Hans K. Reiter

Das Gehirn - ein bayerischer Kriminalfall

Müde quälen sich die letzten Strahlen der verblassenden Sonne durch die Doppelverglasung im LKA. Die meisten Büros sind um diese Zeit längst verlassen, die Beamten im Einsatz bei Nachtobservationen, zuhause oder irgendwo ein Bier trinken.

Bei Dagmar Hochfellner, Hauptkommissarin und Chefin des DüF, Dezernat für ungewöhnliche Fälle, war dagegen das Büro voll. Manche saßen, ander drückten sich entlang der bescheidenen Möblierung.

Michael, sagte sie, du und unser neuer Kollege, ihr übernehmt die Observation. Packt euch etwas zu essen und zu trinken ein, könnte leicht bis in den Morgen dauern. Und keine Glimmstängel!

Hallo Dagmar, ich bin’s, Michael, Kriminalkommissar mit einigen Jahren Dienst auf dem Buckel!, lachte er und zwinkerte ihr zu.

Entschuldige… Sie immer mit ihrer Perfektion. Den Hinweis wegen des Rauchens hätte es nun wirklich nicht gebraucht.

Nach und nach verließen alle den Raum – jeder wußte, was zu tun war.

Sie suchten ihn schon ewig, seit Jahren. Bisher ohne Erfolg. Immer wieder überfiel der Typ Banken im Landkreis, mehrfach sogar die selben, und immer mit der gleichen Masche: Hinein, Waffe, großes Kaliber, im Anschlag, zielstrebig zur Kasse. Das ganze nicht mehr als 3 Minuten, dann Rückzug, Geld in eine Papiertragetasche eines bekannten Münchener Modehauses gestopft. Beute regelmäßig um die zehntausend, manchmal auch mehr und gelegentlich auch weniger. Niemals hektisch. Der Mann war durch und durch ein Profi.

Und noch etwas wusste der Mann sehr genau: Er war bestens im Bilde darüber, welche Banken bereits umgestellt hatten auf Null Barmittel am Schalter. Bei Barabhebungen gaben die am Schalter Beschäftigten über eine Tastatur den benötigten Betrag nebst Stückelung ein und weitere Informationen, wie z.B. Kontendaten, worauf der angeforderte Betrag aus einem Tresorraum per Aufzug direkt an den Schalter transportiert wurde.

Ein Überfall, der in Minutenschnelle abzuwickeln war, war in diesem Fall nicht mehr möglich. Alleine das Eintippen der benötigten Informationen fraß Zeit. Und ohne die entsprechenden Kontendaten war schon der Versuch zwecklos. Ja, es gab einige wenige Fälle, bei denen zufällig anwesende Bankkunden zur Herausgabe der benötigten Daten gezwungen wurden. Aber das Risiko war hoch und die erbeuteten Beträge gering.

Jetzt, erstmals, wie es schien, hatten sie eine brauchbare Spur. Ein Zeuge hatte sich gemeldet und den Täter derart mit Details versehen beschreiben können, dass er es tatsächlich sein konnte.

Etwas, das sie nicht näher hätte beschreiben können, beunruhigte Dagmar Hochfellner allerdings. Ein Bauchgefühl!

Egal, der Einsatz war geplant und würde minutiös genau so ablaufen. Michael und der Neue würden die Wohnung des vermeintlichen Täters mit allen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel observieren und grünes Licht geben, sobald sie sicher waren, dass sich außer ihrem Mann niemand sonst in der Wohnung befand. Andere Kollegen und Kolleginnen würden das Umfeld sondieren und wenn alles zusammenpasste, d.h. keine Unbeteiligten zu Schaden kommen könnten, würde sie den einen Befehlt in die Sprechmuschel des Funkgerätes sagen: Zugriff! Eine Minute später würden sie ihn haben, mit Handschellen gefesselt, Routine!

Aber es sollte anders kommen.

Leitung, hier Wolf eins, bitte kommen!, hörte sie Michaels Stimme aus dem Minilautsprecher im Polizeieinsatzwagen.

Hier Leitung. Wolf eins kommen!

Im nachfolgenden verzichtet der Chronist der Flüssigkeit wegen auf alle Funkformalitäten des tatsächlichen Funkverkehrs, wie z. B. bitte kommen, oder hier ist, usw.

