Hermann Moser

Spannung live

Nyoko Binder staunte, als sie mit ihrem Kollegen Johann Sturmaier die Filiale einer Elektro-Handelskette betrat. „Kaum ist der Chef im Urlaub, schleppt mich sein Stellvertreter in den Elektro-Laden, um sich neue Lautsprecherboxen anzuschauen. Johann, du bist ja ein ganz Schlimmer!“

Er steuerte zielstrebig die HiFi-Abteilung an und ließ sich von seiner Kollegin nicht beirren. „Liebe Nyoko, ich bin auch Kapellmeister der Polizeimusikkapelle. Man kann diesen Besuch als dienstlich auffassen.“

„Dann such dir einen schönen Subwoofer für die Tuba aus. Ich werde mich in der TV-Abteilung fortbilden. Dort läuft gerade eine Kochsendung.“ Nyoko hatte viele Talente und Interessen, aber die Zubereitung von Nahrung gehörte nicht dazu. Sie benötigte vielmehr einen neuen Fernseher, denn auch selten benutzte Geräte haben ein Ablaufdatum. Das Angebot war enorm. Es gab Riesen-Geräte für Menschen, in deren Wohnzimmer der Bildschirm dominiert wie die Leinwand im Kinosaal. Andere waren so klein, dass man sie ohne Preisschild nicht sehen würde. Auf allen Geräten lief die Sendung „Gerd am Herd“. Der berühmte Haubenkoch Gerd Neubauer war hundertmal zu sehen, von ganz klein bis überlebensgroß. Ein Logo links oben zeigte an, dass die Sendung live übertragen wurde.

Neubauer griff zu seinem Herd.

Dann …

Was war das? Ein makaberer Scherz, den man in die Sendung eingebaut hatte?

Der Fernsehkoch wand sich, sein Körper zuckte, er konnte sich nicht mehr vom Herd lösen.

Auf allen Fernsehern stand Neubauer unter Strom. Die Verkaufsgespräche wurden unterbrochen. Ein paar Leute schrien auf. Andere blieben starr vor Schreck stehen. Einkäufe fielen zu Boden.

Neubauer brach zusammen. Nyoko wollte es nicht glauben. Hatte sie soeben den berühmten Koch sterben gesehen? Live übertragen im gesamten Land?

Johann hörte den Tumult und lief zu Nyoko. „Was ist denn hier los?“

Sie zeigte auf einen großen Flachbildschirm. Die Küche war verschwunden. Stattdessen ein Schriftzug. „Bitte entschuldigen Sie die technische Störung.“

Nyoko nahm ihr Telefon und fand schnell heraus, aus welchem Studio die Sendung übertragen wurde. „Ich fürchte, dieser Besuch wird doch noch dienstlich. Der Fernsehkoch ist in einen Stromkreis geraten und dennoch wurde kein Schutzschalter ausgelöst. Diese technische Störung könnte ein Mord gewesen sein. Fahren wir hin!“

 

Der Tod des Hauptdarstellers war im Skript nicht vorgesehen. Eine überforderte Studio-Crew versuchte, das Chaos in Ordnung zu bringen. Die Betreuer der Zuschauer, mehrerer mit Bussen angereister Seniorengruppen, mussten selbst betreut werden.

Mitten im Trubel stand wie eine Statue ein schlanker Mann mit tadellos gestylter Föhnfrisur und gepflegtem Dreitagesbart. Er musterte Nyokos Ausweis und dessen Besitzerin, ging sogar einmal um sie herum, um ihre figurbetonte Kleidung zu begutachten.

Nyoko atmete tief durch. Wenn der Mann unter seinem maßgeschneiderten Anzug nicht ein rosa Hemd und an den Füßen die dazupassenden Socken angehabt hätte, wäre sie in den Anmach-Abwehr-Modus gegangen.

