Tim Milimonka

Life is Strange

Für normal kam Jeffrey seine Arbeit durchschnittlich vor. Über den Friedhof die Gerätschaften schieben und Grab für Grab nach bestem Gewissen herrichten. Doch einmal im Monat gab es eine Friedhofsführung. Dann wurde ihm wieder klar, wie berühmt die hier begrabenen Menschen sind und das sein Beruf gar nicht so alltäglich ist.
"Normalität ist ein Chamäleon", sagte seine Oma immer. Im Laufe der Jahre wurde aus dem Chamäleon ein Rentier, eine Schildkröte oder auch ein Axolotl. "Normalität ist ein Axolotl und du mein Junge, bist ein Chamäleon"
Die Analogie verlagerte sich semantisch, aber das Jeffrey ein Chamäleon war, konnte man nicht abstreiten. Er war nun 23. 13 Jahre seines Lebens verbrachte er in Pflegefamilien und Heimen. "Niemals trugst du die Schuld", versicherte seine Oma ihm.

"Niemals" sagte sie, die gar nicht wirklich seine Oma war. Mit 15 hatte sie sich ihm angenommen. Seitdem lebte er bei ihr und half wo es nur ging.

"Niemals war es deine Schuld"
Eigentlich verwunderlich, das sie daran fest hielt obwohl sie über die Jahre so vieles losließ.

-

Jeffreys Zeiger ging auf die Mittagspause zu. 
Also ging er zum Geräteschuppen. Im Schuppen selbst war es gemütlicher als man denken würde, mit den Fotos an der Wand, die allesamt Bilder von der See zeigten. Gischt schickte sich von Bild zu Bild. Möwen drehten ihre Kreise. Dazwischen hingen immer mal wieder Harken, Schaufeln und alles andere was den grünen Daumen glücklich macht. In der Mitte stand ein alter abgenutzter Tisch. Jeffreys Kollege Torgje taufte ihn Fransi. Auf ihr stand eine Öllampe, die dem dort sitzenden Namensgeber einen Heiligenschein verpasste. Wie jede Mittagspause las er einen Comic. Meistens russische Propaganda für Kinder, die er auf eBay für kleines Geld erwarb.
"Worum geht's heute?" fragte Jeffrey
"Der Biber Boris möchte mit seinen Genossen einen Staudamm bauen. Allerdings wird er ständig vom Weißkopfseeadler gestört. Weiter bin ich noch nicht"
"Ein Weißkopfseeadler, ernsthaft?"
"Wie du meinen?" Erst jetzt schaute Torgje auf.
"Weißkopfseeadler gleich USA. Geht es noch offensichtlicher?"
"Eine sehr steile These", antwortete Torgje mit gerunzelter Stirn und blickte nach einem kurzen Schluck Kakao erneut auf sein Comic.
Zeitgleich setzte bei Jeffrey ein Tinnitus ein, der wie ein EKG in regelmäßigen Abständen piepte, gefolgt von einem längeren Piepen.
"Alles gut bei dir?“ fragte Torgje
"Was? Ja. Wieso?“
"Du hast deine Augen zusammen gekniffen.
Todeszeitpunkt: 13:08 Uhr"
"Was?"
"Was mit dir los ist?"
"Nein, das andere"
"Hä"
"Sry, ich weiß auch nicht. Muss die Hitze sein"
Noch bevor Torgje antworten konnte, klingelte das Telefon von Jeffrey.
"Guten Tag. Spreche ich mit Herrn Herzog?"
"Ja, hallo“
"Mein Name ist Dr. Szcellinec. Sie wurden von Frau Varmelle als Notfallkontakt angegeben. Sie ist vor einer Stunde ins Südring Krankenhaus eingeliefert worden. Sie hatte einen Herzinfarkt"
“W... Was?“ fragte Jeffrey mit zitternder Stimme
"Wie geht es ihr?"
"Sie liegt derzeit im Koma. Ihr Zustand ist kritisch"
"Und was heißt das? Wann wacht sie wieder auf?"
"Mir wäre es lieber wir könnten diese Angelegenheit persönlich besprechen"
"Ich möchte nur wissen was mit meiner Oma ist! Bitte sagen sie was los ist"
"Ihre Oma ist in einem instabilen Koma", der Arzt zögerte kurz. "Ich möchte ehrlich mit ihnen sein. Sie sollten zu ihr fahren und sich von ihr verabschieden. In diesem Zustand..."
Jeffrey hatte aufgelegt.
Torgje stand bereits an der Türd mit dem Autoschlüssel in der Hand. Er hatte das Telefonat mitgehört.
"Komm ich fahre dich"
Jeffrey nickte geistesabwesend.
"Frau Varmelle", murmelte Jeffrey.
"Ich nenne sie doch Oma"
"Komm, wir gehen", sagte Torgje
 

-
 

Beide fuhren in Richtung Krankenhaus mit Torgjes braunem Pick Up. Im Radio lief eine Call in Show. Jeffrey hörte nie Radio. Er schaltet es sonst immer aus.
"Da Vorne ist es sagte Torgje." Soll ich mit reinkommen?"
"Nein danke, ich gehe alleine"
"Bist du dir sicher?“
Jeffrey antwortete nicht.
"Ok dann schreib mir wenn... Schreib mir einfach ok?“
Jeffrey nickte und stieg aus dem Pick Up.
Die Schwester führte ihn zu einem Mehrbettzimmer. Da lag seine Oma, regungslos, blass, der Körper müde vom Leben. Er setzte sich an ihr Bett und nahm ihre Hand. Die Hand, die mal tätschelte, sich ermahnend erhob oder auf seinem Rücken kreiste, während sie sich umarmten. Die, die Sonntagmittag eine unglaubliche Tomatencremesuppe umrührte. Diese zarte Hand war es, die er losließ, als ein Arzt und zwei Schwestern rein stürmten als der EKG einsetzte, der wie ein Tinnitus klang.
"Todeszeitpunkt: 13:08 Uhr"



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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