Rahil Rayomand

Ich habe Angst vor der Rose

Eines der schrecklichsten Bilder meiner Kindheit, an das ich mich erinnere ist die Szene, in der ein Kampfflugzeug eine Bombe in unseren Garten warf.
Zwei Monate zuvor, als die Angst die Seele unserer Stadt beherrschte, verliebten Jalda und ich uns mutig in die Rosenblüte. Ja, mutig.
In einer Zeit, in der das Zwitschern der Vögel durch den Laut von Sirenen ersetzt wird und die Bäche getränkt sind mit Blut, bedarf es großen Muts sich sogar in eine Blume zu verlieben.
In solch einer Zeit, in der eine Kugel oder eine Bombe tausende Hoffnungen zerstören konnte, hofften wir, die Blüte der Rosen zu erleben.
Man hatte uns erzählt, dass sich die Knospen in der Morgendämmerung öffnen.
Mit der Hilfe von Jaldas Vaters pflanzten wir zwei Rosen in unserem Hof und gossen sie mit Liebe und Hoffnung jeden Tag.
Jaldas Vater war ein enger Freund meines Vaters. Die rauen Hände des Krieges hatten das Leben in ihrem Dorf erwürgt. Daher nahmen wir sie in unser Haus auf. Auch wenn die Kampfflugzeuge und Panzer über dem Himmel und der Erde unserer Stadt brüllten, atmete die Hoffnung des Lebens immer noch dort weiter.
Unser Haus mit 18 Zimmern entsprach in etwa der Hälfte eines Fußballplatzes. Deswegen konnten wir später noch zwei weitere Familien unterbringen.
Jalda war zwei oder drei Jahre jünger als ich, acht oder vielleicht neun.
Wir beide gewöhnten uns aneinander. Eine Welt ohne Krieg und ohne Jalda konnte ich mir nicht mehr vorstellen.
Hätte ich ihr Bild nicht, könnte ich mich dann an ihr Gesicht erinnern? Ich bin mir nicht sicher.
Manchmal starre ich stundenlang auf dieses Bild, so lang, dass ich tief in das Bild hineintauche, in diese Tage, in denen der Winter seine letzten Atemzüge tat.
Die ersten Schultage waren in der dritten Frühlingswoche. Jaldas Beharren brachte ihren Vater dazu, ihr den Besuch der Schule zu erlauben.
Es war ein weißer Morgen. Der Schnee knirschte unter unseren Schuhen. Der Jackensaum von Jaldas Vater zerknitterte in ihrer Hand. Die Angst hielt ihr Lächeln gefangen. Ihr Leben lang war sie kaum vier oder fünf Mal draußen gewesen.
Die Männer mit gebietenden Stimmen und schrecklichen Ausrüstungen dominierten die Straße. Als wir an diesen Männern vorbeigingen, hielt Jalda die Jacke ihres Vaters fester und schmiegte sich enger an ihn.
Wir kamen zu einem Straßenfotografen. Obwohl Farbkameras nicht so schwer erhältlich waren, akzeptierten die Behörden nur die Schwarzweißbilder.
Eine uralte Kamera, ein hoher hölzerner Dreifuß und natürlich ein Stativ waren alles, was sie besaßen. Zwischen dem Objektiv und dem Film gab es einen Balg, ähnlich einer Ziehharmonika. Ich bin mir sicher, niemand würde sich wundern, wenn man heutzutage mit solchen Kameras ein Lied auf der Straße spielt, jedenfalls nicht so sehr, als wenn man damit Fotos macht.
Der Kunde setzte sich auf den Dreifuß. Der Fotograf stand hinter der Kamera und bewegte sie wie ein Jäger, genau und achtsam. Dieser Vorgang dauerte nicht lang. Der Jäger wurde ein Kommandant und man konnte seine gebietende Stimme hören: „Kopf nach oben, bisschen nach unten, links, rechts...“ Wenn die Befehle wirkungslos waren, wurde der Kommandant ein Friseur, nahm den Kopf des Kunden in die Hände und bewegte ihn langsam und sorgfältig Richtung Kamera.