Georg Vogler, der Produzent der Kochshow, beendete seine Besichtigungsrunde. „Sie sind Polizistin? Sie schickt der Himmel!“

„Eigentlich ist es ein irdischer Auftrag“, raunte Nyoko kopfschüttelnd. „Immerhin ist der Star ihrer Sendung ermordet worden.“

„Dieses Charisma! Und das bei dem atemberaubenden Aussehen! Der exotische Touch ist die Krönung! Woher kommen Sie?“

„Aus Tirol.“

„Auch noch schlagfertig!“ Er klatschte in die Hände. „Sie sehen aber nicht wie eine Alpenländerin aus.“

„Meine Mutter ist Japanerin.“ Sie wurde lauter, ihre Geduld war alles andere als unendlich. „Können wir jetzt bitte endlich über den Fall sprechen?“

„Entschuldigen Sie bitte, aber auf jemand wie Sie warte ich verzweifelt seit Wochen. Ich bin auch Produzent von ‚Fahndung Österreich‘ und wir suchen einen neuen Moderator, möglichst jemand mit Polizeierfahrung. Sie wurden dafür geboren, sagen Sie Ihre Gagenforderung!“

Nyokos Charisma bekam einen feurigen Touch. „Ich bin nicht zum Casting gekommen! Wenn Sie nicht sofort über dieses Verbrechen sprechen, lasse ich den Tatort zwei Monate sperren und trete hier täglich ohne Gage auf. Danach werden Sie nie wieder jemand mit Polizeierfahrung sehen wollen. Können wir jetzt anfangen?“

„Ich dachte immer, dass Künstler die stressigsten Menschen auf dieser Welt sind“, stöhnte er. „Ausgerechnet eine Beamte ist noch schlimmer. Fangen Sie bitte an, bevor Sie den gesamten Rundfunk lahmlegen. Warum sind Sie so sicher, dass es ein Mord und kein technisches Gebrechen war?“

Nyoko schaute zum Spurensicherer Klaus Zimmermann, der vor einer geöffneten Wartungsklappe des Herdes auf dem Boden lag, und mit seinem Lieblingswerkzeug, einer Lupe, das Gerät untersuchte. Er nahm seinen Kopf aus dem Herd und drehte sich zu den beiden. „Ich muss die Hoffnung des Herrn Produzenten dämpfen. Hier ist ein Kabel zum Gehäuse des Backofens verlegt, ein zweites zum Abtropfgitter, und die Sicherung ist überbrückt. Falls der Meister der Fernsehproduktion noch immer zweifeln sollte, müsste er diese Zeitschaltuhr erklären. Sie hat die Vorrichtung während der Sendung scharf geschaltet. Der spannende Abgang des Kochtopfkünstlers war eine öffentliche Hinrichtung. Das ist ein Fall für uns und nicht für den TÜV.“

Nyoko beobachtete den verzweifelten Blick des Produzenten. „Ist es nicht üblich, dass Kochsendungen aufgezeichnet werden? Warum ist diese live gesendet worden?“

„Das war eine Idee seines Agenten anlässlich des Sendungsjubiläums.“

„Name?“ Nyoko sah ihn scharf an.

Vogler nahm sein Handy aus der Sakkotasche, rief seine Kontakte auf und zeigte es ihr. „Franz Helios, hier ist seine Adresse.“

Die Polizistin ballte ihre Fäuste. „Du liebe Güte! Der hat mir noch gefehlt.“

„Kennen Sie ihn? Hat er Probleme mit der Polizei?“

Sie wurde leiser und wich seinem Blick aus. „Nein, das war in einem anderen Leben. Wer könnte diesen Herd unbemerkt manipuliert haben?“

„Ich verstehe das nicht“, grübelte er. „Fernsehen ist Teamwork. Hier arbeitet nie jemand allein.“

Nyoko blickte um sich. Hier arbeiteten wirklich eine Menge Menschen. „Auch in der Nacht?“

„Es gibt ein modernes Alarmsystem und die Security ist auch in der Nacht hier.“

„Sind immer mehrere Nachtwächter anwesend?“

Er dachte etwas nach. „Das weiß ich nicht so genau, ich denke aber nicht.“

„Schon haben wir jemand gefunden, der allein hier war“, meinte Nyoko lächelnd. „Geben Sie mir bitte den Namen des Sicherheits-Unternehmens.“

