Hans K. Reiter

Das Ventil - wenn der Druck steigt!

Sie verstehen die Zusammenhänge nicht, sie verstehen die Logik nicht und sie verstehen die Sprache nicht!, sagte der Redner und warf sich in die Brust, grad so, als wüßte er, und vielleicht sogar nur er, um die Zusammenhänge.

Gibt es noch Köpfe auf den politischen Bühnen dieser Welt, die sich nicht in erschreckenden und erstickenden Phrasen ergehen, nicht unablässig Plattitüden von sich geben, dass ich denke, der Mund müsse ihnen fransig werden?

Aber der Reihe nach.

Ich fahre übers Land, lege da und dort eine Pause ein, steige aus, unterhalte mich mit Leuten, die des Weges kommen und höre ihnen zu. Was ich vernehme ist nicht repräsentativ. Nein, das ist es nicht und dennoch spiegelt es eine Stimmung wider, der ich mich nicht entziehen kann.

Irgendwann hat es begonnen, aber niemand kann mehr feststellen, wann und wo es exakt gewesen ist. Aber alle wissen, dass es stattgefunden hat, faktisch belegt durch das eigene Miterleben der letzten Jahre. Manche meinen, es sei um die Zeit herum geschehen, als viele hinter den Reihen der PEGIDA einher liefen. Andere meinen, es sei schon davor passiert und selbige Ansammlungen seien nur Ausdruck der sich beständig entwickelnden Unzufriedenheit.

Unzufriedenheit über was oder wegen was?

So einfach ist es nicht. Jeder hat da seine eigenen Erfahrungen. Bei manchen sind sie deckungsgleich mit denen anderer, bei vielen aber vielleicht auch nicht. Aber spielt das eine Rolle? Nein! Die individuelle Unzufriedenheit, gepaart mit undefiniertem Missbehagen, staut sich auf, führt zu Unmut, sucht ein Ventil, muss raus, braucht Raum, will Freiheit!

Allerdings, und das will ich anmerken, für die Führungseliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hätte ein genaueres, spezifisches Hinschauen, ein echter Wille zur Aufklärung der Umstände gut getan. Dies wäre sicher von mehr Erfolg gekrönt gewesen, als das von Vorurteilen gespickte, undifferenzierte Beschimpfen der Unzufriedenen auf der Straße! Und die Medien nehme ich dabei nicht aus!

Wenn man aber eine Meinung vertritt, wie sie oben im ersten Absatz zum Ausdruck kommt, dann kann man nichts dergleichen erwarten. Und darin liegt die Wurzel des Übels!

So komme ich ins Gespräch.

Frage: Hat Sie schon einmal ein Institut für Meinungsumfragen angesprochen?

Antwort: Nein, aber warum hätte mich jemand ansprechen sollen?

Nun, bei der Menge von Meinungsumfragen, die zu allem und jedem durchgeführt werden, dachte ich, sollte mir doch hin wieder ein Mensch begegnen, der nach seiner Meinung gefragt wurde. Gefehlt! Niemand aus meinem Bekanntenkreis, niemand, den ich danach gefragt habe. 

Mit einer Ausnahme: ich selbst. Eines Tages wurde ich von einem Schweizer Institut angerufen, ob ich für gelegentliche Umfragen zur Verfügung stünde. Sehr schnell war klar, dass es sich dabei ausschließlich um Werbung handelte. Erst allgemeine Fragen, die mein Interesse weckten, um dann ganz subtil auf den eigentlichen Punkt zuzusteuern, nämlich, welche Produkte ich vornehmlich wo kaufe, wie häufig und aufgrund welcher Werbemaßnahmen oder Effekte hin ich mich für dieses oder jenes Geschäft/Supermarkt/Internetshop entschieden hatte. Und damit es schmackhaft wird, sollte ich pro teilgenommener Umfrage Punkte erhalten, die ich dann beim Kauf bestimmter Waren einlösen könnte.

Ich sage nicht, dass es keine echten repräsentativen Umfragen gäbe, ich bemerke nur, dass ich niemanden kenne, der jemals befragt worden ist. 

