Helga Sievert

Eine schneeweiße Schwanenfeder

Eine schneeweiße Schwanenfeder

Das Kanu gleitet ruhig durchs Wasser der Alster. Ich versuche mit dem Paddel keinen Laut zu machen, tauche es sanft ins Nass und bewege es vorsichtig nach hinten. Himmelblau über mir, bunte Wiesen und blühende Bäume am Ufer. Die Kastanien spiegeln ihre Blüten im Wasser, das unter mir ruhig und träge dahin zieht. Mein Herz ist weit.
Gut aufgelegt scheine ich übers Wasser zu schweben. Kinder spielen auf einer Wiese, und ihr munteres Geplapper begleitet mich noch ein Stück. Vögel über mir zwitschern aufgedreht. Fidel huscht ein Eichhörnchen über die Äste, wechselt so, trockenen Fußes, das Alsterufer. Ich gleite weiter, und es entschwindet meinen Blicken.

Jetzt wird der Fluss breiter. Am rechten Ufer zeigt sich eine weite Ausbuchtung. Dort nistet ein Schwanenpaar. Sie macht sich am Nest zu schaffen, er flaniert majestätisch in Flussrichtung hin und her. Als er mich sieht, plustert er sein Gefieder auf, legt die Flügel, wie zwei Arme in die Seiten gestemmt, zurecht - als wolle er sagen: „Heee, dies ist mein Revier, trau Dich nicht näher!!!“

Ich verlangsame die Fahrt, gleite nun ohne zu paddeln dahin und lasse ihn näher kommen. Sein Kopf ist angriffslustig nach vorne gereckt. Jetzt ist er schon ganz nah. Wir sehen uns von Angesicht zu Angesicht und ich höre ein noch leises, warnendes Zischen.
„Brauchst keine Angst zu haben“, flüstere ich ihm zu, „ich fahre nur ein wenig zu meinem Vergnügen hier herum.“

Wie immer, wenn ich mit Schwänen rede, beruhigt er sich sofort, dreht aber nicht ab. Das Kanu streicht weiter, und er begleitet mich noch ein Stück. Als ich sein Revier verlasse, lässt er sich zurückfallen. Nach der nächsten Biegung des Flusses ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich entdecke eine Schwanenfeder neben mir auf dem Wasser. Mit lang ausgestrecktem Arm fische ich sie heraus. Schneeweiß und leicht liegt sie in meiner Hand.

Eine Erinnerung schleicht sich in meine Gedanken...

Als ganz kleines Mädchen, ich war gerade 3 geworden, wäre ich beinahe ertrunken. Es war Spätwinter, und ich hatte einen dicken Teddymantel und dazu Langschäfter (so hießen früher in Hamburg die Stiefel) an. Mein großer Bruder und dessen Freund mussten wieder einmal auf mich aufpassen, was ihnen (wie immer) lästig war. So ersannen sie ein Spiel, um mich los zu werden. Sie gingen mit mir in den Stadtpark. Dort wurde gerade eine große Wiese am Stadtparksee trocken gelegt. Alles war sehr moorig, und ich kannte nicht die Gefahr. Mein Bruder wohl auch nicht, denn er sagte mir, wir würden nun Verstecken spielen. Er und Dieter würden sich verstecken, und ich solle sie suchen. Wenn ich sie gefunden hätte, dürfe ich mich verstecken und sie müssten mich suchen.

Gesagt, getan. Ich suchte sie, rief nach einiger Zeit laut nach ihnen, aber sie waren weit weggelaufen, an einen ganz anderen Platz, um dort in Ruhe zu spielen. Nachdem ich sie hinter jedem Baum und Busch gesucht hatte und nicht fand, ging ich zur Absperrung des Moores, wollte dort nachschauen.

Wie ich da letztendlich hineingefallen bin, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls wurde mein Teddymantel so schwer, dass ich mich nicht mehr selber befreien konnte. Dann muss ich ohnmächtig geworden sein, denn ich sah einen Schwan auf mich zu schwimmen. Seltsamerweise hatte er an den hinteren Federn einen Motor. Knatternd sauste er auf mich zu und ich freute mich, wollte ich doch immer schon einen Schwan streicheln. Doch
kurz bevor er bei mir ankam, erwachte ich.

Ohne Schuhe und Mantel lag ich auf dem Weg. Dieter und mein Bruder rannten aufgeregt und ratlos hin und her. Viele Menschen standen um mich herum und glotzten. Ich versuchte einen Stiefel anzuziehen, doch es gelang mir nicht. Die Leute wichen vor mir zurück, als ich sie um Hilfe bat. Sie schauten angeekelt auf mich herunter. Das wunderte und verunsicherte mich sehr.

Endlich kam ein Polizist, wickelte mich in eine Decke und brachte mich zur Polizeiwache. Dort wurde ich in eine Zinkwanne mit heißem Wasser gesetzt und von oben bis unten abgeschrubbt. Sogar meine langen Haare wuschen sie sehr vorsichtig. Als meine Mutter kam, um mich zu holen, saß ich eingemummelt in eine Decke am Bollerofen und unterhielt die Wache mit lustigen Geschichten. In meinem Innern wusste ich nun, dass Schwäne kleine Kinder holen kommen, wenn ihnen etwas zustößt.

Einige Jahre später hatte ich dann noch ein Erlebnis mit einem Schwan.

Es war am alten Anleger in der Nähe der Fuhlsbüttler Schleuse. In der Umgebung des Kai schwamm ein Schwan. Ich dachte, dass nun endlich die Gelegenheit günstig wäre, ihn zu streicheln. Er schaute mich fast auffordernd an, und langsam, ganz vorsichtig, kroch ich gebückt auf ihn zu. Dabei streckte ich meinen Arm aus und sprach ganz leise auf ihn ein. Erzählte ihm, ich sei Helga und wolle ihm nichts tun, ihn nur streicheln. „Bitte, bitte“, flüsterte ich, „lass dich doch von mir streicheln“, dabei kam ich ihm immer näher.

Er betrachtete mich gleichmütig, fast neugierig, und schien kein bisschen aufgeregt, kam jetzt sogar direkt an die Kaimauer. Dort legte er quasi längsseits an und ließ es geschehen, dass ich meine Hand auf sein Rückengefieder legte. Ganz vorsichtig streichelte ich seine Federn, die sich seidig aber doch fest anfühlten. Sein Kopf war genau auf meiner Augenhöhe, und erst als er ganz leise zischte, bedankte ich mich bei ihm und kroch vorsichtig wieder zurück.

Mein Verhältnis zu Schwänen ist ungewöhnlich, vor allem weil ich merke, dass sie mich zu verstehen scheinen.

 

Noch ganz in Gedanken über meine Schwanenerlebnisse, erreiche ich mit meinem Kanu den Rondellteich. Hier will ich den Anker werfen und es mir mit einem Buch und einer Flasche Wasser gemütlich machen.
Doch das ist eine andere Geschichte...

© Helga Sievert-Rathjens

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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