Während Vogler die Daten in seinem Smartphone suchte, entstand ein Tumult beim Eingang. Eine etwa 40 Jahre alte Frau versuchte, an den bei der Tür postierten Polizisten vorbeizukommen. „Gerd! Um Gottes willen! Was ist mit Gerd?“

Johann hatte unmittelbar daneben Studiomitarbeiter befragt und deutete seinen Kollegen, die Frau durchzulassen. Er ging ihr entgegen und stellte sich vor. „Sind Sie Frau Neubauer?“

Die Frau nickte schluchzend. „Sagen Sie mir bitte, dass das alles ein makaberer Scherz war. Das kann doch nicht sein … während einer Livesendung …“

Sie sah die Leiche ihres Mannes vor dem Herd liegen und stürzte zu ihm. Johann musste sie zurückhalten, da die Spurensicherung noch nicht abgeschlossen war. Er führte sie zu einem Stuhl und setzte sich neben sie. „Mein aufrichtiges Beileid. Sind Sie in der Lage, mir einige Fragen zu beantworten?“

„Bitte fangen Sie an … Nein … Können wir zu mir nach Hause fahren? Hier ist zu viel Trubel.“

 

Die Neubauers bewohnten ein Einfamilienhaus im 23. Wiener Gemeindebezirk. Schön, aber für einen Fernsehstar relativ unspektakulär. Ulrike Neubauer, Nyoko und Johann nahmen im Wohnzimmer Platz, für das der Hausherr handwerkliches Geschick im Zusammenbau schwedischer Möbel beweisen hatte müssen.

Johann begann das Gespräch. „Haben Sie eine Idee, wer Ihrem Mann das angetan haben könnte?“

„Er war der liebste und netteste Mensch der Welt, vor allem war er viel zu gutmütig. Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Müssen Sie mich jetzt nach meinem Alibi fragen?“

Johann schüttelte den Kopf. „Wir wissen noch nicht, wann die Elektrofalle installiert worden ist. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass Sie einen Herd manipulieren. Wir denken an einen Täter im beruflichen Umfeld. Hatte Ihr Mann da irgendwelche Probleme?“

„Vor einigen Jahren hat unser Restaurant gebrannt. Die Inneneinrichtung ist völlig zerstört worden.“ Ihre Stimme stockte. „Es gab Hinweise auf eine Brandstiftung, die konnten aber nie geklärt werden.“

Johann sah zu Nyoko, die entgegen ihrer Gewohnheit außergewöhnlich ruhig neben ihm saß. Die Polizistin, die sonst mit ihren strahlenden Augen jedes Detail einer befragten Person studierte, um beim kleinsten Anflug einer Ungereimtheit sofort zu reagieren, saß regungslos auf der Couch. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass ihr Kollege sie beobachtete, und drehte sich zu ihm. „Das habe ich befürchtet.“

„Nyoko?“, fragte Johann verwundert.

Plötzlich war sie voll da, ihre Augen weit geöffnet, die Beine begannen zu zappeln. „Frau Neubauer, hat Ihr Mann ein Arbeitszimmer?“

Die Witwe bejahte und sie gingen in einen Raum, in dessen Mitte ein großer Schreibtisch stand. Die Regale an den Wänden waren voll mit Aktenordnern. Nyoko las die Beschriftungen, fand schnell, was sie suchte, nahm die Mappe heraus und warf sie schwungvoll auf den Schreibtisch. „Jetzt bin ich gespannt, wie du heute deine Geschäfte machst.“

Sie blätterte wild hin und her. „Habe ich es mir doch gedacht, du Saftsack hast ihm die Hosen ausgezogen … Sieh an, du bist auch Teilhaber des Restaurants … Moment mal! … Das kann doch kein Zufall sein. Frau Neubauer, Ihr Mann hat den Agenturvertrag mit Franz Helios kurz nach dem Gasthaus-Brand abgeschlossen. Haben sich die beiden damals schon länger gekannt?“

