Claudia Savelsberg

Rote Haare

Als Kind mochte ich meine roten Haare nicht, ich habe sie geradezu gehasst; denn in der Volksschule des kleinen Ortes, in dem wir lebten, wurde mir Schmähverse hinterher gerufen oder Spottlieder gesungen. Ich fühlte mich als Außenseiterin und litt fürchterlich. Manchmal sagte ich morgens zu meiner Mutter, dass ich Bauchweh hätte oder Halsschmerzen, damit ich zuhause bleiben konnte und nicht in die Schule musste. Dieser Trick funktionierte allerdings nur ein- oder zweimal, dann stand ich wieder auf dem Pausenhof der Schule und musste die Häme meiner Mitschüler über mich ergehen lassen. Es war sehr schlimm, und ich weinte viel.

Irgendwann hatte ich die rettende Idee. Wenn ich vierzehn Jahre alt wäre, also erwachsen in meinen Augen, dann würde ich mir die Haare einfach färben lassen. Ich wollte nicht mehr rothaarig sein, ich wollte blond sein. Wie meine beste Freundin, die für mich ein engelsgleiches Wesen war. So wollte ich auch aussehen, nicht mehr wie ein häßlicher Pumuckl. Mein Mutter verschwieg ich diesen kühnen Plan, meine innere Stimme sagte mir, dass es besser wäre.

Mit neun Jahren verliebte ich mich unsterblich in meinen Klassenkameraden Ulli, den ich mit seinen dunklen Haaren und seinen blauen Augen richtig hübsch fand. (Dunkelhaarige Männer mit blauen Augen sind übrigens bis heute mein absolutes Beuteschema. Muss wohl der klassische Fall von „frühkindlicher Prägung“ sein!) Der gleichaltrige Ulli war auch verliebt in mich. Morgens machte er einen Umweg und holte mich von zuhause ab, damit wir zusammen zur Schule gehen konnten. Nach Schulschluss machte ich einen Umweg und brachte ihn nachhause. Wir teilten unser Pausenbrot und sogar unsere Süßigkeiten. Nach kurzer Zeit wusste ich, dass Ulli der Mann meines Lebens war. Ich würde ihn auf jeden Fall heiraten. Ich hatte alles schon geplant: mit vierzehn Jahren erst die Haare färben und dann mit Ulli nach Gretna Green durchbrennen, um dort zu heiraten. Auch dies verschwieg ich meiner Mutter lieber, und auch Ulli wollte ich mit meinem Entschluss überraschen.

Es war ein heißer Sommertag, ich saß mit Ulli auf einer Bank. Er hatte mir ein Eis spendiert, ein richtig leckeres Hörnchen mit zwei Vanillekugeln. Wir ließen die Beine baumeln und schleckten das Eis mit Genuß. Langsam rückte Ulli immer näher an mich ran, und ich tat als würde ich es nicht merken. Plötzlich legte er seinen Arm um mich, hauchte ein Küsschen auf meine Wange und sagte: „Claudia, ich finde deine roten Haare schön.“ Dabei wurde er verlegen, und ich strahlte ihn selig an. Meinen Plan, mir die Haare blond färben zu lassen, gab ich natürlich sofort auf. Leider wurde es auch mit Gretna Green nichts; denn ich ging auf ein Mädchengymnasium und Ulli auf die Realschule. Also trennten sich unsere Wege. Aber ich fand plötzlich meine roten Haare schön.

Sehr viel später waren dann rote Haare in Mode, und Scharen von Schwarzhaarigen, Brünetten und Blondinen überrannten die Friseur-Salons, um ihr Haupthaar künstlich erröten zu lassen. Als echte Rothaarige nahm ich diese (verzweifelten) Versuche mit einer gewi�en Genugtuung zur Kenntnis. Ich erinnere mich auch heute noch an folgende Szene. Meine Friseurin schnitt mir die Haare, und plötzlich dreht sich eine andere Kundin zu uns um und sagte: „Genau diese Farbe wie die Frau sie hat, will ich auch. Das Rot sieht toll aus.“ Als meine Friseurin erwiderte „Das Rot ist echt, da ist nix gefärbt“, starrte mich die Kundin mit großen Augen bewundernd an. Ich habe es genossen. Noch ein wenig später merkte ich, dass ich als Rothaarige erotische Phantasien bei Männern weckte. Frauen mit rotem Haar sind leidenschaftlich, besitzen erotische Finesse und ein enormes Repertoire an Verführungskünsten. So sagt man(n) nun einmal. Wenn ein Mann mir gefiel, war ich durchaus bereit, diese Phantasien mit vollem Körpereinsatz für ihn Realität werden zu lassen. Wenn er mir nicht gefiel, durfte er weiter seinen Träumen von rothaarigen Frauen frönen.

Jetzt bin ich in einem Alter, in dem meine rote Haarpracht leider graue Ansätze zeigt, die ich eitles Wesen regelmäßig unter einer schönen Tönung verschwinden lasse. Dann gefalle ich mir wieder richtig gut – ich liebe meine roten Haare!

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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