Sabine Brauer

Im Wartezimmer

Da saßen wir wieder einmal. Alle drei Monate das selbe Prozedere.
Lungenfunktionskontrolle im Pneumozentrum. Die Gesichter waren mir größtenteils bekannt. Die pummeligen Freundinnen, die immer allerhand Neues zu bereden hatten in einer Phonestärke die selbst Schwerhörigen das Gefühl gaben eine Spontanheilung erlebt zu haben. Dann der Mann mittleren Alters von der Lebenshilfe mit seiner Betreuerin. Er sah stillvergnügt vor sich hin. Der junge Ausländer, der einen liebenswürdig zerstreuten Eindruck machte. Zu guter Letzt der hagere Herr Thamm in einer sehr gebeugten Haltung. Heute kam er kurz nach mir durch die Tür, seinen Gehstock in der rechten Hand, setzte er sich mir gegenüber.

Als die Dame von der Anmeldung den nächsten Patienten aufrief, begrüßte sie ihn freudig. Er schäkerte ein wenig mit ihr und beide mussten lachen.
Ich hatte Muße, ihn mir in Ruhe zu betrachten. Er schien alle Zeit der Welt zu haben. Jetzt beschäftigte er sich damit, den Gehstock auszubalancieren.
Mir tat es leid, dass ich mein Handy nicht dabei hatte. Der Wunsch kam in mir hoch, diesen Greis in einem Bild festzuhalten. Da es nicht ging, prägte ich mir seine Haltung ein. Es machte mir Freude ihm zuzusehen.

Als ich ins Behandlungszimmer gerufen wurde, musste ich mein Tun beenden. Da mein Platz nach meiner Rückkehr besetzt war, nahm ich neben dem Objekt meiner Bewunderung Platz. Er raunte mir zu: „ Haben sie das Paar gesehen, dass eben das Wartezimmer verlassen hat? Die waren fuchsteufelswild, meinten, der Doktor hätte einen Knall und keine Ahnung. Vor allem Madame hatte das Wort und der gnädige Herr war puterrot und sah wie ein begossener Pudel aus.“ Wir feixten noch ein wenig. Dann sprach er davon, das er die 93 schon überschritten hätte und sein Körper wäre so ziemlich im Eimer, weshalb er die meiste Zeit damit verbrachte, Arzttermine wahrzunehmen. Doch er ärgerte sich nicht darüber, kam er so doch auch aus seinen vier Wänden.
Dann hatten wir den Datenschutz am Winkel, welch ein Blödsinn der doch wäre. „Wegen mir brauchte es den Datenschutz nicht zu geben, ich habe nichts zu verbergen.“, sagte der alte Herr. „An die Bestimmungen kann sich ja kein Mensch halten“, meinte ich, „wir werden schon zu Strafftätern gemacht, wenn wir Nachbars Fiffi ohne Erlaubnis seiner Besitzer in deren Garten ablichten. So ´n Quatsch. Sie hätte ich ja eben auch zu gerne fotografiert. Wie sie so dasaßen, den Stock vor sich, das wäre ein wundervolles Foto geworden. Sie strahlten so eine Ruhe und Frieden aus,
das hat mich fasziniert.“ Schelmisch schaute er mich an: „Ist das nun etwas Gutes, wenn ich eine beruhigende Wirkung auf sie habe? Was ist nur los mit mir, ich kann keine Frau mehr erregen?“

Das Geplänkel wurde unterbrochen, weil ich ins Sprechzimmer gerufen wurde. Kurze Zeit später war ich entlassen und konnte Richtung Heimat gehen. Herr Thamm rief mir hinterher: „Aber nicht vergessen, dass nächste Mal bringen sie  ihre Kamera mit!“

© Sabine Brauer

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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