„Nein, Helios hat Gerd in einem Fernsehbericht nach dem Feuer gesehen. Er hat sich gedacht, dass mein Mann als Fernsehkoch gut rüberkommen würde und ihn kontaktiert. Der Schaden im Lokal war enorm, wir sind kurz vor dem Konkurs gestanden. Helios hat ein Gesamtkonzept erstellt, das Marketing sollte durch die Fernsehauftritte angekurbelt werden. Außerdem hat seine Finanzspritze als neuer Teilhaber den Betrieb gerettet.“

Nyoko blätterte weiter im Ordner. „Waren die Konditionen fair?“

„Es gibt sicher bessere Verträge, aber angesichts der Umstände …“

„30 Prozent für einen Agenten! Das ist Wucher!“ Nyoko schlug mit der Faust auf den Ordner. „Hat Herr Neubauer nie mit dem Gedanken gespielt, den Agenten zu wechseln?“

„Gerd war ein sehr dankbarer Mann“, stammelte Ulrike Neubauer.

„Waren Sie auch seiner Meinung?“

„Ich verstehe diese Fragen nicht. Was soll das alles mit dem Mord an meinem Mann zu tun haben?“

Johann war froh, nicht Nyokos Gegner zu sein, denn ihr wütender Blick konnte einem Angst machen. Er kannte diese Haltung. Wenn sie das Gewicht auf ein Bein verlagerte, folgte meist ein Fußtritt gegen ein Möbelstück. Der Mann, der sie in solchen Situationen am besten beruhigen konnte, war weit weg. Er musste es also selbst versuchen und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Nyoko, was ist los mit dir?“

Sie schob seine Hand weg, drehte sich zum Fenster. Im Garten saß eine Katze vor einem Baum und beobachtete einen Vogel, der auf einem hohen Ast ein Lied trällerte. Der Stubentiger war kein Musikfreund. Er schätzte ab, ob er mit einem Sprung das Federvieh erreichen konnte. Nyoko bewunderte die Ruhe, mit der die Katze ihre Beute fixierte. Sie beneidete den Vogel um die Unbeschwertheit so nah am Feind.

Johann folgte ihrem Blick. Er wollte etwas sagen. Aber was? Er hatte keine Ahnung.

Nyoko verließ wortlos den Raum.

Nach einem dankbaren Blick zu den beiden Tieren folgte er ihr.

 

Johann hatte Angst. Er wusste, dass er gleich ordentlich verprügelt werden würde. Sein Gegenüber war um einiges kleiner und mindestens zwei Gewichtsklassen unter ihm. Ein übermächtiger Gegner.

Als Nyoko vor einigen Jahren seine Kollegin geworden war, hatte sie gehört, dass Johann im Polizeisportverein boxte. Die Trägerin eines schwarzen Karate-Gürtels hatte ihn sofort zu einem Kampf herausgefordert. Fußtritte waren nicht erlaubt und die Hände in Box-Handschuhen für die meisten Karate-Schläge ungeeignet. Das hatte er unfair empfunden und sich anfangs geweigert. Er musste feststellen, dass es gegen ihre Beharrlichkeit keine Chance gab. Nach wenigen Sekunden des Kampfes war er am Boden gelegen. Die Zuschauer hatten ihn ausgelacht und sich dennoch nicht in den Ring getraut.

Zeit für die Revanche. Fitter war er in den Jahren seither nicht geworden. Das Ergebnis stand fest. Dafür gab es eine Zusatzregel. Jedes Mal, wenn er zu Boden ging, musste sie ihm eine Frage beantworten. Nyoko redete nie über ihre Vergangenheit. Umso heftiger waren ihre nonverbalen Reaktionen. Nur mit ungewöhnlichen Aktionen konnte man sie aus diesen Zuständen holen. Johann hielt den Boxkampf für keine gute Idee. Er fand aber auch keine bessere.

Er wollte gar nicht zuschlagen, nur auf seine Deckung achten. Einen Zusammenbruch konnte man auch simulieren. Er hielt sich die Fäuste vors Gesicht, die linke etwas höher als die rechte, erwartete, dass sie mit einer Schlagserie gegen die Deckung ihre Wut abreagierte.

Das tat sie nicht.

