Peter Kröger

Fett



 

Es war nach der Zeit mit Janine in Göttingen, ich war Student, schlief lange und wachte auf, wenn die schönsten Vorlesungen längst verklungen waren und der Tag bereits zur Neige ging und langsam erstarb.

Nach Janine war alles anders. Ich wollte dem Leben sein Geheimnis entlocken, ein Specht sein, ein Wal, ein Adler, sogar ein Wurm oder Käfer, irgendwas, glaubt mir, ich war frei und die Gedanken kreisten, bis Onkel Höhns vom Fischmarkt in Hamburg anrief und mir eine Stelle als Aalverkäufer anbot, als Marktschreier wider den tierischen Ernst sozusagen, nur Sonntags früh, zu besten Konditionen.

Ohne zu zögern nahm ich das Angebot an. Aale waren in jenen Tagen der große Renner, jeder, der etwas gelten wollte, aß Aal, Aal grün etwa oder Aal in Aspik und ich liebte meine Arbeit und verkaufte weit mehr Aale als alle meine Vorgänger, und Onkel Höhns strahlte und schleppte immer weitere Aale heran, ich wusste nicht, woher er sie hatte, aber glaubt mir, ich freute mich und versorgte die halbe Stadt mit diesen fetten, immer leckeren Gesellen. Einmal schaute sogar Janine vorbei (von Göttingen nicht gerade ein Katzensprung) und zog mit einem fast armdicken Aal schließlich wieder von dannen, ausgerechnet hier auf dem Markt der Schreihälse sah sie mich nach all den Jahren streitsüchtiger Zweisamkeit zum ersten Mal ganz in meinem Element, zupackend und über alle Maßen glücklich hinter dem Aalverkaufstresen auf Onkels Aalauto (einem stinkenden Etwas von blau-weißem Lieferwagen), zum Ersten, zum Zweiten, ein beschürzter Fischheini, wie die keifende Janine nicht zu bemerken vergaß, dabei war es der Neid, der sie zu solchen Worten greifen ließ, und als sie weg war, sagte Onkel Höhns: Wer war das denn, Kurt?

Die Aalzeit, wie ich sie heute nenne, ich möchte sie nicht missen, den Fischmarkt nicht und schon gar nicht Onkel Höhns, der mich bat, bis ans Ende der Tage die putzigen Schlangentiere für ihn zu verhökern. Aber alles hat seine Zeit, dachte ich. Ihr ahnt es wohl, ich ging zurück nach Göttingen, stand früh auf, besuchte fleißig Vorlesungen (von denen mir Hegel und die Aale die liebste war) und kam sogar wieder für eine Weile mit Janine zusammen, die mit mir stritt wie eh und je und ihrem Neid auf was auch immer freien Lauf ließ. Und ehrlich, das Leben war schön, sagte ich das? Ihr könnt es mir glauben. Ihr müsst es.

Doch eines Tages, und das ahnt ihr nicht, woher sollt ihr es wissen, packte ich, diplomiert nunmehr und ausgeschlafen wie ein Adler, aufs Neue meine sieben Sachen, ja, ich verließ Janine und fuhr tatsächlich nach Hamburg zurück zu meinen Aalen und Onkel Höhns, dem Ernst des Lebens auf der Spur, wenn man so will, und stand wieder dort, wo ich hingehörte, ein beschürzter Heini, jawoll, zum Ersten, zum Zweiten. Ihr könnt es nicht wissen, und doch ist es die reine Wahrheit: Ich wurde Wal, Wurm und Käfer zugleich, ich wurde es einfach, ich schrie es heraus, mitten auf dem Fischmarkt zu Hamburg gelang mir das Kunststück der Verwandlung, glaubt mir, erst jetzt ist die Geschichte aus, legt euch wieder hin, und manchmal nachts, wenn ich träume, schaut Janine vorbei (sie hat mir verziehen und wurde Professorin für Geld und gute Worte), mit einem fetten Aal in der Hand steht sie vor mir und grinst, und ich wache nicht auf.

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