Der Fotograf war wieder hinter der Kamera. Drei, zwei, eins ... und jener Moment wurde eine Erinnerung, eine Schwarzweiß-Erinnerung, die meistens in behördlichen Akten vergessen wurden.
Jalda schmiegte sich noch enger an ihren Vater. Er setzte sie auf den Dreifuß. Wie die Seele unserer Stadt beherrschte die Angst auch ihre Augen. Sie kannte die Kamera nicht. Sie vermutete, dass sie eine von den Ausrüstungen sei, die die bösen Männer auf der Straße trugen.
Wir hörten die gebietende Stimme des Fotografen: „In die Kamera schauen!“ Diese Stimme bestätigte Jaldas Vermutung.
Vor einigen Jahren, als sie noch jünger gewesen war, waren vier Männer mit verschiedenen Ausrüstungen in ihr Haus eingebrochen. Sie hatten ihren Vater geschlagen und nach ihrem Onkel gefragt. Der Vater hatte nichts gesagt. Einer der Männer hatte seine Ausrüstung auf Jalda gerichtet.
„Sprich, sonst...!“ seine gebietende Stimme hatte Jaldas Herzchen zittern gemacht.
Der Vater und die Mutter waren dem Mann bettelnd zu Füßen gefallen und hatten geschworen, sie hätten seit Wochen keinen Kontakt zu ihm.
Sie hatten Glück gehabt. Die Männer hatten das Haus verlassen.
Jalda hatte nicht gewusst, wozu die Männer die Ausrüstungen getragen hatten. Sie hatte aber doch etwas gelernt. Sie hatte gelernt, die Männer mit gebietenden Stimmen und diesen Ausrüstungen waren böse Männer.
Ein paar Wochen danach waren die bösen Männer wieder aufgetaucht. Dieses Mal hatten sie Jaldas Onkel gefunden. Sie hatten ihn bis in den Garten geschlagen. Er hatte vor Schmerzen geschrien. „Du verstehst nur die Sprache der Waffen“ hatte einer der Männer gebrüllt.
Der Onkel hatte weiter vor Schmerzen geschrien. Die bösen Männer hatten dann ihre Ausrüstungen auf ihn gerichtet. Unter dem Feuer hörte sein Schreien auf. Jalda hatte nicht nur den Namen der Ausrüstung sondern auch deren Verwendung gelernt.
Das war nicht alles.
Zuletzt hatte sie es erlebt, als sie auf dem Weg zu uns war. Mehrere böse Männer hatten die Reisenden, auch Jalda, ihre Mutter und ihren Vater, aus dem Bus herausgeholt.
Ihre furchterregenden Waffen, blutrünstigen Augen und gebietenden Stimmen hatten die Reisenden in Todesschreck versetzt. Die Befragungen waren unter Fluchen, Schlägen und Tritten gelaufen.
Plötzlich hatte es einen Aufruhr gegeben. Einer der Männer mit furchterregender Waffe war in die Mitte der Straße gerannt und hatte die Waffe über seine Schulter gelegt. Das weiße Auto war flammend in die Luft geflogen. Als es wie ein Papier gebrannt hatte, war der Mann mit einem überlegenen Lachen zurückgekommen.
Ein anderer böser Mann hatte sich zum Busfahrer gedreht und eine gebietende Stimme angenommen: „Nun weißt du was passiert, wenn du weiterfährst!“
Ob der Busfahrer es gewusst hatte, kann ich nicht sagen. Jalda schon. Sie hatte nun die zerstörende Macht und Grausamkeit der Waffen erfahren.
Und jetzt richtete ein Mann seine Ausrüstung auf sie und noch schlimmer mit gebietender Stimme.
Sollte sie sich nicht fürchten?
Sollte sie nicht diese Ausrüstung als Waffe erkennen?
Sollte sie nicht in dem Fotografen einen der bösen Männer sehen?
Ich sage: Doch!
Da der Fotograf seine Befehle wirkungslos fand, ging er zu Jalda, um ihren Kopf Richtung Kamera zu drehen.
