Horst-Werner

Der schönste Tag in meinem Leben

Mama weinte, als sie den Telefonhörer wieder auflegte: “Opa ist gestorben, ganz plötzlich“, sagte sie und: „Ach Gott, er war so ein guter Mensch!“
Papa kam früher von der Arbeit zurück. Sonst schimpfte er erst mal über seine Kollegen. Aber heute sprachen sie gleich leise miteinander und Papa nahm Mama in den Arm. Das tat er sonst nie und er musste zweimal nachfassen, bis er sie richtig halten konnte.
„Am Freitag fahren wir zu Opas Beerdigung!", bestimmte Papa dann.
Ich war eigentlich zu Stefans Geburtstag eingeladen. Als Mama aber sagte, dass Papa für Freitag eine Entschuldigung schreiben müsse, fand ich das richtig gut. So brauchte ich die Mathearbeit nicht mitzuschreiben.

Mama telefonierte dann die ganze Zeit herum und erzählte immer wieder, dass Opa so nett gewesen wäre. Das war er aber gar nicht. Immer machte er sich über mich lustig, weil ich keine Sonne vertrug und weil ich die Getreidesäcke nicht auf den Wagen heben konnte und weil ich nicht melken konnte und ihm nicht schnell genug war. Sein Lachen war nicht freundlich. Ich wäre wie mein Vater, meinte er immer. Nur einmal war er richtig nett; da kam ich sonntags nach der Messe in die Wohnstube, um nachzusehen, ob der Tisch schon gedeckt war. Opa stand vorm Schrank und hielt ein Schnapsglas in der Hand. Er zog mich schnell ganz in das Zimmer und schloss hinter mir die Tür. Dann schenkte er mir auch einen Schnaps ein. Er wollte, dass ich davon trank. Das Glas war innen und außen klebrig und schmierig; ich verschluckte mich und musste husten.
„Reiß dich am Riemen!“, zischte er.
Dann brannte es den ganzen Tag warm und angenehm im Bauch. Ich sollte bloß nichts der Oma erzählen, sagte er mir. Dabei hab ich sie auch schon am Schrank stehen gesehen.

Am Freitag fuhren wir zu Opas Bauernhof in Büchelberg. Mein gutes Hemd kratzte die ganze Zeit am Hals und außerdem musste ich Erwachsenenradio hören. Nicht mal singen durfte ich, sogar das hatte Mama mir verboten. Ich war froh, als wir endlich ankamen.

Überall standen Menschen im Hof herum. Komisch, keiner ging in das Haus. Ich durfte nur rein, weil ich es nicht mehr aushalten konnte und zum Klo musste. In der Diele war schon alles für Kaffee und Kuchen gedeckt. Aber wir mussten erst noch zur Kapelle und zum Friedhof gehen. Die meisten der Leute kannte ich ja: Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Bis auf Manfred waren alle viel älter als ich. Manfred wollte mir sicher wieder die Frösche und die Vögel zeigen, die er mit der Schleuder geschossen hatte. Er gab immer so an mit dem, was er angeblich alles konnte. Mir gefiel auch gar nicht, dass alle so dunkel gekleidet waren und bis auf Onkel Oskar alle nur leise sprachen. Und jetzt musste ich auch jedem noch die Hand geben. Sie guckten mich nur kurz an und fragten auch gar nicht viel. Onkel Oskar aber lächelte und sagte laut
„Na du Stadtindianer, du hast ja richtig Farbe im Gesicht!“
Die anderen schauten alle kurz in unsere Richtung und Tante Trude schüttelte den Kopf. Mir fiel ein, er war ja wieder für ein paar Wochen im Irrenhaus in Klingenmünster gewesen. Mama sagte, dass dürfte ich nicht weiter erzählen und ich sollte ihm aus dem Weg gehen. Onkel Oskar würde mir nicht guttun, er hätte schwarze Gedanken. Aber das fand ich nicht. Er schaute kurz über seine Schulter, dann wieder zu mir, hielt einen Finger vor dem Mund und sagte – jetzt leise:
„Lass dich nicht unterkriegen!“
Dann gingen wir alle zu Fuß zum Friedhof.

