Helga Sievert

Himmel aus Seide (4) Grünes Brot

Grünes Brot

Heute durfte ich wieder bei Kuddel schlafen

Klipp klapp, klipp klapp, Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster. Ich liege und lausche, nun höre ich auch den rumpeligen Wagen, vor den das Pferd gespannt ist. Das Gespann ist schon nah, aber in weiterer Ferne höre ich noch mehr Pferdewagen kommen. Die Wäscherei Tesdorp schickt jeden morgen ab sieben Uhr die Pferdewagen zur Kundschaft, bringt und holt Wäsche.

Dieser Wagen hat frisch gewaschene Wäsche geladen, ich rieche es bis hier her ins Bett, wo ich mit Kuddel gemütlich liege und mich wohl fühle. Gleich wird er sich recken und seine Augen öffnen, mich sofort anlächeln und dabei zwinkern. Jede zweite Nacht darf ich bei ihm schlafen, an den anderen Tagen darf Peter das. Ich würde zwar am liebsten immer bei ihm sein, aber eigentlich finde ich es auch gerecht, dass Peter genau so oft bei ihm schlafen darf wie ich.

Schnell springen wir aus dem Bett, und ich gebe Tante Emmy einen Kuss. Sie liegt noch auf ihrer Couch und plinkert mit den Augen, freut sich aber, dass ich sie schon umarme. Dann hüpfe ich in die Küche, um mir am Handstein das Gesicht zu waschen.

Vorsichtig drehe ich den Wasserhahn auf. Schüttelnd und pladdernd spritzt das Wasser hervor. Ich schreie spitz auf, denn es ist kalt und ich bin noch ganz bettwarm. Ich frage Kuddel, warum das Wasser morgens immer so herausspritzt und er erklärt mir, dass das Wasser, genau wie ich, noch müde ist und sich erst mal schütteln muss, damit es dann auch schön ruhig aus dem Hahn fließen kann. Das leuchtet mir ein und ich habe Erbarmen mit dem armen, müden Wasser, welches sich durch den engen Hahn quälen muss.

Wenn ich mich fertig gewaschen habe, schaue ich intensiv nach den Hühnern, rufe „Putt, putt, putt, Hühner, geht es Euch gut?“ Kuddel schaut mich verwundert an, und ich erkläre ihm, dass im Abfluss Hühner leben. Er schüttelt den Kopf und fragt mich, wie ich denn darauf käme. Ich zeige mit meinem Finger auf das Abflusssiel und wie da die Hühneraugen durchschauen. Es bilden sich dort weiße Ringe um einen dunkleren Kreis, und genau so sehen die Augen der Hühner von meiner Tante Friedchen aus. Also wohnen Hühner bei uns im Abfluss. Kuddel sagt dazu nichts weiter, und Tante Emmy schimpft schon wieder, dass ich so lange meine Zeit am Handstein verplempere. Ich solle nun endlich Rundstücke holen gehen.

Rundstücke, ein herrliches Wort. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und schnell ziehe ich meine Lederhose und die Schnürstiefel an, lasse mir von Kuddel die Schleifen vom Schuhband binden, nicht ohne mir anhören zu müssen, dass wir das bald zusammen üben würden, so lange bis ich es selber kann, und schon flitze ich los. Eine Schachtel Eckstein soll ich noch von Quisdorf holen. Das behagt mir gar nicht, denn der Zigarrenhöker schenkt mir immer so schreckliche Bonbons, und was man geschenkt bekommt, muss man ja auch aufessen. Ich sehe das nicht ein und habe sie deshalb einmal einfach weggeworfen. Tante Emmy hat deshalb ein schreckliches Theater mit mir gemacht. Angeblich sollen es Lakritzbonbons sein, aber Lakritze schmeckt ganz anders und ich versuche alles, um sie nicht anzunehmen, sie loszuwerden. Wahrscheinlich will er sie selber loswerden und zwingt sie mir deshalb auf.

Also sause ich zu Quisdorf rein, nehme zähneknirschend die Bonbons und die Zigaretten für Kuddel und Tante Emmy, flitze wieder hinaus, um die Ecke und – zack - zum Bäcker. Dort schaue ich erst mal sehnsüchtig die Sahnestückchen an. Meine Augen werden ganz groß und ich hoffe, dass bald mal wieder ein Familienfest ist, damit ich vielleicht ein übrig gebliebenes Stückchen bekomme.

Eine Frau steht vor mir am Tresen und ich höre sie laut lamentieren. Zuerst höre ich nicht so genau hin, denn der Kuchen ist noch viel zu interessant. Doch dann ruft die Bäckersfrau ihren Mann und erzählt ihm, dass Frau Behnke (gesprochen: Beeeeehnke) gestern ein Weißbrot gekauft hat, und als sie es aufschnitt, war es innen grün. Grüüüüüün!!! Iiiiiih!!! Ich schreie laut durch den Laden, dass das bestimmt verschimmelt war. Der Bäcker schaut mich giftig an, seine Frau schlägt sich die Hand vor den Mund und zischt, ich solle doch still sein, ich freches Gör. Eigentlich möchte ich nun beleidigt sein, aber das weitere Gespräch ist viel zu interessant und mir fehlt die Zeit zum Schmollen. Der Bäcker erklärt Frau Beeeeehnke, dass es ihm unendlich leid täte, aber ihm wäre die Lebensmittelfarbe für die grünen Törtchen ins Mehl gefallen und er hätte den Teig nicht wegwerfen wollen. Er habe versucht, alles herauszusieben, aber da wäre dann wohl noch was von der Farbe drinnen geblieben. Er würde ihr jetzt ein neues Brot geben, und sie solle doch bitte nicht so ein Theater machen deshalb.

Misstrauisch schaue ich auf die Sahnetörtchen. Tatsächlich, da ist eines mit einem grünen Deckel. Niemals mehr würde ich davon essen, denn ich weiß genau, dass der Bäcker Frau Behnke angeflunkert hat. In Wirklichkeit ist es nämlich doch Schimmel, denn wer hat schon von grüner Farbe im Essen gehört? Ich jedenfalls nicht!

Ich bestelle nun meine 6 Rundstücke, bezahle meine 30 Pfennig und schaue die Brötchen noch im Laden sehr genau an. Am liebsten möchte ich sie alle aufbrechen um nachzusehen, ob auch kein grünes Gift darin ist, aber ich traue mich nicht, denn der Bäcker hat so einen Blick, der nichts Gutes verheißt.

Schnell verlasse ich den Laden und überquere noch vor dem Zigarrenladen Quisdorf die Straße, denn ich möchte nicht riskieren, dass er herausstürzt um mir noch mehr der ekeligen Bonbons aufzuzwingen. Und ich hüpfe auf einem Bein zurück zu Kuddel und Tante Emmy. Dort warne ich sie vor den grünen, giftigen Rundstücken, ernte aber nur verständnislose Blicke, die mir bedeuteten, ich solle nicht so viel dummes Zeug erzählen und lieber mein Frühstück essen

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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