Hermann Moser

Die Kuckucksuhr und der galaktische Frieden

„Könntest du bitte endlich aufhören, mit dem Fuß zu klopfen! Das nervt!“

Das Volk der Ssuarts wies eine im gesamten Universum einzigartige Eigenheit auf: Die Ohren befanden sich an den Füßen. Das machte die Spezies, die sich dank ihrer Flügel selten auf dem Boden fortbewegte, empfindlich gegen jede Art von Trampeln. Nnahoj, der erste Nätipak des Raumschiffs Dra-Ude, musste schon seit einigen Minuten das Geklopfe seines Zweiten über sich ergehen lassen. „Versuchst du noch immer, den mysteriösen Code zu entschlüsseln?“

Fesoj arbeitete so konzentriert, dass er seinen eigenen Lärm nicht hörte. „Die Töne folgen einer seltsamen zeitlichen Reihenfolge. Es ist ein regelmäßiger Takt, nur jeder dritte Schlag ist irgendwie daneben. Das hat den eigenartigen Effekt, dass sich mein Fuß automatisch dazu bewegt. Ich verstehe das nicht.“

„Vielleicht ist es eine Art Kriegslist, mit der man dem Gegner die Kontrolle über seinen Körper raubt.“

„Das glaube ich nicht. Ich fand etwas über die Herkunft des Codes heraus. Er stammt von einem rückständigen Planeten namens ‚Erde‘, dessen Bewohner noch nicht einmal die interstellare Raumfahrt beherrschen. Wie sollte so ein Volk eine derartige Kriegslist erfinden?“

„Erde? Davon habe ich noch nie gehört. Wo befindet sich dieser Planet?“

Fesoj startete eine holografische Darstellung der Milchstraße. Weit entfernt vom Zentrum blinkte auf einem Arm des Spiralnebels ein roter Punkt. „Hier befindet sich die Erde. Sie ist der einzige bewohnte Planet dieses Systems, die Distanz zur nächsten Zivilisation beträgt 314 Lichtjahre. Die Bewohner der Erde nennen sich ‚Menschen‘ und sie bezeichnen diesen Code als ‚Walzer‘, seine genaue Bedeutung ist allerdings unbekannt. Der Ursprung dieses Algorithmus liegt vermutlich in einer Siedlung namens ‚Wien‘. Er wird dort häufig öffentlich präsentiert.“

„Wie groß ist denn diese Siedlung?“

„Dort dürften etwa 2 Millionen Menschen leben.“

„Das ist ja ein Dorf. Wir brauchen mit unserer überlegenen Technologie nicht einmal Schutztruppen, um mit denen fertig zu werden. Ich sehe keine Gefahr, wenn nur wir zwei Wien besuchen. Fliegen wir hin!“

Während Nnahoj den Kurs setzte, gab Fesoj einige Befehle in sein Terminal ein. „Ich fand noch etwas Interessantes, das uns als Vorbereitung nützen könnte. Es handelt sich um einen Film aus Wien mit dem Titel ‚Der dritte Mann‘. Er ist leider zweidimensional, weil die Menschen nur zwei Augen besitzen, die beide in die gleiche Richtung schauen.“

Während das Raumschiff mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit Richtung Erde raste, schauten sich die beiden den Film an. Sie sahen exotische Lebewesen ohne Flügel und wunderten sich, dass es auf diesem Planeten keine Farben gab. Kein Wunder, dass sie mit zwei Augen auskamen. Plötzlich rief Nnahoj „Halt! Spiel mir bitte noch einmal die letzte Szene vor.“

Fesoj gehorchte und sie lauschten konzentriert auf die Worte des Menschen im Film. „In den 30 Jahren unter den Borgias hat's nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab's Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschten brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!“

Nnahojs Flügel vibrierten vor Aufregung. „Das ist sehr spannend. Auf der Erde gibt es eine Schweiz, in der 500 Jahre brüderliche Liebe und Frieden herrschten, und wir leben in ständigem Krieg mit unseren Nachbarsystemen. Hast du eine Ahnung, was eine Demokratie ist?“

„Ich kann mich nicht entsinnen, diesen Begriff jemals gehört zu haben.“

„Wir müssen diesen Planeten gründlich erforschen. Ich glaube, der Schlüssel zu dem Rätsel ist diese Kuckucksuhr. Was ist denn das wieder Seltsames?“

„Auch das weiß ich leider nicht. So etwas kommt im Film sonst nirgends vor.“

 

Nnahoj und Fesoj flogen mit der Landefähre in ein unbewohntes Gebiet nahe der geheimnisvollen Siedlung Wien und begaben sich von dort in das Zentrum der Gemeinde. Alles war anders, als sie sich nach dem Studium des Films vorgestellt hatten. Wien und seine Bewohner waren unglaublich bunt. Seit der Aufnahme von „Der dritte Mann“ musste die Evolution Farben auf der Erde hervorgebracht haben. Der Film war viel älter, als sie gedacht hatten. Was die beiden Ssuarts noch mehr überraschte, war die Anwesenheit von vielen Spezies, die nicht von der Erde stammten. Obwohl die Bewohner noch keine Raumfahrt außerhalb des Orbits ihres Planeten betrieben, hatte sich ihre Heimat zu einem intergalaktischen Treffpunkt entwickelt. Reptiloide, Vogelartige, Insektoide, Säugetier-Spezies, alle Arten waren vertreten, allerdings keine, die den Ssuarts bekannt waren.

