Christa Katharina Dallinger

Mein Traum von Baiapiccola

 

Frühling an der Adria, oder gar Vorfrühling? Irgendwo an der Grenze. So früh als nur irgend möglich, um dem üblichen Touristenvolk zu entgehen.

 

Die ersten sanft wärmenden Sonnenstrahlen genießen. Das kräftige Gelb der Mimosen bestaunen. Den Magnolien beim Aufblühen zusehen.

 

Das ist mein Frühling an der Adria, mein kleines Glück.

 

Hier habe ich als Kind schwimmen gelernt. Hier hat sich das erste Mal ein Junge in mich verliebt. Ich war sieben. Er war zwölf.

 

Enzo, ein hübscher kleiner Italiener. Er war mit seiner Oma da, ich mit meinen Eltern. Er war mir gar nicht aufgefallen. Für mich siebenjähriges Mädchen waren Jungs eben noch uninteressant. Aber das änderte sich im Laufe der Jahre dann doch eher.

 

Die ‘Signora‘, ein Bild von einer älteren adeligen Italienerin, die Besitzerin des Hotels, in dem wir immer wohnten, hatte es meinen Eltern erzählt. Seine Oma hatte um meine Adresse gebeten. Er wollte mir schreiben, um die deutsche Sprache besser zu erlernen.

 

Und wir schrieben uns, seitenlange Briefe, Jahre lang, Jahrzehnte lang. Fast. Bis er eines Tages überraschend bei uns auftauchte. Student. Rucksacktourist. Wie peinlich für mich junges gestyltes Ding!

 

Ich wollte mich verleugnen lassen. Mutter lud ihn zum Essen ein, bestand darauf, daß ich Hallo sage. Das gehöre sich so.

 

Muß recht einsilbig und arrogant gewesen sein. Trotzdem, er schrieb weiter, eine Zeit lang. Der Arme! Für mich war der Fall erledigt.

 

In Erinnerung daran huschte ein Lächeln über mein Gesicht. Peinlich war nur eins gewesen, mein Verhalten. Wie sehr mich das Leben, die Jahrzehnte danach, verändert haben…

 

Nur eines ist gleich geblieben, nein, immer intensiver geworden: Bei den ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen, da zieht es mich an die Adria.

 

Ich schlenderte weiter entlang Küste. Baiapiccola – Ein Hinweisschild. Eine neu wirkende Straße schlängelt sich zwischen einem Strandbad und den Felsen entlang ums Eck, vermeintlich in eine weitere Bucht.

 

Ich war neugierig geworden. Ich holte mein Auto, und los ging die Erkundungsfahrt. Um die Kurve, und… Wow!

 

Vor lauter Staunen war ich vom Gas gestiegen. Der Motor seufzte.

 

Eine Schrankenanlage. Die Schranken standen offen. Ob ich es wagen sollte? Lieber nicht. Ich setzte den Wagen zurück und parkte ihn entlang der Straße ein.

 

Dann machte ich mich auf den Weg, zu Fuß und etwas eingeschüchtert.

 

Baiapiccola – Ein Edelressort, aus dem Nichts erschaffen. Eine unberührte idyllische Bucht war durch ein Finanzkonsortium zu einen Refugium für Reiche und Schöne umgestaltet worden.

 

Ursprünglichkeit oder Architektur, Natur oder Kultur, die Diskussion wehrt schon lange. Aber in diesem Augenblick, vor dieser beeindruckenden Kulisse, da verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran.

 

Stehenbleiben, schauen, staunen. Zwei Schritte vor, eine Drehung nach rechts, eine nach links, einen Schritt zurück…

 

Traum oder Wirklichkeit? Eintauchen in eine andere Welt, eine Welt, die man nur aus Hochglanzmagazinen kennt, ohne Neid, ohne das leiseste Bedürfnis, so leben zu wollen.

 

Ich liebte mein kleines Glück, und zu diesem kleinen Glück gehörten eben auch solche Momente. In eine fremde Welt eintauchen, den Augenblick auskosten, und die Erinnerung an eben diesen Augenblick im Herzen mitnehmen. Wie reich beschenkt fühlte ich mich in solchen Momenten!

 

Baiapiccola – Piccolo war hier rein gar nichts. Die Masten der Segelyachten ragten nicht nur in den Himmel, hier kratzten sie schon an der Himmelsdecke.

 

Die Crews, die die Yachten nach dem langen Winter wieder auf Vordermann brachten, die schienen einem Modellkatalog entstiegen. Groß, schlank, braungebrannt, im besten Alter, und ein umwerfendes Lächeln im Gesicht. Ob sie dem Aussehen nach angeheuert worden waren?

 

Die Piazza, die Bauten, keine Rede von piccolo, und doch mit so einem verzaubernden Flair gestaltet, daß ich mich der Faszination nicht entziehen konnte.

 

Ein paar Fotos, ein Cappuccino auf der Piazza. Kaum Touristen, nur das rege Treiben der Bootscrews. Ich ließ das Ambiente auf mich wirken.

 

Sonnenschein, Meer, die Umgebung, hier fühlte ich mich wohl. Und dieses Wohlfühlgefühl, das nahm ich mit in meinen Alltag.

 

Dieser ’Traum von Baiapiccola‘, er wurde zum festen Bestandteil meines kleinen Glücks.

 

Zu Träumen hatte ich längst verlernt gehabt. Das Leben hatte mich meiner Illusionen beraubt. Mit meinem kleinen Glück war ich jedoch rundum zufrieden.

 

Ich fühlte mich angekommen. Meine Begeisterungsfähigkeit hatte ich mir allerdings bewahrt. Sie nahm sogar von Jahr zu Jahr zu.

 

Wie ein kleines Kind konnte ich staunen, mich an Dingen und Begebenheiten erfreuen. Nur das „will haben“, das war aus meinem Leben verschwunden.

 

Nun gab es wieder einen Traum, einen  Traum ganz ohne „will haben“, einen Traum, der in die Nächte meiner Zufriedenheit, in die Nächte meines so reichen kleinen Glücks sonnig bunte Farben brachte.

 

Ich lebte mein Leben, Baiapiccola irgendwie irgendwo im Herzen. Mein kleines Glück blieb mir treu.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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