Conny Kirsten

Retrospektive

Ich gehe durch die Straßen einer Großstadt und sehe einen alten Mann auf dem Gehweg sitzen, einen Becher neben sich, er schläft tief und fest. Ich schaue in den zweckentfremdeten Kaffeebecher, es liegen nur ein paar Cents darin. Ich werfe den obligatorischen Euro hinein, was hoffentlich für einen Kaffee reicht. Der Alte sinkt noch weiter in sich zusammen und beginnt zu schnarchen. Ich beneide den alten Lebenskämpfer um seinen tiefen Schlaf trotz all der traurigen Umstände und betrachte ihn grübelnd. Wir nennen es Katastrophe, keine Wohnung und kein Geld zu haben. Doch er und wir könnten noch mehr verlieren. Freiheit und Freunde grüble ich und Gesundheit. Sind diese Parameter nicht viel wichtiger?
Ich gehe weiter und sehe mich in einem flüchtigen Augenblick als Schatten in einer Schaufensterscheibe. Das bin ich, der flüchtige Schatten, fast einer Fata Morgana gleich, denn aus dem Augenwinkel wahrgenommen, könnte ich alles sein. Die Frau, die da aus Sehnen und Bändern zusammengehalten auf dem Gehweg läuft, ist nur eine Akteurin, die läuft. Ich schaue nur flüchtig in die vorbeifließenden Scheiben, aus der Nähe betrachtet, könnte ich definierte Ränder und Formen sehen, die mir nicht gefallen würden.

Im nächsten Augenblick schüttet es wie aus Eimern, ich springe mit voller Absicht in die sich immer schneller bildenden Pfützen. Das Wasser spritzt hoch und ich lache, das Gesicht in den Regen haltend. Nichts stört mich. Das ist neu. Mein Schatten mag das nicht. Er tippt mir auf die Schulter, um mich daran zu erinnern, dass ich mich viel zu frei und unbekümmert verhalte, was mir gerade absolut egal ist. Grollend verdrückt er sich zum Glück in eine entferntere Hirnregion und in den Scheiben flimmern nur noch verzerrte und undeutliche Farbfetzen.

Während ich mein Dasein in einer Parallelwelt analysiere, tragen mich meine Beine wie von selbst durch das große, schmiedeeiserne Tor in den Friedhof hinein. Die Bäume bewegen sich im Wind des Sturms. Sie sind so grün und voll von Früchten und Samen. Die Natur ist außer Rand und Band, wild und leidenschaftlich. Ich beneide sie. Wir Menschen sind so kompliziert. In uns und zu anderen. Ich gehe weiter durch das nasse Grün und betrachte die unterschiedlichen Grabsteine, mittlerweile rinnt mir der Regen übers Gesicht und in mein Shirt. Ich mag warme Sommerregen, das einzig Gute an dieser Jahreszeit, denn ich bin ein Herbstkind. Alle wollen Sommer, Hitze und Strand. Ich mag Regen, Wind und Wälder.
Ich greife nach den Blättern, während ich an den Bäumen vorbeilaufe. Wie ein Kind, flüstert mir mein Schatten zu. Ich zucke mit den Achseln. Der Wind weht nun recht ordentlich, meine Haare flattern voller Wasser schwer im Wind. Ich fühle mich so lebendig und singe mein Lieblingslied, laut und meine Freunde würden sagen unendlich schief, es stört hier keinen, mein Schlaflied für mein stummes Publikum.

Wie es wohl ist, jenseits der Träume? Wenn ich aufwache und bemerke, dass ich gerade nicht mehr im Hier war. Wo sind wir im Tiefschlaf? So stelle ich mir tot sein vor. Verschwunden. Nicht mehr vorhanden. Meine Katze schlief unlängst genauso tief, nicht mal ein winziges Ohrenzucken. Ich stupste sie an, sie war so schwer und kalt, obwohl ihr Herz schlug und ich ihren Puls spürte. Sie reagierte auf nichts, bis ich sie panisch schüttelte. Sie schaute mich schlaftrunken und verwirrt an. Aus welchem unbekannten Land kam sie wieder zurück zu mir? Das ist ziemlich beängstigend. Ich erinnere mich gut an eine Zeit, in der ich eins mit mir war und die Frage des Wohins noch nicht existentiell. Meine Träume erschienen noch greifbar und wunderschön.