Er war kaum zwei Schritte gegangen, dann sprang Jalda wie ein Hase vom Dreifuß und versteckte sich hinter ihrem Vater.
Der Vater, der Fotograf und ich lachten uns tot. Nach einer Weile neigte sie ihren Kopf langsam zur Seite. Sie zitterte wie Espenlaub. Die Angst ließ die Farbe aus ihrem Gesicht entweichen, und Tränen rannen über ihre Wangen.
Ich bereute sofort. Ich bereute, dass ich sie ausgelacht hatte. Ich bereue es immer noch.
Es dauerte eine Ewigkeit, sie zu überzeugen, wieder in die Kamera zu schauen.
Drei, zwei, eins... jener Moment wurde eine Erinnerung, eine Schwarzweiß-Erinnerung, die nie den Weg in die Akten der Behörden fand. Denn der Krieg wütete in unserem Land. In den meisten Orten durften die Mädchen die Schule nicht mehr besuchen. Damit blieb Jaldas Hoffnung für immer eine Hoffnung.
Ich starre stundenlang auf ihr Bild. Weder ihre tränenverhangenen Augen, noch die Farblosigkeit des Bildes, noch die Angst können ihre Schönheit verbergen.
Sie hatte runde strahlende Augen. An die Farbe ihrer Augen erinnere ich mich nicht mehr, aber später sagte ihre Mutter, dass sie braun waren, Grünbraun. Ihr Gesicht war eines von den Gesichtern, die durch ein Lächeln unbeschreiblich schön werden.
Ihr dichtes dunkles Haar vergesse ich nie. Sie liebte ihre Haare. Manchmal bat sie meine Mutter ihr Haar zu flechten, was meiner Mutter Freude bereitete.
Während meine Mutter Jaldas Haar flocht, schaute sie mich lächelnd an, sogar ihre Augen lachten. Und als der Zopf fertig war, nahm sie ihre geflochtenen Haare in die Hand, drehte ihr Gesicht leicht nach links, wie eine Königin vor einem Maler, und fragte mich: „Wie sehe ich aus?“
„Schön“, sagte ich, manchmal: „sehr schön“. Ehrlicherweise kannte ich nicht viele Worte, die die Schönheit ausmalen konnten. Ich wünsche mir, dass es damals keinen Krieg gegeben hätte, und ich anstatt der Worte Krieg, Waffen, Bombe, Panzer, Kampfflugzeug, Ruine, Verletzung, Tod ... die Wörter Niedlich, Reizend, Engelhaft, Charmant, Bezaubernd, Liebenswürdig... gekannt hätte. Und jedes Mal wenn sie mich fragte, wie sie aussähe, hätte ich eines dieser Wörter benutzen können.
Anderthalb Monate vergingen. Wir wachten früher auf als die anderen, um das Blühen der Rosen zu sehen. Für mich war es äußerst schwer, morgens aufzustehen, und als ich wach war, sprach ich laut und ohne Ende.
Wir versuchten trotzdem die anderen nicht aufzuwecken. Sie würden es uns sonst verbieten.
Jalda wusste, wie sie damit umzugehen hatte. Sie schlich in unser Schlafzimmer, hielt meinen Mund zu.
„Die Rose, die Rose ...“, flüsterte sie mir ins Ohr. So wurde ich sanft und still geweckt.
Jedoch war es nicht immer ganz lautlos, denn sie hielt meinen Mund nie richtig zu.
Ich verstand nie warum.
Entweder waren ihre Hände nicht kräftig genug, oder sie hatte Angst, mir weh zu tun.
So wie die Leidenschaft, sie blühen zu sehen, wurzelte die Liebe zur Rose in unseren Herzen. Diese Liebe ersetzte die Angst vor dem Krieg in unserem Leben.
Vielleicht mögen alle Menschen Blumen, aber wenn man eine mit seinen eigenen Händen pflanzt, sie täglich mit Leidenschaft und Hoffnung gießt und jeden Tag ihr Ergrünen und Erblühen erlebt, dann wird man sie mehr als mögen, dann wird sie ein Teil von einem selbst.
