Helga Sievert

Der Liebesapfel

 Der Liebesapfel

Es stand ein Apfelbaum am Ufer eines kleinen Weihers im schönen Oldenburger Land, mitten in den Dammer Bergen. Er stand nicht allein auf weiter Flur oder gar zufällig dort, nein, ein liebes Kind hatte ihn und die anderen Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft gepflanzt. Eine schöne Trauerweide - die ihre langen, grünen Federzweige immerzu eitel in dem Wasser spiegelte - und eine kraftvolle Eiche.  Der kleine, blaue Weiher vor ihm und das zottelige Schilf leisteten dem Apfelbaum Gesellschaft.

Es lebten viele Tiere in und am See und ernährten sich von ihm. Frösche und Libellen belebten ihn genau so wie Enten und Blässhühner; sogar Reiher standen manchmal unbewegt am flachen Ufer, und der Apfelbaum erfreute sich täglich an dem Treiben dieser Tiere. Auch kamen viele Zugvögel vorbei, und da der Weiher viel Futter zu bieten hatte, rasteten sie im Frühling und Herbst an seinem Ufer, schliefen des nachts auf ihm und waren so sicher vor dem Fuchs und außerdem satt und gestärkt für die Weiterreise.

Der Apfelbaum freute sich immer über diese willkommene Abwechslung. Im Frühling blühte er aus lauter Lebensfreude weitaus reichhaltiger und schöner als seine Brüder auf den Plantagen. Im Herbst hingegen dankte er den Tieren mit den saftigsten und süßesten Früchten weit und breit. Dunkelrot, dick und prall sahen seine Äpfel aus, mit glänzender Schale - und jeder, der einen solchen Apfel sah, bekam gewaltigen Appetit in eine so schöne Frucht zu beißen. Der Baum verteilte großzügig davon und freute sich, wenn es den Menschen und Tieren schmeckte.

Am Weiher lebte auch ein Schwanenpaar. Es lebte schon seit sehr langer Zeit dort, denn die beiden waren ein verzaubertes Liebespaar. Sie hatten sich aus tiefstem Herzen gewünscht für alle Zeit immer und immer zusammen vereint, an diesem schönen Weiher leben zu dürfen. Und in genau diesem Moment war eine Fee, die gerade gelangweilt durch die Zeit schwebte, vorbeigeflogen. Sie hörte diesen Wunsch, und weil sie gerade nichts anderes zu tun hatte, erfüllte sie ihn sogleich, indem sie die Liebenden in schneeweiße, majestätische Schwäne verwandelte. Nachdem das geschehen war, sprach sie sodann zu ihnen: "Von nun an seid ihr beide auf immer vereint an diesem Ort. Unsterblichkeit habe ich euch verliehen und keine Krankheit, kein Schuss, kein Tier kann Euch je etwas zuleide tun. Lebt nun wohl und lebt glücklich und zufrieden, vielleicht werde ich euch einmal besuchen und schauen, wie es euch geht..." Sprach’s und verschwand mit einem unergründlichen Lächeln auf dem Gesicht.

Die beiden Schwäne hatten sich verdutzt angesehen und gewundert, doch dann hatten sie begonnen sich zu freuen, denn nun konnten sie für immer und immer zusammen leben, hier an diesem schönen Weiher im Oldenbuger Land, mitten in den Dammer Bergen.

So gingen die Jahre dahin und der Apfelbaum konnte sich an dem Glück des Schwanenpaares gar nicht satt sehen. Doch als Jahr um Jahr verging und viele Kinder der beiden schon längst fort waren, sah er, dass das Schwanenpaar sich sehr, sehr langweilte und dass einer dem anderen vorwarf, er habe diesen unseligen Wunsch ausgesprochen, so dass sie nun für immer und immer und alle Zeiten aneinandergekettet an diesem langweiligen Ort, an dem nie und nie etwas passierte, leben mussten...

Durch das lange und enge Beisammensein hatten sie die Liebe verloren, und jeder von ihnen wollte nur noch von dem anderen weg, endlich einmal etwas anderes sehen und erleben. Es gab sicher noch andere Gewässer, zu denen sie sich hätten aufmachen wollen, doch durch den Zauberspruch der Fee war ihnen das verwehrt und sie hatten schon seit langem erkannt, dass dieser Spruch ein Fluch war.

Der Apfelbaum, der dieses alles beobachten musste und dem das leid tat, fing an darüber nachzusinnen, wie er die beiden erlösen könne. Jahr um Jahr grübelte er darüber nach. Er fragte jeden ankommenden Vogel, jedes Reh, jeden Frosch, ob sie die Fee gesehen hätten. Doch keiner hatte sie je gesehen, aber wenn sie sie träfen, würden sie ihr den Wunsch des Apfelbaumes und der beiden von ihr verzauberten Schwäne mitteilen.