Ich halte im Laufen inne, als wäre ich gegen eine Mauer geknallt. Ich denke an etwas Seltsames, mich schaut keiner mehr an. Als wäre ich unsichtbar oder bin ich nur unsicher und dadurch nicht sichtbar? Ich strecke meine Schultern durch und hebe den Kopf. Lebe ich wirklich? Was bedeutet denn zu leben für mich, außer mich den Gewalten der Natur auszusetzen? Außer zu geben, die zu sehen, die brauchen, zu erkennen, wie alles beginnt und endet?
Ich lehne meinen Kopf gegen einen Baum, eine Buche, meinen Lieblingsbaum, er ist so gradlinig am Anfang und ab einer gewissen Höhe beginnt erst die Astgabelung, sein Stamm ist so glatt und rund und stark. Ich mag seine kleinen ovalen Blätter und seine Früchte. Als Kind puhlte ich sie immer aus der harten Schale während unzähliger Wanderungen durch die Wälder Thüringens und des Odenwald und wer weiß noch wo. Ich spüre Energie unter meinen tastenden Händen strömen und wünsche mir ein wenig davon für mich übertragen zu können. Ich bin so verdammt und einsam. Gespannt betrachte ich meine Hände, fühle die Wärme durchströmen und hoffe später als Baum wiederzukommen. Mit tiefen Wurzeln in der Erde verankert, einen starken Stamm und eine schöne Krone, mit Fingern, die sich gegen den Himmel recken, als könnten sie fast die Wolken berühren.

Ich bin wieder gelassen und gehe weiter zur kleinen Kapelle. Ein Mann steht unter dem Vordach und zieht genervt an seiner nassen Zigarette. Er ist völlig schwarz gekleidet und macht seinem Beruf alle Ehre, denn er schaut beflissentlich und angemessen würdig. Ich habe so viele Friedhöfe besucht, ich weiß genau, wo ich liegen möchte und welche wunderschönen Klänge die wenigen Menschen hören, wenn ein paar Floskeln und leere Worte über mich gesagt werden. Die mich wirklich kennen, wissen, wie wichtig mir Musik immer war.

Musik ist meine Droge, die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Die Wiege aller Reflektionen, allen Schauspiels, aller Kunst. Sie ist, was sie ist. Sogar ich kann mich in Musik auflösen und wieder eins sein. Und welche Tragödie ging aus mir hervor? Ich atme, esse, fühle und sehe mich doch nur als Spiegelbild von allem, was um mich herum existiert. Was macht mich zu mir, wer bin ich und warum nicht? Wir messen anhand äußerer und innerer Maßstäbe, die wer noch mal warum angelegt hat? Ich renne niemals gerne mit der Herde, ich habe schon immer hinterfragt und gefragt und alles wissen wollen.

Einigen Familienmitgliedern war ich zu frech und wissbegierig als Kind, sie mochten es nicht, wenn ich still und heimlich unter ihnen saß, die Ohren weit aufgesperrt und vorgab, in meinem jeweiligen Kinderbuch zu lesen. Natürlich erfuhr ich so von manch zwischenmenschlicher Tragödie, manche davon erschlossen sich mir natürlich erst viel später. Doch die eigentlichen Fragen wurden so auch nicht beantwortet. Meine Großtante schaute mich immer kopfschüttelnd an, wenn sie mich aus dem Zimmer der Erwachsenen scheuchte, zu den Kindern, spielen sollte ich, nicht zuhören. Als ob Wissensdurst eine Altersfrage ist, wer will denn nicht die Universen verstehen und durch alle Zeiten gehen und wieder zurück?

Als Kind mochte ich nächtliche Schatten nicht, tanzte durch Regen und fragte Löcher in sämtliche Bäuche, liebte Bäume und betrachtete den Tod als eine aufgelöste Zeit und Existenzschwelle. Wer sagt, dass wir nicht zurückkommen, wie jedes Mal, wenn wir aus dem Tiefschlaf wieder aufwachen, so erholt und so ungeheuerlich weit gereist in ein irgendwohin? Wir wachen sicherlich wieder auf, nur wer dann dieses ich und mich und mir ist, kann mir keiner beantworten. Weder damals noch heute. Nicht alle Fragen werden beantwortet, was mich schon früher immer so unfassbar erstaunte. Menschen sind gar nicht so kompliziert, sondern zu einfach. Oder irgendetwas dazwischen.

Jetzt erst spüre ich den fragenden Blick des Friedhofsangestellten auf mir, er wartet auch auf eine Antwort. Ich zucke mit den Achseln. Dann renne ich durch den Regen auf die Straße zurück, in die Welt der Lebenden und flüchtigen Schatten und die von der Gesellschaft aufgestellten vielen Parameter und Regeln.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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