Francois Loeb

BUCHWANZEN

BUCHWANZEN

Als Schriftsteller wurde ich hellhörig als ich im überfüllten Regionalexpress meine Sitznachbarin zu ihrer Freundin sagen hörte: „Nimm dich in Acht vor Buchwanzen ...“. Die weiteren Sätze wurden von der Ansage des nächsten Halts und seiner Anschlussmöglichkeiten aufgefressen. Oder ausgesaugt. Hätte ja zu den Buchwanzen gepasst. Buchwanzen? Was könnte das sein? Was bedeuten? Nichts Gutes, dachte ich, als ich die Schreckenszüge sah, die sich über das Antlitz der älteren Dame, der Sitznachbarin der Sitznachbarin, ausbreiteten. Das sorgfältige Makeup überdeckten, ihr Aussehen augenblicklich um Jahre älter erscheinen ließen. Musste grausam sein von Buchwanzen angefallen zu werden. Und ich als Buchverwandter, Vater von Büchern konnte, so warnte meine bunte Fantasie (die mich stets in den griffigen Krallen hält) meine linke Hirnhälfte, ich sei bestimmt auch bald davon betroffen. Betroffen ohne davon zu wissen. Ohne die Erkenntnis der Gefahren die in meinen und anderen, möglicherweise allen Büchern lauerten. Nur darauf warteten mich anzufallen. Mich zu vernichten. Mich auszusaugen. Mir nicht Blut, sondern Worte, ja gar Sätze zu entwenden. Waren das die Schuldigen die meine Schreibblockade verursachten? War ich auf deren Spur? Konnte ich endlich wieder in meine Schreiblust zurückfinden? Nicht nur Lust, nein, Pflicht. Denn wie sonst sollte ich mithelfen meine Familie zu ernähren? Die Last nicht einzig meiner Gattin überlassen, deren mickriges Gehalt als Callcenter Mitarbeiterin vom heimischen Herd aus, uns mit den zwei Kindern, ein knappes Schwimmen im Lebensmeer ermöglichte.

Den Abgrund immer vor Augen, der jederzeit sich öffnen, dass knapp an der Wasseroberfläche Schwimmen beenden konnte. Ich muss also jetzt hier von meinem harten Regionalexpress Sitz aus meinen Ohren spitzen. Der Sache auf den Grund gehen. Ach, was für ein unpassender Vergleich für einen beinahe entkräfteten Schwimmer im Ozean des Lebens. Der Lärmpegel hoch. Werde versuchen müssen von den Lippen abzulesen. Aber aufpassen! Zu nahe Heranrücken könnte auch als unanständig interpretiert werden. Und dann das Ergebnis ein Auszug aus meinem Hör- und Sitzbereich. Ein Flüchten der zwei in das Untergeschoss. Ich allein gelassen wie ein begossener Pudel. Allein mit meinen entfachten Ängsten. Dem süssen Meer der Erkenntnis entzogen. Denn ein Nachsteigen, besser ausgedrückt ein Absteigen, hinter den beiden Passagierinnen her, wäre als ein erneutes Verdachtsmoment auf Annäherungsversuche zu werten. Also, Anstand, Abstand halten, trotz Lippenlesen. Leichter gesagt als getan. Dazu blendet die Morgensonne. So kann ich nur Bruchstücke entziffern. Hoffe mir daraus ein Bild zu zimmern. Keinen Käfig. In dem sitze ich bereits. Nein, ein Entkommens Bild aus dem so tonnenschwer auf mir lastendem Problem. Den Buchwanzen! Ich muss es wissen. Der einzige Weg: Die Direttissima! Auch wenn in dieser zahllose Absturzgefahren lauern. Wie in den Buchwanzen, vor der mich meine Hirnströme immer stärker warnen. Also ansprechen. Aber wie? Mit: ‚Entschuldigen Sie‘? Halt, wäre es nicht besser mit dem Wort ‚Sorry’ zu beginnen? Verwurf! Heftig. Keine Anglizismen! Also doch: ‚Entschuldigen Sie! ’. Mit einer Entschuldigung zu beginnen macht dich schuldig, kabelt mein Sympathikus, oder welcher Nervenstrang es immer ist, direkt meiner sonst doch so losen Zunge zu, die sich sogleich aus Befürchtung vor Strafmaßnahmen im Zaume hält. Also einfach: ‚Was wissen Sie über Buchwanzen? Bin lernbegierig!‘ Macht sich immer gut lernbegierig zu sein.

Da, es darf nicht wahr sein, stehen die beiden Damen auf. Nicken mir zu. Die jüngere wünscht mir einen angenehmen Tag. Entschwinden aus meinem Blickfeld. Lassen mich mit dem Rätsel und dem Zaumzeug der Zunge, das ich ins Pfefferland wünsche, allein. Können Sie mir auf die Buchwanzen helfen?

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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