So verging wieder Jahr um Jahr, und die beiden Schwäne stritten sich von morgens bis Sonnenuntergang. Es gab Tage, da sprachen sie überhaupt nicht mehr miteinander und dann wieder Tage, an denen das Schwanenweibchen lange auf einem Stein am Ufer saß und dicke Tränen weinte. Die schönen weißen Federn der beiden aber leuchteten und strahlten wie eh und je und immer, wenn einmal ein Mensch oder ein Paar an diesen Weiher kam, bewunderten sie die beiden Schwäne und freuten sich über ihr majestätisches Dahingleiten.

Der Apfelbaum aber dachte nach und grübelte immer noch darüber, wie er ihnen helfen könne. Und als er gerade ganz besonders tief versunken brütete und nachsann, kam eine Blumenfee durch die Zeit geflogen und setzte sich - es war gerade Frühling - auf eine seiner lieblich duftenden Blüten. "Hallo", sagte der Apfelbaum, "bist du eine gute Fee?" Die Fee bejahte das und fragte ihn, ob er einen Wunsch hätte, denn sie hätte eine große Seifenblase voll davon und könne ihm sicher etwas Schönes erfüllen.

Der Apfelbaum erzählte ihr nun die Geschichte der beiden Schwäne und trug ihr seinen Wunsch vor. Die Fee aber schüttelte traurig den Kopf: „ Nein, mein lieber, guter Apfelbaum, ich kann die ausgesprochenen Wünsche meiner Schwester nicht rückgängig machen, das ist ein unausgesprochenes Gesetzt unter uns."

Nach einer Weile aber versprach sie, dass sie, da er ja so ein selbstloser, lieber Kerl sei, eine seiner Blüten mit magischer Energie aufladen würde. Aus dieser Blüte könne dann ein Apfel mit großer Kraft in sich entstehen, und wenn der Baum sich große, große Mühe gäbe, könne er dem Apfel eine ganz bestimmte Kraft verleihen. Sie beugte sich nun vor und flüsterte ihm diese Fähigkeit des Apfels in ein Astloch, denn nur er allein dürfe wissen, dass der Apfel den Zauber der ersten Fee ändern könne. Es müsste nur ein Liebespaar, wie es einst die beiden Schwäne waren, von diesem Liebesapfel essen, und der Zauber würde von den Schwänen genommen. Der Baum überlegte kurz und stimmte dann zu, und weil die Fee gerade so schön und gemütlich auf einer Blüte saß, flößte sie gerade dieser ihre magische Energie ein. Und dann – pling – verschwand sie so schnell wie sie gekommen war.

Der Sommer zog ins Land, und unter dem Gezanke und Geschrei der beiden Schwäne bildete sich der verzauberte Apfel immer schöner hervor. Die übrigen Früchte waren zuerst fade und blass geworden, dann hatte der Baum sie verloren, denn er gab sich große Mühe, alle Kraft in diese eine Frucht zu bannen.So war kein anderer Apfel geblieben und seine Blätter waren auch recht mager. Doch das störte den Apfelbaum nicht, er hegte und pflegte den einen Apfel, damit dieser ein schöner, praller und leuchtender Liebesapfel werden würde. Weit oben saß die Frucht, denn keiner durfte sie pflücken.

So stand der Baum und wartete. Und eines Tages im Herbst - er hatte nun die letzten Blätter verloren - kam ein Pärchen vorbei, stellte sich still unter den Baum und sah dem Schwanenpaar zu, während es wie immer majestätisch stolz durchs Wasser glitt , und sie beide dachten, wie schön es doch wäre, hier an diesem friedlichen Weiher für immer und immer vereint zusammen leben zu können, so wie dieses Schwanenpaar.

Da fiel hinter ihnen der Zauberapfel zu Boden, kullerte den flachen Hang hinunter und blieb genau vor ihren Füßen liegen. Der Mann hob ihn auf, besah ihn prüfend und ihm lief das Wasser im Munde zusammen. "Komm Liebchen," flötete er, "lasse uns diesen Apfel zusammen essen." Und während sie aßen, flüsterten sie sich zu, wie schön es doch wäre, hier am kleinen Weiher im schönen Oldenburger Land für immer und immer glücklich und zufrieden zu leben...

Sie schauten hinaus über den Weiher und sahend träumend dem weiß leuchtenden Schwanenpärchen nach – wie es in dem leichten Nebel des gegenüberliegenden Ufersaumes eintauchte...

©Helga Sievert-Rathjens

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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