Aylin

Ein Stück vorm Himmel

Ein Stück vorm Himmel

 

Ich hatte noch den Geruch des Tierarztraumes in der Nase.

Es hatte nach Tod gerochen, denn es war der Raum, in dem die leidenden Tiere mit ihren Besitzern in Ruhe Abschied nehmen konnten.

Eine halbe Stunde hatten wir dort gesessen, bis der Arzt dir die Spritze verabreichte. Es war heiß in dem stickigen, kleinen Raum. Schweißperlen rannen meinen Bauch herab und eine Sekunde lang dachte ich daran, einfach mit dir fortzulaufen.. Doch ich wusste, es musste sein.

Ich habe immer schon in dir lesen können und vor einer Woche, als wir beide auf dem Balkon saßen und du mich tieftraurig und voller Qual ansahest, da lag in deinem Blick der Wunsch nach Erlösung. Vierzehn lange Jahre sind wir durch Dick und Dünn gegangen, Du hast mir immer vertraut und auch diesmal wusstest du, ich würde eine Lösung finden, wie immer.

 

Nun saßen wir hier in diesem Raum und ich hielt dich fest im Arm. Schatten von Büschen tanzten an den geschlossenen Fenstern. Kratzten an den Milchglasscheiben wie schwarze Finger. Ich sprach dir beruhigend zu, doch meine Stimme zitterte. Du legtest deinen Kopf auf meinen Oberarm und ich küsste dein wuscheliges Haar. Ich weinte und weinte und weinte.

 

Doch plötzlich wurde ich abrupt still. Meine Augen schlossen sich wie von selbst, mein Kopf lag auf deinem. Ein seltsamer Frieden überkam mich. Das Gefühl von tröstender Wärme, die uns beide streichelnd einhüllte, als wären wir in einem Kokon. Der Raum entwich, es gab nur noch uns beide, nichts umher. Welt und Zeit schienen ausgehebelt zu sein. Ein Moment voller Liebe, losgelöst von allem Sein.

Dann musste ich wieder weinen. Ich wusste, du warst gestorben.

Meine Tochter holte mich ab, wartete draußen. Sie fuhr schweigend mit mir los zu einem Platz, an dem man weit über Felder und Hügel schauen kann. So hatte ich es mir gewünscht. Für danach.

Ich stieg aus und stellte mich an einen uralten Baum. Der Himmel war stahlblau und weiße, federleichte Wolken knufften sich vor goldgelben Sonnenstrahlen. Ein magischer Ort.

Die Wiesen im Tal schimmerten satt grün und schienen an den Himmel zu stoßen. Ein leichter, kühler Wind wehte und ich atmete tief ein. Ich hatte noch den Geruch des Tierarztraumes in der Nase. An meinem Shirt, überall.

Plötzlich nahte ganz unten auf einer der Wiesen ein Pferd. Ein junges Pferd mit blonden Strähnen und braunem, glänzenden Fell. Es tobte und sprang, als habe man es frei gelassen oder als sei es ausgebrochen. Ein Reiter war nirgends zu sehen. Es hüpfte und balancierte, dann trabte es an den Rand zwischen Wiese und Himmel. Dort blieb es stehen, ganz still, ein paar Minuten lang, als schiene es zu warten. Mitten im Sonnenschein. Und plötzlich war es verschwunden, als wäre es nie da gewesen.

 

Für meinen geliebten Janosch, verstorben am 12.05.2019

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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