Anmerkung: Ich warte gespannt darauf, dass die entsprechenden Institute erklären, wie sie Suggestion und Manipulation ausschließen. Wenn wir das verstanden haben, ist es uns doch gleich viel wohler, wenn wir am Freitag hören, welche Partei wie abschneiden würde, wenn wir am Sonntag wählten oder welcher Politiker, welche Politikerin in der Gunst welchen Platz auf der Beliebtheit-Skala einnimmt, nicht wahr?

Übrigens, sind es nicht nur seriöse Institute für Demoskopie, auch Marketingfirmen lancieren derartige Umfragen (siehe mein eigenes Beispiel oben). Wie soll ich da auseinanderhalten, wer welche Interessen verfolgt?

Frage: Darf ich Ihnen eine Frage zu Ihrer persönlichen Lebenssituation stellen?

Antwort: Fragen Sie und ich entscheide, ob ich antworte.

Frage: Sind Sie berufstätig oder arbeitslos?

Antwort: Da Sie mich nicht kennen, kann ich es sagen. Ich bin arbeitslos, habe aber einen Job, schwarz, ein paar Stunden pro Woche, sonst reicht es nicht, weil Familie, Kinder, verstehen Sie?

Frage: Und Ihre Frau?

Antwort: Kümmert sich um die Kinder und geht mal da und dort putzen. Manchmal helfe ich ihr, dann sind die Kinder bei den Großeltern.

Frage: Nicht angemeldet, vermute ich?

Antwort: Stimmt.

Und so höre ich zahlreiche Geschichten, die, gäbe ich sie alle wieder, die Kurzgeschichte sprengen würden. 

Menschen erzählen mir, wie unsinnig es ist, Hartz IV zu beziehen und sich um Arbeit zu bemühen, wenn man am Ende den größten Teil des Hinzuverdienten vom staatlichen Bezug gekürzt bekommt oder unterschiedliche Zahlungszeitpunkte für unterschiedliche Zuschüsse die Regel sind und es hierbei zu drastischen Verwerfungen kommt. Beispiel: Das Hinzuverdiente zahlt der Arbeitgeber am Monatsende, in der Gesamtrechnung der Behörde führt dieses aber zur Kürzung von Zuschüssen, die bisher am Monatsanfang ausgezahlt wurden. Wie soll ich das ausgleichen und von was?, fragt mich jemand.

Und überhaupt der ganze Formular- und Beantragungskram, entwürdigend, höre ich. Du bist dem Bearbeiter ausgeliefert. Sei bloß immer schön freundlich!

Und wie ist das mit den Fremden, den Ausländern?, frage ich. 

Oft bekomme ich zur Antwort, dass dies keine besondere Rolle für die eigene Situation spiele, weil man denen am Amt kaum begegne, weil sie doch meistens auch gar keine Arbeitserlaubnis hätten. 

Und wegen der Wohnung?, frage ich nach. Manche sind davon nicht betroffen, weil sie eine Wohnung haben, ander glauben, dass die Flüchtlinge bei der Vergabe oder Zuteilung bevorzugt würden. Nur wenige können hierfür ein konkretes Beispiel nennen. Manchmal relativeren sich solche Aussagen, wenn Wohnungen z. B. an Familien mit Kindern vergeben werden, der eigene Bedarf aber nur den Befragten selbst oder eine kleinere Familiensituation umfasst. 

Die meisten der Angetroffenen und Gesprächsbereiten haben ganz normale Arbeitsverhältnisse und gehören keinem der vorher beschriebenen Personenkreise an. Die meisten Familien sind Doppelverdiener, die Kinder bereits in der Schule oder im Kindergarten.

Viele sind zufrieden, viele aber auch nicht. Zu viele Arbeitsstunden für zu wenig Geld, wie sie erläutern. Ich kann es nicht überprüfen. 

Ich frage nach der persönlichen Einstellung zur Abgabenlast an Steuern, Krankenkasse und Rente, Mieten und Versicherungen. 

Hier sind es dann doch schon sehr wenige, die sich ungeachtet dessen als zufrieden äußern. 

Was wird bemängelt?

An vorderster Stelle werden immer die Mieten genannt, die den größten Teil des Nettoeinkommens verschlingen. Gefolgt von den Kosten der Lebenshaltung, Freizeit, Auto und Versicherungen. Sparen können nur sehr wenige etwas.