Sie sahen einen kleinen dicken Mann mit grüner Haut und spiralförmigen Antennen auf seinem Kopf, ähnlich wie bei den Rennal.

Der Mann betrachtete die beiden. „Des is oba a fesches Kostüm.“

Der Universalübersetzer gab eine Fehlermeldung aus. Nnahoj versuchte es dennoch weiter mit der Programmierung, die sie auf Basis des Films erstellt hatten. „Entschuldigung, können Sie uns bitte sagen, wo wir hier die Schweiz finden?“

„Na, do sans gonz foisch.“ Wieder nur Piepsen aus dem Übersetzer und fragende Blicke aus insgesamt zehn Augen.

„Ah, se san ausm Auslond … Sie sind aus dem Ausland.“ Endlich ein Satz, denn das Gerät in die Ssuart-Sprache übersetzen konnte. „Mir san … wir sind hier in Österreich. Die Schweiz ist weit weg. Aber Sie haben sich so hübsch verkleidet, hier findet auch ein Faschingsball statt. Alle Gäste sind herzlich willkommen. Was wollen Sie denn in der Schweiz?“

„Wir suchen eine Kuckucksuhr.“

„A Kuckucksuhr? In da Schweiz? Se kumman … sie kommen wirklich von weit her. Kuckucksuhren kommen aus dem Schwarzwald. Der ist in Deutschland.“

„Vielen Dank für die Auskunft. Wo finden wir Deutschland?“

Der Mann schüttelte den Kopf, seine Spiralantennen wackelten. „Das ist genau so weit weg wie die Schweiz. Aber dort drüben ist ein Uhrengeschäft. Die verkaufen sicher auch Kuckucksuhren. Es wird allerdings erst morgen früh wieder öffnen.“

 

Als sie am nächsten Tag das Uhrmachergeschäft betraten, stellten Nnahoj und Fesoj fest, dass sie sich doch nicht völlig falsch vorbereitet hatten. Der Uhrmacher war ein großer dünner Mann, dessen bleiche Hautfarbe im schlecht beleuchteten Geschäft beinahe weiß aussah. Er trug einen dazu passenden grauen Anzug.

„Guten Tag, meine Herren! Womit kann ich Ihnen dienen?“

Der Universalübersetzer funktionierte.

„Wir interessieren uns für Kuckucksuhren. Können Sie uns sagen, wie sie 500 Jahre Frieden sichern?“

Der Uhrmacher dachte, dass er zwei Gäste des Faschingsballes vor sich hatte, deren Restalkoholpegel sie zu skurrilen Scherzen motivierte. Er hatte selbst das Fest besucht und kämpfte mit ähnlichen physiologischen Problemen, was auch der Grund für seine ungesunden Hautfarbe war. Der Uhrenverkäufer beschloss, mitzuspielen, und führte ein besonders schönes Exemplar vor.

Das Timing war gut, es schlug die volle Stunde. Der Kuckuck stürmte aus seinem Fenster, schnell und überraschend wie ein rennalisches Kriegsschiff aus dem Hyperraum. Die Ssuarts erschraken, schlugen mit den Flügeln und wichen zurück. Der Uhrmacher bewunderte die mechanische Raffinesse der Faschingskostüme. Langsam wagten sich die Kunden wieder näher.

„Das ist ein interessantes Ding. Aber wie können wir damit den galaktischen Frieden herstellen?“

„Das ist einfach. Jeder Feldherr musste in Kriegszeiten eine Kuckucksuhr in seinem Quartier haben. Sie werden sehen, es funktioniert von selbst. Wie viele brauchen Sie?“

„Wenn wir jedem Nätipak eine geben, brauchen wir Millionen.“

„So viele habe ich leider nicht. Ich könnte Ihnen ein Sonderangebot für 20 Stück machen.“

„Das müsste reichen, um sie nachzubauen.“

Blieb nur noch ein Problem: Die Außerirdischen hatten kein Geld dabei. Sie boten ihm den Gutschein für die Luxus-Kreuzfahrt, den sie am Vortag beim Kostümwettbewerb gewonnen hatten. Davon hatte der Verkäufer schon immer geträumt. Das Geschäft war perfekt.

 

200 Astronomische Zeiteinheiten später wurde auf einer galaktischen Konferenz beschlossen, dass alle Nätipaks eine Kuckucksuhr in ihren Kabinen installieren und in Kriegsperioden die Mechanik einschalten mussten. Das Gekrächze ging ihnen so auf den Wecker, dass alle Kampfhandlungen eingestellt wurden und eine Friedenszeit begann, deren Länge sogar die Schweiz übertraf.

Nnahoj und Fesoj gaben die Raumfahrt auf und gründeten einen Uhrmacherbetrieb. Ihre „Original Schweizer Uhren“ wurden zu einem Verkaufsschlager und die beiden Ssuarts zu den reichsten Männern der Galaxie.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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