Sie traf mit einem gezielten Schlag den Solarplexus unterhalb des Nabels. Johann fühlte sich, als ob er alles auskotzen müsste, was er je in seinem Leben gegessen hatte. Sämtliche Luft wurde aus der Lunge gepresst. Treffsicherheit und Geschwindigkeit waren klar, aber woher hatte diese kleine, zierliche Frau so viel Kraft? Ihm wurde schwarz vor den Augen.

Er kam wieder zu sich, als er auf der Matte aufschlug. Nyoko kniete sich zu ihm. „Geht es dir gut? Vielleicht sollte ich mich doch am Sandsack abreagieren.“

„Der stellt nicht die richtigen Fragen.“

Sie half ihm auf. „Also gut, fang an!“

„Was hast du für ein Problem mit Franz Helios?“

„Er war mein Agent, als ich als Model gearbeitet habe. Ich bin aber zu klein und habe daher nur die Exoten-Nische besetzt. Das waren zu wenig Aufträge, also wollte er mich an einen Escort-Service vermitteln, sobald ich volljährig war. Das habe ich verweigert, aber am Ende bin ich ein Pin-up geworden.“

„Die Magersucht-Branche und ein Fernsehkoch in einer Agentur, das nenne ich vielseitig. Ich habe immer gedacht, dass du kein Problem mit deinem ehemaligen Beruf hast.“

Nyoko begann im Boxring zu tänzeln. „Das habe ich auch nicht, aber ich weiß, dass einige seiner Models in der Prostitution gelandet sind. Wenn man dort Beziehungen hat, ist der Weg zur organisierten Kriminalität nicht weit. Jetzt taucht er im Zusammenhang mit einer Brandstiftung in einem Lokal auf, dessen Besitzer er seither aussaugt. Bist du bereit für die nächste Runde?“

Johann griff sich an den Bauch. Das würde wohl ein mächtiges Hämatom werden. „Es geht schon wieder. Was haben eigentlich deine Eltern gesagt, als du Pin-up geworden bist?“

Der Schlag traf ihn voll ins Gesicht. Diesmal blieb er liegen.

 

Am nächsten Tag fuhren Nyoko und Johann zu Franz Helios. Johann stöhnte. „Bitte schau auf die Straße, wenn du wie eine Verrückte fährst. So schön bin ich auch wieder nicht.“

„Dein Auge schaut schlimm aus. Tut es sehr weh?“

„Ich werde es überleben. Jetzt hast du mich schon zwei Mal ausgeknockt.“

„Der Kampf war eine blöde Idee“, murmelte Nyoko. „Du kannst dich doch nicht einer frustrierten Kollegin als Sandsack zur Verfügung stellen.“

„Wenn es geholfen hat, war es das wert. Ich mache mir manchmal Sorgen, wenn du wie eine Dampflokomotive mit verklemmtem Überdruckventil dahinbraust. Außerdem brauche ich dich, um diesen Fall zu lösen.“

„So schlimm war es anscheinend nicht, wenn du mich noch immer eine Dampflokomotive zu nennen traust. Dort vorne ist unser Zielbahnhof, dann werde ich mal in den Parkplatz schnauben.“ Sie führte das Manöver deutlich zügiger als eine Eisenbahn aus.

Johann atmete auf, als das Auto stillstand. „Du kennst Helios persönlich. Welche Vorgangsweise schlägst du vor? Deine Lieblingstaktik ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘?“

Nyoko schlug auf das Lenkrad. „Keine Verteidigung, nur Angriff.“

Reflexartig hielt sich Johann die Hand vor das blaue Auge. Das konnte ja heiter werden. Sie stiegen aus.

Die Agentur von Franz Helios befand sich in einem noblen Gründerzeithaus in der Wiener Innenstadt. Helios empfing sie in seinem Büro. Der große, glatzköpfige Mann lachte. „Nyoko, Schätzchen! Ich würde dich als alte Freundin gerne umarmen, aber ich habe Angst, dass ich danach ausschaue wie dein Kollege. Was hat er angestellt? Dich begrapscht? Ich hatte das letzte Mal so ein Veilchen, als du noch in meinem Stall warst.“

Johann setzte sich, Nyoko nicht. Sie sah die Polizeikalender der letzten 14 Jahre an der Wand hängen. Sie zeigten verschiedene Monate, aber immer dieselbe Person. Nyoko in Streifenuniform. Nyoko in Leder auf einem Polizeimotorrad. Nyoko im Einsatzoverall der Cobra mit Sturmgewehr. Nyoko in Zivil als Kriminalpolizistin. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihre gesamte Karriere auf Fotos in Polizeikalendern dokumentiert war.

