Claudia Savelsberg

Das Geheimnis der Braunen Bohne

Ich gestehe, ich bin bekennende Kaffeetrinkerin. Als Kind war mir Koffein natürlich streng verboten; meine Mutter war wohl der Ansicht, dass sich meine geistigen Fähigkeiten auch ohne die anregende Wirkung dieses Stoffes entfalten sollten. Während meine Eltern bei Buttercremetorte und Sandkuchen diesem flüssigen Suchtmittel frönten, durfte ich nur „Caro“ trinken, ein zu dieser Zeit beliebter Kaffee-Ersatz, für den ein blonder Sänger und Schauspieler im Fernsehen Werbung machte. Er saß damals auf einer Decke mitten in einem wogenden Kornfeld, und ich fragte mich, ob der Bauer ihm das erlaubt hatte. Aber ich hatte schon damals unzeitgemäße Gedanken.

Endlich war ich alt genug, um eine Tasse des ersehnten Getränkes zu probieren: der erste Kaffee meines Lebens schmeckte trotz der Zugabe von Milch bitter. Ich war enttäuscht; denn ich hatte irgendwie ein großes Geschmackswunder erhofft. Also gab ich zwei Teelöffel Zucker hinzu und schlürfte das Gebräu herunter. Als Erwachsene hasste ich Kaffee mit Zucker, und ich mochte auch keine Kaffeesahne. Besonders unappetitlich war mir die Hochprozentige der Marke „Lila Kuh“. Der Anblick der Fettaugen, die auf der Oberfläche des Kaffees schwammen und am Tassenrand paddelten, berührte mich (geschmacks-) nervlich unangenehm.

Bei den Frauen einer älteren Generation - Mutter, Großmutter, Schwiegermutter - hatte diese Sahne offensichtlich noch den Charakter eines Statussymbols und durfte auf der sonntäglichen Kaffeetafel nie fehlen. Warum dem Kaffee nach bestimmten Anlässen wie Geburtstag, Weihnachten oder Hochzeitstag unbedingt noch ein Cognac folgen musste, offenbarte sich mir im Laufe meines Lebens noch. Später merkte ich, dass dieses Getränk (ich meine den Kaffee, nicht den Cognac) gesellschaftliche Relevanz hatte, weil es kommunikative Wirkung zu entfalten vermochte.

Nach dem langweiligen Seminar an der Uni die erlösende Frage an die Kommilitonin: „Geh'n wir auf einen Kaffee in die Mensa?“ Mit klapperndem Löffel in der Tasse rührend, ließ es sich so gemütlich über den Dozenten lästern. Vor der bevorstehenden Klausur: „Kommst du heute Nachmittag zu mir, ich koch' Kaffee, dann können wir den Stoff noch mal durchgehen.“ Angeregt durch Koffein und gegebenenfalls zusätzlich noch Nikotin, war das Hirn willig, auch die absurdesten Theorien der Forschung aufzunehmen.

Auch in der Beziehung zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter erwies sich das beliebte Heißgetränk als Strategiemittel: „Wir können Ihre weitere berufliche Entwicklung gerne bei einer Tasse Kaffee besprechen.“ Doch Vorsicht, wenn der Mitarbeiter den Kaffee erst selbst kochen und dann auch noch servieren muss.

Eine diffizile Situation konnte sich am späten Abend ergeben, wenn die sympathische Kneipenbekanntschaft, mit der man so schön über frauenspezifische und männerkopflastige Themen diskutiert hatte, auf dem Heimweg anbot: „Willste noch 'nen Kaffee bei mir trinken?“ Mein Gott, diese Metapher, wie unelegant ... ! Hat der Mann denn noch nie was von einer Briefmarken- oder CD-Sammlung gehört? Einer Frau ist es in Notfällen natürlich erlaubt, sich dieser Metapher zu bedienen; vorausgesetzt, der Kaffee wird heiß serviert.

Kaffee- und Teetrinker sind, dies ist wissenschaftlich erwiesen, diametral entgegengesetzt. Etwa so, als bringt man einen Düsseldorfer und einen Kölner zusammen an einen (Bistro-)Tisch. Mit der rituellen Langsamkeit eines Zen-Buddhisten zelebriert der Teetrinker die Zubereitung des Getränkes, dem sogar aphrodisierende Wirkung zugesprochen wird: Kanne heiß ausspülen, eine minutiös festgelegte Menge an Teeblättern hineingeben, unter dem leisen Singen indischer Beschwörungsformeln Wasser zugießen und ziehen lassen. In der Zeit, die es braucht, bis ein Schälchen Tee fertig und der Kandiszucker geschmolzen ist, hat der agile Kaffeetrinker mit sichtlichem Vergnügen bereits drei Tassen getrunken und dabei die Tageszeitung gelesen. Dies soll jetzt nicht zu weltanschaulichen Auseinandersetzungen führen; ich trinke nämlich auch gerne mal einen Tee. Am liebsten im Winter, am liebsten „mit Schuss“.

In Zeiten der Postmoderne geriet das bewährte Getränk etwas außer Mode. Kaffee, das war die Erinnerung an Tante Elses Kaffee-Kränzchen mit schnatternden Freundinnen. Damals mussten Nichten und Neffen den Damen lieb „Guten Tag sagen“, die Jungen mit einer Verbeugung, die Mädchen mit einem Knicks. Jetzt suchten die zeitgeistigen „Young Urban Professional People“, das sind die Menschen, die in exitentialistisches Schwarz gekleidet in der KÖ-Galerie sitzen und ihren Geschäftspartner via Handy mitteilen, dass sie später zum Briefing kommen, nach neuen kaffebraunen Kicks. Der gute alte Kaffee - Gretchenfrage: kauft man ihn gemahlen oder in Bohnen - wurde auf einmal „multikulti“: Espresso, Capucchino, Café cortado, Wiener Melange, Mokka, Café crème, Latte macchiato, Café russe, etc. Es galt als schick, die Bestellung im Bistro weltmännisch fremdsprachig aufzugeben, bis ein Werbespot auftauchte, in dem ein Kunde die Verkäuferin, die alle Sorten (s.o.) anpreist, fragt: „Haben Sie auch ganz normalen Kaffee?“. Vive la renaissance! Es lebe der gute alte Kaffee, auch wenn er nicht mehr, wie bei Großmutter, in einer Sammeltasse serviert wird. Die Krönung, die den Tag zum Genuss macht. Das Geheimnins der Braunen Bohne wird wohl nie gelüftet werden. Muß auch nicht. Ich schlürfe genüßlich bereits die dritte Tasse. Koffein hilft mir beim Schreiben ungemein, wie ich festgestellt habe...

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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