Stefan Buchner

Der Spiegel

Auf dem Weg durch das Leben und die Zeit führte mich meine Reise an einen ganz besonderen Ort, einen Ort der Erkenntnis, wie mein Bote mir berichtete. Ein verlassenes, kleines und einsam gelegenes Dorf. Getrübt vom Nebel konnte man nur die Umrisse der Gebäude erkennen. Das Licht des Vollmondes drang nicht zur Erde durch und die Laternen leuchteten nur wie kranke Glühwürmchen. Wo lag an diesem Ort die Erkenntnis? Kaum hatte ich diese Frage mir selbst gestellt, sah ich ein erleuchtetes Fenster. Offensichtlich das einzige Haus, in dem jemand wach zu sein schien. Ich ging näher heran, sah durch das Fenster und erblickte einen alten Mann. Er war scheinbar alleine. Ein vertrautes Gefühl stieg in mir empor. Er schien einsam zu sein, denn er stand vor einem Spiegel und sprach mit ihm. Da er wohl kaum für ein Theater- oder Filmstück übte, in dieser trostlosen Gegend, schien ihn die Einsamkeit über die Jahre verrückt gemacht zu haben. Ich blickte kurz gen Himmel und stellte die Frage: „Liegt hier wirklich Erkenntnis verborgen?“ Mein Blick senkte sich wieder und ich hörte eine innere Stimme sagen: „Suche weiter, sehe genauer hin.“ Ich folgte der Stimme meines Herzens, auch wenn der Verstand mal wieder zweifelte. Während meine Augen den alten Mann und den Spiegel fokussierten, hörte ich seine Stimme immer lauter werden, bis jedes Wort deutlich zu hören war. Er redete mit dem Spiegel, als wäre jemand anders darin – scheinbar ein guter Freund, obwohl ganz deutlich er zu sehen war. Der alte Mann bedankte sich mehrmals für Dinge, die dieser Freund ihm gezeigt hatte. „Spricht er zu sich selbst? Spricht er mit dem Spiegelbild, oder gar mit dem Spiegel?“, fragte ich mich. Dieser Freund hatte ihn offenbar immer und überall, sein ganzes Leben hindurch begleitet. Der alte Mann sprach davon, wie dankbar er dafür war, dass ihm gezeigt wurde, dass jedes Problem mindestens ein Geschenk b! einhalte t. Und er bedankte sich dafür, dass ihm nichts verborgen blieb, was es für ihn auf seiner Lebensreise zu entdecken galt. Selbst der Tod seiner Liebsten, das größte Unglück, das ihm geschehen war, hatte für ihn eine besondere Erfahrung bereitgehalten. Erst als sein Freund, der Spiegel, ihm diese offenbarte, war er bereit dafür, sie anzunehmen. Für diese Erfahrungen, ja für diese Erkenntnis bedankte er sich. Sind die anderen ein Spiegel unserer selbst? Zeigen „sie“ uns, was es „für“ uns „in“ uns zu entdecken gilt? Der Mann sprach davon, sehr krank gewesen zu sein. Die Hinweise, die für seine Heilung nötig waren, bekam er von seinen Mitmenschen – er benutzte hier das Wort „gespiegelt“. Dankte er wirklich dem Spiegelbild? Oder dankte er dem Spiegel unabhängig von seinem Bildnis? Unser Gegenüber als Spiegel unserer selbst? Unser Gegenüber als Antwort auf unsere Fragen? Dieser alte Mann war nicht verrückt, hatte er doch so viel Weisheit in sich. „Wieso teilt er sie nicht mit anderen Menschen?“, fragte ich mich. Zeitgleich stellte er sich dieselbe Frage, und er erkannte, dass er viele Chancen vertan und viele Jahre verschenkt hatte. Er hätte zahlreichen Menschen helfen können. Plötzlich sagte der Spiegel: „Die größte Erkenntnis offenbart sich immer gegen Ende.“ Das Spiegelbild des alten Mannes wurde unscharf, er fiel nach hinten um. Er sah zu dem Fenster, an dem ich stand, er blickte mir direkt in die Augen und starb. Erst jetzt, als ich sein Gesicht erkennen konnte, sah ich: Er hatte mein Gesicht, dieser alte Mann war ich. Ich schreckte hoch, saß in meinem Bett, von einem lauten Geräusch geweckt. Neben mir auf dem Boden ein zerbrochener Spiegel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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