Heinz-Walter Hoetter

Gehirn und Religion

 


 


 


 

In der Tat ist es so, dass das menschliche Gehirn viel zu leistungsfähig ist, als nur damit zu denken bzw. Erkenntnisse zu gewinnen.


 

Und weil das so ist, ist der weit aus größere Rest der enormen Fähigkeiten des Gehirns einfach "die Ungewissheit". Man stelle sich das ungefähr so vor, dass man selbst im Keller wohnt, obwohl das eigene Haus eine unvorstellbare Zahl von Zimmern hat, die man nicht kennt bzw. niemals kennenlernen wird.


 

Das ist nur ein Beispiel, um zu verdeutlichen, dass dem Menschen nichts stärker belastet, als die Ungewissheit.


 

Offene Fragen aber, die also niemals beantwortet werden können, darf es für uns Menschen nicht geben. Im Gegensatz zu anderen Primaten ist der sog. "Homo sapiens sapiens" das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das sich sowohl seine Zukunft, als auch seine Vergangenheit vorstellen kann.


 

Es weiß auch um seinen sicheren Tod. Es muss unweigerlich sterben. Es ist aber viel weniger die Angst vor dem Tod, die uns zwar auch plagt, aber noch viel schlimmer sind die offenen Fragen, die da lauten: "Wozu das alles? Warum machen wir überhaupt weiter, wenn wir sowieso sterben müssen? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?"


 

Wir Menschen wissen nicht, wie es weitergeht und wohin uns unser Weg in die Zukunft führen wird, obwohl wir doch über einen überaus leistungsfähigen Geist in uns verfügen. Für das Gehirn ist dieser Zustand eine "unerträgliche Vagheit bzw. verschwommene Ungenauigkeit", weil es ansonsten den übrigen Organen im Körper, damit er einwandfrei funktionieren kann, stets klare Anweisungen erteilt.


 

Dieser "irreale Zustand der Leere" muss vom Gehirn auf irgendeine Art und Weise "ausgefüllt" werden. Das schafft es auf ganz elegante Art und Weise, nämlich mit der "Religion". Die Religion "besänftigt" sozusagen das Gehirn und gibt ihm damit "einen Ort im Universum".


 


 

Aber das Ganze hat noch einen weitaus größeren Nebeneffekt, als wir denken. Es gibt unter dem Primaten "Mensch" mehr als 4000 Religionen, aber nur eine Mathematik.


 

Das ist einfach zu erklären. Das religiöse Gehirn produziert aufgrund seines "religiösen Glaubens", auch wenn dieser noch so absurd, unsinnig oder unlogisch erscheinen mag, das Hormon Serotonin. Dieses Hormon macht den Menschen zufrieden und heiter. Je höher nämlich der Serotoninspiegel im Gehirn, desto glücklicher fühlen wir uns. Somit sind Tempel, Kirchen, Moscheen oder ähnliche Orte des gemeinschaftlich religiösen Treffens, nichts weiter als "Serotin produzierende Fabriken" des Gehirns.


 

Aber das ist noch nicht alles. In fast allen Religionen kommt dem Sozialen eine überragende Bedeutung zu. Die Menschen leiden seit jeher tatsächlich unter dem unversöhnlichen Gegensatz der Ungleichheit. Die Menschen träumen von Gleichheit aller, erleben aber hier auf der Erde immer genau das Gegenteil davon. Die Natur schafft nämlich eindeutig erkennbare Gegensätze.


 

Und in der Tat. Anthropologen sind davon überzeugt, dass tief im menschlichen Herzen (damit sind seine Gefühle gemeint) der Drang zum Egalitären verankert ist.


 

Sie sprechen daher von einer "egalitarian bias".


 

Die meisten Menschen empfinden es als höchst unfair, wenn andere mehr bekommen. Wir tun uns alle schwer damit, Unterschiede ertragen zu müssen, selbst dann, wenn sie biologischer, also unveränderlicher Natur sind (der eine ist schön, der andere ist ein Krüppel usw.).


 

Diese unerträglichen Unterschiede, die sich auch im sozialen Bereich offenbaren, wie zwischen Arm und Reich, Dummheit und Intelligenz, haben sich bis heute nicht aus der Welt schaffen lassen.


 

Und genau da setzt die Religion an. Obwohl ja für religiöse Menschen Gott die Welt erschaffen hat, mit all ihren Ungleichheiten, nimmt sie sich, also die Religion, der Pein des menschlichen Gehirns mit einem Kunstgriff an. Mag die Welt zur Ungleichheit verdammt sein, vor Gott sind dennoch alle gleich. Es ist wirklich ein Kunstgriff, den man bewundern muss. Die Religion baut hier eine "klassenlose Gesellschaft" auf, die es in Wirklichkeit nie geben wird. Sie ist mehr als irreal. Nie wird die ersehnte Gleichheit auf Erden realisiert werden können, aber in der Gemeinschaft der Gläubigen entsteht bei jedem religiösen Zusammentreffen, Gottesdienst genannt, diese "egalitäre Gegenwelt".


 

Außerdem werden unter Gott alle "Hierarchien" aufgehoben. "Vor Gott sind alle gleich", behaupten jene, die derartige religiöse Lehren verbreiten (obwohl sie es gar nicht wissen können, ob es tatsächlich so ist). Indem religiöse Lehren jede Klassendifferenz aufheben und jeden einzelnen Menschen zu etwas ganz Besonderem machen, ganz gleich, ob er ein Dummkopf, ein Genie, ein Sünder oder Heiliger ist (wie auch immer), geben sie trotzdem jedem Individuum damit das (verlogene) Gefühl, einzigartig zu sein unter seinen viele Milliarden Artgenossen in dieser Welt, deren Natur das Leben wie am Fließband produziert und es ebenso schnell wieder verschwinden lässt. Wir Menschen unterliegen den gleichen Bedingungen von Leben und Sterben, wie alle anderen Erscheinungsformen des Lebendigen auch.


 

Eigentlich erscheint es paradox, dass ausgerechnet das Irreale dem menschlichen Gehirn dazu dient, das reale Leben zu meistern. So gesehen ist alles, was uns als "übernatürlich" erscheint, mehr als nur "natürlich". Ein Trick der Natur, uns beim Überleben auf diesem Planeten zur Seite zu stehen.


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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