Die Beerdigung war nicht lustig. Die Messe war langweilig, wir haben keine Lieder singen dürfen und es hallte so, dass ich den Pfarrer nicht verstand. Und sehen konnte ich auch nichts, weil vor mir Onkel Oskar und Tante Walli saßen. Dann gingen wir endlich raus und Papa schob mich ganz nach vorne, aber leider konnte ich Opa immer noch nicht sehen. Der Sarg war schon zu und obendrauf lagen lauter weiße Blumen. Der Pfarrer trug einen langen schwarzen Umhang und darüber irgendwas mit Spitzen und ein viereckiges schwarzes Käppchen. Er redete was von Gott und Liebe und auch er meinte, dass Opa ein guter Mensch gewesen wäre. Mir fiel wieder ein, dass Opa mir eine Ohrfeige gegeben hatte, und dass nur, weil ich der Katze mit dem halben Schwanz einen Stein hinterher geworfen hatte. Ich fand ihn gar nicht lieb, aber Erwachsene lassen sich immer so leicht täuschen. Nachdem die Rede endlich zu Ende war, wurde der Sarg an Seilen in das Grab runter gelassen, Papa half auch mit. Der Sarg hing immer schräger in der Luft, wackelte und es knirschte. Die Männer strengten sich sehr an. Das letzte Stück rumpelte er dann nach unten.
„Nichts passiert!“, meinte Papa.
Dann sagte der Pfarrer noch mal was, spritzte Weihwasser in das Grab und warf eine Schippe Sand auf den Sargdeckel. Das wollte ich auch. Aber zuvor musste ich mich wie alle anstellen und an Oma und dem Pfarrer vorbeigehen und ihre Hände schütteln. Ich wusste gar nicht, wie ich gucken sollte, alle waren so ernst. Aber ich hatte nicht vergessen, dass ich „Herzliches Beileid“ sagen musste. Der Pfarrer hielt meine Hand mit seinen fest zusammen.
„Du hast deinen Opa sicherlich gern gehabt!“, meinte er.
Meine Hände wurden ganz klebig. Ich habe ganz leise vor mich hin gemurmelt, dass er manchmal auch böse war. Ich wollte ja nicht lügen. Als der Pfarrer endlich meine Hand losließ, war ich richtig froh. Ich glaube auch, er hat gar nicht hingehört. Aber Erwachsene hören ja nie zu. Dann durfte ich sogar zweimal eine Schippe Erde auf den Sarg werfen. Tante Amelie schrie auf einmal ganz laut und brach hinter mir in der Reihe zusammen. Sie weinte und stöhnte. Sofort wurde sie von Onkel Rolf und Tante Käthe gestützt und festgehalten. Sie brauchte dann keine Hände zu schütteln.

Wir gingns zurück zu Kaffee und Kuchen. Manfred, ich und auch die älteren Kinder wurden in die alte Stube geschickt. Dort gab es Schokokuchen und Götterspeise und wir durften „Bugs Bunny“ im Fernsehen anschauen. Die Erwachsenen blieben die ganze Zeit auf ihren Plätzen in der großen Diele sitzen und unterhielten sich in einem fort. Nur Peter, Tante Heddi und Onkel Karl gingen manchmal raus zum Rauchen und kamen bei uns vorbei. So lange sitzen bleiben würde ich nie lernen. So viel erzählen wie sie, könnte ich auch nicht. Das war bestimmt langweilig, die meisten Geschichten hatte ich schon mal gehört!

Wir spielten dann im Hof ein bisschen Fußball; das machte aber keinen richtigen Spaß. Wir sollten auf die gute Kleidung achten, hieß es. Nur gut, dass man auf meiner dunklen Hose den Dreck nicht sehen konnte!