„Ich bin ein großer Fan unserer Exekutive, vor allem ihrer schönsten Vertreterin“, sagte Helios. „Wenn du im Styling vom Juli 2012 einen Verdächtigen verhörst, gesteht er sicher alles.“

„Wenn du willst, ziehe ich es an. Gerd Neubauer war einer deiner Klienten. Was hast du mit seinem Tod zu tun?“

„Nur keine Zeit verlieren. Du hast dich nicht verändert.“

Sie stützte sich auf seinen Schreibtisch und lehnte sich weit vor. Das kam dem Juli 2012 schon sehr nahe. „Ich kenne deine Verträge mit ihm und weiß, dass eure Geschäftsbeziehung kurz nach dem Brand begonnen hat. Arbeitest du mit der Schutzgeld-Mafia zusammen?“

Johann deutete ihr, etwas Tempo rauszunehmen. Helios lachte. „Ich würde nicht versuchen, sie zu bremsen, sonst schlägt sie Ihnen noch ein Veilchen. Liebe Nyoko, ich kann 20 Zeugen für ein Alibi vorweisen.“

Sie verschränkte die Arme und schaute ihn streng an. „Du weißt also, wann die Elektro-Falle installiert wurde.“

„Natürlich nicht! Ich habe angenommen, dass es in der Nacht vorher war. Da habe ich eine Party gegeben. Gerd Neubauer war übrigens auch kurz da.“

„Dann brauchen wir nur noch die Alibis von allen Auftragsmördern.“ Sie machte eine abfällige Handbewegung. „Für so eine technische Vorrichtung fehlt dir ohnehin das Talent.“

Johann stützte seinen Kopf auf die Hände. „Nyoko, bitte!“

„Lass mich! Ich weiß doch, dass er es war!“

„Nyoko, komm! Gehen wir!“

„Warum jetzt schon? Ich werde ihn ausquetschen, bis er mich anfleht, gestehen zu dürfen.“

„Ich will jetzt nicht den stellvertretenden Chef heraushängen lassen. Wir sind hier fertig!“

 

Nyoko startete ihr Auto. „Warum hast du mich nicht früher gebremst? Ich wollte doch, dass du nett zu ihm bist.“

„Willst du mir sagen, dass dein unprofessioneller Auftritt eine Strategie war? Diese Good Cop–Bad Cop–Fernsehkrimitaktik ist schon etwas abgedroschen.“

„Deshalb wirst du als Musiker die alte Melodie etwas variieren. Er denkt jetzt, dass ich dir voll auf die Nerven gehe, und wird versuchen, einen Keil zwischen uns zu treiben. Könntest du ihn nicht fragen, ob er deine Band als Agent vertreten will?“

Verzweifelt legte er seinen Kopf zurück. „Die Smoking Sheriffs brauchen keinen Agenten. Das ist doch viel zu durchsichtig, wenn ich ihn während einer Ermittlung kontaktiere.“

„Kein Agent lässt sich leichtfertig einen Klienten entgehen, der schon einen Top 10-Hit hatte. Du musst ihn nicht überzeugen, nur verunsichern und ständig um ihn herumtanzen. Dann schauen wir, was passiert. Aber vergiss nicht, ordentlich über mich zu meckern.“

Er schüttelte den Kopf. „Du kannst aber auch ein ausgefuchstes Luder sein.“

 

Nyoko saß am Abend in ihrer Wohnung und starrte in ihren Computer. Sie spielte Online-Shogi gegen einen japanischen Meister. Mit einem verwegenen Angriff ohne Rücksicht auf die eigene Deckung zertrümmerte sie die Stellung ihres Gegners. Der suchte sein Heil in Entlastungsangriffen. In der japanischen Schachvariante Shogi darf man die geschlagenen Figuren des Gegners als eigene an beinahe jeden Ort setzen. Das machte bei diesem Schlagabtausch die Lage unübersichtlich.

