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The Dancing Red Flashing Point Mystery

Wie Caspian Eiderdaus langsam verrückt wurde...



Caspian Eiderdaus hatte es nicht leicht im Leben. Eine inkomplette Querschnittlähmung ließ ihn nur äußerst beschwerlich und unter recht großen Anstrengungen gehen. Seine Paraparese bedeutete Rollstuhl und jede Menge Einschränkungen im Leben. Aber er versorgte sich mit allem Mute, der ihm blieb, selbst. Eine Pflegefachkraft lehnte er ab. Allerdings ließ er sich alle Lebensmittel in die Wohnung bringen. Sonst aber scheute er Menschen, ging fast nie nach draußen, fristete ein einsames Leben.

Sehr gern saß der stark depressive Caspian abends, bis tief in die Nacht hinein, bei völliger Dunkelheit in seiner kleinen Ein-Zimmer-Bude (33 qm) am Fenster, blickte hinaus, starrte, gab sich der Trübsal und einer heftigen Form der Melancholie hin, sinnierte und grübelte, sah, legte die Stirn in Falten und seufzte. Eigentlich konnte Caspian nichts sehen. Denn vor seinem Fenster gab es meistens keine wie auch immer gearteten Ereignisse zu entdecken. Da kann man doch nur trübsinnig werden.


Doch dann, eines Abends, die Nacht brach langsam an:

Caspian bemerkte dort draußen, es war exakt 22:33 Uhr, einen tanzenden roten Punkt. Ab und an hielt der rote Punkt an, stand still, fuhr dann rasch abwärts, verblieb dort, etwa 50 cm tiefer, um hernach wieder aufzufahren, zu verharren. Cas war fasziniert. Mitunter verstärkte sich die Farbe, wurde tiefrot, dann wieder, blasser werdend, erschien ihm der tanzende Punkt als ein eher schwaches Rosa in der nun tiefdunklen Nacht.

Jeden Abend saß er nun zur gleichen Zeit am Fenster, hochaufmerksam in die Nacht starrend. Und tatsächlich (Caspians Herz schlug schneller), wieder erschien dieser ominöse Punkt. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Caspian putzte die Brille, ging näher ans Fenster heran; ja, dies musste ergründet werden! Doch es kam wieder nur zu der ihm bekannten Tanz-Einlage, diesem alten Up and Down, niemals hin und her, stets nur hoch und runter. Vor allem das Verharren irritierte ihn sehr.

Was hatte es mit diesem roten Punkt auf sich? Caspian Eiderdaus begann, sich Notizen zu machen. Aber seine komplexen Aufzeichnungen, nach 14 Tagen betrachtet, konnten keinerlei Aufschluss erbringen. Es gab 3 Fakten, und die blieben auch so bestehen: Der seltsame rote Punkt tanzte für ihn von etwa 22:30 bis 22:36 Uhr, an jedem Tag, außer dienstags, zu jedem Wetter. Auch im Sturm oder im Regen (Im Zeitraum seiner Recherchen allerdings fast nur Sonnen- und einige wenige Nieselregen-Tage) blieb es dabei: Die Auf- und Ab-Bewegungen, dann jenes bekannte Stillstehen, und schließlich das plötzliche Verschwinden. War das etwa ein Ufo? Wie weit war denn der Punkt überhaupt entfernt? Caspian E. meinte, es müsse sich um etliche Kilometer handeln. In tiefdunkler Nacht, es gab hier ja weit und breit keine Straßenbeleuchtung, sollten nun doch auch weitere Personen dieses Phänomen beobachtet haben. Er rief die Sternwarte an. Kein Erfolg. Weder eine Meldung über Ufo-Sichtungen noch div. Anrufe besorgter Bürger wegen "tanzender roter Punkte am Nachthimmel". Resigniert legte Cas auf. Ich werde also verrückt, dachte er, nur ich kann diesen Punkt sehen. Ich allein...