Als wir zum Abendessen zurückkamen, saßen die Erwachsenen immer noch zusammen und redeten durcheinander.
„Du siehst genau so aus wie er“, sagte Tante Käthe und Tränen standen ihr in den Augen.
Erst als Mama mich festhielt und mich in ihre Richtung schob, merkte ich, dass sie mich meinte. Ich musste mich ein paar Sekunden von ihr drücken lassen. Das war aber halb so schlimm, ich mag Tante Käthe sehr gern. Sie roch gut und sie fühlte sich warm an und ich kriegte noch genügend Luft.

Endlich wurde es richtig gemütlich, es gab mein Lieblingsessen, Kartoffelsalat mit Würstchen. Vorher musste ich beten! Ich will endlich mal nicht der Jüngste sein! Immer muss ich vorbeten! Und dann sollten Manfred und ich auch schon ins Bett gehen, da half kein Protest. Wir mussten uns sogar ein Bett teilen, dabei waren wir doch gar nicht müde. Es war gerade mal acht Uhr. Aber Mama kann sehr streng sein. Im Bett erzählten wir uns erst Geistergeschichten und dann rülpsten wir, um zu sehen, wie gut wir dabei sprechen konnten. Beinahe wäre ich danach eingeschlafen. Aber die Stimmen draußen wurden immer lauter. Und dann erzählte Onkel Oskar wieder eine seiner lustigen Geschichten und machte den Pfarrer nach. Alle mussten laut lachen. Er konnte richtig gut erzählen. Papa, Tante Sissy und Onkel Oskar erzählten jetzt einen Witz nach dem anderen, auch solche, die ich sonst eigentlich nicht hören durfte. Papa erzählte sogar den Witz von Fritzchen und dem Furz, den er von mir kannte und alles lachte. Ich hörte auch Oma lachen.

Als sie begannen „Oh Mosella“ zu singen, wollten Manfred und ich natürlich mitmachen. Wir standen auf, schlichen den Gang runter und guckten um die Ecke. Alle hatten sich eingehakt und schunkelten. Onkel Werner sah uns sofort und winkte uns zu. Papa war erst böse, als er uns sah.
Aber Oma sagte, „lass sie nur, so oft ist nicht Beerdigung!“
Oma war wirklich viel netter als Opa! Ich musste zuerst Papas Jacke in den Flur zum Aufhängen bringen, sie war ganz durchgeschwitzt. Dafür durfte ich aber auch Wein aus seinem Glas trinken und Salzstangen knabbern. Mein Kopf wurde ganz warm und die Witze wurden immer lustiger, auch wenn ich sie nicht alle verstand. Ich freute mich, dass der Tag noch so schön und lustig geworden war. Die Uhr zeigte schon nach Mitternacht. Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht mehr.

Ich war noch ganz verschlafen, als wir früh am morgen wegfuhren, Oma drückte mich und weinte so, dass sie zitterte, auch Mama schluchzte und auf einmal wurde auch mir ganz schummrig, als ob ich fror und mir gleichzeitig heiß war. Mama drehte sich von mir weg, als ob sie sich schämte.

Auf der Fahrt habe ich die ganze Zeit geschlafen. Ich hörte noch, wie Mama Papa ausschimpfte, wegen dem Alkohol, den er mir gegeben hatte.
Papa lachte nur und meinte: „Mir hat das in dem Alter auch nicht geschadet!“

Das war der schönster Tag in meinem Leben, denn ich habe noch nie vorher Wein trinken und solange auf bleiben dürfen. Ich wünsche mir, dass ich noch oft so einen schönen Tag erleben kann. Wenn ich ein bisschen Glück habe, muss ich gar nicht mehr lange warten. Denn Papa meinte, dass Oma bald schon sterben würde, „aus Gram“, sagte er.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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