Es läutete. Nyoko lief zur Tür. „Hallo, Johann! Was machst du denn hier?“

„Ich muss dir gleich etwas erzählen …“

„… warte kurz, ich erteile einem Landsmann meiner Mutter eine Lehrstunde in offensivem Schachspiel.“

Nyoko setzte sich wieder vor den Computer und erhöhte den Druck, indem sie zwei Goldgeneräle opferte. Nun standen alle gegnerischen Figuren dort, wo Nyoko sie haben wollte. Bereit für die abschließende Falle.

Johann hatte keine Ahnung von diesem Spiel, aber dass es hier rund ging, bemerkte er auch als Laie. Er wunderte sich, wie die sonst so zappelige Nyoko völlig ruhig mit stechendem Blick vor dem Computer saß und ihre Figuren in das Inferno schickte. Ihre scheinbar ungestümen Aktionen waren offenbar wohlkalkuliert.

Nyoko hatte ihren Kollegen schon fast wieder vergessen. Sie lebte auf dem Shogi-Brett und versetzte sich bei der Situationsanalyse gelegentlich in die Figuren. Nun wurde sie zum Turm und opferte sich selbst. Ihr Gegner nahm das Danaer-Geschenk an. Drei Züge später war er matt. Nyoko stieß einen japanischen Triumpfschrei aus.

Nun konnte sie sich endlich Johann widmen. „Entschuldige bitte, aber das musste ich vollenden. Warum hast du dir nichts zu trinken aus dem Kühlschrank geholt?“

„Es war zu interessant, dich bei dem Spiel zu beobachten. Kann es sein, dass dich dein Gegner gerade anchattet? Was schreibt er?“

Nyoko las die japanische Schrift und lachte. „Er meinte ‚Shogi ist ein Schachspiel und kein Ego-Shooter‘. Wenn er das selbst beherzigt hätte, wäre ich nach meinem Angriff im zwanzigsten Zug verloren gewesen. Aber er lässt sich immer mitreißen, wenn man das Tempo anzieht, und verliert dann den Überblick. Es schadet nicht, seinen Gegner zu kennen.“

„Gutes Stichwort. Ich war eben bei Franz Helios.“

Nyoko war erstaunt. „Heute schon? Hat er dir einen Agentur-Vertrag angeboten?“

„Nein, da war er doch zu misstrauisch“, sagte er kopfschüttelnd. „Er hat nur Witze über mein blaues Auge gemacht. Aber völlig umsonst war mein Besuch nicht. Helios hat ein Telefonat angenommen, bei dem er offensichtlich nicht wollte, dass ich mithöre. Er hat sein Büro verlassen und ich konnte seine Klientenkartei durchforsten.“

„Johann, ich bin entsetzt!“ Sie lachte. „Das darf man doch nicht! War etwas Interessantes dabei?“

„Allerdings! Unter den Schauspielern war ein bekanntes Gesicht, nämlich der Nachtwächter, der in der Nacht vor dem Mord das Studio bewacht hatte. Anscheinend braucht man als mittelmäßiger Künstler ein zweites Standbein.“

„Interessant. Es könnte aber auch ein Zufall sein. Warum sollte er nicht Beziehungen aus dem einen Job nutzen, um Aufträge im anderen zu bekommen?“

„Es gibt aber noch ein spannendes Detail: Der Mann - er heißt Erich Tatzer - hat eine Elektrotechnik-HTL absolviert.“

Nyoko blickte nachdenklich zur Decke. „Ich kann mich an den Namen nicht erinnern. Hast du ihn befragt, als wir beim Security-Unternehmen waren?“

Johann nickte. „Er war eigentlich unauffällig, für einen Schauspieler nicht sehr gesprächig, aber von seiner künstlerischen Berufung habe ich da noch nichts gewusst. Ich hätte ihm das Attentat nicht zugetraut, aber mit seiner Ausbildung und Helios als kriminellen Mastermind könnte das funktionieren.“