Wie gern hätte er rund um 22:30 Uhr draußen einmal nachgesehen, ausgestattet mit einem Nachtsicht-Gerät und einer Kamera, die auch nachts Aufnahmen machen kann. Aber das blieb ihm leider verwehrt.

Seine Aufzeichnungen, nach 19 Tagen schon gute drei Ordner umfassend, hatte er so betitelt: ‘The Dancing Red Flashing Point Mystery’.

Für ihn war die tägliche Sichtung das Mysterium seines Lebens! Und er wollte diesem Geheimnis unbedingt auf die Spur kommen, den Dingen auf den Grund gehen. Das war ihm nun Lebensaufgabe und der Mittelpunkt seiner gesamten Existenz.

So blieb Caspian Eiderdaus auf der Lauer, saß täglich um 22:30 am Fenster und wartete. Und dies vergeblich ab dem 6.8.2019. Nie wieder tanzte dieser rote Punkt. Nie mehr.

Nach exakt 21 Tagen hörte der Spuk abrupt auf. Das endete, für Caspian jedenfalls, sehr tragisch. Noch fünf weitere Monate (bis zum Jahresende 2019) saß dieser arme junge Mann in seinem sehr kleinen, vermüllten,  abgedunkelten Wohnraum im Rollstuhl am Fenster, wartend, hoffend, mental stetig instabiler werdend... Schließlich dann komplett abdriftend und, metaphorisch betrachtet, irgendwie "versickernd" und rational nicht mehr anwesend. Caspian war tatsächlich verrückt geworden. Er murmelte vor sich hin, sah fürchterlich aus, nur mehr ein Abbild früherer Tage. Bis...

Bis man ihn schließlich, in hilflosem Zustand, verdreckt, stinkend und abgemagert, unter mildem Zwang in eine Landesklinik einweisen musste. Dort wurde der junge Mann unter dem Einfluss schwerer Psychopharmaka immer merkwürdiger und verrückter (obschon gerade dieser Ausdruck in der Psychiatrie arg verpönt ist). Er saß meist am Fenster, blickte hinaus, und sagte, mit einer eindringlichen, schwermütigen Stimme: „The Dancing Red Flashing Point Mystery... Gone...“
 


Im Haus neben Caspians Miethaus meinte Frau Pflipsen am 6. August 2019 gut gelaunt zu ihrem Mann: „Sei nur froh, dass Du mit dieser Qualmerei aufgehört hast. Du musst nachts nicht mehr in die Kälte, um da draußen deiner Sucht zu frönen. Ja, und bist weniger erkältet, schonst deine Lunge und auch den Geldbeutel. Übrigens, es ist Dienstag. Die Selbsthilfegruppe beginnt gleich! Bin stolz auf dich, mein Bärchen!“ Und Regina Pflipsen gibt ihrem Konrad einen Kuss, der so tapfer versucht, auch ihretwegen, seine schwere Nikotinsucht zu bekämpfen und zu besiegen. Und die Anonymen Alkoholiker hatten es auch geschafft, durch die jeden Dienstag Abend stattfindenden AA-Treffen, ihn zu einem trockenen Alkoholiker zu machen.

Regina hatte hart daran gearbeitet. Jetzt aber schien die Ehe gerettet. Konrad trank und rauchte nicht mehr. Und er war der Einzige bei den Anonymen Alkoholikern überhaupt, der nicht rauchte. Sie konnte wirklich stolz auf ihren Mann sein. Es hatte sich gelohnt, um Mann und Ehe zu kämpfen. Wirklich.

Während Regina einer wohl deutlich besseren Zukunft entgegen sehen durfte, verdunkelte sich das Gemüt unseres armen Caspian bald vollständig. Zwei Schicksale, irgendwie miteinander verwoben und dennoch so unterschiedlich! Grausam und wahr, bitter, und doch auch irgendwie ein wenig hoffnungsfroh stimmend, jedenfalls, was hier die Eheleute Regina und Konrad Pflipsen betrifft.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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