Francois Loeb

NACHTVÖGEL

Das war ein anstrengender Tag. Heiß. Kein Lüftchen kühlte. Der Asphalt der Großstadt strahlte Gluthitze aus. Die Besuche die ich zu absolvieren hatte lagen weit auseinander. Mein Pech, dass selbst die Taxen die ich benutzt hatte, um vom einen an den anderen Besprechungsort zu gelangen, alle keine Klimaanlage besaßen. Die Fahrer entsprechend mürrisch. Schweißgebadet wie ich. Keinen Bock auf Gespräche hatten. So saß ich einsam im Kunstlederfond der abgewetzten Wagen. Versuchte jeweils ein Nickerchen einzuplanen. Was in der dröhnenden Rap- und Popmusik die den Fahrer wach hielt ein sinnloses Unterfangen darstellte. Und die Besprechungen! Ich sollte die neuste IT Applikation, ein geniales Werk unserer Entwicklungsabteilung, an Finanzberater in Lizenz verkaufen. Um deren Gewinne zu optimieren. Die Kundschaft dazu zu bringen mehr Transaktionen durchzuführen, an denen die Berater ihren Anteil haben würden. Doch an diesem gewitterträchtigen Tag waren die Ohren meiner potentiellen Kunden wie versiegelt. Keiner wollte anbeißen. Ich angelte im aufgeheizten Beraterteich, trotz hervorragendem Köder, sinn- und zwecklos, fühlte mich wie ein verjagter Straßenköter, der ein schattiges Plätzchen und einen alten Knochen zum Stillen seines unbändigen Hungers sucht und nicht findet.

Jetzt war meine Tagesfolter beendet. Der letzte murrende, nach höherem Trinkgeld gierende Taxi- Chauffeur hatte mich soeben aus seinem Glutofenfahrzeug am Hauptbahnhof entlassen. Ich sehnte mich auf mein Wochenende in den Armen meiner geliebten Verlobten, die am anderen Ende des Landes wohnte. Eine über vierstündige Bahnfahrt lag vor mir. Ich freute mich auf die Entspannungszeit im klimatisierten Bahnwagen. Zwar 2.Klasse, mein Unternehmen war seit drei Monaten, dank einem neuen Controller dem Spar Wahn verfallen. Dank diesem waren alle erstklassigen Vergünstigungen, denen wir zuvor jahrzehntelang frönen durften, abrupt gestrichen worden. Ich liebe die Bahnhofsatmosphäre. Die Hektik in der ich Ruhe finde. Denn Gegensätze sind für mich der Humus guter Laune. Doch als ich die Anzeigetafel studierte begann diese, nicht die Anzeigetafel, nein, die gute Laune, heftig zu wanken. Denn da stand, in Laufschrift, leider nicht im Laufschritt, dass mein Sprinter eine zweistündige Verspätung eingefangen habe. Beim Auskunftsschalter wurde mir, auch hier von einem mürrischen Beamten mit schwarzen Ringen unter den Augen, beschieden, dass es keinerlei alternative Verbindung gebe, ich solle mich gedulden. Er fügte dann bei dem Grunde sei ein technisches Problem am Zug, da könne er nichts machen und mich damit trösten, dass auf der Autobahn Staus von 50 Kilometern heute auch bereits Standard seien. Ich versuchte einen ruhigen Platz in einer Gaststätte zu erobern, doch überall das aus den heutigen Fahrten bereits erlebte Dröhnen modernster Musik. Verließ darauf das Bahnhofsgebäude. Setzte mich, obwohl auch hier der Verkehrslärm meine Trommelfelle beschallte, auf ein Mäuerchen.

Beobachtete die Tauben. Die Spatzen. Deren Kampf ums Überleben. Die Futtersuche. Die gegenseitigen Rempeleien und Schnabelhiebe um die Konkurrenz zu vertreiben. Ach, dachte ich, wie wundervoll es diese Tiere mit ihren Gefiedern auf unserem Planeten haben. Sind nicht auf Züge angewiesen. Auf Verbindungen. Nicht auf Taxis, fühlen Hitze und Kälte kaum. Müssen nicht verkaufen. Keine Finanzberater verführen deren Kundschaft anzuführen, Transaktionen durchzuführen. Ein angenehmes Plätzchen habe ich mir für die Wartezeit ausgesucht. Entspannen! Sich vom leisen Abendwind einlullen lassen. Da, zwei Tauben im Liebestaumel. Mein Rücken juckt Ein Mückenstich? Höre Stoff Reißen. Was ist da im Gange? Meine Arme steif. Ein Kribbeln am ganzen Körper. Nein, nicht möglich …, mir wachsen Gefieder! Erhebe mich flatternd von der Bahnhofsmauer. Schließe mich dem Vogelzug an der am Himmel vorbeizieht. Schnattere mit den anderen um die Wette. Denke einfach nur: Zug bleibt Zug. …!“




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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