Peter Kröger

Sankt Marien



Es könnte besser laufen.

Wenn er nur wollte.

Die Wunder bewahren.

Will er es?

 

Seine Schwester hat angerufen, die Mutter ist tot; sie war krank, es war abzusehen, denkt er. Sagt einer wie er: Und nun? Nein, einer wie er sagt: Wann wird sie begraben? Seine Schwester hat geweint, wieder und wieder schluchzte sie auf am Telefon. Er weint nie. Das letzte Mal, als er weinte, war er ein Kind. Die Mutter ist tot, denkt er. Es war überfällig.

 

Die Dinge harren ihrer Vollendung. So war es immer. In ein paar Stunden wird er, der Kenner sakraler Architektur, einen Vortrag halten über die Marienkirche zu Lübeck, Die Mystik des Transformativen wird er es nennen. Er wird sagen: Wir anerkennen die trutzige Wucht dieses Bauwerks, seine brave Himmelsstürmerei, mögen wir dem roten Backstein auch mit Gleichgültigkeit, ja sogar mit Widerwillen begegnen. Wenn wir können, gestatten wir das Große. Wenn wir nicht lieben, verzeihen wir.

 

Lebte die Mutter noch, die Welt unterschiede sich in nichts von der Welt, wie sie jetzt ist, denkt er, nur dass die Schwester nicht weinen müsste, nicht immerfort weinen, heute nicht und die nächsten Tage, die Tränen blieben verborgen, das Schluchzen ungehört.

 

Er wird, denkt er, gleich über die Marienkirche zu Lübeck sprechen, denn er ist ein sogenannter Kenner der Materie, danach wird er Gift nehmen, ein schnell wirkendes, starkes Gift, es ist alles seit Wochen vorbereitet, er will neben der Mutter bestattet werden in dumpfer, dunkler Erde, hinabfahren am selben Tag zur selben Stunde, auf einmal will er es, ohne Vorbehalt, ganz und gar, es könnte nicht besser laufen, denkt er, wir wollen die Wunder bewahren, uns hergeben, und er wünscht es sich inniglich und will es wie sonst nichts auf der Welt.

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