuen, frischen Kitt mit Pril an den Fingern, damit er nicht festklebte, anpassen. Als wir fertig waren, hielt mir Frau Albers einen Apfel hin. Sofort verschränkte ich die Hände hinter meinem Rücken. Sie schaute mich fragend an und ich erklärte ihr, dass ich noch einen Bruder hätte und der müsse ja wohl auch einen Apfel bekommen. Das fand sie auch und so in Ordnung, und ich bekam noch einen dazu, den ich später meinem Bruder Peter gab.

Nun musste Kuddel in seinen Arbeitskeller. Der war im Hardorffsweg, der Straße in der ich wohnte. Hier verwahrte er die interessantesten und begehrenswertesten Sachen auf. Meistens durfte ich nicht mit in den Keller, denn ich hatte schon zu oft versucht, den für mich streng verbotenen roten Kitt zu klauen. Der war giftig für Kinder. Doch ich wollte unbedingt die Löcher in unserem roten Backsteinhaus ausbessern und versuchte es immer wieder. Doch heute durfte ich mit runter und zusehen, wie Kuddel Gips mit etwas Wasser, in einem halben Ball, zusammenrührte. Dann nahm er zwei verschiedene Spachtel und wir gingen rauf ins Treppenhaus. Dort waren neben den Treppenstufen, vom Bohnern mit dem schweren Bohnerklotz, kleine Löcher entstanden. Nun zeigte er mir, wie ich diese mit Gips ausbessern konnte. Gips und weißer Kitt waren nicht für mich verboten, und von nun an besserte ich jedes Loch, ob es ein zufälliges oder gewolltes war, erbarmungslos aus. Noch heute kann man meine Arbeit an den Häusern bewundern.

Als wir unsere Arbeit beendet hatten, gingen wir zu Tante Emmy, die ich eigentlich Tante Hinsch nannte, sie aber wollte gerne, dass ich sie beim Vornamen ansprach, und freuten uns schon im Flur auf das Essen. Es duftete herrlich nach Linsen süß-sauer. So gut wie Tante Emmy die machte, konnte es noch nicht mal meine Mutter. Ich konnte nicht genug davon bekommen und morgen würde ich dann wieder meinen Bauch grinsen lassen. Das ging nach dem Genuss von Linsen ganz besonders gut. Wenn ich auf die Toilette ging und ihn einzog bildete sich immer so ein Strichmund und der Bauchnabel verschwand darin. Das sah so aus als ob er lachte oder breit grinste. Ich habe das Kuddel erzählt und der meinte nur, dass der Bauch sich sicher freut weil ich immer so brav auf Toilette gehe.

Doch vorher mussten wir uns waschen, denn wir würden wie zwei "Negerkinder" aussehen meinte Tante Emmy. (Damals war dieser Ausdruck normal und keiner wusste, dass es  mit Diskriminierung zu tun hat)

Kuddel nahm seine Geheimseife, die war ganz hart und rubbelig und verteilte sie auf meinen Händen. Dann begann er sie gründlich zu waschen, so dass die dicke, schwarze Suppe nur so herunter lief. Seine großen Hände schlossen sich um meine kleinen und er bearbeitete meine Fingernägel, nahm dann eine Bürste und schrubbte bis ich lauten Protest einlegte. Dann nahm er die „gute“ Seife und zärtlich begann er dann meine rote Haut damit einzuseifen. Ich genoss das sehr, fühlte mich umhegt und wichtig und fragte ihn ob denn meine Hände auch bald so groß sein würden wie seine. Ich müsse noch etwas warten, aber dann würden sie schon wachsen, ich solle nur nicht vergessen sie immer schön zu waschen und die Fingernägel sauber zu halten, das wäre sehr wichtig, riet er mir. So ließ ich mir die Hände waschen, fühlte mich dabei wunderbar umsorgt und lies ihn hinterher meine Finger mit Niveacreme einmassieren, bis sie glitschten und dann durfte ich den überschüssigen Rest auf seinen Händen verteilen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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