Etwas passt nicht! Wir hören aus der Wohnung Kindergeräusche, wenigstens zwei. Das stimmt doch überhaupt nicht mit der Zeugenaussage überein!

Leitung: Vorerst keinerlei Aktionen, wir klären das ab!

Scheiße, was war das denn? Der Zeuge, sie mußte schnellstens mit ihm sprechen. Holt ihn mir sofort her, hierher in den Einsatzwagen!

Das kann dauern, sagte einer der Beamten. Ich rufe ihn an. Wir können ja nicht im Haus herumtrampeln, der wohnt doch nur ein paar Türen weiter als unser Mann.

Mach das, schnell!, sagte Dagmar.

Geht niemand ran, meldete der Kollege. Ich versuche es noch einmal.

Was ist?, fragte Dagmar ungeduldig.

Zwecklos, es geht niemand ran.

Dann blasen wir das Ganze ab, sagt Dagmar und greift zum Funkgerät.

Leitung bitte kommen!, tönt es im selben Moment aus dem Lautsprecher.

Was gibt es Wolf eins?

Die Kindergeräusche verändern sich nicht, sind immer die gleichen, wie von einem Band! Bitte um Anweisung! Ist doch merkwürdig!

Wie von einem Band, zuckt es in Dagmars Kopf. Was hat das zu bedeuten? Gaukelt uns da jemand etwas vor?

Anweisung an alle! Kommando geht ins Haus und sichert, so geräuschlos wie möglich. Wolf eins, du und der Kollege gehen rein. Öffnen der Türe ohne Gewalt. Ganz einfach läuten, abwarten und sollte dies nicht erfolgreich sein mit Besteck, geht das auch nicht, dann mit Ramme! Verstanden! Und kein Waffengebrauch, es wird nicht geschossen!Einsatzleiter und Wolf bitte bestätigen!

Das hätte ihr gerade noch gefehlt – eine Schießerei, weil ein par übernervöse Kollegen oder Kolleginnen etwas gesehen haben, was nicht gewesen ist oder die Kinder, wenn es denn doch kein Band war.

Zwei Minuten später: Wir sind drin. Niemand anwesend. Alles ein riesen fake! Wir kommen runter und berichten unten.

Tatsächlich waren von einem Band über Raumlautsprecher auf Endlosschleife immer wieder die selben Kindergeräusche abgespielt worden.

Nichts Auffälliges, was mit den Banküberfällen in Zusammenhang gebracht werden könnte, keine besonderen Spuren, die auf den Bewohner als Täter hindeuteten.

Können wir den Zeugen ausfindig machen. Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Wer hat ihn vernommen? Soll kommen, sofort, hierher!

5 Minuten.

Entschuldige, Dagmar, aber jetzt kocht die Kacke wirklich hoch. Niemand hat ihn vernommen, verstehst du, niemand!

Aber seine Aussagen?

Nur am Telefon. Der Mensch hat angerufen, hat seine Geschichte erzählt und das war’s.

Und sein Name, seine Adresse?

Wurde nicht überprüft. Ich wiederhole: Was für eine herzzerreissende Superkacke für unsere Schmierblätter!

Aber Kollege, welche Ausdrucksweise für unsere honorigen Zeitungen!

Pause!

Packen wir Zusammen, sagte Dagmar. Ist nicht das erste Mal, dass wir verarscht werden. Aber ein Nachspiel wird es haben, da bin ich sicher. Ich werde es aushalten!

Dagmar Hochfellner hat es ausgehalten. Die weiteren Ermittlungen haben folgendes ergeben: Der Wohnungsinhaber mit dem Band hat dieses immer angestellt, wenn er nicht zuhause war. Er dachte, bei Kindergeschrei bricht niemand ein. Eine Selbstschutzmaßnahme sozusagen.

Und die lieben Boulevardblätter sparten natürlich nicht mit Häme. Nur ein Artikel fragte, wohin es wohl führen würde, sollte sich derlei Unfug häufen.

Übrigens: Der Bankräuber läuft immer noch durch die Gegend und der Gaudibursch mit dem seltsamen Fabel für Humor wurde niemals gefunden – weil auch erst gar nicht nach ihm gesucht wurde – Personalmangel, gab das LKA auf Nachfrage zur Antwort.

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