„Wir haben nur lose Fäden, nicht einmal richtige Indizien. Mein Gefühl sagt mir, dass wir richtig liegen, aber können wir darauf eine Strategie aufbauen?“

„Darf ich eine nette Kollegin zitieren: ‚Es schadet nicht seinen Gegner zu kennen.‘“

Nyoko schaute zum Computermonitor, wo noch immer das Shogi-Spielfeld mit der Mattstellung zu sehen war. „Wir setzen unsere Figuren in den Bereich des Gegners. Der Produzent Georg Vogler hat mir doch angeboten, bei seiner Fernsehfahndung mitzuarbeiten. Er will am kommenden Montag eine Sondersendung über den Neubauer-Mord drehen. Ich sage ihm zu, wenn er Erich Tatzer als Schauspieler engagiert.“

„Nette Idee“, stimmte Johann zu. „Ich hoffe, du kommst nicht auf den Geschmack und verlässt uns für eine Fernsehkarriere.“

„Keine Angst, das wäre mir auf Dauer zu langweilig. Warum bist du eigentlich noch am Abend zu mir gekommen, um das zu erzählen?“

„Manchmal mache ich mir Sorgen. Man weiß bei dir nie genau, ob du gerade unkontrolliert explodierst oder wie bei dem Spiel eine gezielte komplexe Strategie fährst.“

 

 

Eine Woche nach dem Mord liefen in der Fernsehküche wieder die Kameras. Diesmal stand nicht „Gerd am Herd“ auf der Klappe, sondern „Fahndung Österreich“. Das Filmteam drehte die Szene, in der ein Unbekannter die Elektrofalle im Herd des Studios installierte.

Der Produzent hatte nach der Empfehlung Nyokos den Schauspieler Erich Tatzer für die Rolle des Täters engagiert. Die Polizistin verfolgte gemeinsam mit Johann die Dreharbeiten im Regieraum. Tatzer war sichtlich nervös.

Der Regisseur gab Anweisungen, sagte aber nicht, welche der beiden Wartungsklappen der Schauspieler öffnen sollte. Tatzer setzte sich die Kapuze seines schwarzen Sweaters auf und zog sie tief ins Gesicht.

Klappe. Action!

Der Schauspieler ging zum Herd und öffnete die Wartungsklappe.

Nyoko fluchte. „Verdammt! Das ist die falsche Wartungstür. Aber er ist nervös. Wir müssen improvisieren und ihn unter Druck setzen.“

Sie sprang auf und lief in die Studio-Küche, zeigte dem erschrockenen Schauspieler ihren Polizeiausweis.

„Herr Tatzer, ich nehme Sie vorläufig fest. Sie werden verdächtigt, Gerd Neubauer durch eine Manipulation dieses Herdes ermordet zu haben.“

„Aber … ich bin der Schauspieler. Ist das ein Scherz?“

Sie nahm die Handschellen von ihrem Gürtel. „Das ist ernst und ich bin eine echte Polizistin. Woher haben Sie gewusst, dass die Falle hinter dieser Wartungsklappe installiert worden ist?“

„Nein, das stimmt nicht. Die Vorrichtung war hinter der anderen Klappe dort drü …“ Er schloss seine Augen. „Verdammt!“

Nyoko grinste. „Jetzt haben Sie sich aber verplappert. Warum haben Sie die Falle installiert? Wer hat Sie beauftragt?“

Er schaute ängstlich um sich. „Wenn ich das sage, bringt er mich um.“

„Wenn Sie es sagen, sperren wir ihn ein und er bringt Sie nicht um. Franz Helios wird bereits von Kollegen beschattet. Wir müssen nur anrufen, und er wird verhaftet. Also?“

Er nickte wortlos. Sie gab ein Zeichen zum Regieraum, wo Johann die Polizisten vor dem Haus von Helios informierte. Nyoko legte Tatzer die Handschellen an.

Der Produzent Georg Vogler applaudierte. „Großartig! Eine Verhaftung vor laufender Kamera! Die Sondersendung wird ein Quotenhit. Frau Binder! Sie werden der Stargast!“

Nyoko verdrehte genervt die Augen und führte Tatzer wortlos aus den Raum.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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