Auf mein Nachhaken, ob das verfügbare Einkommen nicht ganz wesentlich von den Abgaben für Steuern und Sozialversicherungen bestimmt wird, stimmen viele zu, mache aber meinen, auf die ganze Familie bezogen ginge es schon in Ordnung, wenn nicht die horrenden Mieten wären.

Mit Wohneigentum habe ich kaum jemanden angetroffen. Von den Befragten wurden hauptsächlich die hohen Kosten für Makler und Notar sowie die hohen Steuern für Grunderwerb und Umsatzsteuern beklagt. 

Alle verdienen mit, sagte eine junge Frau, auch der Staat und gerade der nicht zu knapp. Und sie fügte noch an: Nehmen Sie als Beispiel das Auto: Was wir da alles an Steuern zahlen, nicht nur beim Kauf, auch später beim Tanken in der Werkstatt und so weiter. Oder die Mehrwertsteuer. Ich meine, 19%, das muss erst einmal verdient sein!

Einer meiner Zufallsbekannten hat sich regelrecht ereifert: Schauen Sie mal nach Österreich, ein Land mit einer Bevölkerung von einem Drittel weniger als beispielsweise Bayern, aber Renten, die um soviel höher sind, dass wir uns hier nur die Augen reiben können. Wie machen die das? Können unsere Damen und Herren aus der Politik da nicht mal über den Zaun schauen?

Dort zahlen alle in die Kassen ein, Beamte, Abgeordnete ebenso wie Selbständige, sage ich. Übrigens auch in der Schweiz, füge ich noch hinzu.

Und warum nicht bei uns?, fragt mich mein Gesprächspartner. Wenn es über der Grenze geht, warum nicht auch hier? Ist doch längst ein Märchen, dass Beamte schlechter verdienen als der Normalbürger und deshalb ein Ausgleich geschaffen werden muss. Das mag mal früher so gewesen sein, aber heutzutage? Wer zahlt die Pensionen, der vielen Millionen, die wir schon haben und vor allem, die über die nächsten Jahre noch hinzukommen? Wieso kann dieser Kreis nicht wenigstens seinen Arbeitnehmerteil zahlen, wie jeder andere Arbeiter und Angestellte auch? Und lebenslang einen sicheren Arbeitsplatz – ich bitte Sie, wer hat den heute noch?!

Die zuständigen Minister, wie vermutlich die gesamte Regierung, springen da nicht recht an, flechte ich ein.

Ist klar, ich habe noch im Ohr, wie Herr Spahn gleich zu Beginn seiner Ministerkarriere sagte, wir hätten doch das beste Versicherungssystem der Welt und deshalb müsse man da nichts ändern.

Ein interessanter Versuch – was man so alles erfahren kann beim unvoreingenommenen Gespräch, denke ich. Es gäbe noch so viele Themen, aber eine Kurzgeschichte ist eben eine Kurzgeschichte. Vielleicht greife ich beim nächsten Mal andere Schwerpunkte heraus.

Ich habe z. B. niemanden danach gefragt, ob er sich abgehängt fühlt, wie heute so oft behauptet wird – von den Medien hauptsächlich, von der Politik übernommen und von den vielen, vielen Experten, die es sofort zu jedem Thema gibt, und die wortgewaltig und meist schwafelnd berichten dürfen und im Fernsehen auftreten, als seien sie die alleinig Begnadeten, aber niemals erklären (müssen), warum oder wieso gerade sie sich als Experte befähigt finden. 

Haben Sie schon einmal überlegt, wie jemand Terrorismus-Experte wird? Wieviele von diesen angeblichen Experten haben jemals vor Ort recherchiert? Mit wem aus Terrorkreisen jemals gesprochen, Hintergründe erfahren, politische Rückschlüsse gezogen? Woher nehmen sie ihr Expertentum? 

Und so gibt es zahlreiche Experten, ist mein Eindruck, auf allen denkbaren Gebieten, die außer Allgemeinplätzen nichts von sich geben, aber geschickt formulieren können und wertvolle Fernsehzeit verbraten (dürfen), für 17,50 pro Monat, die wir alle zahlen (müssen!).

Eine Geschichte, eine Kurzgeschichte, zum Nachdenken, zum Mitreden, zum Kommentieren, überlege ich und gebe sie frei.

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