Ich erinnere mich an den letzten Morgen. Bis zum Sonnenaufgang saßen wir vor den Rosen. Leider blühten sie nicht.
Aus ihren Augen sprach Verzweiflung.
Unser ersehnter Moment, der Moment der Blüte, morgen oder übermorgen wird er kommen, versprach ich ihr.
Eine Weile schaute sie mir in die Augen, dann erschien ein Lächeln voller Hoffnung und Vertrauen auf ihren Lippen und ihren Augen.
Vielleicht fragten ihre Augen: „Wirklich?“
Vielleicht antworteten meine Augen: „Ja!“
Wenn Menschen Augen lesen könnten, wären Schwüre nie erschaffen worden, und Worte wie Zweifel gäbe es in keinem Wörterbuch der Welt. Lügen sind für Augen unbekannt. Meine Augen logen auch nicht. Aber der Krieg...
Bis Mittag hatte ich mit Kindern unserer Nachbarn gespielt. Endlich kam mein Onkel, zog mich am Ohr und beförderte mich umgehend nach Hause.
Alle waren bereits zum Essen versammelt. Ich setzte mich still dazu. Meine Mutter schob mir das Essen zu. An das, was es war, erinnere ich mich nicht.
Jalda saß vor mir, mit dem Rücken zum Fenster.
Die Hände des Frühlings berührten unsere Gesichter und Haare durchs Fenster. Andere hörten langsam auf zu essen, auch Jalda. Sie schritt zur Tür. „Ich gehe die Blumen gießen“ sagte sie.
Mein Vater schimpfte mich, da ich zu spät gekommen war. Als ich aß, schaute ich Jalda durchs Fenster zu.
Mit der Gießkanne ging sie zu den Rosen.
Ich konnte nicht warten, zu ihr hinzugehen. Nicht die Worte meines Vaters hörte ich, nicht den Geschmack des Essens nahm ich wahr. All meine Aufmerksamkeit war auf Jalda gerichtet.
Trotz der Entfernung konnte ich sie sehr gut sehen. Sie trug ein grünes Kleid, grün wie der Frühling und mit beiden Hände hielt sie die Gießkanne.
Das Wasser rann langsam auf die Rosen.
Von so weit weg sah Jalda aus wie ein bewegliches Gemälde. Ein Gemälde mit den allerschönsten Farben der Welt, den Farben der Liebe, der Freiheit, Ehrlichkeit und Hoffnung. Mein Vater hatte mit den Vorwürfen aufgehört. In jener Stille schaute ich nur zu Jalda hinüber. Obwohl man die Schüsse von fern hörte, nenne ich es Stille. Das war die Stille unseres Landes, welche nicht lange anhielt. Plötzlich fielen die Kampfflugzeuge über unsere Stadt. Arme Jalda, sie sah aus wie ein Lamm, das sich zwischen Wölfen befindet.
Sie schaute nach oben, und als sie sich bewegen wollte, änderte sich alles. Alles. Das bunte Gemälde wurde ein Bild aus Feuer und Rauch.
Der Krieg verwandelt die allerschönsten Erinnerungen in einem Augenblick in Albträume. Er ist beschämend grausam, und ich erlebte es mit. Ich sah, wie Jalda zusammen mit noch nicht blühenden Knospen in Stücke zerriss.
Ich stelle mir immer wieder vor, Jalda steht vor allen Rosen der Welt und sobald ich sie wahrnehme, wird sie ein Bild aus Feuer und Rauch.
Auch noch Jahre danach, erwürgt mich jemand mit rauen Fingern in all meinen Albträumen und brüllt mir ins Ohr: „Die Rose, die Rose ...“ als ob der Krieg die Fähigkeit bekommen hätte zu sprechen und diese schreckliche Stimme ist seine.
Auch jetzt noch, Jahre später bin ich nicht mutig genug, mich der Rose zu nähern.
Ja !
Ja, ich habe Angst vor der Rose
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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