Aylin

Kreide-Zeit

Kreide-Zeit

 

So oft hatte er seine Thesen an die schwarze Tafel seiner Welt geschrieben. In weißen Lettern:

Geht gerecht miteinander um, schützt die Natur, wehrt der Zerstörung durch Konsum, seht euch, nehmt euch wahr.

Er war jetzt sechzig. Immer wieder hatten andere seine Thesen weggewischt. Weggewischt mit diesem grüngrau melierten Lappen, der stets leicht faulig roch. Andere, die es besser zu wissen meinten oder die es gar nicht wussten oder die es nicht wissen wollten. Kollegen, Schüler, selbst der Schuldirektor. Von seinen Thesen blieben nur schlierig weiße Spuren, besonders, wenn die Mittagssonne in den Klassenraum fiel und die Tafel zu durchleuchten schien.

Sie legte unendliche dieser Spuren frei. Sie schlummerten in der Tiefe des dunklen Tableaus, als würden sie nur schlafen und als könne man sie jederzeit zurückholen. Er war jetzt sechzig, bald würde er in Pension gehen.

Eines Morgens kam ein neuer Kollege in den Klassenraum. Einer, dessen Kopf beim Laufen immer leicht nach vorn gebeugt war, so, als wäre er eilig. So, als wolle er mit dem Kopf schon dort ankommen, wo er selbst noch nicht war.

Der Neue ging zur Tafel, nahm den Lappen, wischte wortlos. Akribisch. Fast lustvoll. Dann warf er ihm die Kreide zu und sagte: „Friss!“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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